Sonntag, 22. Juni 2014

Der deutsche Philhellene Wilhelm Müller. Die Odos Myllerou in Athen

Odos Myllerou - eine Müller-Strasse in Athen? Wenigstens gibt es nur eine Odos Myllerou und das ist schon einmal von Vorteil in der Hauptstadt, wo - aus welchen Gründen auch immer - oft ein Dutzend Strassen denselben Namen tragen, von Berühmtheiten wie Sokrates, Sophokles, Aristoteles oder Perikles, was das Auffinden der Adressen oftmals zu einem Problem macht. So berühmt ist Müller nun nicht, und so ist es ein leichtes, die Myllerou zu finden; noch dazu liegt sie im zentrumsnahen Stadtviertel Metaxourgio, von dem man sagt, dass es ein "aufstrebendes" ist. Das sagt man schon lange, aber zu sehen ist nichts, was diese Hoffnung rechtfertigt, ausser, dass wenige Galerien, aber viele Künstler hierher gezogen sind, vermutlich wegen der billigen Mieten in den heruntergekommenen Häusern. Sollte es eine Gentrifizierung gegeben haben, wie immer man dazu stehen mag, so ist ihr zartes Pflänzchen von der Krise im Ansatz erstickt worden.

Die Odos Myllerou ist eine Strasse wie jede andere im Umkreis, unauffällig, etwas schäbig, ohne besondere Eigenschaften. Bemerkenswert ist jedoch die Person, deren Namen sie trägt: Wilhelm Müller, 1794 in Dessau geboren und 1827, eine Woche vor seinem 33. Geburtstag, dort gestorben, ein deutscher Dichter der Romantik, Publizist, Uebersetzer (er übersetzte Christopher Marlowes "Faustus" aus dem Englischen), Redakteur, Herausgeber (bei Brockhaus), Herzoglich-Dessauischer Bibliothekar, Hofrat.

"Griechen-Mueller", wie ihn seine Zeitgenossen schon zu Lebzeiten nannten, engagierte sich leidenschaftlich in der deutschen philhellenischen Bewegung, die damals über ganz Westeuropa schwappte. Die Griechenlandbegeisterung erfasste nahezu jeden, vor allem aber Dichter und Intellektuelle, die sich dazu berufen fühlten, die jahrhundertelang unterdrückten Hellenen in ihrem Freiheitskampf gegen die Türken zu begleiten und zu unterstützen. Die herausragendste Persoenlichkeit unter ihnen war Müller, der selbst (wie auch Winckelmann) nie in Griechenland war. Ebenso wie Goethe, kam er nur bis Italien.

Von 1821, dem Beginn der nationalen Erhebung, bis kurz vor seinem frühen Tod schrieb er mehr als fünfzig "Griechenlieder", darunter "Griechenlands Hoffnung", "Hydra", "Der kleine Hydriot" und "Byron" - ein langes Gedicht über den englischen Lyriker und Philhellenen Lord Byron, den Müller verehrte und der 1824 in Mesolongi, einem Zentrum im Widerstand gegen die Türken, am Sumpffieber starb. (Lord Byron wird in Athen nicht nur durch eine Strasse, die Odos Vironas in der Plaka, sondern durch ein ganzes Stadtviertel - Vironas - geehrt.) In seinen späteren "Griechenliedern" klingt immer auch Kritik an der repressiven Politik der europäischen Grossmächte und der Kirche an. Manche seiner politisch- und gesellschaftskritischen Gedichte und Essays fielen deshalb der Zensur anheim und wurden erst lange nach seinem Tod veroeffentlicht. Verdienste erwarb er sich auch als Uebersetzer und Herausgeber neugriechischer Volkslieder.

Dem breiten Publikum ist Müller hauptsächlich durch das Volkslied "Das Wandern ist des Müllers Lust" und durch seine von Franz Schubert vertonten Liederzyklen "Die schoene Müllerin" und "Die Winterreise" bekannt. Das aus der Winterreise berühmteste Lied ist wohl "Der Lindenbaum" (Am Brunnen vor dem Tore ...). Beide waren Zeitgenossen, sind sich aber nie persoenlich begegnet. Schubert starb 1828, ein Jahr nach Müller. Er wurde nur 31 Jahre alt.

Die Griechen haben dem grossen Hellenenfreund seinen Einsatz und seine lebenslange Solidarität nie vergessen. Für das Denkmal im Dessauer Park stifteten sie den Marmor, und noch im 20. Jahrhundert war Müller so populär, dass Abordnungen aus Athen zu seinen Geburtstagen Kränze auf sein Grab legten.

Das alles ist lange her. Die Griechenlandbegeisterung hat in den Zeiten der Schuldenkrise gegenteiligen Empfindungen Platz gemacht. Die Deutschen, seit jeher verzückt und berauscht von südlicher Landschaft, Kultur und Lebenskunst, kehren erst allmählich zaghaft nach Hellas zurück. Sie fühlen sich nicht mehr willkommen, sogar von Deutschenfeindlichkeit ist die Rede. Das ist jedoch ein voellig falscher Eindruck. Auch wenn die Griechen (zu Recht) von der deutschen Politik und ebenso gehaltlosen wie verletzenden und würdelosen Schuldzuweisungen in den Medien - als "faul, korrupt", "Betrüger", "sollen sie doch ihre Inseln oder die Akropolis verkaufen" - enttäuscht sind und sich als europäischer Sündenbock fühlen: Sie leben vom Tourismus und sind nicht so toericht, sich den Ast abzusägen, auf dem sie sitzen. Sie unterscheiden genau zwischen Politikern und Normalbürgern. Die Deutschen werden - im Gegenteil - sehnsüchtig erwartet. Dennoch dürfte es einige Zeit dauern, bis die Wunden tatsächlich verheilt sind.

Heute bemüht sich die Internationale Wilhelm-Müller-Gesellschaft um das Werk des Autors. Das Land Sachsen-Anhalt vergibt alle zwei Jahre den Wilhelm-Müller-Preis an junge Literaten.

Freitag, 20. Juni 2014

Die Pistazieninsel im Saronischen Golf: Aegina

Aegina ist die interessanteste Saronische Insel. Sie bietet nicht nur Sandstrand, Sonne, Meer, das haben alle Inseln, das erwartet man. Es ist die besondere Kombination aus Landschaft, Kultur und Historie, die ihren Reiz ausmacht. Jeder Schritt ist begleitet von Tradition und Geschichte, diesem ganz speziellen Griechenlandgefühl der Ehrfurcht und Ergriffenheit. Viele Künstler fühlten sich hier heimisch, vor allem Bildhauer, wie Christos Kapralos, Karina Raeck und Gerhard Marcks, neben Barlach der bedeutendste deutsche Bildhauer des 20. Jahrhunderts, der hier (in Kypseli) ein Ferienhaus besass. Marcks war zutiefst beeindruckt von der Vollkommenheit des Aphaiatempels. Einer seiner Bronzefiguren (seit 1968 in den Wallanlagen in Bremen) gab er den Namen "Liegende Aegina".

Im Gegensatz zu den drei anderen Inseln - Poros, Hydra und Spetsä - besitzt sie bedeutende antike und byzantinische Stätten, und als einzige spielte sie im Altertum eine glorreiche Rolle, als sie ein wichtiger Handelsplatz mit einer grossen Seeflotte war. In ihrer Blütezeit, im 7. Jahrhundert v. Chr., prägte sie als erste griechische Stadt Münzen, "Schildkroeten" genannt, die aufgrund weitreichender Handelsbeziehungen über den ganzen Mittelmeerraum bis hinüber zum Schwarzen Meer verbreitet waren. Mit dem Erstarken Athens nahm Aeginas wirtschaftlicher Einfluss ab, und obwohl es in der Schlacht von Salamis 480 v. Chr. an der Seite Athens gegen die Perser kämpfte, erzwang Athen Aeginas Beitritt zum Delisch-Attischen Seebund, dem es hohe Tribute entrichten musste. Zu Beginn des fast dreissigjährigen Peloponnesischen Krieges wurden die meisten Einwohner vertrieben und durch attische Kolonisten ersetzt. Von diesem Schlag konnte sich die einstmals so mächtige Insel nicht mehr erholen, sie sank in die Bedeutungslosigkeit.

Im 19. Jahrhundert, nach dem Unabhängigkeitskrieg, tauchte Aegina noch einmal kurz aus der Versenkung auf. 1828 war der Inselort neun Monate lang die erste Hauptstadt des von den Türken teilbefreiten Landes unter dem ersten Präsidenten des neuen Griechenland, Ioannis Kapodistrias. Danach fiel die Hauptstadtrolle an Nauplia, wo Kapodistrias 1831 von Fanatikern aus der Mani ermordet wurde.

Aegina hat mehrere kleinere Badeorte, doch am kurzweiligsten und interessantesten ist es im gleichnamigen Haupt- und Hafenort. An der Küstenpromenade reiht sich ein Cafe, eine Taverne an die andere. Die besten sind das "Plaza" und das "Dromaki", die ein Gespür für feine Aromen haben und die Gerichte nicht in Oel ertränken (alles, was das Meer hergibt, noch dazu preiswert und täglich frisch, servieren auch die kleinen Lokale am Fischmarkt). Im Hafenrund ankern Fischerboote und Jachten, an den Ständen gegenüber kann man frische Pistazien - gesalzen, ungesalzen, geroestet - kaufen, für die die Insel berühmt ist, oder in Honig eingelegte Pistazien im Glas, eine koestliche, hier hergestellte Spezialität, der man nur schwer widerstehen kann. Die "Pistazie von Aegina" wurde 1994 als Produkt geschützt ("geschützte Herkunftsbezeichnung"), um sie von Produkten minderer Qualität - vornehmlich aus der Türkei und dem Iran - abzuheben. Die Aegina-Pistazie ist begehrt, aber nicht billig, zwanzig Euro und mehr kostet das Kilo. Doch die Ausgabe lohnt sich, ihr Geschmack ist unvergleichlich. Rund vier Prozent der Pistazien-Welternte stammen von hier. Die Steinfrucht ist allgegenwärtig. Wenn man die Insel durchquert, fährt man kilometerweit durch satt-grüne Pistazienhaine.

Den aus Piräus Ankommenden begrüsst links vom Hafen eine einsame, acht Meter hohe Säule, Kolona genannt, ein Rest vom Apollontempel, der im 5. Jahrhundert v. Chr. die Anhoehe kroente. Bis auf die Fundamente ist nicht mehr viel zu sehen, manches ist noch unter dem Hügel versteckt. Systematisch gegraben wurde hier erst ab 1894, von 1904 bis zu seinem Tod 1907 von Adolf Furtwängler, einem der ganz grossen seines Fachs. (Das Grab Furtwänglers befindet sich auf dem Ersten Friedhof in Athen.) In den sechziger Jahren legte der Münchner Archäologe Hans Walter eine grosse prähistorische und mehrere nachfolgende Siedlungen frei. Die noch heute andauernden Grabungen, die 4000 Jahre Siedlungsgeschichte abdecken, leitet das Oesterreichische Archäologische Institut. Zahlreiche Kleinfunde sind im Grabungsmuseum ausgestellt, andere stehen im Freien. Man sieht die ganze Anlage durch den Drahtzaun hindurch, wenn man zu einem der von dichten, duftenden Pinienbäumen abgeschirmten Strände oder zu seinem Hotel geht, denn die ruhigen Mittelklassehotels am noerdlichen Ortsrand wie das "Klonos" und das benachbarte "Klonos Anna", das "Nafsika" mit herrlichen Park und einer Aussichtsterrasse über dem Meer oder das "Danai" bieten sich für einen kürzeren wie längeren Aufenthalt an. Von hier aus fussläufig erreichbar ist das Christos-Kapralos-Museum an der Küstenstrasse, das sein beeindruckendes, auf Aegina entstandenes Werk ausstellt.

Die Hauptsehenswürdigkeit Aeginas ist der zwoelf Kilometer oestlich stehende Aphaiatempel (um 500/480 v. Chr.), ein Meisterwerk dorischer Architektur. Er wurde aus heimischem Kalkstein erbaut. Nur die Dachpartien und die Giebelskulpturen bestanden aus Marmor, und zwar aus parischem, der im Altertum nur für Spitzen-Kunstwerke verwendet wurde. Den hervorragend erhaltenen, auf einer Anhoehe thronenden Tempel entdeckte 1811 zufällig der Nürnberger Architekt Carl Haller von Hallerstein. Die lichtweiss gebleichten Giebelskulpturen erwarb 1812 Ludwig I. von Bayern, damals noch Kronprinz. Hallerstein kaufte sie für ihn auf Aegina. Sie bildeten den Grundstock der Sammlungen in der Münchner Glyptothek, die Ludwig im "griechischen Stil" eigens für die "Aegineten" erbauen liess. Adolf Furtwängler leitete ab 1901 die Ausgrabung des Heiligtums.

Zum Tempel fahren mehrmals täglich Busse, deren Endstation Agia Marina ist, das zu schnell gewachsene, reizlose Touristenzentrum Aeginas. Etwa auf halber Strecke halten die Busse an der gewaltigen Kuppelkirche des Agios Nektarios. Er wurde erst 1961 heiliggesprochen und ist damit der jüngste griechisch-orthodoxe Heilige. Im Kloster hinter der Kirche lebte Nektarios bis zu seinem Tod (hat man einen Blick in den kleinen Raum geworfen, den er bewohnte, stellt sich unwillkürlich die Frage, ob ihm die überdimensionierte Kirche wohl gefallen hätte). Nur 500 Meter weiter erhebt sich der Hügel mit den Resten von Paläochora, der einstigen, um 1800 verlassenen mittelalterlichen Inselhauptstadt, in der noch rund 30 kleine, in verschiedenen Stadien des Verfalls begriffene byzantinische Kirchlein ums Ueberleben kämpfen.

Aegina ist auch für Wanderer interessant, denn es verfügt - was auf griechischen Inseln selten ist - über ein gut markiertes Netz von Wanderpfaden, auf denen man alle Doerfer und Naturschoenheiten zu Fuss erkunden kann. Einer der Wege führt durch duftende Pinienwälder auf und um den Oros herum, mit 532 Metern der hoechste Inselberg. Vom Gipfel hat man eine fantastische Sicht über das Meer. Die schoenste Zeit nicht nur zum Wandern, sondern überhaupt zum Besuch der Insel, sind das Frühjahr oder die Monate September und Oktober. Dann ist der touristische Hochsommertrubel vorüber, das Klima ist viel angenehmer als im Juli und August, es ist immer noch warm genug, um im Meer zu schwimmen und nicht zuletzt wird man überall zuvorkommend bedient. Die Insel ist zu ihrem normalen Alltag zurückgekehrt; alles geht wieder seinen ruhigen Gang.

Die Inseln im Saronischen/Argolischen Golf - Aegina, Poros, Hydra und Spetsä - werden von Fähren und Schnellbooten mehrmals am Tag angelaufen. Alle, ausgenommen das am südlichsten gelegene Spetsä, kann man auch auf einer Tageskreuzfahrt kennenlernen. Athen am nächsten liegt Aegina, das die Hauptstädter als ihren "Vorort" betrachten. Mit dem Schnellboot ist man in nur 35 Minuten dort, das Fährschiff braucht die doppelte Zeit.

Mittwoch, 18. Juni 2014

Griechische Vornamen - im Land der Kostas, Makis und Takis, der Roulas, Toulas und Voulas

Nachdem im neuen Koenigreich Griechenland unter dem Wittelsbacher Otto I. die "reinste Antike wieder auferstanden" war - erhielten "Kreise, Distrikte und Gemeinden die groesstenteils seit Jahrhunderten vergessenen Ortsnamen der Antike zurück, so dass ihre Bewohner sich nun noch mehr mit den alten Hellenen identifizieren und ihr Nationalbewusstsein auch auf diese Weise stärken konnten". Diese Hinwendung zur Antike, die bald in Antikenverehrung mündete, bedeutete auch, dass viele Griechen ihren Kindern - sehr zum Verdruss der orthodoxen Kirche - altgriechische Vornamen gaben. Eingesetzt hatte diese Entwicklung bereits Anfang des 19. Jahrhunderts mit der von Auslandsgriechen (mit dem in Paris lebenden Adamantios Korais an der Spitze) in Gang gebrachten Aufklärungsbewegung, die sich stark am Hellenentum "als Sprach- und Kulturgemeinschaft" orientierte. "Die Griechen führen etwas im Schilde", schwante schon damals Ali Pascha von Epirus, als ihm zugetragen wurde, dass immer mehr kleine Achilleas, Herakles, Perikles und Aristoteles das Land bevoelkerten. Er sollte Recht behalten. Die Namen als Kassandra; sie entwickeln sich nicht unabhängig von der Geschichte und den sozialen Erfahrungen eines Volkes. Unterstützt von einem breiten Philhellenismus, "der ersten europaweiten Protest- und Solidaritätsbewegung", kam es nach mehreren misslungenen Aufständen 1821 zum erfolgreichen Freiheitskampf gegen die fast 400jährige osmanische Fremdherrschaft. Griechenland machte sich auf den Weg zum Nationalstaat.

Die altgriechische Namengebung, in der sicherlich auch das Bewusstsein einer jahrtausendealten grossen Kultur mitschwingt, hat sich bis heute erhalten. Zwar werden in der orthodox geprägten Gesellschaft noch immer zumeist christliche und seltener antike Vornamen vergeben, beide aber tauchen in den nachfolgenden Generationen kontinuierlich auf. Das liegt an der bis heute aufrecht erhaltenen Tradition, den ersten Sohn nach dem Grossvater väterlicherseits und die erste Tochter nach der Grossmutter väterlicherseits zu benennen. Entsprechend vergibt man bei den zweiten Kindern die Namen der Grosseltern mütterlicherseits. Ab dem dritten Kind hat man freie Wahl; oft entscheidet man sich allerdings für die Vornamen der Taufpaten, die in Griechenland lebenslang auch finanzielle Verpflichtungen für ihr Patenkind übernehmen. Die jungen Griechen, es sei denn, sie sind sehr traditionsverhaftet, ordnen sich diesem Brauch nicht mehr so ohne weiteres unter, sondern wählen einen Namen, der ihnen zusagt, meistens aber einen griechischen.

Ein berühmter Grieche, der Tanker-Tycoon "Ari" Onassis, trug gleich drei antike Vornamen: Aristoteles Sokrates Homer. Seine Enkelin Athina wurde nach ihrer Grossmutter benannt.

Listen der beliebtesten Jungen- und Mädchennamen, wie sie in Deutschland jedes Jahr veroeffentlicht werden, gibt es in Griechenland nicht. Wozu auch. Modenamen sind eher selten, und wenn, dann stammen sie gewoehnlich ebenfalls aus der Antike wie in den letzten Jahren Zoi und Danai, aber kaum je aus einem westlichen Land, etwa Frankreich oder dem angloamerikanischen Sprachraum. Kevins und Justins, Chantals und Jacquelines gibt es in Hellas nicht. Die Griechen bleiben bei ihren eigenen Namen, die sich inzwischen auch bei den Deutschen, die deren Bedeutung und zeitlose Schoenheit vielleicht erkannt haben, zunehmender Beliebtheit erfreuen. Jedenfalls trifft man hier neuerdings viele kleine Penelopes, Zoes, Daphnes und andere, es scheint ein neuer Trend zu sein.

Die Griechen lieben Abkürzungen und Akronyme. Gerade auch bei den Namen wird man mit einer Flut von Abkürzungen überschüttet, die den originalen Namen gar nicht mehr erkennen lassen. Bei Mädchennamen trifft man am häufigsten auf die Kurzformen Voula, Roula, Toula, Soula, Koula, hinter denen sich Vasiliki, Xanthippi, Sotiria, Argyro, Paraskevi, Anastasia, Varvara und noch so einige andere Vornamen verbergen, oder auf Litsa, Ritsa, Nitsa, Gitsa und Kitsa, die zum Beispiel für Evangelia, Pagona, Georgia, Virginia und viele weitere Namen stehen.

Die häufigsten Kurzformen bei den Jungennamen sind Makis für Efthimios, Takis, Makis oder Mitsos für Dimitrios, Sakis für Athanasios, Akis für Alexandros. Wer würde hinter Agis Agamemnon vermuten, hinter Dakis Leonidas, hinter Soulis Odysseas und hinter Fotis Theofanis? Der wohl häufigste Vorname aber ist unangefochten Konstantinos bzw. dessen Kurzform Kostas. Ein oft erzählter alter Witz lässt daran keinen Zweifel aufkommen: Ein Grieche sieht auf einer voll besuchten Platia einen Freund und ruft "Hallo Kosta" quer über den Platz. Daraufhin dreht sich mindestens die Hälfte der anwesenden Männer um.

Es gibt noch viele andere männliche und weibliche Kurzformen, belassen wir es hier bei den gebräuchlichsten. Im Kalender der Namenstage, der in den griechischen Zeitungen regelmässig veroeffentlicht wird, tauchen die Voulas und Toulas, die Takis und Makis nicht auf. Da in Hellas die  Namenstage immer noch mehr als die Geburtstage gefeiert werden - obwohl letztere stark aufgeholt haben -, muss man also, um zu gratulieren, die Taufnamen wissen. Aber nicht nur das, die Sache ist komplizierter, denn manche Namen, zum Beispiel Alexandros, Anna, Kosmas, Zara, Zacharias, Loukia, kommen im Kirchenkalender mehrfach vor. Doch jede Person feiert nur einmal im Jahr. Man muss also das auf sie zutreffende Datum herausfinden. Aehnliches gilt für diejenigen, die vor oder nach Ostern Namenstag haben, wie Theodora, Zoi, Jorgos und andere. Ostern ist ein bewegliches Fest und somit sind auch die Daten der Namenstage niemals gleich. "Chronia polla" ("viele Jahre") wünscht man dem Feiernden.

Alle Zitate aus Nikolaos-Komnenos Hlepas, Ein romantisches Abenteuer, in Alexander von Bormann (Hrsg.), Ungleichzeitigkeiten der Europäischen Romantik, Würzburg 2006





Montag, 12. Mai 2014

Meine Hotels in Athen - vom "Nefeli" zum "Electra Palace" und zum "Grande Bretagne"

Wenn ich in Athen bin, wohne ich seit jeher am liebsten mitten im Zentrum, im Areal Sintagmaplatz - Plaka. Das Zentrum der Stadt ist klein und übersichtlich, und man kann von hier aus alle wichtigen Sehenswürdigkeiten bequem zu Fuss erreichen. Ausreisser waren im Laufe der Zeit das (erstklassige) "St. George Lykabettos" in Kolonaki, das (ultramoderne) "Fresh" in der Nähe vom Zentralmarkt sowie einige kleinere einfache Hotels in der Omonia-Gegend. Letztere sind zur Zeit aus Gründen der Sicherheit nicht zu empfehlen. Vor allem die Strassen noerdlich des Omonia-Platzes sollte man abends und nachts meiden, sie gelten als gemeingefährlich. Dann sind hier zwielichtige Gestalten unterwegs, Rauschgiftsüchtige und ihre Dealer, Obdachlose, die in dunklen Hauseingängen vor aufgegebenen Geschäften schlafen, und Kleinkriminelle.

Mein erstes Hotel in Athen war das "Nefeli" (Iperidou/Chatzimichali 2) in der neoklassischen Altstadt Plaka. Sein groesster Pluspunkt ist die Lage. Ruhig und sicher an der Ecke einer autofreien Gasse gelegen, braucht man nur etwa fünf Minuten Fussweg zum Sintagmaplatz und nur wenige Schritte zu der sich durch die ganze Plaka windenden Hauptader Odos Adrianou (Hadrianstrasse). Dort ist man sogleich mitten im Getuemmel der Läden, Tavernen, Cafes und antiken Denkmäler zu Fuessen der Akropolis. Geht man die Adrianou nach links, kommt man zum Nationalgarten, den schattigen Park, den einst Koenigin Amalia anlegte, bzw. in der entgegengesetzten Richtung über die Odos Vironos (Byronstrase) zum Akropolismuseum; biegt man in die Adrianou rechts ein, gelangt man zur Roemischen und zur Antiken Agora, wo sich ein Lokal an das andere reiht. Die Lage des "Nefeli" koennte idealer nicht sein. Weniger ideal und nicht auf der Hoehe der Zeit sind die 18 Zimmer des kleinen Familienhotels, sie sind eng, sehr karg eingerichtet und haben keine Balkone. Die Rezeption ist 24 Stunden besetzt, und die freundlichen und hilfreichen Rezeptionisten sind immer für ein Schwätzchen zu haben.

Absoluter Tiefpunkt ist das Frühstück, das beharrlich den Zeitläuften trotzt: ein Kännchen Kaffee und ein Glas absolut ungeniessbarer "Orangensaft", ein Turm aus trockenen Zwiebacken, schlappes Weissbrot, ein Stück trockener Rührkuchen, ein steinhartes Ei und eine Schmelzkäseecke. Ich nehme es inzwischen mit heiterem Humor, frage mich aber jedes Mal aufs Neue, aus welcher Quelle das Hotel wohl seine Schmelzkäsespezialität bezieht. Sie soll in den fünfziger, sechziger Jahren in Deutschland sehr beliebt gewesen sein, das weiss ich aus Erzählungen; mir ist sie nirgendwo begegnet, nur hier. Dennoch, wenn ich nur ein, zwei Tage in Athen bin, zieht es mich gelegentlich weiterhin in das gute alte "Nefeli". Warum? Vermutlich will ich mich bloss davon überzeugen, dass wenigstens hier noch alles so ist wie es immer war: Die Zeit vergeht, das "Nefeli" bleibt. Jetzt kann ich beruhigt auf meine wunderbaren Inseln fahren, die mich für die erlittene Unbill entschädigen.

Nur eine Strasse weiter, also ebenfalls günstig gelegen, steht an der Odos Nikodimou das beste Hotel der Plaka, das "Electra Palace". In der komfortablen Fünf-Sterne-Unterkunft war ich in den letzten Jahren mehrfach Gast und kann sie uneingeschränkt empfehlen. Sie hat alles, was man von einem Hotel dieser Preisklasse erwartet. Dazu gehoert ein Pool auf dem Dach mit Blick auf die Akropolis, unbestritten einer der schoensten, den man in Athen haben kann. Der Parthenon erscheint zum Greifen nah. Hier hat man die zweitausendfünfhundertjährige Vergangenheit der Stadt in ihrer hoechsten Vollendung vor Augen. Die heutige herzzerreissend jammervolle Architektur-Wüstenei Athen scheint nicht existent, die Schuldenkrise ist ganz weit weg und das unverwüstliche, unzerstoerbare ewige Athen der Antike ganz nah. Das Schoene und das Hässliche liegen in Athen eng beieinander.

Die Zimmer (viele haben Balkone mit Akropolisblick) sind behaglich-elegant eingerichtet, mit Textilien in kräftigen Mustern. Stoffe in oeden Nichtfarben wie Taupe, Mauve und Beige, wie sie heute Mode in den Hotels überall auf der Welt sind, vor allem in den besseren - langweiliges "Ton in Ton" scheint guter Geschmack zu bedeuten - kommen glücklicherweise nicht zum Einsatz. Allein schon das farbenfrohe Design sagt mir: Ich bin in Athen. Und was mitten im städtischen Steinmeer selten ist: Das "Electra Palace" hat ein Gärtchen, eine ruhige grüne Enklave, in der man sich zum Frühstück niederlässt und am Nachmittag zum Tee oder sich von anstrengenden Busexkursionen und obligaten Museumsbesuchen erholt.

Das Personal verstroemt griechische Herzlichkeit, der Barmann in der Halle erkannte mich nach längerer Abwesenheit wieder und begrüsste mich mit einem Glas gut gekühlten Weisswein - selbstverständlich auf Kosten des Hauses. Ich nahm es mit leicht schlechtem Gewissen, denn ich wohnte gar nicht im Hotel, sondern war nur vor einem Regenguss ins Trockene geflüchtet (gelobte aber sogleich im Stillen, das nächste Mal wieder im "Electra" abzusteigen).

Gelitten habe ich in zwei kleinen Plaka-Hotels nahebei, dem "Acropolis House" und dem "Byron". Beide sind nur eingeschränkt oder gar nicht zu empfehlen. Das beste am "Acropolis House" (Odos Kodrou 6) ist sein Aeusseres, die stilvoll restaurierte Fassade des neoklassizistischen Stadthauses. Sie verspricht, was das Hotel nicht einloesen kann. Ebenso wie das nahe "Nefeli" ist es ein Zwei-Sterne-Familienbetrieb, aber individueller. Hier gleicht kein Zimmer dem anderen. Allerdings sind die meisten mit zusammengewürfeltem alten oder besser altmodischem - dunklen - Grossmutter-Mobiliar vom Troedelmarkt ausgestattet bzw. recht voll gestellt, so dass die Räume trotz der schoenen hohen Decken schummrig-düster und keineswegs anheimelnd wirken. Diese Nachteile wiegen auch die Balkone mit Akropolisblick nicht auf, die manche Räume haben.

Vom "Byron" in der Odos Vironos (Byronstrasse), dessen spartanische Zimmer Hostel-Charme haben, ist ganz abzuraten. Da hilft es auch nicht, dass sie Balkon und Akropolisblick haben oder das Hotel nur zwei Minuten vom Akropolismuseum und etwa fünf von der Metrostation Akropolis entfernt ist. Für das wenige, das es bietet, ist es zu teuer, die Zimmer kosten genauso viel wie die in erheblich besseren Hotels. Das karge Frühstück wird in der lieblosen dunklen Lobby im Erdgeschoss serviert, wo an der Theke der mürrische Rezeptionist entweder gelangweilt vor sich hin doest, ins Telefon schreit oder lautstark mit Touristen streitet.

Ein Hotel der Mittelklasse nahe dem Sintagmaplatz ist das "Cypria" in der Diomiasstrase 5, einer Nebenstrasse der Ermou (Hermesstrasse), die sich vom Sintagmaplatz über Monastiraki bis nach Gazi zieht, vorbei an einem Biotop der Stille, dem grossartigen antiken Friedhof Kerameikos. Es hätte nicht viel gefehlt, und er wäre im Jahr 2000 dem Metrobau zum Opfer gefallen. Glücklicherweise haben Proteste der Archäologen und Umweltschützer diesen Frevel in letzter Minute noch verhindern koennen. Das "Cypria" ist ein Touristenhotel ohne besondere Merkmale. Aber die Zimmer sind geräumig, manche haben einen Balkon - die meisten allerdings ohne Aussicht, den Blick begrenzen die gegenüberliegenden Häuser - , das Büffetfrühstück (warme und kalte Gerichte) ist ausgezeichnet und die Lage ist bestens, besonders für eilige Touristen. Der Bus zum Flughafen hält direkt am Sintagmaplatz, ebenso die U-Bahn dorthin, und man braucht nur zwei Minuten zu Fuss. Die Zimmerpreise sind vergleichsweise günstig. Es ist unwesentlich teurer als das "Nefeli" und billiger als das "Byron", an dem nur der Name interessant ist.

Das nobelste Hotel Athens ist das berühmte "Grande Bretagne" am Sintagmaplatz. Von meinem Balkon aus blicke ich rechts auf eine Ansammlung von Menschen, die gerade vor dem Parlamentsgebäude demonstriert - man kennt die Bilder aus dem Fernsehen -, links auf den kegelfoermigen Lykabettoshügel im Stadteil Kolonaki, mit 277 Metern die hoechste Erhebung Athens. Einen grandiosen Rundumblick hat man vom Dachgarten, der auch Frühstücksterrasse ist: auf die Akropolis, auf den Athener "Hausberg" Hymettos und über die Dächer von Piräus hinunter aufs Meer, den im Sonnenlicht türkisblau glitzernden Saronischen Golf mit der Insel Salamis, wo 480 v. Chr. die berühmte Seschlacht gegen die Perser stattfand.

Das "GB" ist so alt wie der neugriechische Staat und aufs Engste mit seiner Geschichte verknüpft. Der klassizistische Bau an der Ecke zur Odos Panepistimiou (Universitätsstrasse) war nicht als Grandhotel geplant. Der reiche Triester Kaufmann Dimitriou liess ihn sich 1842/43 von Theophil Hansen, der entscheidend am Stadtbild Athens mitwirkte und später in Wien die prachtvollen Ringpaläste schuf, als Wohnpalais errichten. Nachdem das "Megaron Dimitriou" mehrere Jahre lang Gästehaus des Koenigs war - Otto I. residierte im gleichfalls 1843 fertiggestellten Schloss schräg gegenüber, dem heutigen Parlamentsitz - , beherbergte es 1856-1872 das Franzoesische Archäologische Institut. Danach wurde es zum Hotel umgebaut und 1874 glanzvoll eroeffnet, schon damals unter dem Namen "Grande Bretagne", weil die meisten Gäste britische Beamte und Geschäftsleute waren, die auf dem Weg in die Kolonien hier Station machten. Die Gästeliste ist lang und nennt illustre Namen aus Film, Kunst, Politik und Adel. Die Schriftsteller Hugo von Hofmansthal, Graham Greene, Henry Miller, Heinrich Boell und Truman Capote haben hier gewohnt, die Rothschilds, Krupps, Rockefellers und John F. Kennedy, Maria Callas mit Aristotelis Onassis natürlich, Romy Schneider mit Alain Delon und heute Pop-Groessen wie Sting und Madonna. 2014 nächtigte hier die Rechtsanwältin Amal Clooney, die Griechenland im Fall der Parthenon-Skulpturen vertritt.

Im Zweiten Weltkrieg war das Hotel nacheinander Hauptquartier der griechischen, deutschen und englischen Truppen. Winston Churchill wäre hier Weihnachten 1944 beinahe einem Anschlag zum Opfer gefallen. Erst in letzter Minute wurde der Sprengstoff, mehrere Tonnen Dynamit, der das gesamte Gebäude zerstoert hätte, im Keller und in den unterirdischen Abflussrohren entdeckt. 1951-1953 war es provisorische Unterkunft der deutschen Botschaft, und Adenauer und Heuss schrieben sich ins Gästebuch ein. 1974 regierte Konstantin Karamanlis nach dem Ende der Militärdiktatur von hier aus kurze Zeit das Land, bevor er in den Präsidentenpalast einziehen konnte. Heute bevorzugt noch immer die Politprominenz der Welt das "GB", auch die Mitglieder der verhassten "Troika", wenn sie in Athen kontrollieren, ob das Land auch seine Sparverpflichtungen eingehalten hat.

Vor den Olympischen Spielen 2004 wurde das "GB" für 80 Millionen Euro komplett renoviert. In der luxurioesen, noch von der Pracht des 19. Jahrhunderts kündenden Halle und in den edel moeblierten Zimmern (mit opulenten verschiedenfarbigen Marmorbädern) erwarten den Gast kostbare Antiquitäten - Statuen, Bilder, Gobelins und erlesene alte Teppiche -, ersteigert in internationalen Auktionshäusern. Die Ball- und Empfangssäle im Erdgeschoss bilden den Rahmen für gesellschaftliche Anlässe, Bankette und Galas der Athener Society, die in den drei Restaurants und in "Alexander's Bar" ein- und ausgeht. Auch wer nicht hier wohnt, sollte einen Blick in die Halle wagen oder im "GB Corner" speisen, wo man sehr gut essen kann und gleichzeitig einen Eindruck davon bekommt, wie die Athener Oberschicht lebt.

Mittwoch, 30. April 2014

Koenig Otto von Griechenland und das "Museum der Stadt Athen"

Griechenland hat mehr archäologische und historische Museen als jedes andere europäische Land, ein Hinweis auf sein jahrtausendealtes kulturelles Erbe. Eines davon ist das Koenig-Otto-Haus im Zentrum Athens, das offiziell den nichtssagenden Namen "Museum der Stadt Athen" trägt, wohl weil die Bayernherrschaft, die "Vavarokratia", bis heute bei den Griechen in keinem guten Ansehen steht. Kaum etwas in der Hauptstadt erinnert an den ersten Koenig von Griechenland. Lediglich die Suedbegrenzung des zentralen Sintagmaplatzes, die Odos Othon (Ottostrasse), gerade mal fünf Häuserblocks kurz und als eigenständige Strasse kaum wahrzunehmen, gedenkt seiner. Kein Denkmal ehrt ihn - und das in einem Land, in dem jedes Dorf seine Lokalhelden in pompoes-marmornen Standbildern verewigt.

Dass im Erdgeschoss des ersten Wohnsitzes Ottos ausschliesslich Ansichten zur Stadtgeschichte Athens, meist Gemälde und Drucke aus dem 18. und 19. Jahrhundert sowie das auf dem Entwurf von Eduard Schaubert und Stamatis Kleanthis basierende Stadtmodell zu sehen sind, rechtfertigt den Namen "Stadtmuseum" jedenfalls nicht. Beide Architekten, gute Freunde, hatten bei Karl Friedrich Schinkel an der Berliner Bauakademie studiert und kamen nach 1834, als Athen auf Drängen Ludwigs I. Hauptstadt des neuen griechischen Staates wurde und ein beispielloser Bauboom einsetzte, hierher, um das heruntergekommene, nur noch rund 6000 Einwohner zählende Dorf in eine präsentable Residenzstadt zu verwandeln. In den folgenden Jahren entwickelte sich Athen in eine bildschoene Stadt - mit knapp 27 000 Einwohnern 1840 -, die in schmucken klassizistischen Häusern wohnten. Das änderte sich mit der Anfang des 20. Jahrhunderts einsetzenden Landflucht und den 1922 aus Kleinasien vertriebenen 1,5 Millionen Griechen ("Kleinasiatische Katastrophe"), von denen die meisten in Athen Zuflucht suchten. Athen wuchs zu schnell und unkontrolliert. Die schoene Architektur wurde ohne Not hemmungslos abgerissen und die Stadt mit hässlichen Wohnblocks ueberzogen. Und viele der Häuser, die den Kahlschlag ueberlebt haben, verfallen heute, weil kein Geld fuer eine Sanierung da ist.

Auf Otto von Wittelsbach, zweitgeborener Sohn Ludwigs I. von Bayern, den die europäischen Grossmächte England, Frankreich und Russland nach dem Ende des Befreiungskrieges vom Osmanischen Reich (1821-29) als ersten Koenig des modernen Griechenland eingesetzt hatten (mit Zustimmung der Griechischen Nationalversammlung im Juli 1832) und der es fast 30 Jahre lang, von 1833 bis 1862, regierte, weist lediglich eine kleine Tafel am Museumseingang hin, noch dazu in griechischen Lettern, die als Information für den Normaltouristen wenig hilfreich sein duerfte und wohl mit ein Grund dafür ist, dass Besucher rar sind - hoechstens 20 sollen es an guten Tagen sein, die sich in aller Ruhe den Sammlungen widmen koennen. Athen hält sich also bedeckt, und man weiss nicht unbedingt, was einen erwartet, wenn man das bescheidene einstoeckige Haus am Klafthmonosplatz betritt noch, was es einmal darstellte, nämlich die erste Residenz des jungen Monarchen in Athen.

Von Bord der britischen Fregatte "Madagaskar" betritt Otto als Siebzehnjähriger am 6. Februar 1833 in der peloponnesischen Hafenstadt Nauplia erstmals griechischen Boden, jubelnd empfangen von der Bevoelkerung, die grosse Hoffnungen in den jungen Koenig setzt. Doch die Realität konnte schlimmer nicht sein: Der minderjährige Monarch und sein dreikoepfiger Regentschaftsrat finden ein von jahrhundertelanger Fremdherrschaft und anschliessendem Buergerkrieg verwüstetes Land sowie anarchische gesellschaftliche Zustände vor. Die finanzielle Situation ist desolat, die wirtschaftliche Lage katastrophal. Der einzige florierende Wirtschaftszweig ist die Piraterie, von der ganze Inseln leben. Aus diesem Chaos ein einigermassen geordnetes Staatswesen zu formen, bedeutete eine Herkulesarbeit, die die Grossmächte wohl nur allzu gerne den Deutschen ueberliessen. Mehrfach stand das finanzschwache junge Koenigreich kurz vor dem Bankrott, auch, weil die Alliierten ihre finanziellen Zusagen nicht einhielten. Ludwig muss einspringen. Er leiht Athen fast zwei Millionen Gulden und bringt sich damit in grosse Schwierigkeiten, weil er den Bayerischen Landtag nicht eingeweiht hat und Otto die Anleihe nicht zurueckzahlen kann.

Die anfängliche Begeisterung schwindet denn auch schnell - auf beiden Seiten. "Die - ohnehin ueberhoehten - Erwartungen einer schnellen Angleichung an die 'fortgeschrittenen Länder des Westens' hatten sich nicht erfuellt." Und Otto hatte, wie wohl die meisten europäischen "Graecomanen" mit Ludwig I. an ihrer Spitze, beeinflusst vom romantisch verklärten Blick eines Winckelmann und Hoelderlin, ganz andere Griechen im Kopf. Dennoch, trotz herber Enttäuschungen blieben er wie auch sein Vater, der Muenchen zu einem Isar-Athen gestaltete, bis an ihr Lebensende ueberzeugte Philhellenen.

Obwohl Otto I. gutwillig war und die besten Absichten fuer ein "neues Hellas", den Eintritt Griechenlands in die Moderne, hatte, machte er Fehler, die nicht geeignet waren, die Barrieren zu den Griechen abzubauen. Zu lange regierte er absolutistisch. Doch der autoritäre Regierungsstil weckte anfangs auch gar keinen Widerstand, weil sich die Griechen durch einen ausländischen Koenig die Unterstuetzung der europäischen Mächte sichern wollten und auf Befriedung im Innern hofften. Erst die Revolte einer konstitutionellen Bewegung im September 1843 bahnte den Weg zur konstitutionellen Monarchie, und im Jahr darauf, im Maerz 1944, gestand der Koenig vom Balkon seines Palastes dem Volk die geforderte Verfassung zu. Seitdem heisst der Platz vor dem Schloss, dem heutigen Parlamentsgebäude, Platia Sintagmatos (Verfassungsplatz). Auf wenig Verständnis stiess auch, dass er und Amalia nicht zum griechisch-orthodoxen Glauben uebertraten. Nachteilig fuer den wackligen Thron des "katholischen Koenigs" war ferner, dass die Ehe kinderlos blieb.

Zweifellos hat Griechenland während der Herrschaft Ottos den Anschluss an Westeuropa gefunden. Die bayerischen Reformer trieben die Modernisierung des Landes voran und schufen eine effektive Verwaltung und Rechtsprechung nach bayerischem Modell, ein Militär-, Medizin- und Bildungswesen; ein auch nur halbwegs funktionierendes Steuersystem zu etablieren, speziell auf dem Lande, gelang jedoch nicht. "Trotz seiner offensichtlichen Organisationsschwäche konnte der junge griechische Staat ... die Schulpflicht im Bildungssystem sowie die Dienstpflicht fuers Militär durchsetzen und damit die ideologisch-kulturelle Homogenisierung der Gesellschaft energisch vorantreiben" konstatiert der Politikwissenschaftler Nikos Hlepas (Wuerzburg 2006). Bereits 1834 wurde das von Wilhelm von Weiler erbaute Militärhospital eroeffnet, 1837 die ("ueberdimensionierte") Ottonische Universität gegruendet, an der anfangs vornehmlich bayerische Professoren lehrten, es folgten die Griechische Nationalbank, die Akademie der Wissenschaften, das Archäologische Nationalmuseum, die Sternwarte, die Augenklinik, mehrere hundert Schulen sowie der Nationalgarten, noch heute die gruene Lunge im Zentrum Athens, das mit Gruenflächen nicht eben gesegnet ist. Einen Grossteil der Kosten trug Ludwig I. von Bayern. Otto versuchte - so Nikos Hlepas - Athen zum "gesamtgriechischen Zentrum fuer Politik, Bildung und Kultur ... zu etablieren. Diese Stadt symbolisierte ferner die erfolgreiche Einverleibung der zunehmend populären Antike in die nationale Identität." Dass die Akropolis erhalten blieb und restauriert wurde - unter Leitung des deutschen Archäologen Ludwig Ross - sowie einige byzantinische Kirchen wie die Kapnikarea in der Ermou-Strasse nicht abgerissen wurden, ist das Verdienst der Wittelsbacher.

Mit seiner Frau Amalia von Oldenburg, die er am 10. November 1836 in Oldenburg geheiratet hatte - die Griechen erfuhren davon erst vier Wochen später aus der Zeitung - wohnte er sieben Jahre lang, zwischen 1836 und 1843, unter sehr beengten Verhältnissen im Vouros-Haus, bis das von Friedrich von Gaertner entworfene fruehklassizistische Schloss, das heutige Parlamentsgebäude am Sintagmaplatz, vollendet war. Den Grundstein legte Ludwig I., der 1835-36 Hellas bereiste.

Ottos erste Residenz hatten die beiden Architekten Gustav Adolph Lüders und Joseph Hoffer 1833 als Privathaus für den Bankier Stamatios Dekozis-Vouros erbaut. Sein Erbe Konstantinos Dekozis-Vouris liess eine Generation später, 1859, das benachbarte Haus als Familiensitz errichten. Es ist mit dem "alten Palast" durch einen Uebergang verbunden und - obwohl ebenfalls Teil des "Museums der Stadt Athen" - als Vouros-Evtaxias-Museum besser bekannt. Das trifft fuer den "Otto-Teil" nicht zu, er existiert nicht als selbständige Einheit, als wäre der Name ein Tabu.

Im ersten Stockwerk sind die - fuenf - Räume so wiedererstanden, wie sie damals waren. Sie sind klein, wohnlich und schlicht, und auch die Einrichtung ist bescheiden. Einer davon ist der "Thronsaal" - eher ein Thronzimmerchen mit einer Art Thronstuhl auf einem erhoehten Podest -, daneben Ottos Arbeitsraum mit Porträts seines Vaters Ludwig I. und seines Grossvaters Maximilian I. sowie einer Kopie der Verfassung von 1843. Das Original befindet sich im Parlamentsgebäude. Auch die Privaträume des Paares gegenueber sind mit den Originalmoebeln ausgestattet, darunter dem Spinett, auf dem Amalia musizierte, und einem Tisch mit Tavli-Spiel, dem typisch griechischen Brettspiel, das der Koenig erlernte. In allen Zimmern hängen Stiche, die Bezug zum Leben ihrer einstigen Bewohner haben.

1862 setzten die Griechen Otto, der immerhin fast dreissig Jahre auf dem Thron sass, ab - auf einem englischen Schiff verliess das Koenigspaar das Land und kehrte nach Bayern zurueck. Fortan lebten die beiden in der fuerstbischoeflichen Residenz in Bamberg. Mit einem kleinen griechischen Hofstaat versuchten sie, ihre Athener Lebensumwelt aufrecht zu erhalten. Offizielle Hofgarderobe waren Trachten aus den verschiedenen Gegenden Griechenlands wie auch die Nationaltracht mit der Fustanella. Die abendliche Konversation erfolgte auschliesslich auf Griechisch, das Otto und Amalia vollendet beherrschten.

Obwohl man ihn ins Exil getrieben hatte, fuehlte sich Otto Griechenland noch immer so verbunden, dass er 1866 mit seiner gesamten Jahresapanage die gegen das tuerkische Joch kämpfenden kretischen Aufständischen unterstuetzte - Kreta gelangte erst 1912/13 an Griechenland. Wie sehr er Griechenland liebte, bezeugen noch seine letzten Worte auf dem Totenbett: "Griechenland, mein Griechenland, mein liebes Griechenland". Mit dieser sehnsuchtsvollen Offenbarung verschied er am 26. Juli 1867. Amalia ueberlebte ihn um acht Jahre. Das Koenigspaar ruht heute in der Fuerstenkrypta der Wittelsbacher in der Theatinerkirche in Muenchen.

Trotz mancher Fehlentwicklungen, entstanden durch gegenseitige Missverständnisse und oftmals unrealistische Ansprueche, trotz innerer wie äusserer Zwänge, dem letztlichen Scheitern der Wittelsbacher Herrschaft, hat Griechenland seinem ersten Koenig und dessen Vater viel zu verdanken. Nicht nur haben sie die institutionellen Grundlagen des modernen griechischen Staates gelegt - Ludwig hatte sich auch "als erster unter den europäischen Koenigen fuer die griechische Unabhängigkeit eingesetzt und den neuen Staat offiziell anerkannt". Er unterstuetzte die Aufständischen bereits 1821, also gleich zu Beginn des Freiheitskampfes, mit allen erdenklichen Mitteln: durch namhafte Geldbeträge aus seinem Privatvermoegen, dann, indem er Freiwillige unter dem bayerischen General Karl von Heydeck nach Hellas entsandte, er Geld- und Lebensmittelspenden fuer die notleidende Bevoelkerung sammelte, Wohltaetigkeitsveranstaltungen organisierte und schliesslich unermuedlich fuer eine breite oeffentliche Anteilnahme am Schicksal der Griechen in Bayern warb. Ausserdem stellte er direkte persoenliche Beziehungen von Athen nach Muenchen her. Junge Griechen besuchten auf Kosten Ludwigs und des bayerischen Philhellenenvereins das Griechische Lyzeum oder die Kadettenanstalt, um mit den hier erworbenen Kenntnissen am Aufbau des jungen Staates mitzuwirken. Viele von ihnen machten später in Hellas Karriere.

Alle diese Leistungen sind nicht hoch genug einzuschätzen. Sie scheinen in Griechenland in Vergessenheit geraten zu sein. Angemessene Anerkennung haben sie dort nicht erfahren.

Eines haben die Bayern den Griechen uebrigens nicht gebracht, auch wenn man das in verschiedenen Veroeffentlichungen immer wieder liest: das Blau-Weiss der griechischen Flagge. Die Farbgebung wurde von der ersten Nationalversammlung bestimmt, die 1822 in Epidaurus zusammentrat. Otto kam erst zehn Jahre später nach Hellas. "Die blaue Fahne mit dem griechisch-orthodoxen Kreuz war ein Gegenbild der roten Fahne mit dem osmanisch-byzantinischen Halbmond, genauso wie der neue griechische Staat in vielerlei Hinsicht ein Gegenstueck zum Osmanischen Reich darstellen sollte" (Nikos Hlepas).

Alle Zitate aus: Nikos Hlepas, Ein romantisches Abenteuer, in: Alexander von Bormann (Hg.), Ungleichzeitigkeiten der Europäischen Romantik, Wuerzburg 206.

Donnerstag, 27. Februar 2014

Bürgerinitiativen und Selbsthilfeprojekte in Athen und Griechenland - die Atenistas

Sechs Jahre Rezession, 27,6 Prozent Arbeitslosigkei (November 2013; mehr als doppelt so hoch bei den bis zu 24-jährigen), hohe Schuldenquote trotz Schuldenschnitts und Krediten der internationalen Geldgeber, eine zugrunde gerichtete Wirtschaft, zehntausende Pleiten, aber keine Investitionen und reales Wachstum in Sicht. Dazu ringen die Griechen mit immer neuen Sparprogrammen: Haushaltskürzungen, Rentenabbau, geschrumpfte Sozialleistungen, Gehälter und Löhne bei gleichzeitig steigenden Steuern und unverändert hohem Preisniveau.

Die Sparmassnahmen treffen vor allem die Mittelschicht, fast jeder ist betroffen, und da das soziale Sicherungssystem kaum der Rede wert ist - es gibt maximal ein Jahr lang Arbeitslosenunterstützung von hoechstens 450 Euro, wovon niemand leben geschweige denn seinen Zahlungsverpflichtungen nachkommen kann, dazu fliegt man nach zwei Jahren Arbeitslosigkeit aus der Krankenkasse -, droht der gesellschaftliche Absturz. Griechenland ist das einzige EU-Land ohne jegliche Grundsicherung. Wer noch einen Job hat, lebt in der Angst, ihn zu verlieren oder muss oft für die Hälfte des Lohns arbeiten. Die Menschen sind verunsichert und verzagt, müde vom Protestieren und der ewigen Streiks überdrüssig; sie glauben nicht mehr daran, dass sich die Lage bessert. Eine - gefährliche - Folge der Armut und sozialen Erschütterungen ist das Erstarken neofaschistischer Strömungen wie der rechtsradikalen Chrissi Avgi ("Goldene Morgenröte"), die aus der Misere Nutzen und Zustimmung zieht. Im Aufwind befindet sich auch die euroskeptische Linkspartei Syriza, die Umfragen zufolge bereits vor den Regierungsparteien Nea Dimokratia und der Pasok liegt.

In einem Land, das keine Wohlfahrtsstaatlichkeit kennt und in dem das Vertrauen in die Politik gründlich verloren gegangen ist, ist soziales Engagement wichtiger denn je. Aus dieser Not heraus hat sich 2010 eine Bürgerbewegung gegründet, die den allgemeinen Niedergang nicht mehr hinnehmen wollte. Ausgehend von Athen, griff sie auf das ganze Land über. In der Krise erwachte der in Griechenland bis dahin wenig ausgeprägte Bürgersinn; seitdem ist der Anteil derer, die gemeinnützige Arbeit leisten, rapide gestiegen und nimmt weiter zu. "Wann, wenn nicht jetzt", sagt Ioanna, eine junge Lehrerin, die gerade ihren Job verloren hat und jetzt Kindern unentgeltlich Nachhilfeunterricht erteilt, deren Eltern die Kosten dafür nicht mehr aufbringen koennen. Sie ist eine der "Atenistas", Athener Aktivisten, die sich freiwillig engagieren und ihre Stadt, die sie lieben, zu einem besseren Platz machen wollen; sie kurbeln Projekte und Initiativen auf breiter Ebene an und helfen dort, wo Hilfe gebraucht wird. Jeder bringt seine Begabung ein. Es gibt inzwischen über hundert Untergruppen, die zum Teil miteinander vernetzt sind. Viele der Freiwilligen sind arbeitslos wie Ioanna, wollen aber ihre Freizeit nutzen, um etwas Sinnvolles für ihre Stadt und die Menschen zu leisten. "Ich tu etwas für die Gesellschaft und damit auch für mich selbst; das macht mich glücklich", sagt Ioanna. Diejenigen, die Arbeit haben, treffen sich an den Wochenenden. Auch Ioanna will dabei bleiben, sollte sie wieder einen Job haben.

Ihr erster Einsatz, durch den die Atenistas von sich reden machten, war im Herbst 2010 an der Küste von Neo Faliro bei Athen, wo mehrere hundert Freiwillige den kilometerlangen Sandstrand vom liegengebliebenen Müll der Sommersaison säuberten. Eigentlich die Aufgabe der Kommune, doch auf Unterstützung durch den Staat setzt hier niemand mehr. Es folgten die Kampagnen für ein sauberes Athen. Mit Besen und Schaufeln, Farbeimern und Pinseln rücken die Freiwilligen, die sich über das Internet verständigen, zu ihren Einsatzorten aus. Die liegen in verfallenden Stadtteilen wie Metaxourgio, Viktoria und den heruntergekommenen Strassen um die Platia Vathis, die Brennpunkte der Migration geworden sind, oder in manchen Gegenden in Psirri und um die Patissionstrasse herum. Sie entfernen ausländerfeindliche Grafitti, streichen Klassenzimmer in Schulen, halten Ausschau nach brachliegenden Grundstücken, befreien sie von Müll und Dreck und machen daraus einen Spielplatz oder kleinen Park. Oft hat die Begeisterung, ihre Umgebung zu verschoenern, auch die Anwohner ergriffen - das werten die Atenistas als ihren groessten Erfolg. Sie kommen mit ihren Kindern und wollen beim Pflanzen der Bäumchen selbst mitanpacken oder beim Bemalen der tristen Hauswände, verlotterter Parkbänke und Spielgeräte. Auch aus so manchem der typischen einstoeckigen Häuser haben die Atenistas ein Schmuckkästchen gemacht. Was Begeisterung und ein bisschen Farbe doch bewirken koennen!

Aber die Atenistas schwingen nicht nur Besen und Pinsel für ein sauberes und schoeneres Athen, sie kümmern sich auch um Obdachlose, begleiten alte gebrechliche Menschen, sammeln Kleidung und verteilen Grundnahrungsmittel - Nudeln, Reis, Mehl, Zucker und Olivenoel - an Bedürftige. Doch der Mensch braucht auch geistige Anregungen. Die Atenistas (die Tourgruppe "Polis") organisieren Spaziergänge im historischen Zentrum Athens, durch das Ottonische Athen, das Jüdische Athen oder auch einen "Gang durch das schmackhafte Athen", ein Besuch traditionsreicher Konditoreien, Restaurants, Cafes, Gewürzläden und Kaffeeroestereien. Ausserdem arrangieren sie Besuche von Ausstellungen und kulturellen Veranstaltungen oder - vielfach auf Plätzen unter freiem Himmel - Theateraufführungen, Konzerte, regelmässige Strassenfeste und Partys, um Menschen zusammenzubringen und ein Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen, sie aus ihrer Mutlosigkeit herauszuholen und ihnen zu zeigen, was alles moeglich ist und in welch einzigartiger Stadt sie leben.

Die Atenistas-Bewegung hat sich unter verschiedenen Namen im ganzen Land ausgebreitet: als Tessalonikistas in Thessaloniki, Patristas in Patras, Pirgistas in Pyrgos usw. In manchen Orten fungiert sie einfach als Nachbarschaftshilfe oder als Unterstützung für die Armen in der Krise. So wie der Immobilienmakler Manolis in Parikia auf der Insel Paros handeln jetzt viele: "Ich spiele an den Wochenenden in einer Band. Wir haben beschlossen, die Einnahmen regelmässig den Kindern einer Schule zu spenden, damit sie ein warmes Mittagessen bekommen." Es hat den Anschein, als sei Bewegung in die griechische Gesellschaft gekommen.





Mittwoch, 26. Februar 2014

Ja zu Athen: die "Yes!"-Hotels des Dakis Ioannou

Das fehlte noch in der griechischen Hauptstadt: Hotels, die einem Museumsgänge nicht nur in Athen ersparen, sondern auch in New York, Paris oder Wien. Denn in den von weltbekannten Designern gestalteten Häusern des Dakis Ioannou erwarten den Gast Spitzenwerke der internationalen Künstlerelite, die zuvor in europäischen oder amerikanischen Grossstädten zu sehen waren. Es sind Stücke aus der bedeutenden Kollektion des Industriellen und passionierten Kunstsammlers, die jeden Museumsdirektor vor Neid erblassen lassen.

Das erste seiner inzwischen fünf "Yes!"-Hotels - Yes steht für "young, energetic, seductive" - war das 2004 eroeffnete "Semiramis" in dem wohlhabenden grünen Kifissia, einem noerdlichen Villenviertel, in dem die reichsten Leute, die teuersten Boutiquen und die feinsten Restaurants zu Hause sind. Schon ein Jahr später zählte Conde Nast Traveller es zu den 60 besten Hotels der Welt.

Gestaltet hat die Nobelherberge der berühmte Industriedesigner Karim Rashid, der nach mehreren Jahren Tätigkeit in Italien 1993 sein eigenes Studio in New York eroeffnete. Mit über 40 Preisen und Auszeichnungen bedacht, sind seine Arbeiten in 14 Museen ausgestellt. Seine Kunden sind global, seine Projekte Innenausstattung, Moebel, Lampen, Mode und Kunst. Das "Semiramis" war Rashid's erstes Hotelprojekt. Zusammen mit Dakis Ioannou, der promovierter Architekt ist, schuf er eine Bühne für dessen Kunst in typischem Rashid-Design: knalliges Pink und Orange, Zitronengelb und Grassgrün an Wänden, Boeden, Moebeln und Balkonen, der kongeniale Rahmen für die ausgestellten - teils provokativen - Werke u.a. von dem britischen Künstlerehepaar Tim Noble und Sue Webster, dem Japaner Takashi Murakami oder Ioannous Lieblingskünstler Jeff Koons ("Jeff in the position of Adam"). Die meisten Kunstwerke werden halbjährlich ausgewechselt. In mehr oder minder kräftigen Bonbonfarbtoenungen erstrahlen auch die 51 Zimmer, moeglicherweise etwas schwer auszuhalten bei einem längeren Aufenthalt.

In Kifissia gibt es zwei weitere Yes!-Hotels, die "Kefalari Suites" in einem eleganten Eckgebäude aus dem 19. Jahrhundert und das "Twenty One", das in eine Wassermühle, ebenfalls aus dem 19. Jahrhundert, integriert ist. Beide Häuser sind topmodern, komfortabel und mit 13 bzw. 16 individuell gestalteten Suiten klein. Ihr gemeinsames Band ist die Kunst. Für das "Twenty One" hat die junge, in New York lebende Künstlerin Georgia Sagri einen das ganze Hotel umfassenden 70 Meter langen farbenfreudigen Gemäldefries geschaffen, der sich, jeweils über die Länge einer ganzen Wand, durch alle Räume zieht.

Die beiden anderen "Yes!"-Hotels stehen im Zentrum Athens: das "Periscope" im Herzen von Kolonaki, am Fusse des Lycabettos, und das "New Hotel", das im Juli 2011 als letztes eroeffnet wurde, nur 200 Meter vom Syntagmaplatz entfernt am Eingang zur Altstadt Plaka. Auch das "Periscope" ist mit seinen 21 minimalistisch eingerichteten Zimmern klein, ein intimes Boutiquehotel. An den Decken sind Fotografien von verschiedenen Vierteln Athens abgedruckt, in manchen Zimmern Luftaufnahmen des Athener Fotografen Nikos Daniilides. Seinen Namen hat das Hotel von einem steuerbaren Periskop auf dem Dach, mit dem man sich einen Ueberblick über ganz Athen verschaffen kann. Mit einem Joystick koennen sich die Gäste einzelne Gegenden oder Sehenswürdigkeiten auswählen, die Bilder werden dann simultan auf einen TV-Schirm in der Lounge im Erdgeschoss übertragen.

Das "New Hotel", das ehemalige "Olympic Palace", 1958 von dem Modernisten Iasonos Rizos erbaut, ist mit seinen 79 Zimmern auch das groesste. Mit der Innengestaltung beauftragte Ioannou die vielfach ausgezeichneten Campana-Brüder, Humberto und Fernando, die u.a. durch ihren aus vielen kleinen Holzstückchen zusammengesetzten "Favela"-Stuhl weltbekannt wurden. Es ist das erste Hotelprojekt des brasilianischen Designer-Duos. Beide schufen einen ungewoehnlichen, aufregenden Ort, in dem brasilianische Handwerkskunst mit dem griechischen Design der fünfziger Jahre eine verblüffende Verbindung eingeht. Die Campana-Brüder zerlegten das noch existente alte Mobiliar und sonstige Ueberbleibsel des Olympic Palace und fertigten daraus neue überraschende Objekte oder rekonstruierten, restaurierten und interpretierten Vorhandenes zeitgemäss, nichts Wichtiges sollte verloren gehen.

In allen 79 Räumen wird der Gast mit drei Themen aus der griechischen Kultur bekannt gemacht. Der erste Raumtyp stellt die traditionsreiche und noch heute beliebte Schattentheaterfigur Karagiozis in allen moeglichen Variationen dar, der zweite widmet sich dem Auge gegen den boesen Blick, einem lokalen Aberglauben, und im dritten lassen alte Postkarten nostalgische Athen-Gefühle aufkommen.

Für Design-Liebhaber sind alle fünf Häuser, so verschieden sie sind, ein Non-plus-ultra. Die Preise bewegen sich im Rahmen vergleichbarer Hotels oder sind sogar niedriger.