Fürst Hermann von Pückler war ein berühmter Landschaftskünstler, dessen Parkanlagen Branitz und Muskau - heute Weltkulturerbe der Unesco - Vorbild für die Gartenarchitektur in Europa waren und bleibendes Zeugnis der Landschaftsgestaltung im 19. Jahrhundert sind. Zugleich war er ein Abenteurer und Weltreisender, der einen Großteil seines Lebens fern von Zuhause verbrachte, sowie ein namhafter Schriftsteller, der schnell literarischen Ruhm errang. Schon seine erste Veröffentlichung, die "Briefe eines Verstorbenen" 1830/31, macht ihn auf Anhieb berühmt. Der Band war ein Riesenerfolg - auch finanziell - und das nicht nur in Deutschland. Er hatte Bestsellerstatus und wurde mehr gelesen als Goethe und Schiller.
Seine Reiselust, die bis ins hohe Alter ungebrochen blieb, führt ihn durch die südlichen Länder Europas, in die Schweiz, nach Südfrankreich und Italien, wo er einen Ausbruch des Vesuvs erlebt und in Rom vom Papst empfangen wird, und schließlich nach Nordafrika, wo er von Tunis nach Malta übersetzt. Ziel dieser Reise war Griechenland. Seine Erlebnisse beschreibt er amüsant und geistvoll-ironisch in "Südöstlicher Bildersaal", deren Bände II und III er "Griechische Leiden" nennt. (Band I beschreibt seine Nordafrika-Fahrten.)
Pückler verbringt das ganze Jahr 1836 in Griechenland. Die "Griechischen Leiden" beginnen schon mit der stürmischen Überfahrt auf einem gebrechlichen englischen Schiff von Malta nach Patras, mitten im Winter, Ende des Jahres 1835. Bei unwirtlichem Wetter reist über den Peloponnes, besteigt den Taygetos, besucht die Ionischen Inseln und erreicht schließlich Athen. Dort verbringt er die Monate März bis Mai. Nach dem kargen Leben in Afrika und den Strapazen der Reise genießt er die athenische erste Gesellschaft, trifft den jungen König Otto I. und seinen Vater, den bayerischen König Ludwig I., der sich gerade - erstmals - in Athen aufhält und die ihn "wohlwollend" empfangen, sowie die Regenten, Archäologen und Professoren und macht neue interessante Bekanntschaften. Beraten und begleitet u.a von dem österreichischen Diplomaten Anton von Prokesch-Osten unternimmt er Ausflüge in die Umgebung, so zum Poseidontempel von Sounion und zum Schlachtfeld von Marathon.
Er gibt seine Eindrücke des von dem erst wenige Jahre von der vierhundertjährigen Türkenherrschaft befreiten Landes wider und beschreibt die schmerzlichen Gefühle, die ihn beim Anblick der vergangenen Größe und des gegenwärtigen Niedergangs erfassen. Anschaulich vermittelt er dem Leser die Atmosphäre Athens und der Athener Gesellschaft. Er empfindet sie wie "ein halbes Wunder", als erstens nicht "kleinstädtisch", angenehm auch, "daß sie in den wenigen Cirkeln, die sie in sich faßt, dennoch eine seltene Mannigfaltigkeit darbot, und drittens, daß Feste, Assembleen, Bälle usw., deren Langeweile man, einmal in der Gesellschaft lebend, doch nicht wohl vermeiden kann, hier nur selten stattfinden." Und: "In gesellschaftlicher Hinsicht erschien mir Athen angenehmer als viele größeren Hauptstädte, obwohl es in seinem Äußern, wie für Comfort jeder Art, noch manchem Dorfe im civilisierten Europa nach stehen mag." Pückler erweist sich als kritischer Beobachter, drückt sich aber hinsichtlich der enttäuschenden Gegenwart durchgängig sehr vorsichtig und taktvoll aus ohne jedoch die Wirklichkeit zu beschönigen. Er war nicht so kurzsichtig und verbohrt wie viele der damaligen Philhellenen, für die jegliche Kritik an Hellas ein Sakrileg war.
Die Enttäuschungen halten bis zum Ende seiner Griechenlandreise an. Mit der rauen Wirklichkeit wird er besonders auf dem rückständigen Peloponnes konfrontiert, mit großer Armut und Not, Schmutz und Ungeziefer. Um nicht in den verwanzten und verlausten Gasthäusern übernachten zu müssen, in denen Hygiene ein Fremdwort ist, konstruiert er eigens ein "Feldzeltbett" und nächtigt im Freien.
Auch die Menschen erfährt er als grob, ungesittet und ungebildet, sie können weder lesen noch schreiben. "Das Volk, das sich den Namen der Hellenen anmaßt, hat mit den Erinnerungen des Bodens nichts gemein", hatte schon der Diplomat Prokesch-Osten bald nach seiner Ankunft in Griechenland desillusioniert erkennen müssen. Auch Pückler, der als gebildeter Aristokrat wie viele das Unvergängliche der Antike suchte, sah die riesige Kluft zwischen der glanzvollen Antike mit ihren magischen Namen und der jetzigen Gegenwart, den "tiefen Fall". Hinzu kam, daß selbst die antiken Überreste etwa in Delphi, Olympia, Mykene, Epidauros und den anderen antiken Orten kümmerlich waren, denn die systematischen Ausgrabungen setzten ja erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein, in Olympia zum Beispiel 1875 durch Ernst Curtius. Es bedurfte schon einer beträchtlichen Vorstellungskraft, sich aus den wenigen Trümmern ein Bild von der großen Vergangenheit zu machen.
Aber der Fürst hatte auch schöne Erlebnisse, etwa im Dorf Magula bei Sparta, "wo ein deutscher Architekt, Herr Baumgarten, mit seiner Familie wohnt, der von der Regierung mit dem Bau Neu-Spartas beauftragt ist. Er bewirtete uns mit einer kleinen Kollation, bei der seine schöne Tochter den Wein kredenzte, und es wäre höchst undankbar, nicht auch eines vortrefflichen germanischen Rahm-Kirschkuchens zu gedenken, dessen Verdienst wir mit Patriotismus erkannten." Selbst die kargen Überbleibsel Spartas sieht er positiv: "Die Überreste Spartas ... sind keineswegs so gering, als sie von den meisten angegeben werden, obgleich allerdings kein Gebäude davon sich, wie in Athen, zum größten Teile ganz erhalten hat."
Vor allem in Athen sieht er Lichtblicke: Ich muß "namentlich für den Aufenthalt in Athen gestehen, daß trotz seines ominösen Titels doch auch manche Sonnenblicke diese trüben Tage erhellten. Denn oft haben Freuden, ja selbst hoher Genuß, sich mit den schmerzlichen Gefühlen gemischt, welche der tiefe Verfall einstiger Größe so unwillkürlich hervorruft, den fast unerträglichen Mangel an allen, dem verwöhnten Europäer nötig gewordenen, Bedürfnissen ertragen helfen." Mit dem "ominösen" Titel sind die "Griechischen Leiden" gemeint.
1837 reist er über die Kykladen - Milos, Paros, Naxos, Santorin - und das damals noch osmanische Kreta nach Ägypten, wo ihm ein fürstlicher Empfang bereitet wurde. Weiter geht es in den Sudan, nach Palästina, in den Libanon und schließlich nach Konstantinopel. Erst nach fünf Jahren kehrt er von seiner Afrika- und Orientreise nach Muskau zurück. 1785 auf Schloß Muskau geboren, stirbt er 1871 auf Schloß Branitz.
Alle Zitate sind aus "Südöstlicher Bildersaal", Band II und III: "Griechische Leiden", 1840/41, Neuauflage "Griechische Leiden", Band II und III, Stuttgart/Hamburg 1969.
Hintergrundinformationen zu Griechenland: Politik & Geschichte, Kunst & Kultur und Tourismus von Frauke Burian
Montag, 17. Juli 2017
Samstag, 15. Juli 2017
Karl Otfried Müller und Wilhelm Müller: Die Straßen Odos Myller und Odos Myllerou in Athen
Es gibt in Athen tatsächlich zwei Müllerstraßen: die Odos Myllerou im Stadtteil Metaxourgio und die Odos Myller im Stadtteil Kolonos. Die Myllerou ist benannt nach dem Dessauer Wilhelm Müller (1794-1827), einem deutschen Dichter der Romantik, von seinen Zeitgenossen auch "Griechen-Müller" genannt, ein leidenschaftlicher Hellenenfreund, der mehr als fünfzig "Griechenlieder" schrieb, den Deutschen aber wohl hauptsächlich durch das Volkslied "Das Wandern ist des Müllers Lust" und durch seine von Franz Schubert vertonten Liederzyklen "Die schöne Müllerin" und "Die Winterreise" bekannt ist. (Siehe meinen Beitrag "Der deutsche Philhellene Wilhelm Müller. Die Odos Myllerou in Athen".)
Die Odos Myller würdigt den am 28. August 1797 in Brieg (Schlesien) geborenen Karl Otfried Müller, einen der bedeutendsten Altertumswissenschaftler seiner Zeit, der grundlegende Arbeiten in verschiedenen Fächern der Altertumskunde vorlegte, darunter auf Gebieten, die damals noch kaum im Fokus der Aufmerksamkeit standen. Sie wirkten als bahnbrechend über das 19. Jahrhundert hinaus und werden noch heute als grundlegend angesehen. Vielseitig begabt, war sein Interessengebiet weit gefächert; es umfaßte neben der klassischen Philologie die klassische Archäologie, Alte Geschichte, Ägyptologie und einige Randgebiete.
Müller beschäftigte sich schon als Schüler mit Fragen des Altertums. Thema seiner bereits 1817 (auf Latein) abgeschlossenen Dissertation war die Geschichte der Insel Ägina von den Anfängen bis zur Frankenzeit, die umfassende Darstellung einer Lokalgeschichte Griechenlands. Ein unermüdlicher Arbeiter, produzierte er viel in seinem kurzem Leben. So legte er eine komplette Topographie von Athen vor und publizierte in schneller Folge weitere bedeutende Werke, darunter seine "Geschichten hellenischer Stämme und Städte" (Band 1: "Orchomenos und die Minyer", Band 2 und 3: "Die Dorier"), ein bis heute beispielhaftes "Handbuch der Archäologie der Kunst", ferner "Über das Nachahmende in der Kunst nach Aristoteles", "Aristoteles und das deutsche Drama" und "Über Sophokleische Naturanschaung".
Seine "Geschichte der griechischen Literatur bis auf das Zeitalter Alexanders" blieb unvollendet. Sein Bruder, der Philologe Eduard Müller, veröffentlichte sie postum 1857. Das Werk fand große Resonanz; es wurde nicht nur wie viele seiner anderen Bücher ins Englische, sondern auch ins Französische, Italienische, Ungarische und Griechische übersetzt.
Professor der klassischen Archäologie in Göttingen, war Müller nicht nur in der deutschen Fachwelt, sondern auch international hoch angesehen. Er galt als genialer Geist, als scharfsinnig, ideenreich, methodisch richtungweisend, dabei immens fleissig und arbeitsam. Eine glänzende Zukunft schien ihm sicher.
1839 erfüllte er sich den lang gehegten Wunsch, die antiken Stätten Italiens und Griechenlands zu besuchen. Die Reise wurde ihm zum Verhängnis.
"Diese Reise sollte die Voraussetzung schaffen für sein Lebenswerk, die große Geschichte Griechenlands, für die er seine bisherigen Werke als Vorarbeiten ansah. Von seiner Reise nach Griechenland kehrte er nicht zurück. Fast am Ende des für ihn wissenschaftlich so ertragreichen Besuchs in Hellas wurde er Opfer seines unermüdlichen Forschungsdrangs. Beim Kopieren von Inschriften an der Tempelterrasse in Delphi bei glühender Sonnezog er sich eine schwere Hirnentzündung zu. Auf der Rückreise von Delphi brach er zusammen. Seine Begleiter brachten ihn noch nach Athen. Dort starb er am 1. August 1840. Sein Grab fand er auf dem Kolonoshügel im Norden Athens, wo noch heute eine Grabstele an ihn erinnert." So Friedrich Lücke im November 1840 in der Schrift "Erinnerungen an Karl Otfried Müller".
Einer seiner Begleiter nach Delphi war der junge Ernst Curtius, der später, ab 1875, die Ausgrabungen in Olympia leitete. In einem Brief an seine Eltern vom 7. August 1840 berichtete Curtius über Müllers Erkrankung, seine letzten Tage und seinen Tod.
Auf dem Kolonoshügel befindet sich eine weitere Grabstele, die des französischen Archäologen Charles Lenormant (1802-59). Sie ist eine Arbeit Theophil von Hansens, dem Athen einige seiner schönsten Bauten verdankt. Den Namen des Archäologen trägt auch die sich durch den Stadtteil Kolonos, heute ein tristes Arbeiterviertel, bis nach Metaxourgio ziehende Odos Lenorman.
Die Odos Myller würdigt den am 28. August 1797 in Brieg (Schlesien) geborenen Karl Otfried Müller, einen der bedeutendsten Altertumswissenschaftler seiner Zeit, der grundlegende Arbeiten in verschiedenen Fächern der Altertumskunde vorlegte, darunter auf Gebieten, die damals noch kaum im Fokus der Aufmerksamkeit standen. Sie wirkten als bahnbrechend über das 19. Jahrhundert hinaus und werden noch heute als grundlegend angesehen. Vielseitig begabt, war sein Interessengebiet weit gefächert; es umfaßte neben der klassischen Philologie die klassische Archäologie, Alte Geschichte, Ägyptologie und einige Randgebiete.
Müller beschäftigte sich schon als Schüler mit Fragen des Altertums. Thema seiner bereits 1817 (auf Latein) abgeschlossenen Dissertation war die Geschichte der Insel Ägina von den Anfängen bis zur Frankenzeit, die umfassende Darstellung einer Lokalgeschichte Griechenlands. Ein unermüdlicher Arbeiter, produzierte er viel in seinem kurzem Leben. So legte er eine komplette Topographie von Athen vor und publizierte in schneller Folge weitere bedeutende Werke, darunter seine "Geschichten hellenischer Stämme und Städte" (Band 1: "Orchomenos und die Minyer", Band 2 und 3: "Die Dorier"), ein bis heute beispielhaftes "Handbuch der Archäologie der Kunst", ferner "Über das Nachahmende in der Kunst nach Aristoteles", "Aristoteles und das deutsche Drama" und "Über Sophokleische Naturanschaung".
Seine "Geschichte der griechischen Literatur bis auf das Zeitalter Alexanders" blieb unvollendet. Sein Bruder, der Philologe Eduard Müller, veröffentlichte sie postum 1857. Das Werk fand große Resonanz; es wurde nicht nur wie viele seiner anderen Bücher ins Englische, sondern auch ins Französische, Italienische, Ungarische und Griechische übersetzt.
Professor der klassischen Archäologie in Göttingen, war Müller nicht nur in der deutschen Fachwelt, sondern auch international hoch angesehen. Er galt als genialer Geist, als scharfsinnig, ideenreich, methodisch richtungweisend, dabei immens fleissig und arbeitsam. Eine glänzende Zukunft schien ihm sicher.
1839 erfüllte er sich den lang gehegten Wunsch, die antiken Stätten Italiens und Griechenlands zu besuchen. Die Reise wurde ihm zum Verhängnis.
"Diese Reise sollte die Voraussetzung schaffen für sein Lebenswerk, die große Geschichte Griechenlands, für die er seine bisherigen Werke als Vorarbeiten ansah. Von seiner Reise nach Griechenland kehrte er nicht zurück. Fast am Ende des für ihn wissenschaftlich so ertragreichen Besuchs in Hellas wurde er Opfer seines unermüdlichen Forschungsdrangs. Beim Kopieren von Inschriften an der Tempelterrasse in Delphi bei glühender Sonnezog er sich eine schwere Hirnentzündung zu. Auf der Rückreise von Delphi brach er zusammen. Seine Begleiter brachten ihn noch nach Athen. Dort starb er am 1. August 1840. Sein Grab fand er auf dem Kolonoshügel im Norden Athens, wo noch heute eine Grabstele an ihn erinnert." So Friedrich Lücke im November 1840 in der Schrift "Erinnerungen an Karl Otfried Müller".
Einer seiner Begleiter nach Delphi war der junge Ernst Curtius, der später, ab 1875, die Ausgrabungen in Olympia leitete. In einem Brief an seine Eltern vom 7. August 1840 berichtete Curtius über Müllers Erkrankung, seine letzten Tage und seinen Tod.
Auf dem Kolonoshügel befindet sich eine weitere Grabstele, die des französischen Archäologen Charles Lenormant (1802-59). Sie ist eine Arbeit Theophil von Hansens, dem Athen einige seiner schönsten Bauten verdankt. Den Namen des Archäologen trägt auch die sich durch den Stadtteil Kolonos, heute ein tristes Arbeiterviertel, bis nach Metaxourgio ziehende Odos Lenorman.
Dienstag, 11. Juli 2017
Spree-Athen hat keine Athener Straße, aber eine Griechische Allee
Frankfurt am Main hat eine Athener Straße im Europa-Viertel, Köln und Stuttgart haben eine Athener Straße, ebenso "Isar-Athen" München, das nahebei auch eine Naupliastraße und einen Griechenplatz in Harlaching hat. Berlin hat keine Athener Straße, dafür jede Menge Tavernen und Grills mit Namen Athen, Athene oder Athina. So gesehen, wird Berlin von griechischem Geist üppig durchweht, ist die griechische Metropole in der deutschen Hauptstadt reichlich vertreten.
Straßennamen dienen bekanntlich nicht nur der Orientierung, sondern würdigen Orte und Städte, Personen - vornehmlich Künstler, Wissenschaftler und Politiker - oder Schauplätze historischer Ereignisse. Sie sind das Gedächtnis einer Stadt. Da verwundert es doch etwas, daß Berlin in der Vergabe seiner Straßennamen Griechenland so sträflich vernachlässigt. So ist mir - um nur ein Beispiel zu nennen - keine Platon-, Sokrates- oder Aristotelesstraße in der City Berlins und den umliegenden Stadtbezirken bekannnt. Lediglich "janz weit draußen" oder "Jotweedee", wie der Berliner sagt, wo nie jemand hinkommt, Touristen schon gar nicht, nämlich in Karlshorst, trifft man an der Kleingartenanlage "Gute Hoffnung" auf einen Aristotelessteig und einen Sokratesweg. Es wäre doch schön, wenn uns die Namen dieser Unsterblichen, deren Lehren heute so aktuell wie je sind, im alltäglichen Straßenbild im Zentrum begegneten. Diese Ehre sollten sie in "Spree-Athen" verdient haben. Darüber sollte man nachdenken.
Wer kennt das brandenburgische Elstal? Der Ort nur dadurch bemerkenswert, daß zu den XI. Olympischen Sommerspielen 1936 hier das Olympische Dorf errichtet wurde. Es steht heute unter Denkmalschutz und kann zu bestimmten Zeiten besichtigt werden. Damals wohnten fast alle der fast 4000 männlichen Athleten aus über 50 Nationen hier. Die taktische Benennungspolitik der Nazis ist der Grund dafür, daß die Straßen rundum Antwerpener, Stockholmer, Pariser oder Londoner Straße heißen. Und hier findet man endlich auch eine Athener Straße. Elstal ist 18 km vom Berliner Olympiastadion entfernt, und dort gibt es - passend - immerhin eine Marathonallee.
Aber Berlin hat auch etwas, was alle anderen Städte nicht haben, nämlich eine Griechische Allee im Ortsteil Oberschöneweide. Dieser Straßenname ist einzigartig in Deutschland. Sie wurde als Rathausstraße angelegt und da das Rathaus nicht gebaut wurde, in der NS-Zeit in Griechische Allee umbenannt. Es gibt sogar einen Griechischen Park, eine kleine Grünfläche, auf der die Skulptur "Venus und Amor (1925) von Peter Christian Breuer steht. Allerdings ist auch Oberschöneweide sehr weit weg vom Zentrum, eben "Jotweedee".
Mitten im historischen Zentrum Berlins liegt der Alexanderplatz, der "Alex". Er ist aber nicht nach Alexander dem Großen benannt, sondern nach dem russischen Zaren Alexander I.
Straßennamen dienen bekanntlich nicht nur der Orientierung, sondern würdigen Orte und Städte, Personen - vornehmlich Künstler, Wissenschaftler und Politiker - oder Schauplätze historischer Ereignisse. Sie sind das Gedächtnis einer Stadt. Da verwundert es doch etwas, daß Berlin in der Vergabe seiner Straßennamen Griechenland so sträflich vernachlässigt. So ist mir - um nur ein Beispiel zu nennen - keine Platon-, Sokrates- oder Aristotelesstraße in der City Berlins und den umliegenden Stadtbezirken bekannnt. Lediglich "janz weit draußen" oder "Jotweedee", wie der Berliner sagt, wo nie jemand hinkommt, Touristen schon gar nicht, nämlich in Karlshorst, trifft man an der Kleingartenanlage "Gute Hoffnung" auf einen Aristotelessteig und einen Sokratesweg. Es wäre doch schön, wenn uns die Namen dieser Unsterblichen, deren Lehren heute so aktuell wie je sind, im alltäglichen Straßenbild im Zentrum begegneten. Diese Ehre sollten sie in "Spree-Athen" verdient haben. Darüber sollte man nachdenken.
Wer kennt das brandenburgische Elstal? Der Ort nur dadurch bemerkenswert, daß zu den XI. Olympischen Sommerspielen 1936 hier das Olympische Dorf errichtet wurde. Es steht heute unter Denkmalschutz und kann zu bestimmten Zeiten besichtigt werden. Damals wohnten fast alle der fast 4000 männlichen Athleten aus über 50 Nationen hier. Die taktische Benennungspolitik der Nazis ist der Grund dafür, daß die Straßen rundum Antwerpener, Stockholmer, Pariser oder Londoner Straße heißen. Und hier findet man endlich auch eine Athener Straße. Elstal ist 18 km vom Berliner Olympiastadion entfernt, und dort gibt es - passend - immerhin eine Marathonallee.
Aber Berlin hat auch etwas, was alle anderen Städte nicht haben, nämlich eine Griechische Allee im Ortsteil Oberschöneweide. Dieser Straßenname ist einzigartig in Deutschland. Sie wurde als Rathausstraße angelegt und da das Rathaus nicht gebaut wurde, in der NS-Zeit in Griechische Allee umbenannt. Es gibt sogar einen Griechischen Park, eine kleine Grünfläche, auf der die Skulptur "Venus und Amor (1925) von Peter Christian Breuer steht. Allerdings ist auch Oberschöneweide sehr weit weg vom Zentrum, eben "Jotweedee".
Mitten im historischen Zentrum Berlins liegt der Alexanderplatz, der "Alex". Er ist aber nicht nach Alexander dem Großen benannt, sondern nach dem russischen Zaren Alexander I.
Donnerstag, 6. Juli 2017
Spurensuche - Die erste Athener Universität im "Kleanthes-Haus". Das Historische Museum der Athener Universität
Athen hat viele Museen, staatliche wie private, manche sind weltberühmt, andere fristen ein Schattendasein. Zu letzteren gehört das Historische Museum der Athener Universität in der oberen Plaka. Gegründet 1987 aus Anlaß des 150jährigen Bestehens der Athener Universität, befindet es sich in dem ehemaligen Wohnhaus von Stamatios Kleanthes, der in Leipzig und später an der Bauakademie in Berlin bei Karl Friedrich Schinkel Architektur studierte. Mit seinem Studienfreund Eduard Schaubert ging er 1930 nach Athen, wo beide maßgeblich an der Planung der gerade entstehenden neuen Hauptstadt mitwirkten. Ihr Modell für ein modernes Athen konnten sie zwar aus Kostengründen nicht in allen Punkten verwirklichen, doch blieb es - mit einigen Änderungen des bayerischen Hofbaumeisters Leo von Klenze - die Grundlage für die Neugestaltung Athens nach der Unabhängigkeit Griechenlands.
Der Grieche und der Deutsche bauten mehrere bedeutende Gebäude bzw. restaurierten unbewohnbare, ruinierte Häuser (und das waren die meisten im damaligen Athen, das mit seinen rund 6000 Einwohnern ein großes orientalisches Dorf war), darunter auch ihr künftiges, aus dem 17. Jahrhundert stammendes und für damalige Verhältnisse sehr großes Wohnhaus, das sie 1931 der Türkin Sante Hanoum abkauften und in alter Schönheit wiederherstellten. Kleanthes entwarf auch Grabdenkmäler, u.a. das streng klassizistische Grabmal für Bettina von Savigny-Schinas im protestantischen Teil des Ersten Athenischen Friedhofs, Schaubert erarbeitete den Plan für die neue Stadt Eretria auf Euböa.
Schon Mitte der Dreißiger Jahre wurde im "Kleanthes-Haus" das erste Athener Gymnasium eingerichtet und 1837 für vier Jahre die erste Universität des unabhängigen griechischen Staates. Gegründet von Otto I., dem jungen König aus dem bayerischen Hause Wittelsbach, wurde sie am 3. Mai als Ottonische Universität eingeweiht. 52 Studenten hatten sich eingeschrieben, weitere 75 Hörer waren nicht immatrikuliert. Frauen waren nicht zugelassen (die erste Studentin - und zwar in Philosophie - war 1890 Ioanna Stefanopouli). Von den 34 Professoren waren sechs Bayern, alle 28 griechischen Hochschullehrer hatten im Ausland studiert.
Da allen Beteiligten von Anfang an klar war, daß dieses Domizil nur ein Provisorium sein konnte, legte schon 1839, am 2. Juli, Otto den Grundstein für die neue, aus den Spenden von Auslandsgriechen und Philhellenen finanzierte Ottonische Universität. Sie wurde nach Plänen von Christian Hansen erbaut und bereits 1842 eingeweiht. Eingerahmt von der Akademie und der Nationalbibliothek ist diese sogenannte Athener Trilogie das bedeutendste klassizistische Bauensemble Athens und das Meisterwerk Theophil Hansens, dem auch Wien mehrere der gelungensten Bauten an der Ringstraße verdankt.
Nachdem Stamatios Kleanthis sein Haus 1861 an eine Privatperson verkauft hatte, erlitt es ein wechselvolles Schicksal als Kaserne, Flüchtlingsheim, Schule, Privathaus und Taverne. 1945 wurde es unter Denkmalschutz gestellt und 1967 kaufte es die Universität, deren offizieller Name seit 1932 Nationale und Kapodistrias-Universität lautet.
Das Historische Museum informiert ausführlich über die Geschichte der inzwischen 180 Jahre alten Athener Universität. Die Sammlungen enthalten die Gründungszeitung, Manuskripte, Dokumente und Handschriften, Memorabilia (z.B. die ersten Studenten-Register), wissenschaftliche Instrumente sowie eine große
Sammlung alter Fotografien und eine sehr ansehnliche Porträt-Kollektion. Dargestellt sind Professoren und Wohltäter der Universität, manche von bedeutenden griechischen Malern wie Nikeforos Lytras, einem Vertreter der Münchner Schule, der seit 1860 fünf Jahre lang an der Akademie der Bildenden Künste in München studierte.
Eine Person sucht man vergebens. Vom Universitätsgründer Otto I. fehlt jede Spur: kein Foto, kein Portträt. Nichts.
Das Historische Museum der Athener Universität befindet sich in der Tholou 5, Plaka.
Der Grieche und der Deutsche bauten mehrere bedeutende Gebäude bzw. restaurierten unbewohnbare, ruinierte Häuser (und das waren die meisten im damaligen Athen, das mit seinen rund 6000 Einwohnern ein großes orientalisches Dorf war), darunter auch ihr künftiges, aus dem 17. Jahrhundert stammendes und für damalige Verhältnisse sehr großes Wohnhaus, das sie 1931 der Türkin Sante Hanoum abkauften und in alter Schönheit wiederherstellten. Kleanthes entwarf auch Grabdenkmäler, u.a. das streng klassizistische Grabmal für Bettina von Savigny-Schinas im protestantischen Teil des Ersten Athenischen Friedhofs, Schaubert erarbeitete den Plan für die neue Stadt Eretria auf Euböa.
Schon Mitte der Dreißiger Jahre wurde im "Kleanthes-Haus" das erste Athener Gymnasium eingerichtet und 1837 für vier Jahre die erste Universität des unabhängigen griechischen Staates. Gegründet von Otto I., dem jungen König aus dem bayerischen Hause Wittelsbach, wurde sie am 3. Mai als Ottonische Universität eingeweiht. 52 Studenten hatten sich eingeschrieben, weitere 75 Hörer waren nicht immatrikuliert. Frauen waren nicht zugelassen (die erste Studentin - und zwar in Philosophie - war 1890 Ioanna Stefanopouli). Von den 34 Professoren waren sechs Bayern, alle 28 griechischen Hochschullehrer hatten im Ausland studiert.
Da allen Beteiligten von Anfang an klar war, daß dieses Domizil nur ein Provisorium sein konnte, legte schon 1839, am 2. Juli, Otto den Grundstein für die neue, aus den Spenden von Auslandsgriechen und Philhellenen finanzierte Ottonische Universität. Sie wurde nach Plänen von Christian Hansen erbaut und bereits 1842 eingeweiht. Eingerahmt von der Akademie und der Nationalbibliothek ist diese sogenannte Athener Trilogie das bedeutendste klassizistische Bauensemble Athens und das Meisterwerk Theophil Hansens, dem auch Wien mehrere der gelungensten Bauten an der Ringstraße verdankt.
Nachdem Stamatios Kleanthis sein Haus 1861 an eine Privatperson verkauft hatte, erlitt es ein wechselvolles Schicksal als Kaserne, Flüchtlingsheim, Schule, Privathaus und Taverne. 1945 wurde es unter Denkmalschutz gestellt und 1967 kaufte es die Universität, deren offizieller Name seit 1932 Nationale und Kapodistrias-Universität lautet.
Das Historische Museum informiert ausführlich über die Geschichte der inzwischen 180 Jahre alten Athener Universität. Die Sammlungen enthalten die Gründungszeitung, Manuskripte, Dokumente und Handschriften, Memorabilia (z.B. die ersten Studenten-Register), wissenschaftliche Instrumente sowie eine große
Sammlung alter Fotografien und eine sehr ansehnliche Porträt-Kollektion. Dargestellt sind Professoren und Wohltäter der Universität, manche von bedeutenden griechischen Malern wie Nikeforos Lytras, einem Vertreter der Münchner Schule, der seit 1860 fünf Jahre lang an der Akademie der Bildenden Künste in München studierte.
Eine Person sucht man vergebens. Vom Universitätsgründer Otto I. fehlt jede Spur: kein Foto, kein Portträt. Nichts.
Das Historische Museum der Athener Universität befindet sich in der Tholou 5, Plaka.
Mittwoch, 2. November 2016
Die Insel Milos - Perlitabbau, Katakomben und das World War II Bomb Shelter oder Refuge Project
Die armlose "Venus von Milo" ist weltberühmt als eines der vielbewunderten Kunstwerke des Pariser Louvre. Die Insel Milos, von der sie stammt, ist weit weniger bekannt. Die Insulaner haben den Tourismus bislang nicht so forciert wie ihre Nachbarn Paros, Naxos, Mikonos und Santorin, die frühzeitig auf den Fremdenverkehr setzten. Dabei ist Milos ein grandioses Stückchen Natur, ein kleines Paradies mit rund sechzig Stränden, Seegrotten, Lagunenlandschaften, bizarren Felsskulpturen und kristallinen Lavaformationen.
Aber Milos ist auch gesegnet mit Bodenschätzen, denen es schon in der Antike seinen Wohlstand verdankte. Damals war es der harte Obsidian, heute sind es die "seltenen Erden" wie Bentonit, Baryt und vor allem Perlit, denn hier, auf diesem kleinen Ägäis-Eiland, liegt das größte Perlit-Vorkommen Europas; es findet vor allem in der Bauindustrie Verwendung. Abgebaut wird es von der Gesellschaft S & B (Silver & Baryte Industrial Minerals), für die jeder fünfte Milier arbeitet und recht gut verdient. Die Insel ist vergleichsweise wohlhabend. Das Einkommen der Milier liegt insgesamt über dem griechischen Durchschnitt.
S & B richtete auch das kleine Mining Museum in Adamas ein, das eine Vorstellung von den reichen Schätzen unter der Erde sowie einen Überblick über die Geologie, die lange Geschichte des Bergbaus und seine Bedeutung für die Insel gibt. Am besten besucht man es, bevor man die Insel erkundet.
Auf Milos liegen noch weitere Schätze unter der Erde. So wurden die Gräber der frühchristlichen Katakomben bei Tripiti (die "Durchlöcherte") in die weichen Tuffsteinwände gegraben, dicht aneinander gereihte Nischen an verzweigten unterirdischen Gängen, in denen die Toten begraben wurden. Sie wurden 1840 entdeckt und 1843 von dem deutschen Archäologen Ludwig Ross erforscht.
Ein weiterer ausgedehnter Komplex von in das weiche Felsgestein gehauenen Gängen, Räumen und Treppen wurde 2014 in Adamas, gegenüber vom Fährhafen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht: das World War II Bomb Shelter, auch Refuge Project genannt. Damals, im Zweiten Weltkrieg spielte das kleine Milos, auf dem Seeweg nach Kreta und Afrika liegend, für die Deutschen eine bedeutende strategische Rolle als Basis für die Einnahme Kretas. Deutsche Truppen fielen am 9. Mai 1941 auf Milos ein und besetzten es nach heftiger Gegenwehr. In den Hochzeiten hielten sich hier mehr als 3000 Soldaten auf, die Stellungen und Bunker bauten und Funkanlagen betrieben. Sie blieben genau vier Jahre, erst am 9. Mai 1945 erfolgte die Kapitulation und der Inselkommandant, ein Major Knauer, ergab sich und seine 529 Männer dem griechischen Major Drakoulis Vassilarakis.
Die von den Deutschen ausgehobenen Stollen und Räume, die als Verpflegungs- und Munitionslager sowie als Schutzbunker für die Soldaten dienten, sind heute ein sehr besonderer Ort. Der ganze Komplex ist Kunstgalerie. Siebzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg finden hier Kunstausstellungen und Installationen statt, und in den Tunneln geht der Besucher auf Entdeckungsreise von einem zum nächsten Kunstwerk.
Nebenan ist eine nach Hippokrates benannte Thermalbadeanlage entstanden, die die natürlichen heißen Quellen gegen Krankheiten wie Rheuma, Arthritis und gynäkologische Beschwerden nutzt. Die 15 Meter lange Höhle wurde mit modernen Einrichtungen versehen.
Es gibt noch weitere Orte auf Milos, in denen die Deutschen Stellungen und Bunker gebaut haben, zum Beispiel an der Nordwestküste und in Plakes. Der dortige Bunker diente im Zweiten Weltkrieg als Lazarett. Seit März 2014 befindet sich hier ein interessantes kleines Museum, das anschaulich die Bedingungen auf Milos in Kriegszeiten darstellt.
Aber Milos ist auch gesegnet mit Bodenschätzen, denen es schon in der Antike seinen Wohlstand verdankte. Damals war es der harte Obsidian, heute sind es die "seltenen Erden" wie Bentonit, Baryt und vor allem Perlit, denn hier, auf diesem kleinen Ägäis-Eiland, liegt das größte Perlit-Vorkommen Europas; es findet vor allem in der Bauindustrie Verwendung. Abgebaut wird es von der Gesellschaft S & B (Silver & Baryte Industrial Minerals), für die jeder fünfte Milier arbeitet und recht gut verdient. Die Insel ist vergleichsweise wohlhabend. Das Einkommen der Milier liegt insgesamt über dem griechischen Durchschnitt.
S & B richtete auch das kleine Mining Museum in Adamas ein, das eine Vorstellung von den reichen Schätzen unter der Erde sowie einen Überblick über die Geologie, die lange Geschichte des Bergbaus und seine Bedeutung für die Insel gibt. Am besten besucht man es, bevor man die Insel erkundet.
Auf Milos liegen noch weitere Schätze unter der Erde. So wurden die Gräber der frühchristlichen Katakomben bei Tripiti (die "Durchlöcherte") in die weichen Tuffsteinwände gegraben, dicht aneinander gereihte Nischen an verzweigten unterirdischen Gängen, in denen die Toten begraben wurden. Sie wurden 1840 entdeckt und 1843 von dem deutschen Archäologen Ludwig Ross erforscht.
Ein weiterer ausgedehnter Komplex von in das weiche Felsgestein gehauenen Gängen, Räumen und Treppen wurde 2014 in Adamas, gegenüber vom Fährhafen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht: das World War II Bomb Shelter, auch Refuge Project genannt. Damals, im Zweiten Weltkrieg spielte das kleine Milos, auf dem Seeweg nach Kreta und Afrika liegend, für die Deutschen eine bedeutende strategische Rolle als Basis für die Einnahme Kretas. Deutsche Truppen fielen am 9. Mai 1941 auf Milos ein und besetzten es nach heftiger Gegenwehr. In den Hochzeiten hielten sich hier mehr als 3000 Soldaten auf, die Stellungen und Bunker bauten und Funkanlagen betrieben. Sie blieben genau vier Jahre, erst am 9. Mai 1945 erfolgte die Kapitulation und der Inselkommandant, ein Major Knauer, ergab sich und seine 529 Männer dem griechischen Major Drakoulis Vassilarakis.
Die von den Deutschen ausgehobenen Stollen und Räume, die als Verpflegungs- und Munitionslager sowie als Schutzbunker für die Soldaten dienten, sind heute ein sehr besonderer Ort. Der ganze Komplex ist Kunstgalerie. Siebzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg finden hier Kunstausstellungen und Installationen statt, und in den Tunneln geht der Besucher auf Entdeckungsreise von einem zum nächsten Kunstwerk.
Nebenan ist eine nach Hippokrates benannte Thermalbadeanlage entstanden, die die natürlichen heißen Quellen gegen Krankheiten wie Rheuma, Arthritis und gynäkologische Beschwerden nutzt. Die 15 Meter lange Höhle wurde mit modernen Einrichtungen versehen.
Es gibt noch weitere Orte auf Milos, in denen die Deutschen Stellungen und Bunker gebaut haben, zum Beispiel an der Nordwestküste und in Plakes. Der dortige Bunker diente im Zweiten Weltkrieg als Lazarett. Seit März 2014 befindet sich hier ein interessantes kleines Museum, das anschaulich die Bedingungen auf Milos in Kriegszeiten darstellt.
Montag, 31. Oktober 2016
Athen - eine zerbröselnde Stadt?
Die Athener Ruinen, da denkt jeder an die Antike, an Akropolis, Agora, Zeustempel und andere antike Überreste, die alljährlich Scharen von Besuchern aus aller Welt in die griechische Hauptstadt ziehen. Bei Spaziergängen durch die Stadt stößt man jedoch auf andere Ruinen, die verstörend wirken. Es gibt wohl keine europäische Metropole, in der man mitten im Zentrum auf so viele dem Verfall preisgegebene Gebäude trifft wie in Athen, mehrere Hundert dürften es sein. Es handelt sich in erster Linie um klassizistische Wohnhäuser aus der Mitte des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts, die einst das Gesicht der Stadt prägten. Allein der fleißige deutsche Baumeister Ernst Ziller hat annähernd 600 Gebäude in Athen und Piräus geschaffen. In zeitgenössischen Berichten wurde das damalige Athen denn auch als wunderschöne Stadt beschrieben, Fotos und Gemälde bestätigen das. Davon ist heute nicht mehr viel zu sehen.
Athen war nach den fast 400 Jahren türkischer Besatzung (1456-1830) nur noch ein "Haufen schmutziger Trümmer" - so beschrieb es Graf Prokesch von Osten, der österreichische Gesandte in Athen. Es war ein größeres Dorf, dessen rund 6000 Einwohner zu Füßen der Akropolis wohnten. Dieses Dorf nun machte 1834 den Sprung zur königlichen Residenz- und Hauptstadt des modernen Griechenland, und ein beispielloser Bauboom setzte ein. Die besten deutschen Stadtplaner und Architekten des 19. Jahrhunderts - Leo von Klenze, Friedrich von Gärtner, Eduard Schaubert und sein Freund Stamatis Kleanthis (beide hatten bei Karl Friedrich Schinkel in Berlin studiert), Ernst Ziller sowie die beiden dänischen Brüder Christian und Theophil Hansen - verwandelten den "Haufen" in kurzer Zeit in eine schmucke klassizistische Stadt. Damals wurden auch die breiten Boulevards angelegt, die das Zentrum bis heute prägen.
Größere Gebäude aus jener Zeit sind, sofern sie öffentlich genutzt werden, in recht gutem Zustand, ausgenommen das von Lysandros Kaftanzoglou erbaute Politechnion (neben dem Archäologischen Nationalmuseum), einstmals Eliteuniversität, heute wie so viele Athener Gebäude von Grafitti beschmiert und von Parolen der Qualität "Fuck you" und "Bullshit" besudelt, zum großen Teil leer stehend, öde und verwahrlost. Das ist um so beschämender, als von hier aus die Unruhen ausgingen, die wesentlich zum Sturz der Militärjunta im Jahr 1974 beigetragen haben. Beschämend auch der Zustand des Denkmals, das der toten Studenten erinnert, die bei der Protestaktion ums Leben kamen - der liegende Bronzekopf : Aus den Sockelritzen sprießt das Unkraut und daneben wurden ausrangierte verrostete Geräte abgelegt, eine Müllkippe.
Einstmals gehörte das Politechnion zu den Athener Sehenswürdigkeiten wie jene gepflegten Gebäude an der Panepistimiou, der Universitätsstraße: das Bauensemble der Athener Trilogie (Akademie, Universität und Nationalbibliothek) von Christian und Theophil Hansen, dem auch Wien mehrere bedeutende Bauten verdankt, das Schliemann-Haus von Ziller, heute Numismatisches Museum, das Arsakeion, die von Kaftanzoglou erbaute, 1836 gegründete Mädchenschule, ferner die katholische Dionisius-Kathedrale des bayerischen Hofbaumeisters Leo von Klenze und die Augenklinik daneben, ein Entwurf Theophil Hansens, deren Bauleitung Kaftanzoglou oblag. Aber selbst in dieser repräsentativen Hauptstraße, die den zentralen Sintagma- mit dem Omoniaplatz verbindet, fallen einem Ruinen ins Auge (etwa das schöne langgestreckte Haus neben dem Rex-Kino), mehr noch in der parallel verlaufenden Hauptstraße Stadiou, an der sich zumindest das Alte Parlament, das Palaia Vouli, in erfreulichem Zustand darbietet; es dient heute als Historisches Nationalmuseum.
Das überaus bescheidene einstöckige Haus in der Nebenstraße Paparigopoulou war die erste Residenz Ottos I. und Amalias, bis sie sieben Jahre später in das frühklassizistische, von Friedrich von Gärtner erbaute Königliche Schloß am Sintagmaplatz einziehen konnten. Die provisorische "Residenz", heute Museum der Stadt Athen mit proper Fassade, hat für Ausländer den Nachteil, das eine unauffällige Tafel am Eingang nur in griechischen Lettern auf die einstige Bestimmung hinweist. Das hält die Besucheranzahl in überschaulichen Grenzen, das Haus ist gewöhnlich leer.
Ein Trauerspiel größten Ausmasses aber ist die seit Jahren voranschreitende Verwahrlosung der privaten Wohnhäuser und Villen. Besonders auffällig ist der Verfall in den Innenstadtquartieren Psirri, Keramikou und Metaxourgio, das - merkwürdig genug - in manchen Medien noch immer als aufstrebendes Galerienviertel mit einem Zustrom von Künstlern aus aller Welt gepriesen wird, in dem Gentrifizierung stattfindet. Nur wo? Zu sehen ist nichts, nicht einmal eine zarte Andeutung von Aufschwung, keine chicen Bars, Boutiquen, Galerien, im Gegenteil. Ganze Straßen verfallen. Als Beispiel sei die Iasonos genannt, eigentlich ein idyllisches Gäßchen, baumbestanden, mit rund zwanzig Häusern auf jeder Seite. Von den meisten stehen nur noch die einstmals schönen Fassaden mit ihren schmiedeeisernen Balkonen und Gittern, kunstvoll gestalteten Haustüren und Gesims. Doch dahinter ist nichts, Unkraut wuchert aus den Fenstern. Ein Potemkinsches Dorf. Einige wenige Häuser sind noch bewohnt, manche nur im Erdgeschoß, genutzt von Bordellen. Manche Häuser ließen sich vermutlich sanieren, andere sind so marode, daß nur noch der Abriß bleibt. Am funktionierenden Ende der Straße besteht eine Galerie, The Breeder, eine der besten Athens. Daneben ein kleines Restaurant mit Cafe, "La Grande Piatsa", besucht fast ausschließlich von den Bewohnern ringsum.
Ruinen auch in der Ermou, der Hauptgeschäftsstraße in der Plaka, viele ab dem Monastiraki-Platz. In Psirri, dem hochgelobten,doch völlig überschätzten Ausgehviertel Athens, sind wenige Straßen saniert - schön ist nur die Agii Anargiri mit ihren klassizistischen Häuserzeilen, in denen sich ein Straßencafe an das andere reiht -, andere Straßen sind heruntergekommen. Um den Omonia-Platz, den Viktoria-Platz, den Larissa-Bahnhof sieht es ähnlich aus. Diese einstigen Mittelstandsquartiere verkommen zusehends. Die früheren Bewohner sind weggezogen, Wohnungen und Läden stehen leer. Die Viertel haben sich zur Durchgangsstation für Migranten entwickelt und verslummen.
Die Bevölkerung im Athener Zentrum hat in den letzten Jahren, besonders nach der Krise 2008, stark abgenommen. Das ist nicht nur das Problem einer alternden Population, das auch, denn die Geburtenrate ist ebenfalls gesunken, sondern in erster Linie ein finanzielles. Der Hausbau ist fast zum Erliegen gekommen, die Wohnungspreise sind beträchtlich gefallen, im Schnitt um 40 Prozent, ebenso die Mieteinkünfte bzw. lassen sich Häuser und Wohnungen gar nicht mehr vermieten. Der Hauseigentümer kann bei niedrigeren Einkommen die stetig steigenden Steuern und Nebenkosten nicht mehr aufbringen, Geld für Reparaturen, Renovierungen geschweige denn Sanierung ist nicht da. Die Banken geben kaum Kredite, Fördergelder von der Regierung gibt es nicht. Viele marode Häuser stehen zum Verkauf, aber es finden sich keine Käufer. Niemand will investieren. Die Unsicherheit ist zu groß, die Preise könnten ja noch weiter fallen. Aus diesen Gründen schlagen auch die Kinder mehr und mehr das Erbe ihrer Eltern aus, sofern es sich um Hauseigentum handelt. Eigentum ist nur noch eine Last und kein sicherer Hafen mehr wie noch vor der Krise. Es ist eine Spirale ohne Ende. Athen wird sein Gesicht verändern.
Selbst in den wohlhabenden Stadtteilen Palaio Psychiko, Kifissia und Kolonaki geht die Unsicherheit um. Allerdings strahlen die Villen dort weiterhin in blendendem Weiß. Keine Grafitti, kein Verfall.
Athen war nach den fast 400 Jahren türkischer Besatzung (1456-1830) nur noch ein "Haufen schmutziger Trümmer" - so beschrieb es Graf Prokesch von Osten, der österreichische Gesandte in Athen. Es war ein größeres Dorf, dessen rund 6000 Einwohner zu Füßen der Akropolis wohnten. Dieses Dorf nun machte 1834 den Sprung zur königlichen Residenz- und Hauptstadt des modernen Griechenland, und ein beispielloser Bauboom setzte ein. Die besten deutschen Stadtplaner und Architekten des 19. Jahrhunderts - Leo von Klenze, Friedrich von Gärtner, Eduard Schaubert und sein Freund Stamatis Kleanthis (beide hatten bei Karl Friedrich Schinkel in Berlin studiert), Ernst Ziller sowie die beiden dänischen Brüder Christian und Theophil Hansen - verwandelten den "Haufen" in kurzer Zeit in eine schmucke klassizistische Stadt. Damals wurden auch die breiten Boulevards angelegt, die das Zentrum bis heute prägen.
Größere Gebäude aus jener Zeit sind, sofern sie öffentlich genutzt werden, in recht gutem Zustand, ausgenommen das von Lysandros Kaftanzoglou erbaute Politechnion (neben dem Archäologischen Nationalmuseum), einstmals Eliteuniversität, heute wie so viele Athener Gebäude von Grafitti beschmiert und von Parolen der Qualität "Fuck you" und "Bullshit" besudelt, zum großen Teil leer stehend, öde und verwahrlost. Das ist um so beschämender, als von hier aus die Unruhen ausgingen, die wesentlich zum Sturz der Militärjunta im Jahr 1974 beigetragen haben. Beschämend auch der Zustand des Denkmals, das der toten Studenten erinnert, die bei der Protestaktion ums Leben kamen - der liegende Bronzekopf : Aus den Sockelritzen sprießt das Unkraut und daneben wurden ausrangierte verrostete Geräte abgelegt, eine Müllkippe.
Einstmals gehörte das Politechnion zu den Athener Sehenswürdigkeiten wie jene gepflegten Gebäude an der Panepistimiou, der Universitätsstraße: das Bauensemble der Athener Trilogie (Akademie, Universität und Nationalbibliothek) von Christian und Theophil Hansen, dem auch Wien mehrere bedeutende Bauten verdankt, das Schliemann-Haus von Ziller, heute Numismatisches Museum, das Arsakeion, die von Kaftanzoglou erbaute, 1836 gegründete Mädchenschule, ferner die katholische Dionisius-Kathedrale des bayerischen Hofbaumeisters Leo von Klenze und die Augenklinik daneben, ein Entwurf Theophil Hansens, deren Bauleitung Kaftanzoglou oblag. Aber selbst in dieser repräsentativen Hauptstraße, die den zentralen Sintagma- mit dem Omoniaplatz verbindet, fallen einem Ruinen ins Auge (etwa das schöne langgestreckte Haus neben dem Rex-Kino), mehr noch in der parallel verlaufenden Hauptstraße Stadiou, an der sich zumindest das Alte Parlament, das Palaia Vouli, in erfreulichem Zustand darbietet; es dient heute als Historisches Nationalmuseum.
Das überaus bescheidene einstöckige Haus in der Nebenstraße Paparigopoulou war die erste Residenz Ottos I. und Amalias, bis sie sieben Jahre später in das frühklassizistische, von Friedrich von Gärtner erbaute Königliche Schloß am Sintagmaplatz einziehen konnten. Die provisorische "Residenz", heute Museum der Stadt Athen mit proper Fassade, hat für Ausländer den Nachteil, das eine unauffällige Tafel am Eingang nur in griechischen Lettern auf die einstige Bestimmung hinweist. Das hält die Besucheranzahl in überschaulichen Grenzen, das Haus ist gewöhnlich leer.
Ein Trauerspiel größten Ausmasses aber ist die seit Jahren voranschreitende Verwahrlosung der privaten Wohnhäuser und Villen. Besonders auffällig ist der Verfall in den Innenstadtquartieren Psirri, Keramikou und Metaxourgio, das - merkwürdig genug - in manchen Medien noch immer als aufstrebendes Galerienviertel mit einem Zustrom von Künstlern aus aller Welt gepriesen wird, in dem Gentrifizierung stattfindet. Nur wo? Zu sehen ist nichts, nicht einmal eine zarte Andeutung von Aufschwung, keine chicen Bars, Boutiquen, Galerien, im Gegenteil. Ganze Straßen verfallen. Als Beispiel sei die Iasonos genannt, eigentlich ein idyllisches Gäßchen, baumbestanden, mit rund zwanzig Häusern auf jeder Seite. Von den meisten stehen nur noch die einstmals schönen Fassaden mit ihren schmiedeeisernen Balkonen und Gittern, kunstvoll gestalteten Haustüren und Gesims. Doch dahinter ist nichts, Unkraut wuchert aus den Fenstern. Ein Potemkinsches Dorf. Einige wenige Häuser sind noch bewohnt, manche nur im Erdgeschoß, genutzt von Bordellen. Manche Häuser ließen sich vermutlich sanieren, andere sind so marode, daß nur noch der Abriß bleibt. Am funktionierenden Ende der Straße besteht eine Galerie, The Breeder, eine der besten Athens. Daneben ein kleines Restaurant mit Cafe, "La Grande Piatsa", besucht fast ausschließlich von den Bewohnern ringsum.
Ruinen auch in der Ermou, der Hauptgeschäftsstraße in der Plaka, viele ab dem Monastiraki-Platz. In Psirri, dem hochgelobten,doch völlig überschätzten Ausgehviertel Athens, sind wenige Straßen saniert - schön ist nur die Agii Anargiri mit ihren klassizistischen Häuserzeilen, in denen sich ein Straßencafe an das andere reiht -, andere Straßen sind heruntergekommen. Um den Omonia-Platz, den Viktoria-Platz, den Larissa-Bahnhof sieht es ähnlich aus. Diese einstigen Mittelstandsquartiere verkommen zusehends. Die früheren Bewohner sind weggezogen, Wohnungen und Läden stehen leer. Die Viertel haben sich zur Durchgangsstation für Migranten entwickelt und verslummen.
Die Bevölkerung im Athener Zentrum hat in den letzten Jahren, besonders nach der Krise 2008, stark abgenommen. Das ist nicht nur das Problem einer alternden Population, das auch, denn die Geburtenrate ist ebenfalls gesunken, sondern in erster Linie ein finanzielles. Der Hausbau ist fast zum Erliegen gekommen, die Wohnungspreise sind beträchtlich gefallen, im Schnitt um 40 Prozent, ebenso die Mieteinkünfte bzw. lassen sich Häuser und Wohnungen gar nicht mehr vermieten. Der Hauseigentümer kann bei niedrigeren Einkommen die stetig steigenden Steuern und Nebenkosten nicht mehr aufbringen, Geld für Reparaturen, Renovierungen geschweige denn Sanierung ist nicht da. Die Banken geben kaum Kredite, Fördergelder von der Regierung gibt es nicht. Viele marode Häuser stehen zum Verkauf, aber es finden sich keine Käufer. Niemand will investieren. Die Unsicherheit ist zu groß, die Preise könnten ja noch weiter fallen. Aus diesen Gründen schlagen auch die Kinder mehr und mehr das Erbe ihrer Eltern aus, sofern es sich um Hauseigentum handelt. Eigentum ist nur noch eine Last und kein sicherer Hafen mehr wie noch vor der Krise. Es ist eine Spirale ohne Ende. Athen wird sein Gesicht verändern.
Selbst in den wohlhabenden Stadtteilen Palaio Psychiko, Kifissia und Kolonaki geht die Unsicherheit um. Allerdings strahlen die Villen dort weiterhin in blendendem Weiß. Keine Grafitti, kein Verfall.
Sonntag, 14. August 2016
Der Erste Athenische Friedhof - Melina Merkouri, Andreas Papandreou, Alekos Panagoulis, Bettina von Savigny-Schinas, J.F. Julius Schmidt und andere
Auf dem Ersten Athenischen Friedhof, dem Proto Nekrotafio Athinon, haben seit König Ottos Zeiten die Reichen und Prominenten ihre Ruhe gefunden, lokale Berühmtheiten ebenso wie internationale Geistesgrößen des 19. Jahrhunderts, die sich um Griechenland verdient gemacht haben. Die dicht bei dicht stehenden Grabbauten (Oikoi) - prunkvolle Mausoleen, Standbilder mit Medaillons, reliefverzierte Stelen und Sockel mit den Büsten der Verstorbenen, mächtige Sarkophage - haben das sorgfältig gepflegte Gelände zu einem Skulpturenpark werden lassen, der in Stein gemeißelt die bewegte Historie des neugriechischen Staates erzählt. Aber auch kunst- und kulturgeschichtlich ist der Friedhof von Bedeutung. Als Spiegel seiner Zeit dokumentiert er den sozialen und kulturellen Zustand der Gesellschaft, vor allem den der selbst- und nationalbewußten Athener Oberschicht.
Ein Meisterwerk der klassizistischen Bildhauerkunst begegnet dem Besucher gleich rechts am breiten Mittelweg: Es ist die "Koimomeni" (die "Schlafende"), das Grabmal der Sophia Afentakis, die im Alter von erst achtzehn Jahren an Tuberkulose starb. Geschaffen hat es Giannoulis Chalepas (1851-1938) von der Insel Tinos, der als der bedeutendste griechische Bildhauer des 19. Jahrhunderts gilt und eine Brücke in die Moderne schlug. Sein Leben ist von großer Tragik überschattet: 1877, dem Jahr, in dem er die "Schlafende" schuf, bildete er erste Symptome einer psychischen Krankheit aus, vermutlich Schizophrenie. Vierzig Jahre lang lag seine künstlerische Tätigkeit brach. Glücklicherweise war ihm in höherem Alter eine späte zweite Karriere vergönnt, Ausstellungen und Preise würdigten sein Werk noch zu Lebzeiten. (2007 fand in Athen eine Retrospektive statt.)
Die meisten Denkmäler in dieser schneeweißen Totenstadt aber folgten dem Zeitgeschmack. Sie kopieren antike Säulen, Skulpturen und Reliefs, deren Originale man im Archäologischen Nationalmuseum studieren kann. Ein beliebtes, immer wiederkehrendes Motiv in der Grabplastik ist die "trauernde Athene", ferner Sphinxe und Grabstelen, wie man sie auf dem antiken Athener Friedhof, dem Kerameikos, und im dortigen Museum sieht.
Nicht zu übersehen ist das links auf der Anhöhe oberhalb des Mittelweges thronende Grabmonument von Heinrich und Sophia Schliemann. Diesen exponierten Platz mit Blick auf die Akropolis hatte Schliemann schon zu Lebzeiten als letzte Ruhestätte gewählt. Auch den Bau des Mausoleums in Form eines dorischen Tempels hatte er lange vor seinem Tod - er starb am 26. Dezember 1890 im Alter von 68 Jahren in Neapel an einer verschleppten Ohreninfektion - bis ins Detail geplant. Architekt war sein Freund Ernst Ziller, dem für den Bau 50 000 Drachmen zur Verfügung standen, eine unerhört hohe Summe, die ihm völlig freie Hand in der Außen- und Innengestaltung ließ. Die Schliemann-Büste vor dem Tempel gab seine griechische Frau Sophia Engastromenou in Auftrag, die ihn um vierzig Jahre überlebte. Der umlaufende Fries stellt das Ehepaar in Troja dar, umgeben von türkischen Arbeitern, die die kostbaren Funde in Sicherheit bringen, von denen Schliemann glaubte, sie seien der Schatz des Priamos. Der Archäologe rezitiert aus einem Band Homers, dem Schliemannschen "Hausgott", die ihm zugewandte Sophia hört aufmerksam zu. In dem Grabmal ist auch ihre Tochter Andromachi Melas bestattet. Sohn Agamemnon ist in Paris beerdigt.
Einige Reihen hinter dem Schliemann-Mausoleum liegt das Grabmal eines deutschen Philhellenen, des Barons Eduard von Reineck. Aus der Inschrift geht hervor, daß er 1796 in Eisenach geboren wurde, 1822 nach Griechenland kam und als Adjutant von Alexandros Mavrokordatos, mehrmaliger Ministerpräsident nach dem Unabhängkeitskrieg und nach der Thronbesteigung Ottos I. 1833 Finanzminister, den Freiheitskrieg mitmachte. Von Reineck, der mit der Schwester Mavrokordatos', Efrosini, verheiratet war, starb 1858 als königlich-griechischer General in Athen. Anfang der 1820er Jahre war ganz Europa von schwärmerischer Begeisterung für die griechische Freiheitsbewegung erfüllt. Junge Menschen, die antiken Ideale im Kopf, zogen wie von Reineck nach Hellas, um die Griechen in ihrem Kampf gegen die vierhundertjährige türkische Besatzung zu unterstützen. Viele deutsche, österreichische, englische und amerikanische Philhellenen fanden fern der Heimat im protestantischen Teil des Friedhofs ein letztes Zuhause. So mancher wollte in griechischer Erde begraben sein, im Schatten von Pinien und Orangenbäumchen. Viel Interessantes geht aus den Inschriften hervor. Nur wenige Daten auf dem Grabstein, etwa woher sie gekommen und wie alt sie geworden sind, erzählen bereits einen Teil ihres persönlichen Schicksals und wie es mit der Geschichte Athens oder Griechenlands verknüpft ist.
Unterhalb der Anhöhe fallen zwei Grabdenkmäler auf: das Monument eines der berühmtesten griechischen Freiheitskämpfer, Theodor Kolokotronis (1770-1843), des "Helden von Morea", und die prunkvolle ewige Heimstatt von Georgios Averoff. Dieser großzügige Wohltäter Athens finanzierte seinerzeit nicht nur den Wiederaufbau des antiken Stadions, dessen Reste 1870 Ernst Ziller freigelegt hatte und in dem 1896 die ersten nachantiken Olympischen Spiele stattfanden, sondern schenkte dem Staat auch sein erstes Kriegsschiff.
Dort, direkt am Hauptweg, liegt die Grabstätte der Schauspielerin und Kulturministerin Melina Merkouri (1925-1994), die die Griechen nur "Melina" nannten, und nur wenige Schritte weiter, neben dem Mausoleum von Emmanuel Benaki, dem Stifter des Athener Benaki-Museums, die des wortgewaltigen, charismatischen Ministerpräsidenten Andreas Papandreou (1919-1996), der für das Volk "Andreas" war. Keinem anderen Politiker ist diese Ehre jemals zuteil geworden. Noch immer legen seine Anhänger Rosen oder kleine Töpfchen mit Basilikum auf die schlichte Grabplatte.
Rosen oder Nelken liegen stets auch auf dem Grab des Dichters, Widerstandskämpfers und Parlamentsabgeordneten Alekos Panagoulis, über das ein ausladender Mimosenstrauch seine Zweige breitet. Panagoulis kam am 1. Mai 1976 im Alter von 36 Jahren bei einem mysteriösen Verkehrsunfall ums Leben. Nach dem mißglückten Attentat auf den Obristenchef Georgios Papadopoulos am 13. August 1968 wurde er zum Tode verurteilt. Nach fünf Jahren Haft unter unvorstellbar grausamen Bedingungen in verschiedenen Gefängnissen mußte ihn die Junta aufgrund massiver internationaler Interventionen 1973 freilassen. Die Folter, der er jahrelang ausgesetzt war, die aber seinen Willen nicht brechen konnte, und die Beisetzung dieses besessenen Kämpfers für Freiheit und Demokratie, dem mehrere hunderttausend Menschen das letzte Geleit gaben, beschreibt seine Lebensgefährtin, die italienische Journalistin und Schriftstellerin Oriana Fallaci, in ihrem dokumentarischen Roman "Ein Mann" (Un uomo), der weltweit ein Bestseller wurde. Alekos Panagoulis ist bis heute unvergessen. 1997 ehrte ihn der griechische Staat mit einer Briefmarke, 2002 wurde eine Metro-Haltestelle nahe dem Platz, an dem er starb, nach ihm benannt (Agios Dimitrios/Alekos Panagoulis), mehrere Strassen tragen seinen Namen, und 2012 wurde an der Panepistimiou-Straße eine Statue von ihm aufgestellt. Mikis Theodorakis hat einige seiner Gedichte vertont. Oriana Fallaci starb 2006 in Florenz, sie ist auf dem dortigen Cimitero Evangelico degli Allori begraben. Auf einem Stein neben ihrem Grabdenkmal erinnert sie an ihn, der mit ihr in Florenz lebte: "In Memoria di Alekos Panagulis. Posi con Amore. Oriana."
Etwas weiter den Hauptweg entlang gehend, trifft man auf die schlichte Grabstelle mit dem Medaillon von Sir Richard Church (1784-1873), Generalissimus der griechischen Truppen im Befreiungskrieg, der als "Stratikos Georgios" allseits verehrt in Athen starb. Schräg dahinter liegt das Grab von Adamantios Korais (1748-1833), einem der geistigen Wortführer im Kampf der Griechen um ihre Unabhängigkeit.
Im schon erwähnten protestantischen Teil des Friedhofs fand ein anderer bedeutender Archäologe, Adolf Furtwängler (1853-19o7), seine letzte Heimstatt. Sein Grab ist relativ bescheiden, gekrönt nur von einer bronzenen Sphinx, einer Kopie vom Aphaiatempel auf der Insel Ägina, den Furtwängler zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausgrub. Hier findet man auch die Grabstele des Epigraphikers Hans von Prott (1869-1903) aus Hannover, der sich bereits während seiner Studienzeit intensiv mit griechischen Inschriften beschäftigte. Seit 1889 arbeitete er im Deutschen Archäologischen Institut in Athen. Er nahm aktiv an den Grabungen Wilhelm Dörpfelds am Nordhang der Akropolis teil. Prott beging im Alter von nur 34 Jahren Selbstmord. Die Stele ist in der Art antiker attischer Grabstelen gestaltet, mit Palmettenbekrönung und dem ergreifenden Flachrelief eines sitzenden, in sich versunkenen Jünglings mit aufgestütztem Kopf, "ein ergreifendes Bild der Trauer" (Bruno Schröder, 1904). Es ist die Kopie eines klassischen Reliefs aus Geraki in Lakonien (heute im Museum von Sparta), das Hans von Prott selbst während einer Lakonien-Reise im Jahr seines Todes entdeckt hat.
Spaziert man ein wenig umher, entdeckt man noch weitere Gräber von Deutschen, die in Athen geblieben sind. Künstlerisch interessant ist das streng klassizistische Monument für die aus Berlin stammende Bettina von Savigny-Schinas (1805-1835), die vermutlich an Typhus starb. Der Entwurf stammt von dem griechischen Architekten Stamatis Kleanthis, der bei Karl Friedrich Schinkel in Berlin studiert hatte. Zusammen mit seinem Freund Eduard Schaubert, ebenfalls Schinkel-Schüler, arbeitete er den Stadtplan des modernen Athen aus. Bettinas Vater war der bedeutende Rechtsprofessor Carl von Savigny, ihr späterer Ehemann Konstantinos Schinas, der 1833 griechischer Justizminister wurde, war sein Schüler. (Bettinas Briefe aus Griechenland an ihre Eltern, in denen sie von ihrem Alltag und ihren Begegnungen mit interessanten Menschen berichtet, erschienen 2002 im Verlag Cay Lienau, Münster, hrsg. von Ruth Steffen: "Leben in Griechenland 1834-35".) Gleich hinter der Stele Bettina Schinas' steht das Grabmal der Julie von Nordenpflycht, ein Werk des dänischen Architekten Christian Hansen. Julie von Nordenpflycht war eine der Hofdamen von Königin Amalia. Neben Bettina Schinas fand J.F. Julius Schmidt (1825-84) seine letzte Ruhe, ein in Eutin geborener, damals international berühmter Astronom, der von 1858 bis zu seinem unerwarteten Tod Direktor der Athener Sternwarte war. Seine Beerdigung fand unter großer Anteilnahme der Bevölkerung statt, sie gestaltete sich zu einer "nationalen Trauerfeier", wie einem Zeitungsbericht zu entnehmen war. Ferner wurde mitgeteilt, daß er an einem plötzlichen Herzschlag gestorben sei. Den Abend zuvor hatte er "noch ganz wohl bei dem deutschen Gesandten zugebracht".
Auch der in Radebeul geborene Architekt Ernst Ziller (1837-1923), der das Stadtbild Athens Ende des 19. Jahrhunderts mit über fünfhundert Bauten maßgeblich geprägt hat, ist hier beerdigt. Er starb am 25. November 1923 verarmt in Athen.
Ein Meisterwerk der klassizistischen Bildhauerkunst begegnet dem Besucher gleich rechts am breiten Mittelweg: Es ist die "Koimomeni" (die "Schlafende"), das Grabmal der Sophia Afentakis, die im Alter von erst achtzehn Jahren an Tuberkulose starb. Geschaffen hat es Giannoulis Chalepas (1851-1938) von der Insel Tinos, der als der bedeutendste griechische Bildhauer des 19. Jahrhunderts gilt und eine Brücke in die Moderne schlug. Sein Leben ist von großer Tragik überschattet: 1877, dem Jahr, in dem er die "Schlafende" schuf, bildete er erste Symptome einer psychischen Krankheit aus, vermutlich Schizophrenie. Vierzig Jahre lang lag seine künstlerische Tätigkeit brach. Glücklicherweise war ihm in höherem Alter eine späte zweite Karriere vergönnt, Ausstellungen und Preise würdigten sein Werk noch zu Lebzeiten. (2007 fand in Athen eine Retrospektive statt.)
Die meisten Denkmäler in dieser schneeweißen Totenstadt aber folgten dem Zeitgeschmack. Sie kopieren antike Säulen, Skulpturen und Reliefs, deren Originale man im Archäologischen Nationalmuseum studieren kann. Ein beliebtes, immer wiederkehrendes Motiv in der Grabplastik ist die "trauernde Athene", ferner Sphinxe und Grabstelen, wie man sie auf dem antiken Athener Friedhof, dem Kerameikos, und im dortigen Museum sieht.
Nicht zu übersehen ist das links auf der Anhöhe oberhalb des Mittelweges thronende Grabmonument von Heinrich und Sophia Schliemann. Diesen exponierten Platz mit Blick auf die Akropolis hatte Schliemann schon zu Lebzeiten als letzte Ruhestätte gewählt. Auch den Bau des Mausoleums in Form eines dorischen Tempels hatte er lange vor seinem Tod - er starb am 26. Dezember 1890 im Alter von 68 Jahren in Neapel an einer verschleppten Ohreninfektion - bis ins Detail geplant. Architekt war sein Freund Ernst Ziller, dem für den Bau 50 000 Drachmen zur Verfügung standen, eine unerhört hohe Summe, die ihm völlig freie Hand in der Außen- und Innengestaltung ließ. Die Schliemann-Büste vor dem Tempel gab seine griechische Frau Sophia Engastromenou in Auftrag, die ihn um vierzig Jahre überlebte. Der umlaufende Fries stellt das Ehepaar in Troja dar, umgeben von türkischen Arbeitern, die die kostbaren Funde in Sicherheit bringen, von denen Schliemann glaubte, sie seien der Schatz des Priamos. Der Archäologe rezitiert aus einem Band Homers, dem Schliemannschen "Hausgott", die ihm zugewandte Sophia hört aufmerksam zu. In dem Grabmal ist auch ihre Tochter Andromachi Melas bestattet. Sohn Agamemnon ist in Paris beerdigt.
Einige Reihen hinter dem Schliemann-Mausoleum liegt das Grabmal eines deutschen Philhellenen, des Barons Eduard von Reineck. Aus der Inschrift geht hervor, daß er 1796 in Eisenach geboren wurde, 1822 nach Griechenland kam und als Adjutant von Alexandros Mavrokordatos, mehrmaliger Ministerpräsident nach dem Unabhängkeitskrieg und nach der Thronbesteigung Ottos I. 1833 Finanzminister, den Freiheitskrieg mitmachte. Von Reineck, der mit der Schwester Mavrokordatos', Efrosini, verheiratet war, starb 1858 als königlich-griechischer General in Athen. Anfang der 1820er Jahre war ganz Europa von schwärmerischer Begeisterung für die griechische Freiheitsbewegung erfüllt. Junge Menschen, die antiken Ideale im Kopf, zogen wie von Reineck nach Hellas, um die Griechen in ihrem Kampf gegen die vierhundertjährige türkische Besatzung zu unterstützen. Viele deutsche, österreichische, englische und amerikanische Philhellenen fanden fern der Heimat im protestantischen Teil des Friedhofs ein letztes Zuhause. So mancher wollte in griechischer Erde begraben sein, im Schatten von Pinien und Orangenbäumchen. Viel Interessantes geht aus den Inschriften hervor. Nur wenige Daten auf dem Grabstein, etwa woher sie gekommen und wie alt sie geworden sind, erzählen bereits einen Teil ihres persönlichen Schicksals und wie es mit der Geschichte Athens oder Griechenlands verknüpft ist.
Unterhalb der Anhöhe fallen zwei Grabdenkmäler auf: das Monument eines der berühmtesten griechischen Freiheitskämpfer, Theodor Kolokotronis (1770-1843), des "Helden von Morea", und die prunkvolle ewige Heimstatt von Georgios Averoff. Dieser großzügige Wohltäter Athens finanzierte seinerzeit nicht nur den Wiederaufbau des antiken Stadions, dessen Reste 1870 Ernst Ziller freigelegt hatte und in dem 1896 die ersten nachantiken Olympischen Spiele stattfanden, sondern schenkte dem Staat auch sein erstes Kriegsschiff.
Dort, direkt am Hauptweg, liegt die Grabstätte der Schauspielerin und Kulturministerin Melina Merkouri (1925-1994), die die Griechen nur "Melina" nannten, und nur wenige Schritte weiter, neben dem Mausoleum von Emmanuel Benaki, dem Stifter des Athener Benaki-Museums, die des wortgewaltigen, charismatischen Ministerpräsidenten Andreas Papandreou (1919-1996), der für das Volk "Andreas" war. Keinem anderen Politiker ist diese Ehre jemals zuteil geworden. Noch immer legen seine Anhänger Rosen oder kleine Töpfchen mit Basilikum auf die schlichte Grabplatte.
Rosen oder Nelken liegen stets auch auf dem Grab des Dichters, Widerstandskämpfers und Parlamentsabgeordneten Alekos Panagoulis, über das ein ausladender Mimosenstrauch seine Zweige breitet. Panagoulis kam am 1. Mai 1976 im Alter von 36 Jahren bei einem mysteriösen Verkehrsunfall ums Leben. Nach dem mißglückten Attentat auf den Obristenchef Georgios Papadopoulos am 13. August 1968 wurde er zum Tode verurteilt. Nach fünf Jahren Haft unter unvorstellbar grausamen Bedingungen in verschiedenen Gefängnissen mußte ihn die Junta aufgrund massiver internationaler Interventionen 1973 freilassen. Die Folter, der er jahrelang ausgesetzt war, die aber seinen Willen nicht brechen konnte, und die Beisetzung dieses besessenen Kämpfers für Freiheit und Demokratie, dem mehrere hunderttausend Menschen das letzte Geleit gaben, beschreibt seine Lebensgefährtin, die italienische Journalistin und Schriftstellerin Oriana Fallaci, in ihrem dokumentarischen Roman "Ein Mann" (Un uomo), der weltweit ein Bestseller wurde. Alekos Panagoulis ist bis heute unvergessen. 1997 ehrte ihn der griechische Staat mit einer Briefmarke, 2002 wurde eine Metro-Haltestelle nahe dem Platz, an dem er starb, nach ihm benannt (Agios Dimitrios/Alekos Panagoulis), mehrere Strassen tragen seinen Namen, und 2012 wurde an der Panepistimiou-Straße eine Statue von ihm aufgestellt. Mikis Theodorakis hat einige seiner Gedichte vertont. Oriana Fallaci starb 2006 in Florenz, sie ist auf dem dortigen Cimitero Evangelico degli Allori begraben. Auf einem Stein neben ihrem Grabdenkmal erinnert sie an ihn, der mit ihr in Florenz lebte: "In Memoria di Alekos Panagulis. Posi con Amore. Oriana."
Etwas weiter den Hauptweg entlang gehend, trifft man auf die schlichte Grabstelle mit dem Medaillon von Sir Richard Church (1784-1873), Generalissimus der griechischen Truppen im Befreiungskrieg, der als "Stratikos Georgios" allseits verehrt in Athen starb. Schräg dahinter liegt das Grab von Adamantios Korais (1748-1833), einem der geistigen Wortführer im Kampf der Griechen um ihre Unabhängigkeit.
Im schon erwähnten protestantischen Teil des Friedhofs fand ein anderer bedeutender Archäologe, Adolf Furtwängler (1853-19o7), seine letzte Heimstatt. Sein Grab ist relativ bescheiden, gekrönt nur von einer bronzenen Sphinx, einer Kopie vom Aphaiatempel auf der Insel Ägina, den Furtwängler zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausgrub. Hier findet man auch die Grabstele des Epigraphikers Hans von Prott (1869-1903) aus Hannover, der sich bereits während seiner Studienzeit intensiv mit griechischen Inschriften beschäftigte. Seit 1889 arbeitete er im Deutschen Archäologischen Institut in Athen. Er nahm aktiv an den Grabungen Wilhelm Dörpfelds am Nordhang der Akropolis teil. Prott beging im Alter von nur 34 Jahren Selbstmord. Die Stele ist in der Art antiker attischer Grabstelen gestaltet, mit Palmettenbekrönung und dem ergreifenden Flachrelief eines sitzenden, in sich versunkenen Jünglings mit aufgestütztem Kopf, "ein ergreifendes Bild der Trauer" (Bruno Schröder, 1904). Es ist die Kopie eines klassischen Reliefs aus Geraki in Lakonien (heute im Museum von Sparta), das Hans von Prott selbst während einer Lakonien-Reise im Jahr seines Todes entdeckt hat.
Spaziert man ein wenig umher, entdeckt man noch weitere Gräber von Deutschen, die in Athen geblieben sind. Künstlerisch interessant ist das streng klassizistische Monument für die aus Berlin stammende Bettina von Savigny-Schinas (1805-1835), die vermutlich an Typhus starb. Der Entwurf stammt von dem griechischen Architekten Stamatis Kleanthis, der bei Karl Friedrich Schinkel in Berlin studiert hatte. Zusammen mit seinem Freund Eduard Schaubert, ebenfalls Schinkel-Schüler, arbeitete er den Stadtplan des modernen Athen aus. Bettinas Vater war der bedeutende Rechtsprofessor Carl von Savigny, ihr späterer Ehemann Konstantinos Schinas, der 1833 griechischer Justizminister wurde, war sein Schüler. (Bettinas Briefe aus Griechenland an ihre Eltern, in denen sie von ihrem Alltag und ihren Begegnungen mit interessanten Menschen berichtet, erschienen 2002 im Verlag Cay Lienau, Münster, hrsg. von Ruth Steffen: "Leben in Griechenland 1834-35".) Gleich hinter der Stele Bettina Schinas' steht das Grabmal der Julie von Nordenpflycht, ein Werk des dänischen Architekten Christian Hansen. Julie von Nordenpflycht war eine der Hofdamen von Königin Amalia. Neben Bettina Schinas fand J.F. Julius Schmidt (1825-84) seine letzte Ruhe, ein in Eutin geborener, damals international berühmter Astronom, der von 1858 bis zu seinem unerwarteten Tod Direktor der Athener Sternwarte war. Seine Beerdigung fand unter großer Anteilnahme der Bevölkerung statt, sie gestaltete sich zu einer "nationalen Trauerfeier", wie einem Zeitungsbericht zu entnehmen war. Ferner wurde mitgeteilt, daß er an einem plötzlichen Herzschlag gestorben sei. Den Abend zuvor hatte er "noch ganz wohl bei dem deutschen Gesandten zugebracht".
Auch der in Radebeul geborene Architekt Ernst Ziller (1837-1923), der das Stadtbild Athens Ende des 19. Jahrhunderts mit über fünfhundert Bauten maßgeblich geprägt hat, ist hier beerdigt. Er starb am 25. November 1923 verarmt in Athen.
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