Peter Foeller pendelt seit nahezu 30 Jahren zwischen Berlin und Kreta. Zur Zeit verbringt er fast das ganze Jahr in seinem kretischen Domizil. Sein Domizil, das ist das ehemalige Bürgerhaus eines türkischen Verwalters in Plora, einem 70-Seelen-Dorf am Rande der Messara-Ebene. Vor dreissig Jahren kauften Peter und Claudia Foeller das 1843 erbaute Haus. Sie sanierten, renovierten, bauten um und an und richteten es zu einem Wohlfühl-Refugium her, mit tropischem Garten, Atriumhoefen, Terrassen, einer Wohnung im Turm für Freunde, die von überall her kommen, und schliesslich dem Atelier im Bauhausstil. Gleich einem Kastro thront es auf dem hoechsten Punkt Ploras. Von seinen Terrassen und Fenstern blickt man über Dorf und Messara-Ebene hinweg auf das Ida-Massiv mit dem hoechsten Berg Kretas, den Psiloritis. Die Aussicht ist phänomenal.
Das helle, weiträumige Atelier mit seinen bodentiefen Fenstern ist ein idealer Arbeitsraum, ganz auf die Bedürfnisse des Künstlers zugeschnitten, von ihm selbst entworfen. Hier hat er mehr Ruhe als in Berlin, und schon früher hat er sich oft hierher zurückgezogen, in die "innere Emigration", um an groesseren Werken zu arbeiten, für die ihm in Berlin Zeit und Konzentration fehlten.
Was bei Foellers Bildern immer als erstes auffällt, ist die Farbgebung, diese intensive Leuchtkraft der Farben. Sie nimmt den Betrachter gefangen, ihrer suggestiven Wirkung kann man sich kaum entziehen. Mit der Art und Weise, wie er die Farben kombiniert, sie kontrastiert und die Linien und geometrischen Formen stapelt, überlagert, verschachtelt und ineinander übergehen lässt, kreiert er eine erstaunliche Raumtiefe. Denn ebenso wie Foeller ein absolutes Gefühl für Farben hat, hat er ein untrügliches Gespür für Formen. In jedem Strich, jedem Farbton, jedem Klecks sieht der Maler ein Symbol, das wir schon kennen und das uns schon begegnet ist. Er reflektiert, beobachtet die Welt und entwickelt sich so weiter. Jedes Detail - und die Bilder sind ausserordentlich detailreich - ist von grosser handwerklicher Qualität. In seinen neueren, vor allem auf Kreta entstandenen Werken, werden die ausgefeilt konstruierten statischen Figuren und Linien aufgebrochen und aufgeloest. Sie sind vorhanden, aber in den Hintergrund gerückt. Nichts Strenges haftet ihnen an, sie wirken heiter und froehlich.
Bekannt geworden ist Peter Foeller vor allem durch seine Grafik. Die seit den siebziger Jahren entstandenen Siebdrucke erreichen durch ein aufwendiges Verfahren, das Uebereinanderdrucken von bis zu siebzig Farben, eine ganz ausserordentliche Strahlkraft und Plastizität der Oberfläche. Er koloriert eigenhändig jedes einzelne Blatt. Im Laufe der Zeit sind so rund 230 Auflagen entstanden.
Neben seinen Oel- und Acrylbildern und dem immensen grafischen Werk sind die Aquarelle etwas in den Hintergrund geraten. Obwohl sie zart, schwerelos, fliessend und wie hingetuscht wirken, ist auch hier die abstrakte und gleichzeitig gegenständliche Formensprache charakteristisch für ihn. Manche haben Kreta zum Thema, z.B. "Kretischer Mond", "Minoische Spur" oder die "Phoenix"-Serie.
Peter Foeller hat eine grosse Sammlergemeinde auf der ganzen Welt, besonders in den USA, wo er mehrere Ausstellungen hatte. Ausser in Deutschland und in anderen europäischen Ländern hatte er Schauen zum Beispiel in Kanada, Brasilien, Indien, Japan, Afrika und Aserbaidschan.
Hintergrundinformationen zu Griechenland: Politik & Geschichte, Kunst & Kultur und Tourismus von Frauke Burian
Sonntag, 6. Juli 2014
Mittwoch, 2. Juli 2014
Athen - Shoppingtour in Kolonaki
Athen ist sicherlich keine Modemetropole wie Mailand und Paris. Aber nach dem Pflichtprogramm Akropolis und Co. keinen Shoppingtag einzuplanen, wäre eine grobe Unterlassungssünde. Denn Athen hat einiges zu bieten, was es nur in Athen gibt. Das sagt meine Athener Freundin Popi, eine ausgewiesene Fashionista, die es wissen muss. Popi brennt darauf, mich in ihre Lieblingsläden mitzunehmen. Lauter Top-Adressen. Zuvor treffen wir uns auf einen Cappuccino im "Peros" direkt am Kolonakiplatz, ein guter Ort, um die vorbei flanierenden modebewussten Athenerinnen zu begutachten, die das tragen, was die Frauen in allen Grosstädten der Welt tragen - vorausgesetzt, sie koennen es sich leisten -, nämlich Gucci, Prada, Miu Miu, Vuitton usw. Und die Frauen in Kolonaki koennen es sich leisten, denn in diesem Stadtviertel sind die Gutbetuchten zu Hause und also auch die internationalen Modedesigner.
Was braucht man als Frau am dringendsten? Schuhe natürlich. Und so bewegen wir uns als erstes schräg über den Platz in die Odos Patriarchou Ioakim zu "Kalogirou", für Schuhfans ein absolutes Muss. Neben einer Top-Auswahl an internationalen Marken wie Tods, Casadei, Prada gibt es auch Kreationen aus der eigenen Werkstatt, vor allem bildschoene Sandaletten in allen Formen und Farben mit diesem gewissen Extra. Ich kann den Stilettos aus Schlangenleder nicht widerstehen, es ist Liebe auf den ersten Blick. Sie passen perfekt und ausserdem kann man sie zu allem tragen (irgendwie muss ich den Preis ja rechtfertigen). Wer hier wider Erwarten nicht fündig wird, wird es bestimmt eine Ecke weiter in der Odos Tsakalof, bei "Prasinis", wo ein ausgesuchtes Angebot internationaler und griechischer Designer den Schuhfetischisten beglückt. Besonders in der Herstellung von Sandalen - die griechische Mythologie steht Pate - sind die Hellenen Spitzenklasse. Mit solch einem Kauf macht man nichts falsch, ausserdem kann man Schuhe nie genug haben.
Nur einige Schritte weiter, in der Tsakalof 20, schauen wir bei "Parthenis" vorbei. Orsalia Parthenis ist eine griechische Modedesignerin, deren Entwürfe extravagant-puristisch sind. Stylish und trotzdem lässig, Wohlfühlkleider sozusagen. Sie verarbeitet qualitativ hochwertige Materialien, vornehmlich reine Baumwolle, meist einfarbig, viel weiss. Totales Understatement. Ein leichtes weisses Baumwollkleid zu meinen gemusterten Schlangenledersandalen - perfekt selbst bei den heissesten Temperaturen, wenn man gar nicht mehr weiss, was man anziehen soll. Popi bricht in Bewunderungslaute aus, und ich nehme es, zumal die Preise hier sehr zivil sind. Zivil sind auch die Preise für trendigen Modeschmuck bei "Follie Follie", der ein weisses Kleid ziemlich upgraden kann (Tsakalof 6, weitere Filialen: Ermou 18 und 37 sowie Solonos 25).
Im Viertel Kolonaki gibt es nicht nur erstklassige Boutiquen, sondern auch einige alteingesessene Galerien, und wir beschliessen, ihnen einen Besuch abzustatten. Als erstes gehen wir zu "Zoumboulakis", Kolonakiplatz 20, wo gerade eine Gruppenausstellung griechischer Künstler gezeigt wird, darunter der weltweit bekannte Ioannis Moralis. Eine kleine minimalistische Plastik von ihm wird für 6000 Euro angeboten. Zeitgenoessische griechische und internationale Maler präsentiert die renommierte Galerie "Kalfayan" (Odos Charitos 11), zur Zeit ist dem jungen, in London lebenden Bill Balaskas eine Soloausstellung gewidmet. In beiden Galerien ist das Personal sehr freundlich und zugewandt, obwohl wir gar nichts kaufen. Das Angebot, uns per E-Mail über zukünftige Ausstellungen und Aktivitäten auf dem Laufenden zu halten, nehmen wir gerne an. Das war eine anregende, inspirierende Unterbrechung; ich habe interessante Werke von Künstlern gesehen, die ich bisher noch nicht kannte.
Meine Athener Freundin führt mich jetzt durch die Odos Voukourestiou, die exclusive Juwelierstrasse. Ein Blick in die Schaufenster zeugt von Luxus pur. Popi behauptet, man koenne nirgendwo auf der Welt schoeneren Schmuck kaufen als in Athen und ich stimme ihr zu. In der Goldschmiedekunst sind die Griechen unübertroffen. Schliesslich hat sie eine jahrtausendealte Tradition, und die häufig von antiken oder byzantinischen Vorbildern inspirierten Kreationen der Athener Top-Juweliere sind in New York inzwischen ebenso ein Begriff wie in London und Paris. Auch die Bulgari-Dynastie hat ihre Wurzeln in Griechenland. Ihr Gründer, der Silberschmied Sotirios Voulgaris, verliess seinen Geburtsort im griechischen Epirus Richtung Italien, wo er rasant Karriere machte. Sein erstes Geschäft eroeffnete er 1884 in Rom, seinen Namen änderte er in Sotirio Bulgari.
Bulgari hat zwar auch eine Filiale in der Voukourestiou, aber unser Ziel sind zwei andere Nobel-Juweliere: Zolotas, den es schon seit 1895 gibt, und Ilias Lalaounis, der Schmuckdesigner schlechthin, der sogar ein eigenes Museum unterhält (Karyatidon 4/Kallisperi 12, unterhalb der Akropolis). Die Läden der beiden Konkurrenten stehen einander gegenüber, in der Voukourestiou Ecke Panepistimiou.(Zolotas hat noch ein Geschäft in der Stadiou 9.) Die Preise für die traumhaft schoenen, edlen Goldcolliers und opulenten Armreifen liegen bei Lalaounis im fünfstelligen Bereich. Sie sind auffallend kompakt und gewichtig, das Collier, das ich in der Hand hielt, wog gefühlte 500 Gramm. Seit einigen Jahren hat Lalaounis auch eine preiswerte "junge" Kollektion aufgelegt. So kostet ein luxurioes-schlichter silberner Armreif 450 Euro. Die Preise bei Zolotas sind ähnlich. Auch Zolotas führt eine preiswerte Linie, vor allem in Silber. Besonders schoen sind die silbernen Anhänger an verschiedenfarbigen Lederbändern, sie kosten um die 120 Euro.
Was fehlt jetzt noch? Kosmetik. Im "Masticha Shop", eine Ecke weiter - Panepistimiou Ecke Kriezotou - bekommt man alle moeglichen Hautpflegeprodukte aus dem Harz des Mastixbaums, der auf der Insel Chios wächst. Diese Artikel (neben den Cremes auch Süsswaren wie Kekse, Kaugummi usw.) bekommt man nur in Athen. In der Kriezotou 7 hat die Zoumboulakis-Galerie eine Zweigstelle, wo man Grafiken z.B. von dem international bekannten Maler Alekos Fassianos und allerlei Dekoratives für die Wohnung kaufen kann.
Ein Geschäft steht noch aus: Meine Lieblingsboutique, die ich jedes Mal aufsuche, wenn ich in Athen bin. Es ist die von Ioanna Kourbela in der Plaka, Adrianou Ecke Chatzimichali. Für ein Kleid dieser talentierten Modedesignerin, die einen ganz unverkennbaren Stil vertritt, lasse ich von vornherein Platz im Koffer frei. Ihre Kleider sind einfach, aber raffiniert, ihre Trägerin sticht aus der Masse heraus. Kourbela stellt auch leicht exzentrische, aber gleichwohl alltagstaugliche Strickwaren her, die alle miteinander kombinierbar sind. Hier findet jeder sein Lieblingsstück. Und Qualität, Schnitt und Preis stimmen.
Nach so vielen Einkäufen und kulturellen Anregungen ist eine Erholungspause fällig. Wir suchen das Gartencafe hinter dem Schliemann-Haus auf, entspannen uns bei einem Glas frischgepressten Orangensaft und geniessen die Stille mitten im Zentrum der Stadt. "Die griechische Mode wird unterschätzt", resümiert meine Athener Freundin. "Trotz Mary Katrantzou und Kostas Mourkoudis."
Was braucht man als Frau am dringendsten? Schuhe natürlich. Und so bewegen wir uns als erstes schräg über den Platz in die Odos Patriarchou Ioakim zu "Kalogirou", für Schuhfans ein absolutes Muss. Neben einer Top-Auswahl an internationalen Marken wie Tods, Casadei, Prada gibt es auch Kreationen aus der eigenen Werkstatt, vor allem bildschoene Sandaletten in allen Formen und Farben mit diesem gewissen Extra. Ich kann den Stilettos aus Schlangenleder nicht widerstehen, es ist Liebe auf den ersten Blick. Sie passen perfekt und ausserdem kann man sie zu allem tragen (irgendwie muss ich den Preis ja rechtfertigen). Wer hier wider Erwarten nicht fündig wird, wird es bestimmt eine Ecke weiter in der Odos Tsakalof, bei "Prasinis", wo ein ausgesuchtes Angebot internationaler und griechischer Designer den Schuhfetischisten beglückt. Besonders in der Herstellung von Sandalen - die griechische Mythologie steht Pate - sind die Hellenen Spitzenklasse. Mit solch einem Kauf macht man nichts falsch, ausserdem kann man Schuhe nie genug haben.
Nur einige Schritte weiter, in der Tsakalof 20, schauen wir bei "Parthenis" vorbei. Orsalia Parthenis ist eine griechische Modedesignerin, deren Entwürfe extravagant-puristisch sind. Stylish und trotzdem lässig, Wohlfühlkleider sozusagen. Sie verarbeitet qualitativ hochwertige Materialien, vornehmlich reine Baumwolle, meist einfarbig, viel weiss. Totales Understatement. Ein leichtes weisses Baumwollkleid zu meinen gemusterten Schlangenledersandalen - perfekt selbst bei den heissesten Temperaturen, wenn man gar nicht mehr weiss, was man anziehen soll. Popi bricht in Bewunderungslaute aus, und ich nehme es, zumal die Preise hier sehr zivil sind. Zivil sind auch die Preise für trendigen Modeschmuck bei "Follie Follie", der ein weisses Kleid ziemlich upgraden kann (Tsakalof 6, weitere Filialen: Ermou 18 und 37 sowie Solonos 25).
Im Viertel Kolonaki gibt es nicht nur erstklassige Boutiquen, sondern auch einige alteingesessene Galerien, und wir beschliessen, ihnen einen Besuch abzustatten. Als erstes gehen wir zu "Zoumboulakis", Kolonakiplatz 20, wo gerade eine Gruppenausstellung griechischer Künstler gezeigt wird, darunter der weltweit bekannte Ioannis Moralis. Eine kleine minimalistische Plastik von ihm wird für 6000 Euro angeboten. Zeitgenoessische griechische und internationale Maler präsentiert die renommierte Galerie "Kalfayan" (Odos Charitos 11), zur Zeit ist dem jungen, in London lebenden Bill Balaskas eine Soloausstellung gewidmet. In beiden Galerien ist das Personal sehr freundlich und zugewandt, obwohl wir gar nichts kaufen. Das Angebot, uns per E-Mail über zukünftige Ausstellungen und Aktivitäten auf dem Laufenden zu halten, nehmen wir gerne an. Das war eine anregende, inspirierende Unterbrechung; ich habe interessante Werke von Künstlern gesehen, die ich bisher noch nicht kannte.
Meine Athener Freundin führt mich jetzt durch die Odos Voukourestiou, die exclusive Juwelierstrasse. Ein Blick in die Schaufenster zeugt von Luxus pur. Popi behauptet, man koenne nirgendwo auf der Welt schoeneren Schmuck kaufen als in Athen und ich stimme ihr zu. In der Goldschmiedekunst sind die Griechen unübertroffen. Schliesslich hat sie eine jahrtausendealte Tradition, und die häufig von antiken oder byzantinischen Vorbildern inspirierten Kreationen der Athener Top-Juweliere sind in New York inzwischen ebenso ein Begriff wie in London und Paris. Auch die Bulgari-Dynastie hat ihre Wurzeln in Griechenland. Ihr Gründer, der Silberschmied Sotirios Voulgaris, verliess seinen Geburtsort im griechischen Epirus Richtung Italien, wo er rasant Karriere machte. Sein erstes Geschäft eroeffnete er 1884 in Rom, seinen Namen änderte er in Sotirio Bulgari.
Bulgari hat zwar auch eine Filiale in der Voukourestiou, aber unser Ziel sind zwei andere Nobel-Juweliere: Zolotas, den es schon seit 1895 gibt, und Ilias Lalaounis, der Schmuckdesigner schlechthin, der sogar ein eigenes Museum unterhält (Karyatidon 4/Kallisperi 12, unterhalb der Akropolis). Die Läden der beiden Konkurrenten stehen einander gegenüber, in der Voukourestiou Ecke Panepistimiou.(Zolotas hat noch ein Geschäft in der Stadiou 9.) Die Preise für die traumhaft schoenen, edlen Goldcolliers und opulenten Armreifen liegen bei Lalaounis im fünfstelligen Bereich. Sie sind auffallend kompakt und gewichtig, das Collier, das ich in der Hand hielt, wog gefühlte 500 Gramm. Seit einigen Jahren hat Lalaounis auch eine preiswerte "junge" Kollektion aufgelegt. So kostet ein luxurioes-schlichter silberner Armreif 450 Euro. Die Preise bei Zolotas sind ähnlich. Auch Zolotas führt eine preiswerte Linie, vor allem in Silber. Besonders schoen sind die silbernen Anhänger an verschiedenfarbigen Lederbändern, sie kosten um die 120 Euro.
Was fehlt jetzt noch? Kosmetik. Im "Masticha Shop", eine Ecke weiter - Panepistimiou Ecke Kriezotou - bekommt man alle moeglichen Hautpflegeprodukte aus dem Harz des Mastixbaums, der auf der Insel Chios wächst. Diese Artikel (neben den Cremes auch Süsswaren wie Kekse, Kaugummi usw.) bekommt man nur in Athen. In der Kriezotou 7 hat die Zoumboulakis-Galerie eine Zweigstelle, wo man Grafiken z.B. von dem international bekannten Maler Alekos Fassianos und allerlei Dekoratives für die Wohnung kaufen kann.
Ein Geschäft steht noch aus: Meine Lieblingsboutique, die ich jedes Mal aufsuche, wenn ich in Athen bin. Es ist die von Ioanna Kourbela in der Plaka, Adrianou Ecke Chatzimichali. Für ein Kleid dieser talentierten Modedesignerin, die einen ganz unverkennbaren Stil vertritt, lasse ich von vornherein Platz im Koffer frei. Ihre Kleider sind einfach, aber raffiniert, ihre Trägerin sticht aus der Masse heraus. Kourbela stellt auch leicht exzentrische, aber gleichwohl alltagstaugliche Strickwaren her, die alle miteinander kombinierbar sind. Hier findet jeder sein Lieblingsstück. Und Qualität, Schnitt und Preis stimmen.
Nach so vielen Einkäufen und kulturellen Anregungen ist eine Erholungspause fällig. Wir suchen das Gartencafe hinter dem Schliemann-Haus auf, entspannen uns bei einem Glas frischgepressten Orangensaft und geniessen die Stille mitten im Zentrum der Stadt. "Die griechische Mode wird unterschätzt", resümiert meine Athener Freundin. "Trotz Mary Katrantzou und Kostas Mourkoudis."
Sonntag, 22. Juni 2014
Der deutsche Philhellene Wilhelm Müller. Die Odos Myllerou in Athen
Odos Myllerou - eine Müller-Strasse in Athen? Wenigstens gibt es nur eine Odos Myllerou und das ist schon einmal von Vorteil in der Hauptstadt, wo - aus welchen Gründen auch immer - oft ein Dutzend Strassen denselben Namen tragen, von Berühmtheiten wie Sokrates, Sophokles, Aristoteles oder Perikles, was das Auffinden der Adressen oftmals zu einem Problem macht. So berühmt ist Müller nun nicht, und so ist es ein leichtes, die Myllerou zu finden; noch dazu liegt sie im zentrumsnahen Stadtviertel Metaxourgio, von dem man sagt, dass es ein "aufstrebendes" ist. Das sagt man schon lange, aber zu sehen ist nichts, was diese Hoffnung rechtfertigt, ausser, dass wenige Galerien, aber viele Künstler hierher gezogen sind, vermutlich wegen der billigen Mieten in den heruntergekommenen Häusern. Sollte es eine Gentrifizierung gegeben haben, wie immer man dazu stehen mag, so ist ihr zartes Pflänzchen von der Krise im Ansatz erstickt worden.
Die Odos Myllerou ist eine Strasse wie jede andere im Umkreis, unauffällig, etwas schäbig, ohne besondere Eigenschaften. Bemerkenswert ist jedoch die Person, deren Namen sie trägt: Wilhelm Müller, 1794 in Dessau geboren und 1827, eine Woche vor seinem 33. Geburtstag, dort gestorben, ein deutscher Dichter der Romantik, Publizist, Uebersetzer (er übersetzte Christopher Marlowes "Faustus" aus dem Englischen), Redakteur, Herausgeber (bei Brockhaus), Herzoglich-Dessauischer Bibliothekar, Hofrat.
"Griechen-Mueller", wie ihn seine Zeitgenossen schon zu Lebzeiten nannten, engagierte sich leidenschaftlich in der deutschen philhellenischen Bewegung, die damals über ganz Westeuropa schwappte. Die Griechenlandbegeisterung erfasste nahezu jeden, vor allem aber Dichter und Intellektuelle, die sich dazu berufen fühlten, die jahrhundertelang unterdrückten Hellenen in ihrem Freiheitskampf gegen die Türken zu begleiten und zu unterstützen. Die herausragendste Persoenlichkeit unter ihnen war Müller, der selbst (wie auch Winckelmann) nie in Griechenland war. Ebenso wie Goethe, kam er nur bis Italien.
Von 1821, dem Beginn der nationalen Erhebung, bis kurz vor seinem frühen Tod schrieb er mehr als fünfzig "Griechenlieder", darunter "Griechenlands Hoffnung", "Hydra", "Der kleine Hydriot" und "Byron" - ein langes Gedicht über den englischen Lyriker und Philhellenen Lord Byron, den Müller verehrte und der 1824 in Mesolongi, einem Zentrum im Widerstand gegen die Türken, am Sumpffieber starb. (Lord Byron wird in Athen nicht nur durch eine Strasse, die Odos Vironas in der Plaka, sondern durch ein ganzes Stadtviertel - Vironas - geehrt.) In seinen späteren "Griechenliedern" klingt immer auch Kritik an der repressiven Politik der europäischen Grossmächte und der Kirche an. Manche seiner politisch- und gesellschaftskritischen Gedichte und Essays fielen deshalb der Zensur anheim und wurden erst lange nach seinem Tod veroeffentlicht. Verdienste erwarb er sich auch als Uebersetzer und Herausgeber neugriechischer Volkslieder.
Dem breiten Publikum ist Müller hauptsächlich durch das Volkslied "Das Wandern ist des Müllers Lust" und durch seine von Franz Schubert vertonten Liederzyklen "Die schoene Müllerin" und "Die Winterreise" bekannt. Das aus der Winterreise berühmteste Lied ist wohl "Der Lindenbaum" (Am Brunnen vor dem Tore ...). Beide waren Zeitgenossen, sind sich aber nie persoenlich begegnet. Schubert starb 1828, ein Jahr nach Müller. Er wurde nur 31 Jahre alt.
Die Griechen haben dem grossen Hellenenfreund seinen Einsatz und seine lebenslange Solidarität nie vergessen. Für das Denkmal im Dessauer Park stifteten sie den Marmor, und noch im 20. Jahrhundert war Müller so populär, dass Abordnungen aus Athen zu seinen Geburtstagen Kränze auf sein Grab legten.
Das alles ist lange her. Die Griechenlandbegeisterung hat in den Zeiten der Schuldenkrise gegenteiligen Empfindungen Platz gemacht. Die Deutschen, seit jeher verzückt und berauscht von südlicher Landschaft, Kultur und Lebenskunst, kehren erst allmählich zaghaft nach Hellas zurück. Sie fühlen sich nicht mehr willkommen, sogar von Deutschenfeindlichkeit ist die Rede. Das ist jedoch ein voellig falscher Eindruck. Auch wenn die Griechen (zu Recht) von der deutschen Politik und ebenso gehaltlosen wie verletzenden und würdelosen Schuldzuweisungen in den Medien - als "faul, korrupt", "Betrüger", "sollen sie doch ihre Inseln oder die Akropolis verkaufen" - enttäuscht sind und sich als europäischer Sündenbock fühlen: Sie leben vom Tourismus und sind nicht so toericht, sich den Ast abzusägen, auf dem sie sitzen. Sie unterscheiden genau zwischen Politikern und Normalbürgern. Die Deutschen werden - im Gegenteil - sehnsüchtig erwartet. Dennoch dürfte es einige Zeit dauern, bis die Wunden tatsächlich verheilt sind.
Heute bemüht sich die Internationale Wilhelm-Müller-Gesellschaft um das Werk des Autors. Das Land Sachsen-Anhalt vergibt alle zwei Jahre den Wilhelm-Müller-Preis an junge Literaten.
Die Odos Myllerou ist eine Strasse wie jede andere im Umkreis, unauffällig, etwas schäbig, ohne besondere Eigenschaften. Bemerkenswert ist jedoch die Person, deren Namen sie trägt: Wilhelm Müller, 1794 in Dessau geboren und 1827, eine Woche vor seinem 33. Geburtstag, dort gestorben, ein deutscher Dichter der Romantik, Publizist, Uebersetzer (er übersetzte Christopher Marlowes "Faustus" aus dem Englischen), Redakteur, Herausgeber (bei Brockhaus), Herzoglich-Dessauischer Bibliothekar, Hofrat.
"Griechen-Mueller", wie ihn seine Zeitgenossen schon zu Lebzeiten nannten, engagierte sich leidenschaftlich in der deutschen philhellenischen Bewegung, die damals über ganz Westeuropa schwappte. Die Griechenlandbegeisterung erfasste nahezu jeden, vor allem aber Dichter und Intellektuelle, die sich dazu berufen fühlten, die jahrhundertelang unterdrückten Hellenen in ihrem Freiheitskampf gegen die Türken zu begleiten und zu unterstützen. Die herausragendste Persoenlichkeit unter ihnen war Müller, der selbst (wie auch Winckelmann) nie in Griechenland war. Ebenso wie Goethe, kam er nur bis Italien.
Von 1821, dem Beginn der nationalen Erhebung, bis kurz vor seinem frühen Tod schrieb er mehr als fünfzig "Griechenlieder", darunter "Griechenlands Hoffnung", "Hydra", "Der kleine Hydriot" und "Byron" - ein langes Gedicht über den englischen Lyriker und Philhellenen Lord Byron, den Müller verehrte und der 1824 in Mesolongi, einem Zentrum im Widerstand gegen die Türken, am Sumpffieber starb. (Lord Byron wird in Athen nicht nur durch eine Strasse, die Odos Vironas in der Plaka, sondern durch ein ganzes Stadtviertel - Vironas - geehrt.) In seinen späteren "Griechenliedern" klingt immer auch Kritik an der repressiven Politik der europäischen Grossmächte und der Kirche an. Manche seiner politisch- und gesellschaftskritischen Gedichte und Essays fielen deshalb der Zensur anheim und wurden erst lange nach seinem Tod veroeffentlicht. Verdienste erwarb er sich auch als Uebersetzer und Herausgeber neugriechischer Volkslieder.
Dem breiten Publikum ist Müller hauptsächlich durch das Volkslied "Das Wandern ist des Müllers Lust" und durch seine von Franz Schubert vertonten Liederzyklen "Die schoene Müllerin" und "Die Winterreise" bekannt. Das aus der Winterreise berühmteste Lied ist wohl "Der Lindenbaum" (Am Brunnen vor dem Tore ...). Beide waren Zeitgenossen, sind sich aber nie persoenlich begegnet. Schubert starb 1828, ein Jahr nach Müller. Er wurde nur 31 Jahre alt.
Die Griechen haben dem grossen Hellenenfreund seinen Einsatz und seine lebenslange Solidarität nie vergessen. Für das Denkmal im Dessauer Park stifteten sie den Marmor, und noch im 20. Jahrhundert war Müller so populär, dass Abordnungen aus Athen zu seinen Geburtstagen Kränze auf sein Grab legten.
Das alles ist lange her. Die Griechenlandbegeisterung hat in den Zeiten der Schuldenkrise gegenteiligen Empfindungen Platz gemacht. Die Deutschen, seit jeher verzückt und berauscht von südlicher Landschaft, Kultur und Lebenskunst, kehren erst allmählich zaghaft nach Hellas zurück. Sie fühlen sich nicht mehr willkommen, sogar von Deutschenfeindlichkeit ist die Rede. Das ist jedoch ein voellig falscher Eindruck. Auch wenn die Griechen (zu Recht) von der deutschen Politik und ebenso gehaltlosen wie verletzenden und würdelosen Schuldzuweisungen in den Medien - als "faul, korrupt", "Betrüger", "sollen sie doch ihre Inseln oder die Akropolis verkaufen" - enttäuscht sind und sich als europäischer Sündenbock fühlen: Sie leben vom Tourismus und sind nicht so toericht, sich den Ast abzusägen, auf dem sie sitzen. Sie unterscheiden genau zwischen Politikern und Normalbürgern. Die Deutschen werden - im Gegenteil - sehnsüchtig erwartet. Dennoch dürfte es einige Zeit dauern, bis die Wunden tatsächlich verheilt sind.
Heute bemüht sich die Internationale Wilhelm-Müller-Gesellschaft um das Werk des Autors. Das Land Sachsen-Anhalt vergibt alle zwei Jahre den Wilhelm-Müller-Preis an junge Literaten.
Freitag, 20. Juni 2014
Die Pistazieninsel im Saronischen Golf: Aegina
Aegina ist die interessanteste Saronische Insel. Sie bietet nicht nur Sandstrand, Sonne, Meer, das haben alle Inseln, das erwartet man. Es ist die besondere Kombination aus Landschaft, Kultur und Historie, die ihren Reiz ausmacht. Jeder Schritt ist begleitet von Tradition und Geschichte, diesem ganz speziellen Griechenlandgefühl der Ehrfurcht und Ergriffenheit. Viele Künstler fühlten sich hier heimisch, vor allem Bildhauer, wie Christos Kapralos, Karina Raeck und Gerhard Marcks, neben Barlach der bedeutendste deutsche Bildhauer des 20. Jahrhunderts, der hier (in Kypseli) ein Ferienhaus besass. Marcks war zutiefst beeindruckt von der Vollkommenheit des Aphaiatempels. Einer seiner Bronzefiguren (seit 1968 in den Wallanlagen in Bremen) gab er den Namen "Liegende Aegina".
Im Gegensatz zu den drei anderen Inseln - Poros, Hydra und Spetsä - besitzt sie bedeutende antike und byzantinische Stätten, und als einzige spielte sie im Altertum eine glorreiche Rolle, als sie ein wichtiger Handelsplatz mit einer grossen Seeflotte war. In ihrer Blütezeit, im 7. Jahrhundert v. Chr., prägte sie als erste griechische Stadt Münzen, "Schildkroeten" genannt, die aufgrund weitreichender Handelsbeziehungen über den ganzen Mittelmeerraum bis hinüber zum Schwarzen Meer verbreitet waren. Mit dem Erstarken Athens nahm Aeginas wirtschaftlicher Einfluss ab, und obwohl es in der Schlacht von Salamis 480 v. Chr. an der Seite Athens gegen die Perser kämpfte, erzwang Athen Aeginas Beitritt zum Delisch-Attischen Seebund, dem es hohe Tribute entrichten musste. Zu Beginn des fast dreissigjährigen Peloponnesischen Krieges wurden die meisten Einwohner vertrieben und durch attische Kolonisten ersetzt. Von diesem Schlag konnte sich die einstmals so mächtige Insel nicht mehr erholen, sie sank in die Bedeutungslosigkeit.
Im 19. Jahrhundert, nach dem Unabhängigkeitskrieg, tauchte Aegina noch einmal kurz aus der Versenkung auf. 1828 war der Inselort neun Monate lang die erste Hauptstadt des von den Türken teilbefreiten Landes unter dem ersten Präsidenten des neuen Griechenland, Ioannis Kapodistrias. Danach fiel die Hauptstadtrolle an Nauplia, wo Kapodistrias 1831 von Fanatikern aus der Mani ermordet wurde.
Aegina hat mehrere kleinere Badeorte, doch am kurzweiligsten und interessantesten ist es im gleichnamigen Haupt- und Hafenort. An der Küstenpromenade reiht sich ein Cafe, eine Taverne an die andere. Die besten sind das "Plaza" und das "Dromaki", die ein Gespür für feine Aromen haben und die Gerichte nicht in Oel ertränken (alles, was das Meer hergibt, noch dazu preiswert und täglich frisch, servieren auch die kleinen Lokale am Fischmarkt). Im Hafenrund ankern Fischerboote und Jachten, an den Ständen gegenüber kann man frische Pistazien - gesalzen, ungesalzen, geroestet - kaufen, für die die Insel berühmt ist, oder in Honig eingelegte Pistazien im Glas, eine koestliche, hier hergestellte Spezialität, der man nur schwer widerstehen kann. Die "Pistazie von Aegina" wurde 1994 als Produkt geschützt ("geschützte Herkunftsbezeichnung"), um sie von Produkten minderer Qualität - vornehmlich aus der Türkei und dem Iran - abzuheben. Die Aegina-Pistazie ist begehrt, aber nicht billig, zwanzig Euro und mehr kostet das Kilo. Doch die Ausgabe lohnt sich, ihr Geschmack ist unvergleichlich. Rund vier Prozent der Pistazien-Welternte stammen von hier. Die Steinfrucht ist allgegenwärtig. Wenn man die Insel durchquert, fährt man kilometerweit durch satt-grüne Pistazienhaine.
Den aus Piräus Ankommenden begrüsst links vom Hafen eine einsame, acht Meter hohe Säule, Kolona genannt, ein Rest vom Apollontempel, der im 5. Jahrhundert v. Chr. die Anhoehe kroente. Bis auf die Fundamente ist nicht mehr viel zu sehen, manches ist noch unter dem Hügel versteckt. Systematisch gegraben wurde hier erst ab 1894, von 1904 bis zu seinem Tod 1907 von Adolf Furtwängler, einem der ganz grossen seines Fachs. (Das Grab Furtwänglers befindet sich auf dem Ersten Friedhof in Athen.) In den sechziger Jahren legte der Münchner Archäologe Hans Walter eine grosse prähistorische und mehrere nachfolgende Siedlungen frei. Die noch heute andauernden Grabungen, die 4000 Jahre Siedlungsgeschichte abdecken, leitet das Oesterreichische Archäologische Institut. Zahlreiche Kleinfunde sind im Grabungsmuseum ausgestellt, andere stehen im Freien. Man sieht die ganze Anlage durch den Drahtzaun hindurch, wenn man zu einem der von dichten, duftenden Pinienbäumen abgeschirmten Strände oder zu seinem Hotel geht, denn die ruhigen Mittelklassehotels am noerdlichen Ortsrand wie das "Klonos" und das benachbarte "Klonos Anna", das "Nafsika" mit herrlichen Park und einer Aussichtsterrasse über dem Meer oder das "Danai" bieten sich für einen kürzeren wie längeren Aufenthalt an. Von hier aus fussläufig erreichbar ist das Christos-Kapralos-Museum an der Küstenstrasse, das sein beeindruckendes, auf Aegina entstandenes Werk ausstellt.
Die Hauptsehenswürdigkeit Aeginas ist der zwoelf Kilometer oestlich stehende Aphaiatempel (um 500/480 v. Chr.), ein Meisterwerk dorischer Architektur. Er wurde aus heimischem Kalkstein erbaut. Nur die Dachpartien und die Giebelskulpturen bestanden aus Marmor, und zwar aus parischem, der im Altertum nur für Spitzen-Kunstwerke verwendet wurde. Den hervorragend erhaltenen, auf einer Anhoehe thronenden Tempel entdeckte 1811 zufällig der Nürnberger Architekt Carl Haller von Hallerstein. Die lichtweiss gebleichten Giebelskulpturen erwarb 1812 Ludwig I. von Bayern, damals noch Kronprinz. Hallerstein kaufte sie für ihn auf Aegina. Sie bildeten den Grundstock der Sammlungen in der Münchner Glyptothek, die Ludwig im "griechischen Stil" eigens für die "Aegineten" erbauen liess. Adolf Furtwängler leitete ab 1901 die Ausgrabung des Heiligtums.
Zum Tempel fahren mehrmals täglich Busse, deren Endstation Agia Marina ist, das zu schnell gewachsene, reizlose Touristenzentrum Aeginas. Etwa auf halber Strecke halten die Busse an der gewaltigen Kuppelkirche des Agios Nektarios. Er wurde erst 1961 heiliggesprochen und ist damit der jüngste griechisch-orthodoxe Heilige. Im Kloster hinter der Kirche lebte Nektarios bis zu seinem Tod (hat man einen Blick in den kleinen Raum geworfen, den er bewohnte, stellt sich unwillkürlich die Frage, ob ihm die überdimensionierte Kirche wohl gefallen hätte). Nur 500 Meter weiter erhebt sich der Hügel mit den Resten von Paläochora, der einstigen, um 1800 verlassenen mittelalterlichen Inselhauptstadt, in der noch rund 30 kleine, in verschiedenen Stadien des Verfalls begriffene byzantinische Kirchlein ums Ueberleben kämpfen.
Aegina ist auch für Wanderer interessant, denn es verfügt - was auf griechischen Inseln selten ist - über ein gut markiertes Netz von Wanderpfaden, auf denen man alle Doerfer und Naturschoenheiten zu Fuss erkunden kann. Einer der Wege führt durch duftende Pinienwälder auf und um den Oros herum, mit 532 Metern der hoechste Inselberg. Vom Gipfel hat man eine fantastische Sicht über das Meer. Die schoenste Zeit nicht nur zum Wandern, sondern überhaupt zum Besuch der Insel, sind das Frühjahr oder die Monate September und Oktober. Dann ist der touristische Hochsommertrubel vorüber, das Klima ist viel angenehmer als im Juli und August, es ist immer noch warm genug, um im Meer zu schwimmen und nicht zuletzt wird man überall zuvorkommend bedient. Die Insel ist zu ihrem normalen Alltag zurückgekehrt; alles geht wieder seinen ruhigen Gang.
Die Inseln im Saronischen/Argolischen Golf - Aegina, Poros, Hydra und Spetsä - werden von Fähren und Schnellbooten mehrmals am Tag angelaufen. Alle, ausgenommen das am südlichsten gelegene Spetsä, kann man auch auf einer Tageskreuzfahrt kennenlernen. Athen am nächsten liegt Aegina, das die Hauptstädter als ihren "Vorort" betrachten. Mit dem Schnellboot ist man in nur 35 Minuten dort, das Fährschiff braucht die doppelte Zeit.
Im Gegensatz zu den drei anderen Inseln - Poros, Hydra und Spetsä - besitzt sie bedeutende antike und byzantinische Stätten, und als einzige spielte sie im Altertum eine glorreiche Rolle, als sie ein wichtiger Handelsplatz mit einer grossen Seeflotte war. In ihrer Blütezeit, im 7. Jahrhundert v. Chr., prägte sie als erste griechische Stadt Münzen, "Schildkroeten" genannt, die aufgrund weitreichender Handelsbeziehungen über den ganzen Mittelmeerraum bis hinüber zum Schwarzen Meer verbreitet waren. Mit dem Erstarken Athens nahm Aeginas wirtschaftlicher Einfluss ab, und obwohl es in der Schlacht von Salamis 480 v. Chr. an der Seite Athens gegen die Perser kämpfte, erzwang Athen Aeginas Beitritt zum Delisch-Attischen Seebund, dem es hohe Tribute entrichten musste. Zu Beginn des fast dreissigjährigen Peloponnesischen Krieges wurden die meisten Einwohner vertrieben und durch attische Kolonisten ersetzt. Von diesem Schlag konnte sich die einstmals so mächtige Insel nicht mehr erholen, sie sank in die Bedeutungslosigkeit.
Im 19. Jahrhundert, nach dem Unabhängigkeitskrieg, tauchte Aegina noch einmal kurz aus der Versenkung auf. 1828 war der Inselort neun Monate lang die erste Hauptstadt des von den Türken teilbefreiten Landes unter dem ersten Präsidenten des neuen Griechenland, Ioannis Kapodistrias. Danach fiel die Hauptstadtrolle an Nauplia, wo Kapodistrias 1831 von Fanatikern aus der Mani ermordet wurde.
Aegina hat mehrere kleinere Badeorte, doch am kurzweiligsten und interessantesten ist es im gleichnamigen Haupt- und Hafenort. An der Küstenpromenade reiht sich ein Cafe, eine Taverne an die andere. Die besten sind das "Plaza" und das "Dromaki", die ein Gespür für feine Aromen haben und die Gerichte nicht in Oel ertränken (alles, was das Meer hergibt, noch dazu preiswert und täglich frisch, servieren auch die kleinen Lokale am Fischmarkt). Im Hafenrund ankern Fischerboote und Jachten, an den Ständen gegenüber kann man frische Pistazien - gesalzen, ungesalzen, geroestet - kaufen, für die die Insel berühmt ist, oder in Honig eingelegte Pistazien im Glas, eine koestliche, hier hergestellte Spezialität, der man nur schwer widerstehen kann. Die "Pistazie von Aegina" wurde 1994 als Produkt geschützt ("geschützte Herkunftsbezeichnung"), um sie von Produkten minderer Qualität - vornehmlich aus der Türkei und dem Iran - abzuheben. Die Aegina-Pistazie ist begehrt, aber nicht billig, zwanzig Euro und mehr kostet das Kilo. Doch die Ausgabe lohnt sich, ihr Geschmack ist unvergleichlich. Rund vier Prozent der Pistazien-Welternte stammen von hier. Die Steinfrucht ist allgegenwärtig. Wenn man die Insel durchquert, fährt man kilometerweit durch satt-grüne Pistazienhaine.
Den aus Piräus Ankommenden begrüsst links vom Hafen eine einsame, acht Meter hohe Säule, Kolona genannt, ein Rest vom Apollontempel, der im 5. Jahrhundert v. Chr. die Anhoehe kroente. Bis auf die Fundamente ist nicht mehr viel zu sehen, manches ist noch unter dem Hügel versteckt. Systematisch gegraben wurde hier erst ab 1894, von 1904 bis zu seinem Tod 1907 von Adolf Furtwängler, einem der ganz grossen seines Fachs. (Das Grab Furtwänglers befindet sich auf dem Ersten Friedhof in Athen.) In den sechziger Jahren legte der Münchner Archäologe Hans Walter eine grosse prähistorische und mehrere nachfolgende Siedlungen frei. Die noch heute andauernden Grabungen, die 4000 Jahre Siedlungsgeschichte abdecken, leitet das Oesterreichische Archäologische Institut. Zahlreiche Kleinfunde sind im Grabungsmuseum ausgestellt, andere stehen im Freien. Man sieht die ganze Anlage durch den Drahtzaun hindurch, wenn man zu einem der von dichten, duftenden Pinienbäumen abgeschirmten Strände oder zu seinem Hotel geht, denn die ruhigen Mittelklassehotels am noerdlichen Ortsrand wie das "Klonos" und das benachbarte "Klonos Anna", das "Nafsika" mit herrlichen Park und einer Aussichtsterrasse über dem Meer oder das "Danai" bieten sich für einen kürzeren wie längeren Aufenthalt an. Von hier aus fussläufig erreichbar ist das Christos-Kapralos-Museum an der Küstenstrasse, das sein beeindruckendes, auf Aegina entstandenes Werk ausstellt.
Die Hauptsehenswürdigkeit Aeginas ist der zwoelf Kilometer oestlich stehende Aphaiatempel (um 500/480 v. Chr.), ein Meisterwerk dorischer Architektur. Er wurde aus heimischem Kalkstein erbaut. Nur die Dachpartien und die Giebelskulpturen bestanden aus Marmor, und zwar aus parischem, der im Altertum nur für Spitzen-Kunstwerke verwendet wurde. Den hervorragend erhaltenen, auf einer Anhoehe thronenden Tempel entdeckte 1811 zufällig der Nürnberger Architekt Carl Haller von Hallerstein. Die lichtweiss gebleichten Giebelskulpturen erwarb 1812 Ludwig I. von Bayern, damals noch Kronprinz. Hallerstein kaufte sie für ihn auf Aegina. Sie bildeten den Grundstock der Sammlungen in der Münchner Glyptothek, die Ludwig im "griechischen Stil" eigens für die "Aegineten" erbauen liess. Adolf Furtwängler leitete ab 1901 die Ausgrabung des Heiligtums.
Zum Tempel fahren mehrmals täglich Busse, deren Endstation Agia Marina ist, das zu schnell gewachsene, reizlose Touristenzentrum Aeginas. Etwa auf halber Strecke halten die Busse an der gewaltigen Kuppelkirche des Agios Nektarios. Er wurde erst 1961 heiliggesprochen und ist damit der jüngste griechisch-orthodoxe Heilige. Im Kloster hinter der Kirche lebte Nektarios bis zu seinem Tod (hat man einen Blick in den kleinen Raum geworfen, den er bewohnte, stellt sich unwillkürlich die Frage, ob ihm die überdimensionierte Kirche wohl gefallen hätte). Nur 500 Meter weiter erhebt sich der Hügel mit den Resten von Paläochora, der einstigen, um 1800 verlassenen mittelalterlichen Inselhauptstadt, in der noch rund 30 kleine, in verschiedenen Stadien des Verfalls begriffene byzantinische Kirchlein ums Ueberleben kämpfen.
Aegina ist auch für Wanderer interessant, denn es verfügt - was auf griechischen Inseln selten ist - über ein gut markiertes Netz von Wanderpfaden, auf denen man alle Doerfer und Naturschoenheiten zu Fuss erkunden kann. Einer der Wege führt durch duftende Pinienwälder auf und um den Oros herum, mit 532 Metern der hoechste Inselberg. Vom Gipfel hat man eine fantastische Sicht über das Meer. Die schoenste Zeit nicht nur zum Wandern, sondern überhaupt zum Besuch der Insel, sind das Frühjahr oder die Monate September und Oktober. Dann ist der touristische Hochsommertrubel vorüber, das Klima ist viel angenehmer als im Juli und August, es ist immer noch warm genug, um im Meer zu schwimmen und nicht zuletzt wird man überall zuvorkommend bedient. Die Insel ist zu ihrem normalen Alltag zurückgekehrt; alles geht wieder seinen ruhigen Gang.
Die Inseln im Saronischen/Argolischen Golf - Aegina, Poros, Hydra und Spetsä - werden von Fähren und Schnellbooten mehrmals am Tag angelaufen. Alle, ausgenommen das am südlichsten gelegene Spetsä, kann man auch auf einer Tageskreuzfahrt kennenlernen. Athen am nächsten liegt Aegina, das die Hauptstädter als ihren "Vorort" betrachten. Mit dem Schnellboot ist man in nur 35 Minuten dort, das Fährschiff braucht die doppelte Zeit.
Mittwoch, 18. Juni 2014
Griechische Vornamen - im Land der Kostas, Makis und Takis, der Roulas, Toulas und Voulas
Nachdem im neuen Koenigreich Griechenland unter dem Wittelsbacher Otto I. die "reinste Antike wieder auferstanden" war - erhielten "Kreise, Distrikte und Gemeinden die groesstenteils seit Jahrhunderten vergessenen Ortsnamen der Antike zurück, so dass ihre Bewohner sich nun noch mehr mit den alten Hellenen identifizieren und ihr Nationalbewusstsein auch auf diese Weise stärken konnten". Diese Hinwendung zur Antike, die bald in Antikenverehrung mündete, bedeutete auch, dass viele Griechen ihren Kindern - sehr zum Verdruss der orthodoxen Kirche - altgriechische Vornamen gaben. Eingesetzt hatte diese Entwicklung bereits Anfang des 19. Jahrhunderts mit der von Auslandsgriechen (mit dem in Paris lebenden Adamantios Korais an der Spitze) in Gang gebrachten Aufklärungsbewegung, die sich stark am Hellenentum "als Sprach- und Kulturgemeinschaft" orientierte. "Die Griechen führen etwas im Schilde", schwante schon damals Ali Pascha von Epirus, als ihm zugetragen wurde, dass immer mehr kleine Achilleas, Herakles, Perikles und Aristoteles das Land bevoelkerten. Er sollte Recht behalten. Die Namen als Kassandra; sie entwickeln sich nicht unabhängig von der Geschichte und den sozialen Erfahrungen eines Volkes. Unterstützt von einem breiten Philhellenismus, "der ersten europaweiten Protest- und Solidaritätsbewegung", kam es nach mehreren misslungenen Aufständen 1821 zum erfolgreichen Freiheitskampf gegen die fast 400jährige osmanische Fremdherrschaft. Griechenland machte sich auf den Weg zum Nationalstaat.
Die altgriechische Namengebung, in der sicherlich auch das Bewusstsein einer jahrtausendealten grossen Kultur mitschwingt, hat sich bis heute erhalten. Zwar werden in der orthodox geprägten Gesellschaft noch immer zumeist christliche und seltener antike Vornamen vergeben, beide aber tauchen in den nachfolgenden Generationen kontinuierlich auf. Das liegt an der bis heute aufrecht erhaltenen Tradition, den ersten Sohn nach dem Grossvater väterlicherseits und die erste Tochter nach der Grossmutter väterlicherseits zu benennen. Entsprechend vergibt man bei den zweiten Kindern die Namen der Grosseltern mütterlicherseits. Ab dem dritten Kind hat man freie Wahl; oft entscheidet man sich allerdings für die Vornamen der Taufpaten, die in Griechenland lebenslang auch finanzielle Verpflichtungen für ihr Patenkind übernehmen. Die jungen Griechen, es sei denn, sie sind sehr traditionsverhaftet, ordnen sich diesem Brauch nicht mehr so ohne weiteres unter, sondern wählen einen Namen, der ihnen zusagt, meistens aber einen griechischen.
Ein berühmter Grieche, der Tanker-Tycoon "Ari" Onassis, trug gleich drei antike Vornamen: Aristoteles Sokrates Homer. Seine Enkelin Athina wurde nach ihrer Grossmutter benannt.
Listen der beliebtesten Jungen- und Mädchennamen, wie sie in Deutschland jedes Jahr veroeffentlicht werden, gibt es in Griechenland nicht. Wozu auch. Modenamen sind eher selten, und wenn, dann stammen sie gewoehnlich ebenfalls aus der Antike wie in den letzten Jahren Zoi und Danai, aber kaum je aus einem westlichen Land, etwa Frankreich oder dem angloamerikanischen Sprachraum. Kevins und Justins, Chantals und Jacquelines gibt es in Hellas nicht. Die Griechen bleiben bei ihren eigenen Namen, die sich inzwischen auch bei den Deutschen, die deren Bedeutung und zeitlose Schoenheit vielleicht erkannt haben, zunehmender Beliebtheit erfreuen. Jedenfalls trifft man hier neuerdings viele kleine Penelopes, Zoes, Daphnes und andere, es scheint ein neuer Trend zu sein.
Die Griechen lieben Abkürzungen und Akronyme. Gerade auch bei den Namen wird man mit einer Flut von Abkürzungen überschüttet, die den originalen Namen gar nicht mehr erkennen lassen. Bei Mädchennamen trifft man am häufigsten auf die Kurzformen Voula, Roula, Toula, Soula, Koula, hinter denen sich Vasiliki, Xanthippi, Sotiria, Argyro, Paraskevi, Anastasia, Varvara und noch so einige andere Vornamen verbergen, oder auf Litsa, Ritsa, Nitsa, Gitsa und Kitsa, die zum Beispiel für Evangelia, Pagona, Georgia, Virginia und viele weitere Namen stehen.
Die häufigsten Kurzformen bei den Jungennamen sind Makis für Efthimios, Takis, Makis oder Mitsos für Dimitrios, Sakis für Athanasios, Akis für Alexandros. Wer würde hinter Agis Agamemnon vermuten, hinter Dakis Leonidas, hinter Soulis Odysseas und hinter Fotis Theofanis? Der wohl häufigste Vorname aber ist unangefochten Konstantinos bzw. dessen Kurzform Kostas. Ein oft erzählter alter Witz lässt daran keinen Zweifel aufkommen: Ein Grieche sieht auf einer voll besuchten Platia einen Freund und ruft "Hallo Kosta" quer über den Platz. Daraufhin dreht sich mindestens die Hälfte der anwesenden Männer um.
Es gibt noch viele andere männliche und weibliche Kurzformen, belassen wir es hier bei den gebräuchlichsten. Im Kalender der Namenstage, der in den griechischen Zeitungen regelmässig veroeffentlicht wird, tauchen die Voulas und Toulas, die Takis und Makis nicht auf. Da in Hellas die Namenstage immer noch mehr als die Geburtstage gefeiert werden - obwohl letztere stark aufgeholt haben -, muss man also, um zu gratulieren, die Taufnamen wissen. Aber nicht nur das, die Sache ist komplizierter, denn manche Namen, zum Beispiel Alexandros, Anna, Kosmas, Zara, Zacharias, Loukia, kommen im Kirchenkalender mehrfach vor. Doch jede Person feiert nur einmal im Jahr. Man muss also das auf sie zutreffende Datum herausfinden. Aehnliches gilt für diejenigen, die vor oder nach Ostern Namenstag haben, wie Theodora, Zoi, Jorgos und andere. Ostern ist ein bewegliches Fest und somit sind auch die Daten der Namenstage niemals gleich. "Chronia polla" ("viele Jahre") wünscht man dem Feiernden.
Alle Zitate aus Nikolaos-Komnenos Hlepas, Ein romantisches Abenteuer, in Alexander von Bormann (Hrsg.), Ungleichzeitigkeiten der Europäischen Romantik, Würzburg 2006
Die altgriechische Namengebung, in der sicherlich auch das Bewusstsein einer jahrtausendealten grossen Kultur mitschwingt, hat sich bis heute erhalten. Zwar werden in der orthodox geprägten Gesellschaft noch immer zumeist christliche und seltener antike Vornamen vergeben, beide aber tauchen in den nachfolgenden Generationen kontinuierlich auf. Das liegt an der bis heute aufrecht erhaltenen Tradition, den ersten Sohn nach dem Grossvater väterlicherseits und die erste Tochter nach der Grossmutter väterlicherseits zu benennen. Entsprechend vergibt man bei den zweiten Kindern die Namen der Grosseltern mütterlicherseits. Ab dem dritten Kind hat man freie Wahl; oft entscheidet man sich allerdings für die Vornamen der Taufpaten, die in Griechenland lebenslang auch finanzielle Verpflichtungen für ihr Patenkind übernehmen. Die jungen Griechen, es sei denn, sie sind sehr traditionsverhaftet, ordnen sich diesem Brauch nicht mehr so ohne weiteres unter, sondern wählen einen Namen, der ihnen zusagt, meistens aber einen griechischen.
Ein berühmter Grieche, der Tanker-Tycoon "Ari" Onassis, trug gleich drei antike Vornamen: Aristoteles Sokrates Homer. Seine Enkelin Athina wurde nach ihrer Grossmutter benannt.
Listen der beliebtesten Jungen- und Mädchennamen, wie sie in Deutschland jedes Jahr veroeffentlicht werden, gibt es in Griechenland nicht. Wozu auch. Modenamen sind eher selten, und wenn, dann stammen sie gewoehnlich ebenfalls aus der Antike wie in den letzten Jahren Zoi und Danai, aber kaum je aus einem westlichen Land, etwa Frankreich oder dem angloamerikanischen Sprachraum. Kevins und Justins, Chantals und Jacquelines gibt es in Hellas nicht. Die Griechen bleiben bei ihren eigenen Namen, die sich inzwischen auch bei den Deutschen, die deren Bedeutung und zeitlose Schoenheit vielleicht erkannt haben, zunehmender Beliebtheit erfreuen. Jedenfalls trifft man hier neuerdings viele kleine Penelopes, Zoes, Daphnes und andere, es scheint ein neuer Trend zu sein.
Die Griechen lieben Abkürzungen und Akronyme. Gerade auch bei den Namen wird man mit einer Flut von Abkürzungen überschüttet, die den originalen Namen gar nicht mehr erkennen lassen. Bei Mädchennamen trifft man am häufigsten auf die Kurzformen Voula, Roula, Toula, Soula, Koula, hinter denen sich Vasiliki, Xanthippi, Sotiria, Argyro, Paraskevi, Anastasia, Varvara und noch so einige andere Vornamen verbergen, oder auf Litsa, Ritsa, Nitsa, Gitsa und Kitsa, die zum Beispiel für Evangelia, Pagona, Georgia, Virginia und viele weitere Namen stehen.
Die häufigsten Kurzformen bei den Jungennamen sind Makis für Efthimios, Takis, Makis oder Mitsos für Dimitrios, Sakis für Athanasios, Akis für Alexandros. Wer würde hinter Agis Agamemnon vermuten, hinter Dakis Leonidas, hinter Soulis Odysseas und hinter Fotis Theofanis? Der wohl häufigste Vorname aber ist unangefochten Konstantinos bzw. dessen Kurzform Kostas. Ein oft erzählter alter Witz lässt daran keinen Zweifel aufkommen: Ein Grieche sieht auf einer voll besuchten Platia einen Freund und ruft "Hallo Kosta" quer über den Platz. Daraufhin dreht sich mindestens die Hälfte der anwesenden Männer um.
Es gibt noch viele andere männliche und weibliche Kurzformen, belassen wir es hier bei den gebräuchlichsten. Im Kalender der Namenstage, der in den griechischen Zeitungen regelmässig veroeffentlicht wird, tauchen die Voulas und Toulas, die Takis und Makis nicht auf. Da in Hellas die Namenstage immer noch mehr als die Geburtstage gefeiert werden - obwohl letztere stark aufgeholt haben -, muss man also, um zu gratulieren, die Taufnamen wissen. Aber nicht nur das, die Sache ist komplizierter, denn manche Namen, zum Beispiel Alexandros, Anna, Kosmas, Zara, Zacharias, Loukia, kommen im Kirchenkalender mehrfach vor. Doch jede Person feiert nur einmal im Jahr. Man muss also das auf sie zutreffende Datum herausfinden. Aehnliches gilt für diejenigen, die vor oder nach Ostern Namenstag haben, wie Theodora, Zoi, Jorgos und andere. Ostern ist ein bewegliches Fest und somit sind auch die Daten der Namenstage niemals gleich. "Chronia polla" ("viele Jahre") wünscht man dem Feiernden.
Alle Zitate aus Nikolaos-Komnenos Hlepas, Ein romantisches Abenteuer, in Alexander von Bormann (Hrsg.), Ungleichzeitigkeiten der Europäischen Romantik, Würzburg 2006
Montag, 12. Mai 2014
Meine Hotels in Athen - vom "Nefeli" zum "Electra Palace" und zum "Grande Bretagne"
Wenn ich in Athen bin, wohne ich seit jeher am liebsten mitten im Zentrum, im Areal Sintagmaplatz - Plaka. Das Zentrum der Stadt ist klein und übersichtlich, und man kann von hier aus alle wichtigen Sehenswürdigkeiten bequem zu Fuss erreichen. Ausreisser waren im Laufe der Zeit das (erstklassige) "St. George Lykabettos" in Kolonaki, das (ultramoderne) "Fresh" in der Nähe vom Zentralmarkt sowie einige kleinere einfache Hotels in der Omonia-Gegend. Letztere sind zur Zeit aus Gründen der Sicherheit nicht zu empfehlen. Vor allem die Strassen noerdlich des Omonia-Platzes sollte man abends und nachts meiden, sie gelten als gemeingefährlich. Dann sind hier zwielichtige Gestalten unterwegs, Rauschgiftsüchtige und ihre Dealer, Obdachlose, die in dunklen Hauseingängen vor aufgegebenen Geschäften schlafen, und Kleinkriminelle.
Mein erstes Hotel in Athen war das "Nefeli" (Iperidou/Chatzimichali 2) in der neoklassischen Altstadt Plaka. Sein groesster Pluspunkt ist die Lage. Ruhig und sicher an der Ecke einer autofreien Gasse gelegen, braucht man nur etwa fünf Minuten Fussweg zum Sintagmaplatz und nur wenige Schritte zu der sich durch die ganze Plaka windenden Hauptader Odos Adrianou (Hadrianstrasse). Dort ist man sogleich mitten im Getuemmel der Läden, Tavernen, Cafes und antiken Denkmäler zu Fuessen der Akropolis. Geht man die Adrianou nach links, kommt man zum Nationalgarten, den schattigen Park, den einst Koenigin Amalia anlegte, bzw. in der entgegengesetzten Richtung über die Odos Vironos (Byronstrase) zum Akropolismuseum; biegt man in die Adrianou rechts ein, gelangt man zur Roemischen und zur Antiken Agora, wo sich ein Lokal an das andere reiht. Die Lage des "Nefeli" koennte idealer nicht sein. Weniger ideal und nicht auf der Hoehe der Zeit sind die 18 Zimmer des kleinen Familienhotels, sie sind eng, sehr karg eingerichtet und haben keine Balkone. Die Rezeption ist 24 Stunden besetzt, und die freundlichen und hilfreichen Rezeptionisten sind immer für ein Schwätzchen zu haben.
Absoluter Tiefpunkt ist das Frühstück, das beharrlich den Zeitläuften trotzt: ein Kännchen Kaffee und ein Glas absolut ungeniessbarer "Orangensaft", ein Turm aus trockenen Zwiebacken, schlappes Weissbrot, ein Stück trockener Rührkuchen, ein steinhartes Ei und eine Schmelzkäseecke. Ich nehme es inzwischen mit heiterem Humor, frage mich aber jedes Mal aufs Neue, aus welcher Quelle das Hotel wohl seine Schmelzkäsespezialität bezieht. Sie soll in den fünfziger, sechziger Jahren in Deutschland sehr beliebt gewesen sein, das weiss ich aus Erzählungen; mir ist sie nirgendwo begegnet, nur hier. Dennoch, wenn ich nur ein, zwei Tage in Athen bin, zieht es mich gelegentlich weiterhin in das gute alte "Nefeli". Warum? Vermutlich will ich mich bloss davon überzeugen, dass wenigstens hier noch alles so ist wie es immer war: Die Zeit vergeht, das "Nefeli" bleibt. Jetzt kann ich beruhigt auf meine wunderbaren Inseln fahren, die mich für die erlittene Unbill entschädigen.
Nur eine Strasse weiter, also ebenfalls günstig gelegen, steht an der Odos Nikodimou das beste Hotel der Plaka, das "Electra Palace". In der komfortablen Fünf-Sterne-Unterkunft war ich in den letzten Jahren mehrfach Gast und kann sie uneingeschränkt empfehlen. Sie hat alles, was man von einem Hotel dieser Preisklasse erwartet. Dazu gehoert ein Pool auf dem Dach mit Blick auf die Akropolis, unbestritten einer der schoensten, den man in Athen haben kann. Der Parthenon erscheint zum Greifen nah. Hier hat man die zweitausendfünfhundertjährige Vergangenheit der Stadt in ihrer hoechsten Vollendung vor Augen. Die heutige herzzerreissend jammervolle Architektur-Wüstenei Athen scheint nicht existent, die Schuldenkrise ist ganz weit weg und das unverwüstliche, unzerstoerbare ewige Athen der Antike ganz nah. Das Schoene und das Hässliche liegen in Athen eng beieinander.
Die Zimmer (viele haben Balkone mit Akropolisblick) sind behaglich-elegant eingerichtet, mit Textilien in kräftigen Mustern. Stoffe in oeden Nichtfarben wie Taupe, Mauve und Beige, wie sie heute Mode in den Hotels überall auf der Welt sind, vor allem in den besseren - langweiliges "Ton in Ton" scheint guter Geschmack zu bedeuten - kommen glücklicherweise nicht zum Einsatz. Allein schon das farbenfrohe Design sagt mir: Ich bin in Athen. Und was mitten im städtischen Steinmeer selten ist: Das "Electra Palace" hat ein Gärtchen, eine ruhige grüne Enklave, in der man sich zum Frühstück niederlässt und am Nachmittag zum Tee oder sich von anstrengenden Busexkursionen und obligaten Museumsbesuchen erholt.
Das Personal verstroemt griechische Herzlichkeit, der Barmann in der Halle erkannte mich nach längerer Abwesenheit wieder und begrüsste mich mit einem Glas gut gekühlten Weisswein - selbstverständlich auf Kosten des Hauses. Ich nahm es mit leicht schlechtem Gewissen, denn ich wohnte gar nicht im Hotel, sondern war nur vor einem Regenguss ins Trockene geflüchtet (gelobte aber sogleich im Stillen, das nächste Mal wieder im "Electra" abzusteigen).
Gelitten habe ich in zwei kleinen Plaka-Hotels nahebei, dem "Acropolis House" und dem "Byron". Beide sind nur eingeschränkt oder gar nicht zu empfehlen. Das beste am "Acropolis House" (Odos Kodrou 6) ist sein Aeusseres, die stilvoll restaurierte Fassade des neoklassizistischen Stadthauses. Sie verspricht, was das Hotel nicht einloesen kann. Ebenso wie das nahe "Nefeli" ist es ein Zwei-Sterne-Familienbetrieb, aber individueller. Hier gleicht kein Zimmer dem anderen. Allerdings sind die meisten mit zusammengewürfeltem alten oder besser altmodischem - dunklen - Grossmutter-Mobiliar vom Troedelmarkt ausgestattet bzw. recht voll gestellt, so dass die Räume trotz der schoenen hohen Decken schummrig-düster und keineswegs anheimelnd wirken. Diese Nachteile wiegen auch die Balkone mit Akropolisblick nicht auf, die manche Räume haben.
Vom "Byron" in der Odos Vironos (Byronstrasse), dessen spartanische Zimmer Hostel-Charme haben, ist ganz abzuraten. Da hilft es auch nicht, dass sie Balkon und Akropolisblick haben oder das Hotel nur zwei Minuten vom Akropolismuseum und etwa fünf von der Metrostation Akropolis entfernt ist. Für das wenige, das es bietet, ist es zu teuer, die Zimmer kosten genauso viel wie die in erheblich besseren Hotels. Das karge Frühstück wird in der lieblosen dunklen Lobby im Erdgeschoss serviert, wo an der Theke der mürrische Rezeptionist entweder gelangweilt vor sich hin doest, ins Telefon schreit oder lautstark mit Touristen streitet.
Ein Hotel der Mittelklasse nahe dem Sintagmaplatz ist das "Cypria" in der Diomiasstrase 5, einer Nebenstrasse der Ermou (Hermesstrasse), die sich vom Sintagmaplatz über Monastiraki bis nach Gazi zieht, vorbei an einem Biotop der Stille, dem grossartigen antiken Friedhof Kerameikos. Es hätte nicht viel gefehlt, und er wäre im Jahr 2000 dem Metrobau zum Opfer gefallen. Glücklicherweise haben Proteste der Archäologen und Umweltschützer diesen Frevel in letzter Minute noch verhindern koennen. Das "Cypria" ist ein Touristenhotel ohne besondere Merkmale. Aber die Zimmer sind geräumig, manche haben einen Balkon - die meisten allerdings ohne Aussicht, den Blick begrenzen die gegenüberliegenden Häuser - , das Büffetfrühstück (warme und kalte Gerichte) ist ausgezeichnet und die Lage ist bestens, besonders für eilige Touristen. Der Bus zum Flughafen hält direkt am Sintagmaplatz, ebenso die U-Bahn dorthin, und man braucht nur zwei Minuten zu Fuss. Die Zimmerpreise sind vergleichsweise günstig. Es ist unwesentlich teurer als das "Nefeli" und billiger als das "Byron", an dem nur der Name interessant ist.
Das nobelste Hotel Athens ist das berühmte "Grande Bretagne" am Sintagmaplatz. Von meinem Balkon aus blicke ich rechts auf eine Ansammlung von Menschen, die gerade vor dem Parlamentsgebäude demonstriert - man kennt die Bilder aus dem Fernsehen -, links auf den kegelfoermigen Lykabettoshügel im Stadteil Kolonaki, mit 277 Metern die hoechste Erhebung Athens. Einen grandiosen Rundumblick hat man vom Dachgarten, der auch Frühstücksterrasse ist: auf die Akropolis, auf den Athener "Hausberg" Hymettos und über die Dächer von Piräus hinunter aufs Meer, den im Sonnenlicht türkisblau glitzernden Saronischen Golf mit der Insel Salamis, wo 480 v. Chr. die berühmte Seschlacht gegen die Perser stattfand.
Das "GB" ist so alt wie der neugriechische Staat und aufs Engste mit seiner Geschichte verknüpft. Der klassizistische Bau an der Ecke zur Odos Panepistimiou (Universitätsstrasse) war nicht als Grandhotel geplant. Der reiche Triester Kaufmann Dimitriou liess ihn sich 1842/43 von Theophil Hansen, der entscheidend am Stadtbild Athens mitwirkte und später in Wien die prachtvollen Ringpaläste schuf, als Wohnpalais errichten. Nachdem das "Megaron Dimitriou" mehrere Jahre lang Gästehaus des Koenigs war - Otto I. residierte im gleichfalls 1843 fertiggestellten Schloss schräg gegenüber, dem heutigen Parlamentsitz - , beherbergte es 1856-1872 das Franzoesische Archäologische Institut. Danach wurde es zum Hotel umgebaut und 1874 glanzvoll eroeffnet, schon damals unter dem Namen "Grande Bretagne", weil die meisten Gäste britische Beamte und Geschäftsleute waren, die auf dem Weg in die Kolonien hier Station machten. Die Gästeliste ist lang und nennt illustre Namen aus Film, Kunst, Politik und Adel. Die Schriftsteller Hugo von Hofmansthal, Graham Greene, Henry Miller, Heinrich Boell und Truman Capote haben hier gewohnt, die Rothschilds, Krupps, Rockefellers und John F. Kennedy, Maria Callas mit Aristotelis Onassis natürlich, Romy Schneider mit Alain Delon und heute Pop-Groessen wie Sting und Madonna. 2014 nächtigte hier die Rechtsanwältin Amal Clooney, die Griechenland im Fall der Parthenon-Skulpturen vertritt.
Im Zweiten Weltkrieg war das Hotel nacheinander Hauptquartier der griechischen, deutschen und englischen Truppen. Winston Churchill wäre hier Weihnachten 1944 beinahe einem Anschlag zum Opfer gefallen. Erst in letzter Minute wurde der Sprengstoff, mehrere Tonnen Dynamit, der das gesamte Gebäude zerstoert hätte, im Keller und in den unterirdischen Abflussrohren entdeckt. 1951-1953 war es provisorische Unterkunft der deutschen Botschaft, und Adenauer und Heuss schrieben sich ins Gästebuch ein. 1974 regierte Konstantin Karamanlis nach dem Ende der Militärdiktatur von hier aus kurze Zeit das Land, bevor er in den Präsidentenpalast einziehen konnte. Heute bevorzugt noch immer die Politprominenz der Welt das "GB", auch die Mitglieder der verhassten "Troika", wenn sie in Athen kontrollieren, ob das Land auch seine Sparverpflichtungen eingehalten hat.
Vor den Olympischen Spielen 2004 wurde das "GB" für 80 Millionen Euro komplett renoviert. In der luxurioesen, noch von der Pracht des 19. Jahrhunderts kündenden Halle und in den edel moeblierten Zimmern (mit opulenten verschiedenfarbigen Marmorbädern) erwarten den Gast kostbare Antiquitäten - Statuen, Bilder, Gobelins und erlesene alte Teppiche -, ersteigert in internationalen Auktionshäusern. Die Ball- und Empfangssäle im Erdgeschoss bilden den Rahmen für gesellschaftliche Anlässe, Bankette und Galas der Athener Society, die in den drei Restaurants und in "Alexander's Bar" ein- und ausgeht. Auch wer nicht hier wohnt, sollte einen Blick in die Halle wagen oder im "GB Corner" speisen, wo man sehr gut essen kann und gleichzeitig einen Eindruck davon bekommt, wie die Athener Oberschicht lebt.
Mein erstes Hotel in Athen war das "Nefeli" (Iperidou/Chatzimichali 2) in der neoklassischen Altstadt Plaka. Sein groesster Pluspunkt ist die Lage. Ruhig und sicher an der Ecke einer autofreien Gasse gelegen, braucht man nur etwa fünf Minuten Fussweg zum Sintagmaplatz und nur wenige Schritte zu der sich durch die ganze Plaka windenden Hauptader Odos Adrianou (Hadrianstrasse). Dort ist man sogleich mitten im Getuemmel der Läden, Tavernen, Cafes und antiken Denkmäler zu Fuessen der Akropolis. Geht man die Adrianou nach links, kommt man zum Nationalgarten, den schattigen Park, den einst Koenigin Amalia anlegte, bzw. in der entgegengesetzten Richtung über die Odos Vironos (Byronstrase) zum Akropolismuseum; biegt man in die Adrianou rechts ein, gelangt man zur Roemischen und zur Antiken Agora, wo sich ein Lokal an das andere reiht. Die Lage des "Nefeli" koennte idealer nicht sein. Weniger ideal und nicht auf der Hoehe der Zeit sind die 18 Zimmer des kleinen Familienhotels, sie sind eng, sehr karg eingerichtet und haben keine Balkone. Die Rezeption ist 24 Stunden besetzt, und die freundlichen und hilfreichen Rezeptionisten sind immer für ein Schwätzchen zu haben.
Absoluter Tiefpunkt ist das Frühstück, das beharrlich den Zeitläuften trotzt: ein Kännchen Kaffee und ein Glas absolut ungeniessbarer "Orangensaft", ein Turm aus trockenen Zwiebacken, schlappes Weissbrot, ein Stück trockener Rührkuchen, ein steinhartes Ei und eine Schmelzkäseecke. Ich nehme es inzwischen mit heiterem Humor, frage mich aber jedes Mal aufs Neue, aus welcher Quelle das Hotel wohl seine Schmelzkäsespezialität bezieht. Sie soll in den fünfziger, sechziger Jahren in Deutschland sehr beliebt gewesen sein, das weiss ich aus Erzählungen; mir ist sie nirgendwo begegnet, nur hier. Dennoch, wenn ich nur ein, zwei Tage in Athen bin, zieht es mich gelegentlich weiterhin in das gute alte "Nefeli". Warum? Vermutlich will ich mich bloss davon überzeugen, dass wenigstens hier noch alles so ist wie es immer war: Die Zeit vergeht, das "Nefeli" bleibt. Jetzt kann ich beruhigt auf meine wunderbaren Inseln fahren, die mich für die erlittene Unbill entschädigen.
Nur eine Strasse weiter, also ebenfalls günstig gelegen, steht an der Odos Nikodimou das beste Hotel der Plaka, das "Electra Palace". In der komfortablen Fünf-Sterne-Unterkunft war ich in den letzten Jahren mehrfach Gast und kann sie uneingeschränkt empfehlen. Sie hat alles, was man von einem Hotel dieser Preisklasse erwartet. Dazu gehoert ein Pool auf dem Dach mit Blick auf die Akropolis, unbestritten einer der schoensten, den man in Athen haben kann. Der Parthenon erscheint zum Greifen nah. Hier hat man die zweitausendfünfhundertjährige Vergangenheit der Stadt in ihrer hoechsten Vollendung vor Augen. Die heutige herzzerreissend jammervolle Architektur-Wüstenei Athen scheint nicht existent, die Schuldenkrise ist ganz weit weg und das unverwüstliche, unzerstoerbare ewige Athen der Antike ganz nah. Das Schoene und das Hässliche liegen in Athen eng beieinander.
Die Zimmer (viele haben Balkone mit Akropolisblick) sind behaglich-elegant eingerichtet, mit Textilien in kräftigen Mustern. Stoffe in oeden Nichtfarben wie Taupe, Mauve und Beige, wie sie heute Mode in den Hotels überall auf der Welt sind, vor allem in den besseren - langweiliges "Ton in Ton" scheint guter Geschmack zu bedeuten - kommen glücklicherweise nicht zum Einsatz. Allein schon das farbenfrohe Design sagt mir: Ich bin in Athen. Und was mitten im städtischen Steinmeer selten ist: Das "Electra Palace" hat ein Gärtchen, eine ruhige grüne Enklave, in der man sich zum Frühstück niederlässt und am Nachmittag zum Tee oder sich von anstrengenden Busexkursionen und obligaten Museumsbesuchen erholt.
Das Personal verstroemt griechische Herzlichkeit, der Barmann in der Halle erkannte mich nach längerer Abwesenheit wieder und begrüsste mich mit einem Glas gut gekühlten Weisswein - selbstverständlich auf Kosten des Hauses. Ich nahm es mit leicht schlechtem Gewissen, denn ich wohnte gar nicht im Hotel, sondern war nur vor einem Regenguss ins Trockene geflüchtet (gelobte aber sogleich im Stillen, das nächste Mal wieder im "Electra" abzusteigen).
Gelitten habe ich in zwei kleinen Plaka-Hotels nahebei, dem "Acropolis House" und dem "Byron". Beide sind nur eingeschränkt oder gar nicht zu empfehlen. Das beste am "Acropolis House" (Odos Kodrou 6) ist sein Aeusseres, die stilvoll restaurierte Fassade des neoklassizistischen Stadthauses. Sie verspricht, was das Hotel nicht einloesen kann. Ebenso wie das nahe "Nefeli" ist es ein Zwei-Sterne-Familienbetrieb, aber individueller. Hier gleicht kein Zimmer dem anderen. Allerdings sind die meisten mit zusammengewürfeltem alten oder besser altmodischem - dunklen - Grossmutter-Mobiliar vom Troedelmarkt ausgestattet bzw. recht voll gestellt, so dass die Räume trotz der schoenen hohen Decken schummrig-düster und keineswegs anheimelnd wirken. Diese Nachteile wiegen auch die Balkone mit Akropolisblick nicht auf, die manche Räume haben.
Vom "Byron" in der Odos Vironos (Byronstrasse), dessen spartanische Zimmer Hostel-Charme haben, ist ganz abzuraten. Da hilft es auch nicht, dass sie Balkon und Akropolisblick haben oder das Hotel nur zwei Minuten vom Akropolismuseum und etwa fünf von der Metrostation Akropolis entfernt ist. Für das wenige, das es bietet, ist es zu teuer, die Zimmer kosten genauso viel wie die in erheblich besseren Hotels. Das karge Frühstück wird in der lieblosen dunklen Lobby im Erdgeschoss serviert, wo an der Theke der mürrische Rezeptionist entweder gelangweilt vor sich hin doest, ins Telefon schreit oder lautstark mit Touristen streitet.
Ein Hotel der Mittelklasse nahe dem Sintagmaplatz ist das "Cypria" in der Diomiasstrase 5, einer Nebenstrasse der Ermou (Hermesstrasse), die sich vom Sintagmaplatz über Monastiraki bis nach Gazi zieht, vorbei an einem Biotop der Stille, dem grossartigen antiken Friedhof Kerameikos. Es hätte nicht viel gefehlt, und er wäre im Jahr 2000 dem Metrobau zum Opfer gefallen. Glücklicherweise haben Proteste der Archäologen und Umweltschützer diesen Frevel in letzter Minute noch verhindern koennen. Das "Cypria" ist ein Touristenhotel ohne besondere Merkmale. Aber die Zimmer sind geräumig, manche haben einen Balkon - die meisten allerdings ohne Aussicht, den Blick begrenzen die gegenüberliegenden Häuser - , das Büffetfrühstück (warme und kalte Gerichte) ist ausgezeichnet und die Lage ist bestens, besonders für eilige Touristen. Der Bus zum Flughafen hält direkt am Sintagmaplatz, ebenso die U-Bahn dorthin, und man braucht nur zwei Minuten zu Fuss. Die Zimmerpreise sind vergleichsweise günstig. Es ist unwesentlich teurer als das "Nefeli" und billiger als das "Byron", an dem nur der Name interessant ist.
Das nobelste Hotel Athens ist das berühmte "Grande Bretagne" am Sintagmaplatz. Von meinem Balkon aus blicke ich rechts auf eine Ansammlung von Menschen, die gerade vor dem Parlamentsgebäude demonstriert - man kennt die Bilder aus dem Fernsehen -, links auf den kegelfoermigen Lykabettoshügel im Stadteil Kolonaki, mit 277 Metern die hoechste Erhebung Athens. Einen grandiosen Rundumblick hat man vom Dachgarten, der auch Frühstücksterrasse ist: auf die Akropolis, auf den Athener "Hausberg" Hymettos und über die Dächer von Piräus hinunter aufs Meer, den im Sonnenlicht türkisblau glitzernden Saronischen Golf mit der Insel Salamis, wo 480 v. Chr. die berühmte Seschlacht gegen die Perser stattfand.
Das "GB" ist so alt wie der neugriechische Staat und aufs Engste mit seiner Geschichte verknüpft. Der klassizistische Bau an der Ecke zur Odos Panepistimiou (Universitätsstrasse) war nicht als Grandhotel geplant. Der reiche Triester Kaufmann Dimitriou liess ihn sich 1842/43 von Theophil Hansen, der entscheidend am Stadtbild Athens mitwirkte und später in Wien die prachtvollen Ringpaläste schuf, als Wohnpalais errichten. Nachdem das "Megaron Dimitriou" mehrere Jahre lang Gästehaus des Koenigs war - Otto I. residierte im gleichfalls 1843 fertiggestellten Schloss schräg gegenüber, dem heutigen Parlamentsitz - , beherbergte es 1856-1872 das Franzoesische Archäologische Institut. Danach wurde es zum Hotel umgebaut und 1874 glanzvoll eroeffnet, schon damals unter dem Namen "Grande Bretagne", weil die meisten Gäste britische Beamte und Geschäftsleute waren, die auf dem Weg in die Kolonien hier Station machten. Die Gästeliste ist lang und nennt illustre Namen aus Film, Kunst, Politik und Adel. Die Schriftsteller Hugo von Hofmansthal, Graham Greene, Henry Miller, Heinrich Boell und Truman Capote haben hier gewohnt, die Rothschilds, Krupps, Rockefellers und John F. Kennedy, Maria Callas mit Aristotelis Onassis natürlich, Romy Schneider mit Alain Delon und heute Pop-Groessen wie Sting und Madonna. 2014 nächtigte hier die Rechtsanwältin Amal Clooney, die Griechenland im Fall der Parthenon-Skulpturen vertritt.
Im Zweiten Weltkrieg war das Hotel nacheinander Hauptquartier der griechischen, deutschen und englischen Truppen. Winston Churchill wäre hier Weihnachten 1944 beinahe einem Anschlag zum Opfer gefallen. Erst in letzter Minute wurde der Sprengstoff, mehrere Tonnen Dynamit, der das gesamte Gebäude zerstoert hätte, im Keller und in den unterirdischen Abflussrohren entdeckt. 1951-1953 war es provisorische Unterkunft der deutschen Botschaft, und Adenauer und Heuss schrieben sich ins Gästebuch ein. 1974 regierte Konstantin Karamanlis nach dem Ende der Militärdiktatur von hier aus kurze Zeit das Land, bevor er in den Präsidentenpalast einziehen konnte. Heute bevorzugt noch immer die Politprominenz der Welt das "GB", auch die Mitglieder der verhassten "Troika", wenn sie in Athen kontrollieren, ob das Land auch seine Sparverpflichtungen eingehalten hat.
Vor den Olympischen Spielen 2004 wurde das "GB" für 80 Millionen Euro komplett renoviert. In der luxurioesen, noch von der Pracht des 19. Jahrhunderts kündenden Halle und in den edel moeblierten Zimmern (mit opulenten verschiedenfarbigen Marmorbädern) erwarten den Gast kostbare Antiquitäten - Statuen, Bilder, Gobelins und erlesene alte Teppiche -, ersteigert in internationalen Auktionshäusern. Die Ball- und Empfangssäle im Erdgeschoss bilden den Rahmen für gesellschaftliche Anlässe, Bankette und Galas der Athener Society, die in den drei Restaurants und in "Alexander's Bar" ein- und ausgeht. Auch wer nicht hier wohnt, sollte einen Blick in die Halle wagen oder im "GB Corner" speisen, wo man sehr gut essen kann und gleichzeitig einen Eindruck davon bekommt, wie die Athener Oberschicht lebt.
Mittwoch, 30. April 2014
Koenig Otto von Griechenland und das "Museum der Stadt Athen"
Griechenland hat mehr archäologische und historische Museen als jedes andere europäische Land, ein Hinweis auf sein jahrtausendealtes kulturelles Erbe. Eines davon ist das Koenig-Otto-Haus im Zentrum Athens, das offiziell den nichtssagenden Namen "Museum der Stadt Athen" trägt, wohl weil die Bayernherrschaft, die "Vavarokratia", bis heute bei den Griechen in keinem guten Ansehen steht. Kaum etwas in der Hauptstadt erinnert an den ersten Koenig von Griechenland. Lediglich die Suedbegrenzung des zentralen Sintagmaplatzes, die Odos Othon (Ottostrasse), gerade mal fünf Häuserblocks kurz und als eigenständige Strasse kaum wahrzunehmen, gedenkt seiner. Kein Denkmal ehrt ihn - und das in einem Land, in dem jedes Dorf seine Lokalhelden in pompoes-marmornen Standbildern verewigt.
Dass im Erdgeschoss des ersten Wohnsitzes Ottos ausschliesslich Ansichten zur Stadtgeschichte Athens, meist Gemälde und Drucke aus dem 18. und 19. Jahrhundert sowie das auf dem Entwurf von Eduard Schaubert und Stamatis Kleanthis basierende Stadtmodell zu sehen sind, rechtfertigt den Namen "Stadtmuseum" jedenfalls nicht. Beide Architekten, gute Freunde, hatten bei Karl Friedrich Schinkel an der Berliner Bauakademie studiert und kamen nach 1834, als Athen auf Drängen Ludwigs I. Hauptstadt des neuen griechischen Staates wurde und ein beispielloser Bauboom einsetzte, hierher, um das heruntergekommene, nur noch rund 6000 Einwohner zählende Dorf in eine präsentable Residenzstadt zu verwandeln. In den folgenden Jahren entwickelte sich Athen in eine bildschoene Stadt - mit knapp 27 000 Einwohnern 1840 -, die in schmucken klassizistischen Häusern wohnten. Das änderte sich mit der Anfang des 20. Jahrhunderts einsetzenden Landflucht und den 1922 aus Kleinasien vertriebenen 1,5 Millionen Griechen ("Kleinasiatische Katastrophe"), von denen die meisten in Athen Zuflucht suchten. Athen wuchs zu schnell und unkontrolliert. Die schoene Architektur wurde ohne Not hemmungslos abgerissen und die Stadt mit hässlichen Wohnblocks ueberzogen. Und viele der Häuser, die den Kahlschlag ueberlebt haben, verfallen heute, weil kein Geld fuer eine Sanierung da ist.
Auf Otto von Wittelsbach, zweitgeborener Sohn Ludwigs I. von Bayern, den die europäischen Grossmächte England, Frankreich und Russland nach dem Ende des Befreiungskrieges vom Osmanischen Reich (1821-29) als ersten Koenig des modernen Griechenland eingesetzt hatten (mit Zustimmung der Griechischen Nationalversammlung im Juli 1832) und der es fast 30 Jahre lang, von 1833 bis 1862, regierte, weist lediglich eine kleine Tafel am Museumseingang hin, noch dazu in griechischen Lettern, die als Information für den Normaltouristen wenig hilfreich sein duerfte und wohl mit ein Grund dafür ist, dass Besucher rar sind - hoechstens 20 sollen es an guten Tagen sein, die sich in aller Ruhe den Sammlungen widmen koennen. Athen hält sich also bedeckt, und man weiss nicht unbedingt, was einen erwartet, wenn man das bescheidene einstoeckige Haus am Klafthmonosplatz betritt noch, was es einmal darstellte, nämlich die erste Residenz des jungen Monarchen in Athen.
Von Bord der britischen Fregatte "Madagaskar" betritt Otto als Siebzehnjähriger am 6. Februar 1833 in der peloponnesischen Hafenstadt Nauplia erstmals griechischen Boden, jubelnd empfangen von der Bevoelkerung, die grosse Hoffnungen in den jungen Koenig setzt. Doch die Realität konnte schlimmer nicht sein: Der minderjährige Monarch und sein dreikoepfiger Regentschaftsrat finden ein von jahrhundertelanger Fremdherrschaft und anschliessendem Buergerkrieg verwüstetes Land sowie anarchische gesellschaftliche Zustände vor. Die finanzielle Situation ist desolat, die wirtschaftliche Lage katastrophal. Der einzige florierende Wirtschaftszweig ist die Piraterie, von der ganze Inseln leben. Aus diesem Chaos ein einigermassen geordnetes Staatswesen zu formen, bedeutete eine Herkulesarbeit, die die Grossmächte wohl nur allzu gerne den Deutschen ueberliessen. Mehrfach stand das finanzschwache junge Koenigreich kurz vor dem Bankrott, auch, weil die Alliierten ihre finanziellen Zusagen nicht einhielten. Ludwig muss einspringen. Er leiht Athen fast zwei Millionen Gulden und bringt sich damit in grosse Schwierigkeiten, weil er den Bayerischen Landtag nicht eingeweiht hat und Otto die Anleihe nicht zurueckzahlen kann.
Die anfängliche Begeisterung schwindet denn auch schnell - auf beiden Seiten. "Die - ohnehin ueberhoehten - Erwartungen einer schnellen Angleichung an die 'fortgeschrittenen Länder des Westens' hatten sich nicht erfuellt." Und Otto hatte, wie wohl die meisten europäischen "Graecomanen" mit Ludwig I. an ihrer Spitze, beeinflusst vom romantisch verklärten Blick eines Winckelmann und Hoelderlin, ganz andere Griechen im Kopf. Dennoch, trotz herber Enttäuschungen blieben er wie auch sein Vater, der Muenchen zu einem Isar-Athen gestaltete, bis an ihr Lebensende ueberzeugte Philhellenen.
Obwohl Otto I. gutwillig war und die besten Absichten fuer ein "neues Hellas", den Eintritt Griechenlands in die Moderne, hatte, machte er Fehler, die nicht geeignet waren, die Barrieren zu den Griechen abzubauen. Zu lange regierte er absolutistisch. Doch der autoritäre Regierungsstil weckte anfangs auch gar keinen Widerstand, weil sich die Griechen durch einen ausländischen Koenig die Unterstuetzung der europäischen Mächte sichern wollten und auf Befriedung im Innern hofften. Erst die Revolte einer konstitutionellen Bewegung im September 1843 bahnte den Weg zur konstitutionellen Monarchie, und im Jahr darauf, im Maerz 1944, gestand der Koenig vom Balkon seines Palastes dem Volk die geforderte Verfassung zu. Seitdem heisst der Platz vor dem Schloss, dem heutigen Parlamentsgebäude, Platia Sintagmatos (Verfassungsplatz). Auf wenig Verständnis stiess auch, dass er und Amalia nicht zum griechisch-orthodoxen Glauben uebertraten. Nachteilig fuer den wackligen Thron des "katholischen Koenigs" war ferner, dass die Ehe kinderlos blieb.
Zweifellos hat Griechenland während der Herrschaft Ottos den Anschluss an Westeuropa gefunden. Die bayerischen Reformer trieben die Modernisierung des Landes voran und schufen eine effektive Verwaltung und Rechtsprechung nach bayerischem Modell, ein Militär-, Medizin- und Bildungswesen; ein auch nur halbwegs funktionierendes Steuersystem zu etablieren, speziell auf dem Lande, gelang jedoch nicht. "Trotz seiner offensichtlichen Organisationsschwäche konnte der junge griechische Staat ... die Schulpflicht im Bildungssystem sowie die Dienstpflicht fuers Militär durchsetzen und damit die ideologisch-kulturelle Homogenisierung der Gesellschaft energisch vorantreiben" konstatiert der Politikwissenschaftler Nikos Hlepas (Wuerzburg 2006). Bereits 1834 wurde das von Wilhelm von Weiler erbaute Militärhospital eroeffnet, 1837 die ("ueberdimensionierte") Ottonische Universität gegruendet, an der anfangs vornehmlich bayerische Professoren lehrten, es folgten die Griechische Nationalbank, die Akademie der Wissenschaften, das Archäologische Nationalmuseum, die Sternwarte, die Augenklinik, mehrere hundert Schulen sowie der Nationalgarten, noch heute die gruene Lunge im Zentrum Athens, das mit Gruenflächen nicht eben gesegnet ist. Einen Grossteil der Kosten trug Ludwig I. von Bayern. Otto versuchte - so Nikos Hlepas - Athen zum "gesamtgriechischen Zentrum fuer Politik, Bildung und Kultur ... zu etablieren. Diese Stadt symbolisierte ferner die erfolgreiche Einverleibung der zunehmend populären Antike in die nationale Identität." Dass die Akropolis erhalten blieb und restauriert wurde - unter Leitung des deutschen Archäologen Ludwig Ross - sowie einige byzantinische Kirchen wie die Kapnikarea in der Ermou-Strasse nicht abgerissen wurden, ist das Verdienst der Wittelsbacher.
Mit seiner Frau Amalia von Oldenburg, die er am 10. November 1836 in Oldenburg geheiratet hatte - die Griechen erfuhren davon erst vier Wochen später aus der Zeitung - wohnte er sieben Jahre lang, zwischen 1836 und 1843, unter sehr beengten Verhältnissen im Vouros-Haus, bis das von Friedrich von Gaertner entworfene fruehklassizistische Schloss, das heutige Parlamentsgebäude am Sintagmaplatz, vollendet war. Den Grundstein legte Ludwig I., der 1835-36 Hellas bereiste.
Ottos erste Residenz hatten die beiden Architekten Gustav Adolph Lüders und Joseph Hoffer 1833 als Privathaus für den Bankier Stamatios Dekozis-Vouros erbaut. Sein Erbe Konstantinos Dekozis-Vouris liess eine Generation später, 1859, das benachbarte Haus als Familiensitz errichten. Es ist mit dem "alten Palast" durch einen Uebergang verbunden und - obwohl ebenfalls Teil des "Museums der Stadt Athen" - als Vouros-Evtaxias-Museum besser bekannt. Das trifft fuer den "Otto-Teil" nicht zu, er existiert nicht als selbständige Einheit, als wäre der Name ein Tabu.
Im ersten Stockwerk sind die - fuenf - Räume so wiedererstanden, wie sie damals waren. Sie sind klein, wohnlich und schlicht, und auch die Einrichtung ist bescheiden. Einer davon ist der "Thronsaal" - eher ein Thronzimmerchen mit einer Art Thronstuhl auf einem erhoehten Podest -, daneben Ottos Arbeitsraum mit Porträts seines Vaters Ludwig I. und seines Grossvaters Maximilian I. sowie einer Kopie der Verfassung von 1843. Das Original befindet sich im Parlamentsgebäude. Auch die Privaträume des Paares gegenueber sind mit den Originalmoebeln ausgestattet, darunter dem Spinett, auf dem Amalia musizierte, und einem Tisch mit Tavli-Spiel, dem typisch griechischen Brettspiel, das der Koenig erlernte. In allen Zimmern hängen Stiche, die Bezug zum Leben ihrer einstigen Bewohner haben.
1862 setzten die Griechen Otto, der immerhin fast dreissig Jahre auf dem Thron sass, ab - auf einem englischen Schiff verliess das Koenigspaar das Land und kehrte nach Bayern zurueck. Fortan lebten die beiden in der fuerstbischoeflichen Residenz in Bamberg. Mit einem kleinen griechischen Hofstaat versuchten sie, ihre Athener Lebensumwelt aufrecht zu erhalten. Offizielle Hofgarderobe waren Trachten aus den verschiedenen Gegenden Griechenlands wie auch die Nationaltracht mit der Fustanella. Die abendliche Konversation erfolgte auschliesslich auf Griechisch, das Otto und Amalia vollendet beherrschten.
Obwohl man ihn ins Exil getrieben hatte, fuehlte sich Otto Griechenland noch immer so verbunden, dass er 1866 mit seiner gesamten Jahresapanage die gegen das tuerkische Joch kämpfenden kretischen Aufständischen unterstuetzte - Kreta gelangte erst 1912/13 an Griechenland. Wie sehr er Griechenland liebte, bezeugen noch seine letzten Worte auf dem Totenbett: "Griechenland, mein Griechenland, mein liebes Griechenland". Mit dieser sehnsuchtsvollen Offenbarung verschied er am 26. Juli 1867. Amalia ueberlebte ihn um acht Jahre. Das Koenigspaar ruht heute in der Fuerstenkrypta der Wittelsbacher in der Theatinerkirche in Muenchen.
Trotz mancher Fehlentwicklungen, entstanden durch gegenseitige Missverständnisse und oftmals unrealistische Ansprueche, trotz innerer wie äusserer Zwänge, dem letztlichen Scheitern der Wittelsbacher Herrschaft, hat Griechenland seinem ersten Koenig und dessen Vater viel zu verdanken. Nicht nur haben sie die institutionellen Grundlagen des modernen griechischen Staates gelegt - Ludwig hatte sich auch "als erster unter den europäischen Koenigen fuer die griechische Unabhängigkeit eingesetzt und den neuen Staat offiziell anerkannt". Er unterstuetzte die Aufständischen bereits 1821, also gleich zu Beginn des Freiheitskampfes, mit allen erdenklichen Mitteln: durch namhafte Geldbeträge aus seinem Privatvermoegen, dann, indem er Freiwillige unter dem bayerischen General Karl von Heydeck nach Hellas entsandte, er Geld- und Lebensmittelspenden fuer die notleidende Bevoelkerung sammelte, Wohltaetigkeitsveranstaltungen organisierte und schliesslich unermuedlich fuer eine breite oeffentliche Anteilnahme am Schicksal der Griechen in Bayern warb. Ausserdem stellte er direkte persoenliche Beziehungen von Athen nach Muenchen her. Junge Griechen besuchten auf Kosten Ludwigs und des bayerischen Philhellenenvereins das Griechische Lyzeum oder die Kadettenanstalt, um mit den hier erworbenen Kenntnissen am Aufbau des jungen Staates mitzuwirken. Viele von ihnen machten später in Hellas Karriere.
Alle diese Leistungen sind nicht hoch genug einzuschätzen. Sie scheinen in Griechenland in Vergessenheit geraten zu sein. Angemessene Anerkennung haben sie dort nicht erfahren.
Eines haben die Bayern den Griechen uebrigens nicht gebracht, auch wenn man das in verschiedenen Veroeffentlichungen immer wieder liest: das Blau-Weiss der griechischen Flagge. Die Farbgebung wurde von der ersten Nationalversammlung bestimmt, die 1822 in Epidaurus zusammentrat. Otto kam erst zehn Jahre später nach Hellas. "Die blaue Fahne mit dem griechisch-orthodoxen Kreuz war ein Gegenbild der roten Fahne mit dem osmanisch-byzantinischen Halbmond, genauso wie der neue griechische Staat in vielerlei Hinsicht ein Gegenstueck zum Osmanischen Reich darstellen sollte" (Nikos Hlepas).
Alle Zitate aus: Nikos Hlepas, Ein romantisches Abenteuer, in: Alexander von Bormann (Hg.), Ungleichzeitigkeiten der Europäischen Romantik, Wuerzburg 206.
Dass im Erdgeschoss des ersten Wohnsitzes Ottos ausschliesslich Ansichten zur Stadtgeschichte Athens, meist Gemälde und Drucke aus dem 18. und 19. Jahrhundert sowie das auf dem Entwurf von Eduard Schaubert und Stamatis Kleanthis basierende Stadtmodell zu sehen sind, rechtfertigt den Namen "Stadtmuseum" jedenfalls nicht. Beide Architekten, gute Freunde, hatten bei Karl Friedrich Schinkel an der Berliner Bauakademie studiert und kamen nach 1834, als Athen auf Drängen Ludwigs I. Hauptstadt des neuen griechischen Staates wurde und ein beispielloser Bauboom einsetzte, hierher, um das heruntergekommene, nur noch rund 6000 Einwohner zählende Dorf in eine präsentable Residenzstadt zu verwandeln. In den folgenden Jahren entwickelte sich Athen in eine bildschoene Stadt - mit knapp 27 000 Einwohnern 1840 -, die in schmucken klassizistischen Häusern wohnten. Das änderte sich mit der Anfang des 20. Jahrhunderts einsetzenden Landflucht und den 1922 aus Kleinasien vertriebenen 1,5 Millionen Griechen ("Kleinasiatische Katastrophe"), von denen die meisten in Athen Zuflucht suchten. Athen wuchs zu schnell und unkontrolliert. Die schoene Architektur wurde ohne Not hemmungslos abgerissen und die Stadt mit hässlichen Wohnblocks ueberzogen. Und viele der Häuser, die den Kahlschlag ueberlebt haben, verfallen heute, weil kein Geld fuer eine Sanierung da ist.
Auf Otto von Wittelsbach, zweitgeborener Sohn Ludwigs I. von Bayern, den die europäischen Grossmächte England, Frankreich und Russland nach dem Ende des Befreiungskrieges vom Osmanischen Reich (1821-29) als ersten Koenig des modernen Griechenland eingesetzt hatten (mit Zustimmung der Griechischen Nationalversammlung im Juli 1832) und der es fast 30 Jahre lang, von 1833 bis 1862, regierte, weist lediglich eine kleine Tafel am Museumseingang hin, noch dazu in griechischen Lettern, die als Information für den Normaltouristen wenig hilfreich sein duerfte und wohl mit ein Grund dafür ist, dass Besucher rar sind - hoechstens 20 sollen es an guten Tagen sein, die sich in aller Ruhe den Sammlungen widmen koennen. Athen hält sich also bedeckt, und man weiss nicht unbedingt, was einen erwartet, wenn man das bescheidene einstoeckige Haus am Klafthmonosplatz betritt noch, was es einmal darstellte, nämlich die erste Residenz des jungen Monarchen in Athen.
Von Bord der britischen Fregatte "Madagaskar" betritt Otto als Siebzehnjähriger am 6. Februar 1833 in der peloponnesischen Hafenstadt Nauplia erstmals griechischen Boden, jubelnd empfangen von der Bevoelkerung, die grosse Hoffnungen in den jungen Koenig setzt. Doch die Realität konnte schlimmer nicht sein: Der minderjährige Monarch und sein dreikoepfiger Regentschaftsrat finden ein von jahrhundertelanger Fremdherrschaft und anschliessendem Buergerkrieg verwüstetes Land sowie anarchische gesellschaftliche Zustände vor. Die finanzielle Situation ist desolat, die wirtschaftliche Lage katastrophal. Der einzige florierende Wirtschaftszweig ist die Piraterie, von der ganze Inseln leben. Aus diesem Chaos ein einigermassen geordnetes Staatswesen zu formen, bedeutete eine Herkulesarbeit, die die Grossmächte wohl nur allzu gerne den Deutschen ueberliessen. Mehrfach stand das finanzschwache junge Koenigreich kurz vor dem Bankrott, auch, weil die Alliierten ihre finanziellen Zusagen nicht einhielten. Ludwig muss einspringen. Er leiht Athen fast zwei Millionen Gulden und bringt sich damit in grosse Schwierigkeiten, weil er den Bayerischen Landtag nicht eingeweiht hat und Otto die Anleihe nicht zurueckzahlen kann.
Die anfängliche Begeisterung schwindet denn auch schnell - auf beiden Seiten. "Die - ohnehin ueberhoehten - Erwartungen einer schnellen Angleichung an die 'fortgeschrittenen Länder des Westens' hatten sich nicht erfuellt." Und Otto hatte, wie wohl die meisten europäischen "Graecomanen" mit Ludwig I. an ihrer Spitze, beeinflusst vom romantisch verklärten Blick eines Winckelmann und Hoelderlin, ganz andere Griechen im Kopf. Dennoch, trotz herber Enttäuschungen blieben er wie auch sein Vater, der Muenchen zu einem Isar-Athen gestaltete, bis an ihr Lebensende ueberzeugte Philhellenen.
Obwohl Otto I. gutwillig war und die besten Absichten fuer ein "neues Hellas", den Eintritt Griechenlands in die Moderne, hatte, machte er Fehler, die nicht geeignet waren, die Barrieren zu den Griechen abzubauen. Zu lange regierte er absolutistisch. Doch der autoritäre Regierungsstil weckte anfangs auch gar keinen Widerstand, weil sich die Griechen durch einen ausländischen Koenig die Unterstuetzung der europäischen Mächte sichern wollten und auf Befriedung im Innern hofften. Erst die Revolte einer konstitutionellen Bewegung im September 1843 bahnte den Weg zur konstitutionellen Monarchie, und im Jahr darauf, im Maerz 1944, gestand der Koenig vom Balkon seines Palastes dem Volk die geforderte Verfassung zu. Seitdem heisst der Platz vor dem Schloss, dem heutigen Parlamentsgebäude, Platia Sintagmatos (Verfassungsplatz). Auf wenig Verständnis stiess auch, dass er und Amalia nicht zum griechisch-orthodoxen Glauben uebertraten. Nachteilig fuer den wackligen Thron des "katholischen Koenigs" war ferner, dass die Ehe kinderlos blieb.
Zweifellos hat Griechenland während der Herrschaft Ottos den Anschluss an Westeuropa gefunden. Die bayerischen Reformer trieben die Modernisierung des Landes voran und schufen eine effektive Verwaltung und Rechtsprechung nach bayerischem Modell, ein Militär-, Medizin- und Bildungswesen; ein auch nur halbwegs funktionierendes Steuersystem zu etablieren, speziell auf dem Lande, gelang jedoch nicht. "Trotz seiner offensichtlichen Organisationsschwäche konnte der junge griechische Staat ... die Schulpflicht im Bildungssystem sowie die Dienstpflicht fuers Militär durchsetzen und damit die ideologisch-kulturelle Homogenisierung der Gesellschaft energisch vorantreiben" konstatiert der Politikwissenschaftler Nikos Hlepas (Wuerzburg 2006). Bereits 1834 wurde das von Wilhelm von Weiler erbaute Militärhospital eroeffnet, 1837 die ("ueberdimensionierte") Ottonische Universität gegruendet, an der anfangs vornehmlich bayerische Professoren lehrten, es folgten die Griechische Nationalbank, die Akademie der Wissenschaften, das Archäologische Nationalmuseum, die Sternwarte, die Augenklinik, mehrere hundert Schulen sowie der Nationalgarten, noch heute die gruene Lunge im Zentrum Athens, das mit Gruenflächen nicht eben gesegnet ist. Einen Grossteil der Kosten trug Ludwig I. von Bayern. Otto versuchte - so Nikos Hlepas - Athen zum "gesamtgriechischen Zentrum fuer Politik, Bildung und Kultur ... zu etablieren. Diese Stadt symbolisierte ferner die erfolgreiche Einverleibung der zunehmend populären Antike in die nationale Identität." Dass die Akropolis erhalten blieb und restauriert wurde - unter Leitung des deutschen Archäologen Ludwig Ross - sowie einige byzantinische Kirchen wie die Kapnikarea in der Ermou-Strasse nicht abgerissen wurden, ist das Verdienst der Wittelsbacher.
Mit seiner Frau Amalia von Oldenburg, die er am 10. November 1836 in Oldenburg geheiratet hatte - die Griechen erfuhren davon erst vier Wochen später aus der Zeitung - wohnte er sieben Jahre lang, zwischen 1836 und 1843, unter sehr beengten Verhältnissen im Vouros-Haus, bis das von Friedrich von Gaertner entworfene fruehklassizistische Schloss, das heutige Parlamentsgebäude am Sintagmaplatz, vollendet war. Den Grundstein legte Ludwig I., der 1835-36 Hellas bereiste.
Ottos erste Residenz hatten die beiden Architekten Gustav Adolph Lüders und Joseph Hoffer 1833 als Privathaus für den Bankier Stamatios Dekozis-Vouros erbaut. Sein Erbe Konstantinos Dekozis-Vouris liess eine Generation später, 1859, das benachbarte Haus als Familiensitz errichten. Es ist mit dem "alten Palast" durch einen Uebergang verbunden und - obwohl ebenfalls Teil des "Museums der Stadt Athen" - als Vouros-Evtaxias-Museum besser bekannt. Das trifft fuer den "Otto-Teil" nicht zu, er existiert nicht als selbständige Einheit, als wäre der Name ein Tabu.
Im ersten Stockwerk sind die - fuenf - Räume so wiedererstanden, wie sie damals waren. Sie sind klein, wohnlich und schlicht, und auch die Einrichtung ist bescheiden. Einer davon ist der "Thronsaal" - eher ein Thronzimmerchen mit einer Art Thronstuhl auf einem erhoehten Podest -, daneben Ottos Arbeitsraum mit Porträts seines Vaters Ludwig I. und seines Grossvaters Maximilian I. sowie einer Kopie der Verfassung von 1843. Das Original befindet sich im Parlamentsgebäude. Auch die Privaträume des Paares gegenueber sind mit den Originalmoebeln ausgestattet, darunter dem Spinett, auf dem Amalia musizierte, und einem Tisch mit Tavli-Spiel, dem typisch griechischen Brettspiel, das der Koenig erlernte. In allen Zimmern hängen Stiche, die Bezug zum Leben ihrer einstigen Bewohner haben.
1862 setzten die Griechen Otto, der immerhin fast dreissig Jahre auf dem Thron sass, ab - auf einem englischen Schiff verliess das Koenigspaar das Land und kehrte nach Bayern zurueck. Fortan lebten die beiden in der fuerstbischoeflichen Residenz in Bamberg. Mit einem kleinen griechischen Hofstaat versuchten sie, ihre Athener Lebensumwelt aufrecht zu erhalten. Offizielle Hofgarderobe waren Trachten aus den verschiedenen Gegenden Griechenlands wie auch die Nationaltracht mit der Fustanella. Die abendliche Konversation erfolgte auschliesslich auf Griechisch, das Otto und Amalia vollendet beherrschten.
Obwohl man ihn ins Exil getrieben hatte, fuehlte sich Otto Griechenland noch immer so verbunden, dass er 1866 mit seiner gesamten Jahresapanage die gegen das tuerkische Joch kämpfenden kretischen Aufständischen unterstuetzte - Kreta gelangte erst 1912/13 an Griechenland. Wie sehr er Griechenland liebte, bezeugen noch seine letzten Worte auf dem Totenbett: "Griechenland, mein Griechenland, mein liebes Griechenland". Mit dieser sehnsuchtsvollen Offenbarung verschied er am 26. Juli 1867. Amalia ueberlebte ihn um acht Jahre. Das Koenigspaar ruht heute in der Fuerstenkrypta der Wittelsbacher in der Theatinerkirche in Muenchen.
Trotz mancher Fehlentwicklungen, entstanden durch gegenseitige Missverständnisse und oftmals unrealistische Ansprueche, trotz innerer wie äusserer Zwänge, dem letztlichen Scheitern der Wittelsbacher Herrschaft, hat Griechenland seinem ersten Koenig und dessen Vater viel zu verdanken. Nicht nur haben sie die institutionellen Grundlagen des modernen griechischen Staates gelegt - Ludwig hatte sich auch "als erster unter den europäischen Koenigen fuer die griechische Unabhängigkeit eingesetzt und den neuen Staat offiziell anerkannt". Er unterstuetzte die Aufständischen bereits 1821, also gleich zu Beginn des Freiheitskampfes, mit allen erdenklichen Mitteln: durch namhafte Geldbeträge aus seinem Privatvermoegen, dann, indem er Freiwillige unter dem bayerischen General Karl von Heydeck nach Hellas entsandte, er Geld- und Lebensmittelspenden fuer die notleidende Bevoelkerung sammelte, Wohltaetigkeitsveranstaltungen organisierte und schliesslich unermuedlich fuer eine breite oeffentliche Anteilnahme am Schicksal der Griechen in Bayern warb. Ausserdem stellte er direkte persoenliche Beziehungen von Athen nach Muenchen her. Junge Griechen besuchten auf Kosten Ludwigs und des bayerischen Philhellenenvereins das Griechische Lyzeum oder die Kadettenanstalt, um mit den hier erworbenen Kenntnissen am Aufbau des jungen Staates mitzuwirken. Viele von ihnen machten später in Hellas Karriere.
Alle diese Leistungen sind nicht hoch genug einzuschätzen. Sie scheinen in Griechenland in Vergessenheit geraten zu sein. Angemessene Anerkennung haben sie dort nicht erfahren.
Eines haben die Bayern den Griechen uebrigens nicht gebracht, auch wenn man das in verschiedenen Veroeffentlichungen immer wieder liest: das Blau-Weiss der griechischen Flagge. Die Farbgebung wurde von der ersten Nationalversammlung bestimmt, die 1822 in Epidaurus zusammentrat. Otto kam erst zehn Jahre später nach Hellas. "Die blaue Fahne mit dem griechisch-orthodoxen Kreuz war ein Gegenbild der roten Fahne mit dem osmanisch-byzantinischen Halbmond, genauso wie der neue griechische Staat in vielerlei Hinsicht ein Gegenstueck zum Osmanischen Reich darstellen sollte" (Nikos Hlepas).
Alle Zitate aus: Nikos Hlepas, Ein romantisches Abenteuer, in: Alexander von Bormann (Hg.), Ungleichzeitigkeiten der Europäischen Romantik, Wuerzburg 206.
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