Athen hat viele kleine Privatmuseen. Eines davon ist das Makronissos-Museum in der Agion-Asomaton-Straße 31, gegenüber dem Benaki-Museum für Islamische Kunst, dessen exquisite Ausstellung zu den führenden Sammlungen islamischer Kunst weltweit gehört. Entsprechend häufig wird es besucht, wohingegen das kleine Makronissos Exil-Museum eher ein Schattendasein führt. Wer sich indes ein Bild von der neueren Geschichte Griechenlands machen möchte, sollte sich ein wenig Zeit für einen Besuch nehmen.
Vor knapp hundert Jahren begannen die jeweiligen griechischen Diktatoren damit, Regimegegner, Oppositionelle und sonstige mißliebigen Zeitgenossen auf unbewohnte oder abgelegene Inseln zu verbannen. Die bekanntesten und gleichsam der Inbegriff für Deportation und Folter sind Leros, das Felseneiland Jaros nahe Siros, Ai Strati (Agios Efstratios) und später Makronissos. Der Lyriker Jannis Ritsos, der auf Limnos, Ai Strati und Makronissos inhaftiert war und 20 Jahre später von der Militärjunta auf Leros und Samos erneut festgesetzt wurde, fand für die Situation der Gefangenen die bekannte Gedichtzeile, die alles sagt: "Unsere einzigen Urkunden: drei Worte: Makronissos, Jaros und Leros. Und wenn euch unsere Verse eines Tages ungeschickt erscheinen, denkt nur daran, daß sie geschrieben wurden unter den Augen der Wächter und mit der Lanze immer in unserer Seite" (in dem Band "Unter den Augen der Wächter", 1989).
Von Leros - Gefängnis-, Verbannungs- und noch Anfang der neunziger Jahre berüchtigte Psychiatrieinsel - sagte der englische Schriftsteller Lawrence Durrell, der 1945-47 als britischer Presseattache auf Rhodos lebte: "Leros ist eine elende Insel ohne jeden Charakter. Gott helfe denen, die dort geboren sind, und denen, die dort leben." Die relativ kleine Dodekanes-Insel mit ein wenig Tourismus heute und einem schlechten Ruf seit jeher, war unter der Obristenherrschaft eines der Konzentrationslager für Regimegegner. Prominenteste Gefangene waren Jannis Ritsos und der KP-Vorsitzende Charilaos Florakis. Ein anderes Internierungslager war Jaros, das unbewohnte, nur 17 qkm große Felseneiland. Verbannungsort schon unter den römischen Kaisern und in byzantinischer Zeit, war es noch unter der Militärjunta (1967-74) Häftlingsinsel. Die Obristen schafften Tausende politische Gefangene hierher (auch Ritsos, der KP-Mitglied war, war vor seiner Deportation nach Leros auf Jaros) und auf die anderen KZ-Inseln, Mitglieder der Zentrums-Union, der Lambrakis-Jugend u.a., gewöhnlich ohne Gerichtsverfahren und -urteil. 1974, nach dem Ende der Militärherrschaft, wurde Jaros geschlossen.
Nach dem abgelegenen Ai Strati, südlich von Limnos in der nördlichen Ägäis gelegen, mit gerade einmal zweihundert Einwohnern, wurden zwischen 1928 und 1963 geschätzte Hunderttausend politische Gefangene verbracht, neben Ritsos auch Mikis Theodorakis, der Schauspieler Manos Katrakis, der Journalist und Schriftsteller Kostas Varnalis sowie der Schriftsteller Nikos Karouzos.
Für sie alle waren die griechischen Inseln die Hölle.
Auf Makronissos, das wie ein Riegel östlich vom Hafenort Lavrion und vom Kap Sounion liegt, wurden nach dem Ende des Bürgerkriegs (1946-49), ein unrühmliches Kapitel in der griechischen Geschichte, das rund 600 000 Tote forderte, vor allem Linke und Kommunisten interniert, die dort in jahrelanger Haft Folterungen, Erniedrigungen, Zwangsarbeit und Hunger ausgesetzt waren. Tausende fanden den Tod. Auch Ritsos, Katrakis, Theodorakis,der Lyriker Tassos Livaditis und der Jurist und Widerstandskämpfer Apostolos Sandas waren auf Makronissos inhaftiert. Sandas hatte am 30. Mai 1941 zusammen mit Manolis Glezos die Hakenkreuzfahne von der Akropolis gerissen. Daran erinnert auf der Akropolis seit 1982 eine Bronzetafel. Theodorakis zog sich auf Makronissos sein Lungenleiden zu, das "Makronissos-Fieber", an dem viele Deportierte litten.
Die beiden Museumsräume sind angefüllt mit Schriftdokumenten und Fotografien. Zettel, handschriftliche Briefe und Postkarten an Freunde und Verwandte sind Zeugnisse aus einer Zeit, die noch sehr präsent ist. Die gesamte Korrespondenz ist auf Griechisch geschrieben. Man kann aber eine Broschüre erwerben, die - illustriert mit Plänen und Fotos - auf Englisch über die Geschichte von Makronissos informiert.
Hintergrundinformationen zu Griechenland: Politik & Geschichte, Kunst & Kultur und Tourismus von Frauke Burian
Dienstag, 26. Juli 2016
Donnerstag, 3. März 2016
Der griechische Pianist und Menschenfreund Panos Karan. Can Music change the World?
Ein rastlos Reisender ist Panos Karan. Mehr als hundert Länder hat der Kosmopolit, der heute in London lebt, schon besucht, in einigen - Barcelona, Buenos Aires, Tokio und natürlich in Athen, wo er seine erste Ausbildung erhielt - war er längere Zeit zu Hause. Er bereist die Welt aber nicht nur als der großartige Konzertpianist, der er ist, sondern um benachteiligten Kindern auf der ganzen Welt die westliche klassische Musik und die Freude am Musizieren nahezubringen. Und weil ihm das eine Herzensangelegenheit ist, hat er im September 2010 die Stiftung Keys of Change unter dem Motto "Can music change the world? We believe it can" ins Leben gerufen. Die Non-profit Organisation finanziert sich durch Spenden und Konzerteinnahmen.
Seine langfristig angelegten, ambitionierten Projekte hat er in Brasilien, Japan, Sibirien, Bosnien, Uganda, Indien und Sierra Leone durchgeführt, in leidgeprüften Ländern also, die Bürgerkriege, HIV-Epidemien oder andere Konflikte und Tragödien aushalten mußten und in denen die meisten Kinder in unglaublicher Armut leben und um jedes bißchen Bildung, Anerkennung und Gesundheit kämpfen müssen. Sein erstes Ziel war im März 2011 Brasilien. In einer spektakulären Aktion fuhr er gemeinsam mit vier Helfern und einem tragbaren e-Piano den Amazonas hinunter und begeisterte die Bewohner der abgelegenen Orte am Fluß mit klassischer Musik. Der abenteuerlichen ersten Reise folgten zwei weitere.
In Japan, das am 11. März 2011 von einem gewaltigen Erdbeben mit dadurch ausgelöstem Tsunami heimgesucht wurde, der die bekannte Reaktorkatastrophe verursachte, deren Schreckensbilder um die ganze Welt gingen, gründete Panos mit Hilfe von Keys of Change das Jugendorchester Fukushima Youth Sinfonietta, mit dem er intensiv zusammenarbeitet und das er schnell zu einem der besten Jugendorchester Japans formte. Zehnmal war er bereits in Japan, auch in der verwüsteten Küstenregion, die noch immer geisterhaft öde anmutet. 2014 holte er das Fukushima-Ensemble nach London und trat mit ihm in der Queen Elizabeth Hall auf und im August 2015 in Anwesenheit von Kaiserin Michiko in der Tokyo Opera City. Die zweitausend Zuhörer dankten mit minutenlangen Standing Ovations. Erst kürzlich, am 20. Februar 2016, spielte Panos zum Gedenken an den fünften Jahrestag des "Großen Erdbebens" ein Klaviersolo in der Japanischen Botschaft in Athen. "Klassische Musik kann am Amazonas und in den Slums von Sierra Leone genauso erfreuen wie in der Carnegie Hall oder im Southbank Centre. Das ist einer der einfachsten und stärksten Wege für Menschen auf der ganzen Welt, um Brücken zum Frieden zu bauen und einen positiven sozialen Wandel einzuleiten" - meint Panos. Es ist sein Credo.
Auch in seiner griechischen Heimat organisierte Panos ein Keys of Change-Projekt. Im Januar 2014 reiste er in das nordgriechische Xanthi, einst Mittelpunkt einer florierenden Tabakindustrie, heute ein eher vergessener, orientalisch wirkender Ort nahe der Grenzen zu Bulgarien und zur Türkei. Zusammen mit dem Flötisten Zacharias Tarpagos, mit dem er häufig gemeinsam auftritt, gab er in vier Schulen ein Konzert. Eingeladen hatte ihn die griechische NGO "Mission Anthropos", eine nicht-staatliche, vor allem in der Medizin aktive Organisation, die in diesem rückständigen Landesteil, in dem eine große türkische und eine kleinere Roma-Minderheit lebt, kostenlose Impfungen durchführte. Die meisten Schüler hier sind türkischsprechende Roma, die großteils in schwierigen familiären, von Armut, Unwissen und Gewalt geprägten Verhältnissen leben. Im März 2015 kamen Panos und Zach erneut nach Xanthi, um die ein Jahr zuvor begonnene Arbeit fortzusetzen. Beide studierten mit den engagierten und inspirierten Schülern Lieder und kleine Musikstücke ein, die sie dann öffentlich vortrugen. Ziel ist die Verständigung unterprivilegierter Minderheiten über Musik: "Die Sprache der Musik verstehen alle." In der Musik finden sie zusammen und lernen, daß man durch Teamwork, Verantwortungsbewußtsein und gegenseitigen Respekt Vieles erreichen kann, dass es möglich ist, miteinander zu arbeiten und Erfolg und Freude zu haben. Freude, die sie in ihrem Alltag sonst nicht erfahren. Keys of Change will die Arbeit mit den Schülern in Xanthi weiterführen.
Panos Karan wurde 1982 auf Kreta geboren und wuchs in Athen auf, wo er im Alter von sieben Jahren ersten Klavierunterricht bekam. Seine weitere musikalische Ausbildung erhielt er am Athener Konservatorium und - mit einem Stipendium der Onassis-Stiftung - an der Royal Academy of Music in London, die der Hochbegabte mit Auszeichnung bestand. Sein Debut hatte er mit 19 Jahren im Londoner South Bank Centre. Es folgten weitere Auftritte, nationale und internationale Preise. Panos tritt überall in Europa und außerhalb Europas auf, in London, Wien, St. Petersburg, dem Athener Megaron Mousikis sowie dem in Saloniki, der Tokyo Opera City. Drei Solo-Konzerte hatte er in der New Yorker Carnegie Hall (Weill Recital Hall). Die Einnahmen seines Konzertes im November 2014 in Berlin kamen einem Projekt mit vierzig sehr jungen Musikern in Kalkutta zugute, das er ebenfalls mit "Keys of Change" unterstützt.
Die nächsten großen Auftritte hat Panos am 26. März 2016 mit dem Fukushima Youth Sinfonietta in der Fukushima Concert Hall und am 3. April in der Boston Symphony Hall.
Seine langfristig angelegten, ambitionierten Projekte hat er in Brasilien, Japan, Sibirien, Bosnien, Uganda, Indien und Sierra Leone durchgeführt, in leidgeprüften Ländern also, die Bürgerkriege, HIV-Epidemien oder andere Konflikte und Tragödien aushalten mußten und in denen die meisten Kinder in unglaublicher Armut leben und um jedes bißchen Bildung, Anerkennung und Gesundheit kämpfen müssen. Sein erstes Ziel war im März 2011 Brasilien. In einer spektakulären Aktion fuhr er gemeinsam mit vier Helfern und einem tragbaren e-Piano den Amazonas hinunter und begeisterte die Bewohner der abgelegenen Orte am Fluß mit klassischer Musik. Der abenteuerlichen ersten Reise folgten zwei weitere.
In Japan, das am 11. März 2011 von einem gewaltigen Erdbeben mit dadurch ausgelöstem Tsunami heimgesucht wurde, der die bekannte Reaktorkatastrophe verursachte, deren Schreckensbilder um die ganze Welt gingen, gründete Panos mit Hilfe von Keys of Change das Jugendorchester Fukushima Youth Sinfonietta, mit dem er intensiv zusammenarbeitet und das er schnell zu einem der besten Jugendorchester Japans formte. Zehnmal war er bereits in Japan, auch in der verwüsteten Küstenregion, die noch immer geisterhaft öde anmutet. 2014 holte er das Fukushima-Ensemble nach London und trat mit ihm in der Queen Elizabeth Hall auf und im August 2015 in Anwesenheit von Kaiserin Michiko in der Tokyo Opera City. Die zweitausend Zuhörer dankten mit minutenlangen Standing Ovations. Erst kürzlich, am 20. Februar 2016, spielte Panos zum Gedenken an den fünften Jahrestag des "Großen Erdbebens" ein Klaviersolo in der Japanischen Botschaft in Athen. "Klassische Musik kann am Amazonas und in den Slums von Sierra Leone genauso erfreuen wie in der Carnegie Hall oder im Southbank Centre. Das ist einer der einfachsten und stärksten Wege für Menschen auf der ganzen Welt, um Brücken zum Frieden zu bauen und einen positiven sozialen Wandel einzuleiten" - meint Panos. Es ist sein Credo.
Auch in seiner griechischen Heimat organisierte Panos ein Keys of Change-Projekt. Im Januar 2014 reiste er in das nordgriechische Xanthi, einst Mittelpunkt einer florierenden Tabakindustrie, heute ein eher vergessener, orientalisch wirkender Ort nahe der Grenzen zu Bulgarien und zur Türkei. Zusammen mit dem Flötisten Zacharias Tarpagos, mit dem er häufig gemeinsam auftritt, gab er in vier Schulen ein Konzert. Eingeladen hatte ihn die griechische NGO "Mission Anthropos", eine nicht-staatliche, vor allem in der Medizin aktive Organisation, die in diesem rückständigen Landesteil, in dem eine große türkische und eine kleinere Roma-Minderheit lebt, kostenlose Impfungen durchführte. Die meisten Schüler hier sind türkischsprechende Roma, die großteils in schwierigen familiären, von Armut, Unwissen und Gewalt geprägten Verhältnissen leben. Im März 2015 kamen Panos und Zach erneut nach Xanthi, um die ein Jahr zuvor begonnene Arbeit fortzusetzen. Beide studierten mit den engagierten und inspirierten Schülern Lieder und kleine Musikstücke ein, die sie dann öffentlich vortrugen. Ziel ist die Verständigung unterprivilegierter Minderheiten über Musik: "Die Sprache der Musik verstehen alle." In der Musik finden sie zusammen und lernen, daß man durch Teamwork, Verantwortungsbewußtsein und gegenseitigen Respekt Vieles erreichen kann, dass es möglich ist, miteinander zu arbeiten und Erfolg und Freude zu haben. Freude, die sie in ihrem Alltag sonst nicht erfahren. Keys of Change will die Arbeit mit den Schülern in Xanthi weiterführen.
Panos Karan wurde 1982 auf Kreta geboren und wuchs in Athen auf, wo er im Alter von sieben Jahren ersten Klavierunterricht bekam. Seine weitere musikalische Ausbildung erhielt er am Athener Konservatorium und - mit einem Stipendium der Onassis-Stiftung - an der Royal Academy of Music in London, die der Hochbegabte mit Auszeichnung bestand. Sein Debut hatte er mit 19 Jahren im Londoner South Bank Centre. Es folgten weitere Auftritte, nationale und internationale Preise. Panos tritt überall in Europa und außerhalb Europas auf, in London, Wien, St. Petersburg, dem Athener Megaron Mousikis sowie dem in Saloniki, der Tokyo Opera City. Drei Solo-Konzerte hatte er in der New Yorker Carnegie Hall (Weill Recital Hall). Die Einnahmen seines Konzertes im November 2014 in Berlin kamen einem Projekt mit vierzig sehr jungen Musikern in Kalkutta zugute, das er ebenfalls mit "Keys of Change" unterstützt.
Die nächsten großen Auftritte hat Panos am 26. März 2016 mit dem Fukushima Youth Sinfonietta in der Fukushima Concert Hall und am 3. April in der Boston Symphony Hall.
Samstag, 20. Februar 2016
Alexis Akrithakis und Fofi's Estiatorion in Berlin
Jedes Mal,wenn ich ins "Cassambalis" essen gehe, fühle ich mich an Fofi's Estiatorion erinnert. Fofi war wohl die bekannteste Griechin in Berlin, ihr Restaurant eine Berliner Institution, genauer: eine Westberliner Institution, denn in jenen Jahren war die Stadt noch geteilt.
Fofi und ihr Ehemann Alexis Akrithakis kamen 1969 nach Berlin, Alexis als Stipendiat des Künstlerprogramms des DAAD (von dem auch 1973 bzw. 1977 Vlassis Caniaris und Jannis Psychopedis eingeladen wurden). Das Klima in Berlin war damals vor dem Hintergrund der politischen Situation in Hellas sehr Griechenfreundlich, speziell in den siebziger Jahren, und die vor der Athener Militärdiktatur aus ihrer Heimat geflohenen Intellektuellen, Studenten und Künstler wurden überaus herzlich aufgenommen. Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, gingen viele zunächst in die Gastronomie und kellnerten oder eröffneten Restaurants, die meisten mitten im Zentrum West-Berlins und das war Charlottenburg.
Auch Fofi arbeitete anfangs in mehreren Tavernen, darunter in dem berühmten "Exil" in Kreuzberg und ab 1972 in dem Szene-Lokal "AxBax" (eigentlich "AchWach", aber für die Berliner war das griechische ch ein x und das vita ein B) der beiden Österreicher Oswald Wiener und Michel Würthle ("Paris Bar"), bis sie 1976 - zusammen mit Costas Cassambalis - ihr eigenes Restaurant eröffnete. Sie gab ihm den schlichten Namen "Estiatorion", das griechische Wort für Restaurant. Aber niemand nannte es so. Man sagte "Ich geh ins Fofi's", wenn man sich im "Estiatorion" in der Fasanenstraße traf. Vom ersten Tag an ein Erfolg, versammelte sich hier regelmäßig die Künstler-, Literaten- und Intellektuellenszene Berlins; jeder kannte jeden. Heiner Müller, Thomas Brasch, Luc Bondy, Peter Stein und seine Schaubühnen-Stars, Markus Lüpertz, der Komponist Wolfgang Rihm, der Prominentenmaler Reinhold Timm, der um die Ecke, in der Meinekestraße, wohnte und mindestens ein Porträt von Fofi anfertigte, und Jannis Psychopedis waren Stammgäste, Jannis Kounellis schaute vorbei, wenn er in Berlin war und da das Estiatorion weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt war, fanden auch viele internationale Prominente den Weg zu Fofi, etwa Robert Rauschenberg, Takis, Ed Kienholz oder Robert de Niro.
Zwanzig Jahre lang lief das Geschäft glänzend, bis Fofi ihre Räume 1996 an Cartier verkaufte und ein neues Restaurant in Berlin-Mitte, dem ehemaligen Ostteil der Stadt, eröffnete. Ihre Stammgäste aus dem "alten Westen" waren älter geworden und scheuten den weiten Weg, in der neuen fremden Umgebung mußte sie sich erst einen Namen machen, und schließlich hatte sich nach dem Mauerfall die Situation insgesamt verändert. Und dann gab es ja das "Cassambalis". 1997 gab sie auf und kehrte zurück in ihre Heimatstadt Athen.
Alexis Akrithakis hatte Berlin bereits 1984, nach fünfzehn Jahren Aufenthalt, verlassen; hier verbrachte er einige seiner produktivsten Jahre. Anfang der neunziger Jahre ging es mit seiner Gesundheit rapide bergab und nach wiederholten Krisen und Krankenhausaufenthalten starb er am 19. September 1994 im Alter von 55 Jahren in Athen. Akrithakis gilt als einer der bedeutendsten griechischen Künstler des 20. Jahrhunderts, er war von entscheidender Bedeutung für die zeitgenössische Kunst. (Beispielsweise weisen manche Bilder von Keith Haring Ähnlichkeiten mit Akrithakis auf, etwa mit dem "Spielmann" von 1969.) Seine Malereien sind poetische und detailreiche Bilder in leuchtenden Farben, voller Codes und Symbole in allen möglichen Formen und Variationen wie Vögel, kleine Flugzeuge und Fahrräder, Blumen, Herzen, Pfeile, die in verschiedene Richtungen zeigen, und immer wieder Koffer, vielleicht ein Wunschbild für Erinnerungen oder für ein in die Welt hinausgehen. Schöner als der Galerist Folker Skulima kann man seinen Mikrokosmos nicht in Worte fassen: "Der besessene Maler-Dichter entwickelte seine Bildsprache wie ein nur ihm gehörendes Alphabet: Verwurzelung und Universales in einer seltsam eindringlichen Mischung. Was er auf seinen Griechenlandreisen am Straßenrand aufsammelte oder an den Stränden fand, das waren 'arme' Materialien: angeschwemmte Hölzer, Plankenteile von Schiffswracks. Er schuf daraus wunderbar leuchtende Reliefs. Ein mediterraner Liebender hat das Weggeworfene, Angeschwemmte verzaubert. In diesen Reliefs brachte Akrithakis Mythos und Materie ins Gleichgewicht."
2003 widmete die Berliner Neue Nationalgalerie Akrithakis eine Ausstellung, die Folker Skulima kuratierte: "Alexis Akrithakis ist auf dem Weg zum Klassiker zu werden - er hätte es sich nicht träumen lassen". Da hat er wohl Recht. Schade, daß er das nicht mehr erlebt hat. Viele Ausstellungen folgten, u.a. 2008 und 2010 bei Kalfayan in Athen, 2011 bei Faggionato Fine Art in London, und 2013 "Fofi's Berlin - Fofi Akrithaki's Berlin: 1969-1997", Makedonian Museum of Contemporary Art (Museum Alex Mylona). Hier war auch Alexis Akrithakis berühmte Installation "Bar" zu sehen, als ein Platz, an dem Menschen sich treffen, die zuerst - 1981 - die Athener Galerie Bernier zeigte und 2010 die Galerie Kalfayan.
Noch bis zum 29. Februar 2016 ist die Ausstellung "Flying over the Abyss" im Contemporary Art Center of Saloniki und bis zum 5. März 2016 "Propositions. For a History of the Artistic Avantgarde" im State Museum of Contemporary Art, ebenfalls in Saloniki, zu sehen.
Fofi und ihr Ehemann Alexis Akrithakis kamen 1969 nach Berlin, Alexis als Stipendiat des Künstlerprogramms des DAAD (von dem auch 1973 bzw. 1977 Vlassis Caniaris und Jannis Psychopedis eingeladen wurden). Das Klima in Berlin war damals vor dem Hintergrund der politischen Situation in Hellas sehr Griechenfreundlich, speziell in den siebziger Jahren, und die vor der Athener Militärdiktatur aus ihrer Heimat geflohenen Intellektuellen, Studenten und Künstler wurden überaus herzlich aufgenommen. Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, gingen viele zunächst in die Gastronomie und kellnerten oder eröffneten Restaurants, die meisten mitten im Zentrum West-Berlins und das war Charlottenburg.
Auch Fofi arbeitete anfangs in mehreren Tavernen, darunter in dem berühmten "Exil" in Kreuzberg und ab 1972 in dem Szene-Lokal "AxBax" (eigentlich "AchWach", aber für die Berliner war das griechische ch ein x und das vita ein B) der beiden Österreicher Oswald Wiener und Michel Würthle ("Paris Bar"), bis sie 1976 - zusammen mit Costas Cassambalis - ihr eigenes Restaurant eröffnete. Sie gab ihm den schlichten Namen "Estiatorion", das griechische Wort für Restaurant. Aber niemand nannte es so. Man sagte "Ich geh ins Fofi's", wenn man sich im "Estiatorion" in der Fasanenstraße traf. Vom ersten Tag an ein Erfolg, versammelte sich hier regelmäßig die Künstler-, Literaten- und Intellektuellenszene Berlins; jeder kannte jeden. Heiner Müller, Thomas Brasch, Luc Bondy, Peter Stein und seine Schaubühnen-Stars, Markus Lüpertz, der Komponist Wolfgang Rihm, der Prominentenmaler Reinhold Timm, der um die Ecke, in der Meinekestraße, wohnte und mindestens ein Porträt von Fofi anfertigte, und Jannis Psychopedis waren Stammgäste, Jannis Kounellis schaute vorbei, wenn er in Berlin war und da das Estiatorion weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt war, fanden auch viele internationale Prominente den Weg zu Fofi, etwa Robert Rauschenberg, Takis, Ed Kienholz oder Robert de Niro.
Zwanzig Jahre lang lief das Geschäft glänzend, bis Fofi ihre Räume 1996 an Cartier verkaufte und ein neues Restaurant in Berlin-Mitte, dem ehemaligen Ostteil der Stadt, eröffnete. Ihre Stammgäste aus dem "alten Westen" waren älter geworden und scheuten den weiten Weg, in der neuen fremden Umgebung mußte sie sich erst einen Namen machen, und schließlich hatte sich nach dem Mauerfall die Situation insgesamt verändert. Und dann gab es ja das "Cassambalis". 1997 gab sie auf und kehrte zurück in ihre Heimatstadt Athen.
Alexis Akrithakis hatte Berlin bereits 1984, nach fünfzehn Jahren Aufenthalt, verlassen; hier verbrachte er einige seiner produktivsten Jahre. Anfang der neunziger Jahre ging es mit seiner Gesundheit rapide bergab und nach wiederholten Krisen und Krankenhausaufenthalten starb er am 19. September 1994 im Alter von 55 Jahren in Athen. Akrithakis gilt als einer der bedeutendsten griechischen Künstler des 20. Jahrhunderts, er war von entscheidender Bedeutung für die zeitgenössische Kunst. (Beispielsweise weisen manche Bilder von Keith Haring Ähnlichkeiten mit Akrithakis auf, etwa mit dem "Spielmann" von 1969.) Seine Malereien sind poetische und detailreiche Bilder in leuchtenden Farben, voller Codes und Symbole in allen möglichen Formen und Variationen wie Vögel, kleine Flugzeuge und Fahrräder, Blumen, Herzen, Pfeile, die in verschiedene Richtungen zeigen, und immer wieder Koffer, vielleicht ein Wunschbild für Erinnerungen oder für ein in die Welt hinausgehen. Schöner als der Galerist Folker Skulima kann man seinen Mikrokosmos nicht in Worte fassen: "Der besessene Maler-Dichter entwickelte seine Bildsprache wie ein nur ihm gehörendes Alphabet: Verwurzelung und Universales in einer seltsam eindringlichen Mischung. Was er auf seinen Griechenlandreisen am Straßenrand aufsammelte oder an den Stränden fand, das waren 'arme' Materialien: angeschwemmte Hölzer, Plankenteile von Schiffswracks. Er schuf daraus wunderbar leuchtende Reliefs. Ein mediterraner Liebender hat das Weggeworfene, Angeschwemmte verzaubert. In diesen Reliefs brachte Akrithakis Mythos und Materie ins Gleichgewicht."
2003 widmete die Berliner Neue Nationalgalerie Akrithakis eine Ausstellung, die Folker Skulima kuratierte: "Alexis Akrithakis ist auf dem Weg zum Klassiker zu werden - er hätte es sich nicht träumen lassen". Da hat er wohl Recht. Schade, daß er das nicht mehr erlebt hat. Viele Ausstellungen folgten, u.a. 2008 und 2010 bei Kalfayan in Athen, 2011 bei Faggionato Fine Art in London, und 2013 "Fofi's Berlin - Fofi Akrithaki's Berlin: 1969-1997", Makedonian Museum of Contemporary Art (Museum Alex Mylona). Hier war auch Alexis Akrithakis berühmte Installation "Bar" zu sehen, als ein Platz, an dem Menschen sich treffen, die zuerst - 1981 - die Athener Galerie Bernier zeigte und 2010 die Galerie Kalfayan.
Noch bis zum 29. Februar 2016 ist die Ausstellung "Flying over the Abyss" im Contemporary Art Center of Saloniki und bis zum 5. März 2016 "Propositions. For a History of the Artistic Avantgarde" im State Museum of Contemporary Art, ebenfalls in Saloniki, zu sehen.
Montag, 1. Februar 2016
Küsten in Hellas. Demokratische Strände und Privatisierung
Mit seinen über dreitausend Inseln und Inselchen hat Griechenland eine Küstenlinie von knapp 14 000 Kilometer Länge, wovon rund 2500 Kilometer touristisch genutzt werden. Neben der Antike ist die Küste die wichtigste Ressource, das größte Pfund, mit dem der griechische Tourismus, der einzige Wirtschaftszweig mit Wachstumspotential, wuchern kann.
Alle Strände in Hellas sind öffentlich, das heißt, es gibt keine Privatstrände. Auch diejenigen der Hotels müssen für jedermann zugänglich sein. Selbst wenn die Hotels gerne mit "Privatstrand" werben, trifft das formal nicht zu. Es mag bedeuten, daß man möglicherweise einen Umweg gehen muß, um ihn zu erreichen, aber niemand darf den Zutritt verwehren. Der Zugang zu einem Strand bzw. die Anwesenheit dort ist immer frei, das heißt, kein Strand ist kostenpflichtig. Eine Kurtaxe, wie sie in Deutschland an Nord- und Ostsee üblich ist, ist in Griechenland unbekannt.
Der freie Zugang zum Meer ist ein in der Verfassung verankertes Grundrecht, Strände sind ausnahmslos öffentliches Eigentum. So gehört auch den Besitzern von Wassergrundstücken der vor ihren Anwesen liegende Strand nicht. Sie müssen sich wenn auch zähneknirschend damit abfinden, ihn mit fremden Menschen zu teilen. Mir erzählte kürzlich ein griechischer Freund, als er nahe Porto Cheli nach dem Schwimmen an Land gegangen sei, habe ein betreßter Wachmann ihn zwar höflich, aber unmißverständlich aufgefordert, den Strand zu verlassen, wohl der Angestellte irgendeines Monarchen oder Ex-Monarchen, der dort residiert. Ebenso höflich sei er der Weisung nicht nachgekommen, sondern habe Artikel 24 der Verfassung zitiert, auf den der Schutz des Meeres und der Küsten gründet ("der Schutz der natürlichen Umwelt ist Pflicht des Staates und ein Recht für jeden"). Daraufhin habe sich der Sicherheitsmann wortlos zurückgezogen.
Ganz privat sind auch Privatinseln in Griechenland nicht. Ihre Eigner sind von dem Gesetz nicht ausgenommen, mögen sie Niarchos heißen oder Emir von Katar. Letzterer hat sich im Jahr 2013 eine kleine Inselgruppe im Ionischen Meer, die Echinades bei Ithaka, zugelegt, zu einem Schnäppchenpreis, wie es heißt. Die Buchten dieser Kleininseln sind beliebte Ankerplätze bei Seglern. Die Besitzer können niemandem verbieten, an "ihrem" Strand an Land zu gehen - aber nicht weiter.
Doch mit diesem Privileg für alle könnte es bald vorbei sein. Dieses Recht wollte der griechische Finanzminister der Vor-Tsipras-Regierung 2014 aushebeln und ein Gesetz verabschieden, das es privaten Investoren ohne Einschränkungen ermöglicht, Küstengrundstücke zu erwerben und zu bebauen. Es soll bereits Pläne von Großinvestoren für gigantische Hotelkomplexe direkt an Stränden gegeben haben und noch geben, ebenso für den Bau von Golfplätzen - die Griechenland zweifellos dringend braucht, denn seit Jahrzehnten ist zu den bestehenden lediglich fünf Golfplätzen in ganz Hellas, die noch dazu in die Jahre gekommen sind, nur ein einziger auf dem Peloponnes hinzugekommen; aber sie müssen ja nicht unbedingt direkt am Strand liegen.
Das Gesetz zur Privatisierung der Küste ist inzwischen vom Tisch, weil sich ein breiter Widerstand gegen das Vorhaben formiert hatte, u.a. von Umweltorganisationen. Sie fürchten spanische Verhältnisse, die Verschandelung und Betonierung der Küsten. Aber ob sich die Großinvestoren so leicht abschrecken lassen? Ob es nicht Sondergenehmigungen gibt, jetzt, wo das Land privatisieren muß? Schließlich ist die wirtschaftliche und soziale Not noch lange nicht ausgestanden, das Land ist in der Krise (und wird es vermutlich noch lange sein). Dies soll nun nicht heißen, daß eine Privatisierung generell zu unterbinden ist, etwa bei Projekten, die der Staat nicht mehr stemmen kann und die sich in einem Stadium des Niedergangs befinden wie etwa der Yachthafen Vouliagmeni mit dem "Astir Palace" oder die Golfplätze von Glifada und Rhodos. Golfspieler fahren nicht nach Griechenland, sondern nach Portugal. Allein darin, diese zahlungskräftige Klientel über die Jahrzehnte vernachlässigt zu haben, offenbart sich ein großes Versäumnis und komplettes Versagen des Tourismusministeriums. Private (Groß-)Investoren sind also gefragt und notwendig, um wirtschaftliches Wachstum und Arbeitsplätze zu schaffen; das wird immer gern übersehen, wenn in Hellas gegen jegliche Privatisierung protestiert wird, diese Einstellung ist fatal, und hat in manchen Fällen - auch bei Vouligmeni - dazu geführt, daß durch die jahrelangen Verzögerungen der Marktwert der Objekte tatsächlich sogar sinkt, weil sie immer mehr verlottern. Aber es muß in jedem Einzelfall (und zwar schnell und ohne abschreckende bürokratische Hürden) entschieden werden, ob das Projekt sinnvoll ist. Der Schutz der Landschaft und das, was dieses Land auszeichnet und so besonders macht, muß erhalten bleiben.
Alle Strände in Hellas sind öffentlich, das heißt, es gibt keine Privatstrände. Auch diejenigen der Hotels müssen für jedermann zugänglich sein. Selbst wenn die Hotels gerne mit "Privatstrand" werben, trifft das formal nicht zu. Es mag bedeuten, daß man möglicherweise einen Umweg gehen muß, um ihn zu erreichen, aber niemand darf den Zutritt verwehren. Der Zugang zu einem Strand bzw. die Anwesenheit dort ist immer frei, das heißt, kein Strand ist kostenpflichtig. Eine Kurtaxe, wie sie in Deutschland an Nord- und Ostsee üblich ist, ist in Griechenland unbekannt.
Der freie Zugang zum Meer ist ein in der Verfassung verankertes Grundrecht, Strände sind ausnahmslos öffentliches Eigentum. So gehört auch den Besitzern von Wassergrundstücken der vor ihren Anwesen liegende Strand nicht. Sie müssen sich wenn auch zähneknirschend damit abfinden, ihn mit fremden Menschen zu teilen. Mir erzählte kürzlich ein griechischer Freund, als er nahe Porto Cheli nach dem Schwimmen an Land gegangen sei, habe ein betreßter Wachmann ihn zwar höflich, aber unmißverständlich aufgefordert, den Strand zu verlassen, wohl der Angestellte irgendeines Monarchen oder Ex-Monarchen, der dort residiert. Ebenso höflich sei er der Weisung nicht nachgekommen, sondern habe Artikel 24 der Verfassung zitiert, auf den der Schutz des Meeres und der Küsten gründet ("der Schutz der natürlichen Umwelt ist Pflicht des Staates und ein Recht für jeden"). Daraufhin habe sich der Sicherheitsmann wortlos zurückgezogen.
Ganz privat sind auch Privatinseln in Griechenland nicht. Ihre Eigner sind von dem Gesetz nicht ausgenommen, mögen sie Niarchos heißen oder Emir von Katar. Letzterer hat sich im Jahr 2013 eine kleine Inselgruppe im Ionischen Meer, die Echinades bei Ithaka, zugelegt, zu einem Schnäppchenpreis, wie es heißt. Die Buchten dieser Kleininseln sind beliebte Ankerplätze bei Seglern. Die Besitzer können niemandem verbieten, an "ihrem" Strand an Land zu gehen - aber nicht weiter.
Doch mit diesem Privileg für alle könnte es bald vorbei sein. Dieses Recht wollte der griechische Finanzminister der Vor-Tsipras-Regierung 2014 aushebeln und ein Gesetz verabschieden, das es privaten Investoren ohne Einschränkungen ermöglicht, Küstengrundstücke zu erwerben und zu bebauen. Es soll bereits Pläne von Großinvestoren für gigantische Hotelkomplexe direkt an Stränden gegeben haben und noch geben, ebenso für den Bau von Golfplätzen - die Griechenland zweifellos dringend braucht, denn seit Jahrzehnten ist zu den bestehenden lediglich fünf Golfplätzen in ganz Hellas, die noch dazu in die Jahre gekommen sind, nur ein einziger auf dem Peloponnes hinzugekommen; aber sie müssen ja nicht unbedingt direkt am Strand liegen.
Das Gesetz zur Privatisierung der Küste ist inzwischen vom Tisch, weil sich ein breiter Widerstand gegen das Vorhaben formiert hatte, u.a. von Umweltorganisationen. Sie fürchten spanische Verhältnisse, die Verschandelung und Betonierung der Küsten. Aber ob sich die Großinvestoren so leicht abschrecken lassen? Ob es nicht Sondergenehmigungen gibt, jetzt, wo das Land privatisieren muß? Schließlich ist die wirtschaftliche und soziale Not noch lange nicht ausgestanden, das Land ist in der Krise (und wird es vermutlich noch lange sein). Dies soll nun nicht heißen, daß eine Privatisierung generell zu unterbinden ist, etwa bei Projekten, die der Staat nicht mehr stemmen kann und die sich in einem Stadium des Niedergangs befinden wie etwa der Yachthafen Vouliagmeni mit dem "Astir Palace" oder die Golfplätze von Glifada und Rhodos. Golfspieler fahren nicht nach Griechenland, sondern nach Portugal. Allein darin, diese zahlungskräftige Klientel über die Jahrzehnte vernachlässigt zu haben, offenbart sich ein großes Versäumnis und komplettes Versagen des Tourismusministeriums. Private (Groß-)Investoren sind also gefragt und notwendig, um wirtschaftliches Wachstum und Arbeitsplätze zu schaffen; das wird immer gern übersehen, wenn in Hellas gegen jegliche Privatisierung protestiert wird, diese Einstellung ist fatal, und hat in manchen Fällen - auch bei Vouligmeni - dazu geführt, daß durch die jahrelangen Verzögerungen der Marktwert der Objekte tatsächlich sogar sinkt, weil sie immer mehr verlottern. Aber es muß in jedem Einzelfall (und zwar schnell und ohne abschreckende bürokratische Hürden) entschieden werden, ob das Projekt sinnvoll ist. Der Schutz der Landschaft und das, was dieses Land auszeichnet und so besonders macht, muß erhalten bleiben.
Donnerstag, 28. Januar 2016
Die Griechische Botschaft im Berliner Tiergarten - Erröffnung am St. Nimmerleinstag?
Die Griechische Botschaft ist 1999 von Bonn nach Berlin gezogen. Bis zur Fertigstellung des neuen und der Restaurierung des alten Botschaftsgebäudes im Tiergarten residiert sie in der Jägerstraße am Gendarmenmarkt in einem Haus mit Geschichte: Ende des 18. bis Anfang des 19. Jahrhunderts unterhielt Rahel Varnhagen hier ihren berühmten Literarischen Salon, in dem die gehobene Gesellschaft - Schriftsteller, Wissenschaftler, Politiker und Aristokraten - verkehrte. Unter ihren Gästen waren die Brüder Wilhelm und Alexander von Humboldt, Jean Paul, Ludwig Tieck und die Brüder Schlegel, Prinz Louis Ferdinand sowie in ihrem "zweiten" Salon Heinrich Heine und Fürst Hermann von Pückler-Muskau. Letzterer machte sich nicht nur durch seine Landschaftsgärten nach englischem Vorbild einen Namen, er war auch ein grosser Reisender, dessen lebendige Land- und Leute-Beschreibungen die damalige Leserschar begeisterten. So schildert er in "Südöstlicher Bildersaal" höchst anschaulich und sehr persönlich seine Abenteuer und Eindrücke auf den beschwerlichen Reisen durch Griechenland, die Nöte und Unbilden, die er erdulden mußte wie Überfälle durch vagabundierende Banden und Wegelagerer, ganz abgesehen vom alltäglichen Schmutz und Ungeziefer. Über den Peloponnes gelangte er nach Athen, wo er mit dem jungen Wittelsbacher König Otto I. (Othon) und seinen Vater, den Bayernkönig Ludwig I., einen der engagiertesten Philhellenen seiner Zeit, ferner den Regenten des noch minderjährigen Otto und anderen Spitzen der Gesellschaft zusammentraf, die fast alle aus Deutschland und Österreich stammten. Man kann sich kein besseres Bild vom Leben im ottonischen Athen und seiner Oberschicht machen, abgerundet durch eine Prise diskreten Klatsch und Tratsch, als durch dieses Buch. Selbst heute noch sind die Bände (1969 wurden "Griechische Leiden", I, und "Griechische Leiden", II,- wie passend auch für die heutige griechische Situation! - neu aufgelegt) äusserst vergnüglich zu lesen.
Griechischer Botschafter zur Zeit der Pücklerschen Reisen war Alexandros Mavrokordatos, der in Berlin, Hauptstadt des Königreichs Preußen, und zeitgleich in München, im damaligen Königreich Bayern, akkreditiert war. Mavrokordatos war der erste griechische Ministerpräsident nach der Unabhängigkeit des Landes und hatte in dieser Funktion 1822 in Epidauros die erste griechische - liberale - Verfassung verabschiedet. Später, nach seiner Diplomatentätigkeit in London und seiner Geburtsstadt Konstantinopel, amtierte er noch weitere drei Male als Ministerpräsident.
1871, nach der Gründung des Deutschen Reiches, wurde Grigorios Ypsilantis erster Botschafter Griechenlands in Berlin, der schon zuvor, zur Zeit des Norddeutschen Bundes, in Berlin und gleichzeitig in Wien akkreditiert war. Alexandros und Dimitrios Ypsilantis (nach ihm ist die Stadt Ypsilanti im amerikanischen Bundesstaat Michigan benannt), die Onkel von Grigorios, waren griechische Freiheitskämpfer der ersten Stunde, Alexandros als Kopf der Philiki Etairia (Freundschaftsbund), einer 1814 in Odessa gegründeten Geheimorganisation, deren Ziel es war, Griechenland zu einem eigenen Nationalstaat, einer Republik, zu machen (was allerdings erst gut hundert Jahre später, 1924, gelang).
Der erste ausschließlich in Berlin amtierende Botschafter war Alexandros Rizos Rangavis, Professor der Archäologie in Athen, einflußreicher Schriftsteller, griechischer Außenminister (1856-59), danach Botschafter in Washington, Konstantinopel, Paris und schließlich Berlin. Rangavis, der an der Militärakademie in München studiert hatte, war auch ein bedeutender Übersetzer, der Werke von Goethe und Schiller, Dante und Shakespeare ins Griechische übertrug. Alle drei Botschafter stammten aus phanariotischen Familien, einer feudalen Elite, alle waren umfassend gebildete Persönlichkeiten, die sich auf vielen Gebieten bewiesen hatten. Ihren bemerkenswerten, fesselnden Lebensläufen nachzugehen, wäre eine spannende Aufgabe, doch dafür ist hier nicht der Ort.
Das Gebäude der Griechischen Botschaft befindet sich im sogenannten Botschaftsviertel zwischen Hiroshima- und Hildebrandstraße in unmittelbarer Nähe der türkischen und der italienischen Vertretung. Mehr als dreißig Botschaften haben hier ihren Sitz. Ursprünglich - 1912 - als klassizistische Stadtvilla für den Industriellen Sigmund Bergmann erbaut, erwarb sie 1920 der griechische Staat, um sie als Botschaft zu nutzen, bis nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Griechenland die diplomatischen Beziehungen abgebrochen wurden. Das Nachbargrundstück war eine Schenkung zweier Tabakfabrikanten an den griechischen Staat. Nach dem Zweiten Weltkrieg verfiel das Gebäude, Obdachlose nisteten sich ein und ein Dachstuhlbrand 1988 machte es endgültig zur Ruine, lange Zeit ein trauriger Anblick in einem Viertel, wo Jahr um Jahr neue Botschaften entstanden oder alte restauriert wurden wie die benachbarte italienische und die schmucke estnische direkt neben dem griechischen Torso. Zeitweilig war aus Kostengründen daran gedacht, das historische Gebäude abzureißen. Schließlich entschied man sich dann doch, es originalgetreu zu restaurieren und daneben einen Neubau zu errichten.
Der Neubau und die Villa sind seit zwei Jahren fertig, die Gerüste verschwunden. Aber von einem Umzug aus der Jägerstraße und den sechs anderen über Berlin verstreuten Standorten der Botschaft ist nicht die Rede. Die Baukosten sollen rund 15 Millionen Euro betragen haben, die Mieten für alle Botschaftsbüros sich auf 60 000 Euro pro Monat belaufen. Diese Kosten sollten durch den Umzug eingespart werden, aber geschehen ist bislang nichts. In der Botschaft herrscht Schweigen. Auf zwei Anfragen (November 2015 und Januar 2016) teilte man mir mit, man wisse nichts Genaues, ein Eröffnungstermin stehe noch nicht fest, auch seien die Innenarbeiten noch nicht abgeschlossen. Gerüchte sagen, weil längst fällige Rechnungen nicht bezahlt sind, herrsche schon seit zwei Jahren ein totaler Baustopp. Da wird man sich wohl auf weitere Verzögerungen einstellen müssen. Hoffentlich keine unendliche Geschichte.
Griechischer Botschafter zur Zeit der Pücklerschen Reisen war Alexandros Mavrokordatos, der in Berlin, Hauptstadt des Königreichs Preußen, und zeitgleich in München, im damaligen Königreich Bayern, akkreditiert war. Mavrokordatos war der erste griechische Ministerpräsident nach der Unabhängigkeit des Landes und hatte in dieser Funktion 1822 in Epidauros die erste griechische - liberale - Verfassung verabschiedet. Später, nach seiner Diplomatentätigkeit in London und seiner Geburtsstadt Konstantinopel, amtierte er noch weitere drei Male als Ministerpräsident.
1871, nach der Gründung des Deutschen Reiches, wurde Grigorios Ypsilantis erster Botschafter Griechenlands in Berlin, der schon zuvor, zur Zeit des Norddeutschen Bundes, in Berlin und gleichzeitig in Wien akkreditiert war. Alexandros und Dimitrios Ypsilantis (nach ihm ist die Stadt Ypsilanti im amerikanischen Bundesstaat Michigan benannt), die Onkel von Grigorios, waren griechische Freiheitskämpfer der ersten Stunde, Alexandros als Kopf der Philiki Etairia (Freundschaftsbund), einer 1814 in Odessa gegründeten Geheimorganisation, deren Ziel es war, Griechenland zu einem eigenen Nationalstaat, einer Republik, zu machen (was allerdings erst gut hundert Jahre später, 1924, gelang).
Der erste ausschließlich in Berlin amtierende Botschafter war Alexandros Rizos Rangavis, Professor der Archäologie in Athen, einflußreicher Schriftsteller, griechischer Außenminister (1856-59), danach Botschafter in Washington, Konstantinopel, Paris und schließlich Berlin. Rangavis, der an der Militärakademie in München studiert hatte, war auch ein bedeutender Übersetzer, der Werke von Goethe und Schiller, Dante und Shakespeare ins Griechische übertrug. Alle drei Botschafter stammten aus phanariotischen Familien, einer feudalen Elite, alle waren umfassend gebildete Persönlichkeiten, die sich auf vielen Gebieten bewiesen hatten. Ihren bemerkenswerten, fesselnden Lebensläufen nachzugehen, wäre eine spannende Aufgabe, doch dafür ist hier nicht der Ort.
Das Gebäude der Griechischen Botschaft befindet sich im sogenannten Botschaftsviertel zwischen Hiroshima- und Hildebrandstraße in unmittelbarer Nähe der türkischen und der italienischen Vertretung. Mehr als dreißig Botschaften haben hier ihren Sitz. Ursprünglich - 1912 - als klassizistische Stadtvilla für den Industriellen Sigmund Bergmann erbaut, erwarb sie 1920 der griechische Staat, um sie als Botschaft zu nutzen, bis nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Griechenland die diplomatischen Beziehungen abgebrochen wurden. Das Nachbargrundstück war eine Schenkung zweier Tabakfabrikanten an den griechischen Staat. Nach dem Zweiten Weltkrieg verfiel das Gebäude, Obdachlose nisteten sich ein und ein Dachstuhlbrand 1988 machte es endgültig zur Ruine, lange Zeit ein trauriger Anblick in einem Viertel, wo Jahr um Jahr neue Botschaften entstanden oder alte restauriert wurden wie die benachbarte italienische und die schmucke estnische direkt neben dem griechischen Torso. Zeitweilig war aus Kostengründen daran gedacht, das historische Gebäude abzureißen. Schließlich entschied man sich dann doch, es originalgetreu zu restaurieren und daneben einen Neubau zu errichten.
Der Neubau und die Villa sind seit zwei Jahren fertig, die Gerüste verschwunden. Aber von einem Umzug aus der Jägerstraße und den sechs anderen über Berlin verstreuten Standorten der Botschaft ist nicht die Rede. Die Baukosten sollen rund 15 Millionen Euro betragen haben, die Mieten für alle Botschaftsbüros sich auf 60 000 Euro pro Monat belaufen. Diese Kosten sollten durch den Umzug eingespart werden, aber geschehen ist bislang nichts. In der Botschaft herrscht Schweigen. Auf zwei Anfragen (November 2015 und Januar 2016) teilte man mir mit, man wisse nichts Genaues, ein Eröffnungstermin stehe noch nicht fest, auch seien die Innenarbeiten noch nicht abgeschlossen. Gerüchte sagen, weil längst fällige Rechnungen nicht bezahlt sind, herrsche schon seit zwei Jahren ein totaler Baustopp. Da wird man sich wohl auf weitere Verzögerungen einstellen müssen. Hoffentlich keine unendliche Geschichte.
Samstag, 21. November 2015
Massaker in Epiros: Die 49 von Paramythia
Paramythia ist eine hübsche Kleinstadt im gebirgigen Nord-Epirus, ca. 70 km von der Hafenstadt Igoumenitsa entfernt, wo die Fähren nach Korfu, Patras und Italien ablegen. Sie liegt zwischen den Flüssen Kalamas (auch Thyamis) und Acheron, dem mythischen antiken Totenfluß, über den der Fährmann Charon die Verstorbenen in das Reich der Toten, den Hades, gerudert hat. Heute ist die Gegend beliebt für Trekking-Touren. Paramithia hat einige Sehenswürdigkeiten - Reste der Akropolis, den spätbyzantinischen Koulia-Turm, die dreischiffige byzantinische Panagia Paramithia, den venezianischen Uhrturm von 1750 -, doch abgesehen von den Italienern, die hier im Herbst auf Singvögel schießen, verirren sich Touristen eher selten hierher. Vögel sind denn auch das Wahrzeichen des Städtchens, allerdings nicht die von den Italienern als kulinarische Delikatesse vom Himmel geholten, sondern Störche. Mit rund vierzig Nestern auf Bäumen und Hausdächern ist es ein wahres Storchenparadies. Es sind Weißstörche, die sich ab Mitte August in ihre Winterquartiere nach Afrika aufmachen und im Frühjahr zurückkehren. Der Storch wurde schon in der Antike hoch geachtet, weil er sich - Sinnbild der kindlichen Dankbarkeit - um seine alten Eltern kümmerte. Aristophanes läßt ihn in seinem Stück "Die Vögel" sagen: "Wer beißt die Mutter ins Bein und beschert euch den Segen? Der Storch ist's." Die Bürger sind mit ihren Störchen so verwachsen, daß manche sogar, wie Vize-Bürgermeister Dimitri Mamouris, der die Zukunft der Stadt im Alternativen Tourismus sieht, ein Storchenemblem auf ihrer Visitenkarte haben.
Stolz ist Paramithia auch auf den hier geborenen Goldschmied Sotirios Voulgaris (1857-1932), den Gründer der weltweit bekannten Luxusmarke Bulgari. 1877 verließ er seinen Heimatort, ging zunächst nach Korfu, dann nach Neapel und 1881 nach Rom, wo er mehrere Goldschmuckläden eröffnete und seinen Namen in Bulgari änderte. Sotirios Voulgaris stiftete Paramithia eine Schule, die seinen Namen trägt.
Im Zweiten Weltkrieg ereignete sich während der deutschen Besatzung Entsetzliches in der Stadt. Nachdem die 1. Gebirgsdivision ("Edelweiß-Division") der Wehrmacht am 16. August 1943 317 Zivilisten jeden Alters und Geschlechts in dem epirotischen Dorf Kommeno exekutiert hatte, erschoss sie sechs Wochen später, am 29. September 1943, unter dem üblichen Vorwand von "Sühne- und Vergeltungsmaßnahmen" 49 Bürger von Paramithia. Die Liste mit den Namen der Todeskandidaten hatten zwei Brüder, die muslimischen Tsamen Nuri und Mazar Dino - letzterer war Polizist in Paramithia - zusammengestellt, die schon vorher durch gewalttätige Exzesse aufgefallen waren. Anlaß für die Racheaktion waren sechs in einem Gefecht mit Partisanen gefallene Soldaten der Wehrmacht. Warum gerade 49? Am 27. September um Mitternacht wurden 52 Männer verhaftet und am frühen Morgen des 29. September von einem gemeinsamen Trupp Deutscher und Tsamen auf einen Platz etwas außerhalb der Stadt geführt, wo bereits zwei Massengräber ausgehoben waren. Dort steht heute das Denkmal für die Opfer; alljährlich finden hier ergreifende Trauerfeierlichkeiten statt, um die Erinnerung wach zu halten. Der deutsche Offizier, der das Erschießungskommando befehligte, ließ im letzten Ausgenblick drei Gefangene frei, weil er glaubte, sie könnten den Deutschen handwerklich von Nutzen sein. Das konnte er, weil einige Tage zuvor elf Bürger der Präfektur Paramithia erschossen worden waren, so daß die geforderte Zahl sechzig - zehn Griechen für einen deutschen Soldaten - erreicht wurde. So ging die Rechnung auf. In den "Abendmeldungen der Truppe" vom 29. September hieß es: "In Paramithia wurden 50 (sic!) Griechen als Vergeltungsmassnahme für den Überfall am 20.9. auf vorgehenden Spähtrupp westl. Bez.P. 124 erschossen. 149 gefangene Italiener nach Bisduni in Marsch gesetzt." Nach der Kapitulation Italiens waren die ehemaligen Verbündeten zu Gegnern geworden.
Kaum ein Deutscher hat je von den Kriegsverbrechen in Griechenland geschweige denn von Paramithia gehört. Wenn überhaupt, so erreichten die NS-Greuel in den Bergstädtchen Distomon bei Delphi oder Kalavrita im Norden des Peloponnes eine gewisse Aufmerksamkeit, wo die Deutschen 228 und 511 Einwohner in einem Rachefeldzug niedermetzelten, in Distomon wahllos Männer, Frauen, Kinder, Säuglinge, in Kalavrita alle Männer und männlichen Jugendlichen im Alter von 13 bis 77 Jahren. Damit hatten sie die gesamte männliche Bevölkerung ausgerottet. Die Namen beider Orte kennen die Deutschen aber wohl erst durch die von Hinterbliebenen angestrengten Entschädigungsprozesse, die durch die Presse gingen, Kalavrita zusätzlich durch den Besuch von Bundespräsident Johannes Rau im April 2000. Joachim Gauck tat es ihm nach. Er besuchte im März 2014 das epirotische Dorf Lingiades, wo am 3. Oktober 1943 87 Menschen, ebenfalls von Angehörigen der 1. Gebirgsdivision, ermordet wurden. Beide Bundespräsidenten fanden zwar viele schöne Worte wie "Trauer und Scham" (Rau) oder "Scham und Schmerz" (Gauck), die üblichen wohlfeilen Betroffenheitsformeln, die zum Standardrepertoire der Politiker gehören, aber abgesehen davon blieben die Besuche folgenlos. Im Gedächtnis haften bleibt höchstens das peinliche Foto, auf dem der griechische Staatspräsident Karolos Papoulias die Umarmung Gaucks brüsk abschüttelte. Es ging durch alle Medien.
Alle Schadenersatzansprüche von Opfern der Wehrmachtsverbrechen wurden von den deutschen Gerichten abgewiesen, 2007 auch vom Europäischen Gerichtshof und 2012 vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Es bestätigte in einem Grundsatzurteil, daß Klagen von Privatpersonen gegen einen Staat nach dem geltenden Völkerrechtsprinzip der Staatenimmunität unzulässig seien. Das heißt, die Staatenimmunität gilt sogar in Fällen von Kriegsverbrechen.
Das Massaker von Paramithia hat aber noch eine andere, sehr traurige Dimension, wie sie nirgendwo sonst in Griechenland in Erscheinung getreten ist. Denn hier waren die Täter nicht nur die deutschen Besatzer, sondern die albanisch-muslimischen Mitbürger und Nachbarn der christlichen Einwohner, die "Tsamen". Sie spielten eine schändliche Rolle, indem sie während der gesamten Besatzungszeit 1941-44 zuerst mit den Italienern und nach der Kapitulation Italiens Anfang September 1943 mit den Deutschen kollaborierten. Im Juni 1941 gründeten sie die Albanische Faschistische Partei Thesprotiens sowie die Albanische Faschistische Jugend, deren Sitz Paramithia war. Die Tsamen verbreiteten Angst und Schrecken, Raub und Gewalttaten waren an der Tagesordnung. Sie vertrieben die christlichen Verwaltungsbeamten systematisch aus ihren Stellungen und besetzten sie mit eigenen Leuten. Ihre Absicht war es, die politische Macht in Thesprotien zu erlangen. Als der Niedergang Nazi-Deutschlands absehbar war, zogen sie sich nach Albanien zurück. Einen der Hauptdrahtzieher, Masar Dino, verurteilten die Albaner zum Tode.
Als einziger Deutscher wurde im Rahmen des Nürnberger Prozesses General Hubert Lanz 1948 zu zwölf Jahren Haft verurteilt, und zwar für alle Verbrechen der ersten Gebirgsdivision unter seinem Kommando. Darunter fällt neben den epirotischen Massakern auch das "Gemetzel von Kefallinia", wo die Gebirgsjäger im September 1943 5200 italienische Kriegsgefangene liquidierten. Doch schon 1951 war Lanz wieder auf freiem Fuß. Er trat in die FDP ein, war ihr Berater in militär- und sicherheitspolitischen Fragen und wurde 1952 Ehrenvorsitzender des Kameradenkreises der Gebirgstruppe, die ihre alljährliches Pfingsttreffen im bayerischen Mittenwald abhielten und ihrer gestorbenen Mörder-Kameraden gedachten. Kein einziger der anderen Täter ist jemals von bundesdeutschen Gerichten schuldig gesprochen worden. Alle anhängigen Ermittlungsverfahren wurden halbherzig geführt, verschleppt und schließlich eingestellt.
Insgesamt gibt es in Griechenland 93 Märtyrerstädte, in denen während der deutschen Besatzung 1941-45 brutale Verbrechen an der Zivilbevölkerung begangen, die Häuser geplündert, die Orte niedergebrannt und dem Erdboden gleichgemacht wurden.
Stolz ist Paramithia auch auf den hier geborenen Goldschmied Sotirios Voulgaris (1857-1932), den Gründer der weltweit bekannten Luxusmarke Bulgari. 1877 verließ er seinen Heimatort, ging zunächst nach Korfu, dann nach Neapel und 1881 nach Rom, wo er mehrere Goldschmuckläden eröffnete und seinen Namen in Bulgari änderte. Sotirios Voulgaris stiftete Paramithia eine Schule, die seinen Namen trägt.
Im Zweiten Weltkrieg ereignete sich während der deutschen Besatzung Entsetzliches in der Stadt. Nachdem die 1. Gebirgsdivision ("Edelweiß-Division") der Wehrmacht am 16. August 1943 317 Zivilisten jeden Alters und Geschlechts in dem epirotischen Dorf Kommeno exekutiert hatte, erschoss sie sechs Wochen später, am 29. September 1943, unter dem üblichen Vorwand von "Sühne- und Vergeltungsmaßnahmen" 49 Bürger von Paramithia. Die Liste mit den Namen der Todeskandidaten hatten zwei Brüder, die muslimischen Tsamen Nuri und Mazar Dino - letzterer war Polizist in Paramithia - zusammengestellt, die schon vorher durch gewalttätige Exzesse aufgefallen waren. Anlaß für die Racheaktion waren sechs in einem Gefecht mit Partisanen gefallene Soldaten der Wehrmacht. Warum gerade 49? Am 27. September um Mitternacht wurden 52 Männer verhaftet und am frühen Morgen des 29. September von einem gemeinsamen Trupp Deutscher und Tsamen auf einen Platz etwas außerhalb der Stadt geführt, wo bereits zwei Massengräber ausgehoben waren. Dort steht heute das Denkmal für die Opfer; alljährlich finden hier ergreifende Trauerfeierlichkeiten statt, um die Erinnerung wach zu halten. Der deutsche Offizier, der das Erschießungskommando befehligte, ließ im letzten Ausgenblick drei Gefangene frei, weil er glaubte, sie könnten den Deutschen handwerklich von Nutzen sein. Das konnte er, weil einige Tage zuvor elf Bürger der Präfektur Paramithia erschossen worden waren, so daß die geforderte Zahl sechzig - zehn Griechen für einen deutschen Soldaten - erreicht wurde. So ging die Rechnung auf. In den "Abendmeldungen der Truppe" vom 29. September hieß es: "In Paramithia wurden 50 (sic!) Griechen als Vergeltungsmassnahme für den Überfall am 20.9. auf vorgehenden Spähtrupp westl. Bez.P. 124 erschossen. 149 gefangene Italiener nach Bisduni in Marsch gesetzt." Nach der Kapitulation Italiens waren die ehemaligen Verbündeten zu Gegnern geworden.
Kaum ein Deutscher hat je von den Kriegsverbrechen in Griechenland geschweige denn von Paramithia gehört. Wenn überhaupt, so erreichten die NS-Greuel in den Bergstädtchen Distomon bei Delphi oder Kalavrita im Norden des Peloponnes eine gewisse Aufmerksamkeit, wo die Deutschen 228 und 511 Einwohner in einem Rachefeldzug niedermetzelten, in Distomon wahllos Männer, Frauen, Kinder, Säuglinge, in Kalavrita alle Männer und männlichen Jugendlichen im Alter von 13 bis 77 Jahren. Damit hatten sie die gesamte männliche Bevölkerung ausgerottet. Die Namen beider Orte kennen die Deutschen aber wohl erst durch die von Hinterbliebenen angestrengten Entschädigungsprozesse, die durch die Presse gingen, Kalavrita zusätzlich durch den Besuch von Bundespräsident Johannes Rau im April 2000. Joachim Gauck tat es ihm nach. Er besuchte im März 2014 das epirotische Dorf Lingiades, wo am 3. Oktober 1943 87 Menschen, ebenfalls von Angehörigen der 1. Gebirgsdivision, ermordet wurden. Beide Bundespräsidenten fanden zwar viele schöne Worte wie "Trauer und Scham" (Rau) oder "Scham und Schmerz" (Gauck), die üblichen wohlfeilen Betroffenheitsformeln, die zum Standardrepertoire der Politiker gehören, aber abgesehen davon blieben die Besuche folgenlos. Im Gedächtnis haften bleibt höchstens das peinliche Foto, auf dem der griechische Staatspräsident Karolos Papoulias die Umarmung Gaucks brüsk abschüttelte. Es ging durch alle Medien.
Alle Schadenersatzansprüche von Opfern der Wehrmachtsverbrechen wurden von den deutschen Gerichten abgewiesen, 2007 auch vom Europäischen Gerichtshof und 2012 vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Es bestätigte in einem Grundsatzurteil, daß Klagen von Privatpersonen gegen einen Staat nach dem geltenden Völkerrechtsprinzip der Staatenimmunität unzulässig seien. Das heißt, die Staatenimmunität gilt sogar in Fällen von Kriegsverbrechen.
Das Massaker von Paramithia hat aber noch eine andere, sehr traurige Dimension, wie sie nirgendwo sonst in Griechenland in Erscheinung getreten ist. Denn hier waren die Täter nicht nur die deutschen Besatzer, sondern die albanisch-muslimischen Mitbürger und Nachbarn der christlichen Einwohner, die "Tsamen". Sie spielten eine schändliche Rolle, indem sie während der gesamten Besatzungszeit 1941-44 zuerst mit den Italienern und nach der Kapitulation Italiens Anfang September 1943 mit den Deutschen kollaborierten. Im Juni 1941 gründeten sie die Albanische Faschistische Partei Thesprotiens sowie die Albanische Faschistische Jugend, deren Sitz Paramithia war. Die Tsamen verbreiteten Angst und Schrecken, Raub und Gewalttaten waren an der Tagesordnung. Sie vertrieben die christlichen Verwaltungsbeamten systematisch aus ihren Stellungen und besetzten sie mit eigenen Leuten. Ihre Absicht war es, die politische Macht in Thesprotien zu erlangen. Als der Niedergang Nazi-Deutschlands absehbar war, zogen sie sich nach Albanien zurück. Einen der Hauptdrahtzieher, Masar Dino, verurteilten die Albaner zum Tode.
Als einziger Deutscher wurde im Rahmen des Nürnberger Prozesses General Hubert Lanz 1948 zu zwölf Jahren Haft verurteilt, und zwar für alle Verbrechen der ersten Gebirgsdivision unter seinem Kommando. Darunter fällt neben den epirotischen Massakern auch das "Gemetzel von Kefallinia", wo die Gebirgsjäger im September 1943 5200 italienische Kriegsgefangene liquidierten. Doch schon 1951 war Lanz wieder auf freiem Fuß. Er trat in die FDP ein, war ihr Berater in militär- und sicherheitspolitischen Fragen und wurde 1952 Ehrenvorsitzender des Kameradenkreises der Gebirgstruppe, die ihre alljährliches Pfingsttreffen im bayerischen Mittenwald abhielten und ihrer gestorbenen Mörder-Kameraden gedachten. Kein einziger der anderen Täter ist jemals von bundesdeutschen Gerichten schuldig gesprochen worden. Alle anhängigen Ermittlungsverfahren wurden halbherzig geführt, verschleppt und schließlich eingestellt.
Insgesamt gibt es in Griechenland 93 Märtyrerstädte, in denen während der deutschen Besatzung 1941-45 brutale Verbrechen an der Zivilbevölkerung begangen, die Häuser geplündert, die Orte niedergebrannt und dem Erdboden gleichgemacht wurden.
Sonntag, 15. November 2015
Die Insel Spetses - ein stilles Refugium
Spetses, die üppig grüne, sanft hügelige argo-saronische Insel, hat ebenso wie das nördlichere Hydra keine antiken Überreste, aber ebenso wie diese eine große Seefahrertradition. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war es eine reiche Insel, die vom Schiffbau und vom Getreidehandel mit ganz Europa und dem südlichen Rußland lebte und besonders zur Zeit der Kontinentalsperre, die die geschäftstüchtigen, gerissenen Griechen skrupellos durchbrachen, riesige Vermögen anhäufte. Nachdem die Reeder und Kapitäne - manche sollen so reich gewesen sein, daß sie ihren Schiffsballast mit Goldmünzen verstärkten - sich anfangs prächtige Villen gebaut und im Luxus gelebt hatten, zögerten sie nicht, ihren gesamten Reichtum für die Freiheit Griechenlands einzusetzen. Zusammen mit Hydra und Psara nahmen die Spetsioten als erste mit über 50 Schiffen 1821 am Unabhängigkeitskrieg teil. Die Kanonen am zentralen Hafenplatz, der Dapia, erinnern daran. Den Aufstand gegen die Türken führte eine Frau an, die legendäre Laskarina Bouboulina (1771-1825), zweimal verwitwet und siebenfache Mutter, deren "Agamemnon" das größte Schiff der griechischen Marine war. Ihr von Kanonen bewehrtes Wohnhaus, jetzt im Besitz der vierten Enkel-Generation, ist als Museum eingerichtet, ebenso das 1795 erbaute Mexis-Herrenhaus (Hatzigiannis Mexis war Reeder und erster Gouverneur der Insel), in dem man eine von dem deutschen Künstler Peter von Hess gemalte "Bouboulina an Bord der Agamemnon" bewundern kann. Der Sieg über die türkische Flotte und zugleich der Beginn des modernen Griechenlands wird alljährlich am 8. und 9. September als "Armata"-Festival aufwendig gefeiert, mit dem nachgestellten Seegefecht, Konzerten und einem opulenten Feuerwerk, das die Familie Niarchos der Insel spendiert.
Schon früh, in den fünfziger Jahren, setzte auf Spetses der Tourismus ein. Anfangs kamen vor allem wohlhabende Athener, die das stille, ländliche Leben schätzten. Erst nachdem der Reeder Stavros Niarchos 1962 das benachbarte Inselchen Spetsopoula gekauft hatte - sein ewiger Konkurrent Aristoteles Onassis legte sich im selben Jahr die ionische Insel Skorpios zu -, zogen Reiche und Prominente aus ganz Europa nach. Charles und Diana verbrachten hier ihre Flitterwochen und im August 2010 feierte Prinz Nikolaos von Griechenland, ein Sohn von Ex-König Konstantin, hier seine Hochzeit mit der Schweizerin Tatiana Blatnik. Zu dem Fest reiste die royale Verwandtschaft aus ganz Europa an. Konstantin hat eine Ferienvilla im gegenüberliegenden Porto Cheli auf dem Festland, wo auch König Willem-Alexander und Königin Maxima der Niederlande, der russische Präsident Putin und einige griechische Großreeder Sommerresidenzen besitzen. Besonders während der mehrtägigen Segelregatta im Juni ist es nicht ungewöhnlich, daß man "königlichen Hoheiten" begegnet, im Cafe nebenan oder im Grand-Hotel Possidonion, dessen Terrasse die Eigner der Luxus-Jachten bevölkern, die in der Marina ankern.
Das 1914 im Stil der Belle Epoque erbaute hochherrschaftliche "Possidonion" war eine Idee von Sotirios Anargyros, dem größten Sohn und Wohltäter der Insel. 1849 in eine einflußreiche, aber nach der Revolution verarmte Reederfamilie hineingeboren, verließ er noch als Jugendlicher die Insel in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft als das kleine Spetses sie ihm bieten konnte. Nach beruflichen Stationen in Konstantinopel, Rumänien, Ägypten, Marseille und London wagte er 1883 den Sprung nach New York, wo er es zu einem Millionenvermögen in der Tabakindustrie brachte. 1899 kam er zurück, forstete die halbe Insel mit 100 000 Aleppokiefern auf, legte die Strasse rund um Spetses an, baute das prächtige Grand-Hotel nach dem Vorbild des "Negresco" in Nizza und des "Carlton" in Cannes und gründete 1919 das Anargyrios- und Korgialenios College nach dem Vorbild englischer Internatsschulen wie Eton und Harrow. Wohl alle griechischen Prinzen, die Söhne von Ministern, Industriellen und Reedern besuchten diese Schule, die lange Zeit als die beste ganz Griechenlands galt. Sie bestand bis 1983. Seitdem dient die großzügige, aus fünf Gebäuden bestehende Anlage, die man besichtigen kann, internationalen Kongressen und als "Summer School". Sie hat einen eigenen Olivenhain, 9000 Hektar Wald, in dem sich eine Freilichtbühne versteckt, Sportanlagen, ein hübsches Cafe unter Bäumen und unterhalb des Geländes einen Strand. Hier ließ und läßt es sich sehr angenehm studieren.
Vom Massentourismus ist Spetses bisher verschont geblieben. Abgesehen von dem Luxushotel "Possidonion", das nach jahrelanger Renovierung 2009 wiedereröffnet wurde und gleich mehrere Auszeichnungen erhalten hat (London 2012: "Best Classic Boutique Hotel in the World", "Best Hotel Architecture Europe", ebenfalls London 2012 u.a.), gibt es zahlreiche Unterkünfte jeder Kategorie in kleineren individuellen Hotels oder umgebauten Kapitänshäusern. Ein beliebtes Ferienhotel ist das dem College benachbarte "Spetses", das einen kleinen Privatstrand hat.
Spetses hat den Vorteil, daß es nicht nur mit dem Schiff (mit dem Schnellboot gut zwei Stunden ab Piräus), sondern entlang der ostpeloponnesischen Küste vorbei an Epidauros und Nauplia auch auf dem Landweg erreichbar ist (rund zweieinhalb Stunden ab Athen). Dort setzt man von dem kleinen Hafen Kosta auf die Insel über (zehn Minuten). Das Auto muß allerdings auf dem Festland bleiben, der Autoverkehr ist stark reduziert. Stattdessen scheint jeder 4000 Spetsioten, die alle in dem einzigen gleichnamigen Ort wohnen, ein Moped oder einen Motorroller zu besitzen, die auf den schmalen, kurvenreichen Straßen überlaut knatternd an einem vorbeizischen und den Inselfrieden empfindlich stören.
Schon früh, in den fünfziger Jahren, setzte auf Spetses der Tourismus ein. Anfangs kamen vor allem wohlhabende Athener, die das stille, ländliche Leben schätzten. Erst nachdem der Reeder Stavros Niarchos 1962 das benachbarte Inselchen Spetsopoula gekauft hatte - sein ewiger Konkurrent Aristoteles Onassis legte sich im selben Jahr die ionische Insel Skorpios zu -, zogen Reiche und Prominente aus ganz Europa nach. Charles und Diana verbrachten hier ihre Flitterwochen und im August 2010 feierte Prinz Nikolaos von Griechenland, ein Sohn von Ex-König Konstantin, hier seine Hochzeit mit der Schweizerin Tatiana Blatnik. Zu dem Fest reiste die royale Verwandtschaft aus ganz Europa an. Konstantin hat eine Ferienvilla im gegenüberliegenden Porto Cheli auf dem Festland, wo auch König Willem-Alexander und Königin Maxima der Niederlande, der russische Präsident Putin und einige griechische Großreeder Sommerresidenzen besitzen. Besonders während der mehrtägigen Segelregatta im Juni ist es nicht ungewöhnlich, daß man "königlichen Hoheiten" begegnet, im Cafe nebenan oder im Grand-Hotel Possidonion, dessen Terrasse die Eigner der Luxus-Jachten bevölkern, die in der Marina ankern.
Das 1914 im Stil der Belle Epoque erbaute hochherrschaftliche "Possidonion" war eine Idee von Sotirios Anargyros, dem größten Sohn und Wohltäter der Insel. 1849 in eine einflußreiche, aber nach der Revolution verarmte Reederfamilie hineingeboren, verließ er noch als Jugendlicher die Insel in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft als das kleine Spetses sie ihm bieten konnte. Nach beruflichen Stationen in Konstantinopel, Rumänien, Ägypten, Marseille und London wagte er 1883 den Sprung nach New York, wo er es zu einem Millionenvermögen in der Tabakindustrie brachte. 1899 kam er zurück, forstete die halbe Insel mit 100 000 Aleppokiefern auf, legte die Strasse rund um Spetses an, baute das prächtige Grand-Hotel nach dem Vorbild des "Negresco" in Nizza und des "Carlton" in Cannes und gründete 1919 das Anargyrios- und Korgialenios College nach dem Vorbild englischer Internatsschulen wie Eton und Harrow. Wohl alle griechischen Prinzen, die Söhne von Ministern, Industriellen und Reedern besuchten diese Schule, die lange Zeit als die beste ganz Griechenlands galt. Sie bestand bis 1983. Seitdem dient die großzügige, aus fünf Gebäuden bestehende Anlage, die man besichtigen kann, internationalen Kongressen und als "Summer School". Sie hat einen eigenen Olivenhain, 9000 Hektar Wald, in dem sich eine Freilichtbühne versteckt, Sportanlagen, ein hübsches Cafe unter Bäumen und unterhalb des Geländes einen Strand. Hier ließ und läßt es sich sehr angenehm studieren.
Vom Massentourismus ist Spetses bisher verschont geblieben. Abgesehen von dem Luxushotel "Possidonion", das nach jahrelanger Renovierung 2009 wiedereröffnet wurde und gleich mehrere Auszeichnungen erhalten hat (London 2012: "Best Classic Boutique Hotel in the World", "Best Hotel Architecture Europe", ebenfalls London 2012 u.a.), gibt es zahlreiche Unterkünfte jeder Kategorie in kleineren individuellen Hotels oder umgebauten Kapitänshäusern. Ein beliebtes Ferienhotel ist das dem College benachbarte "Spetses", das einen kleinen Privatstrand hat.
Spetses hat den Vorteil, daß es nicht nur mit dem Schiff (mit dem Schnellboot gut zwei Stunden ab Piräus), sondern entlang der ostpeloponnesischen Küste vorbei an Epidauros und Nauplia auch auf dem Landweg erreichbar ist (rund zweieinhalb Stunden ab Athen). Dort setzt man von dem kleinen Hafen Kosta auf die Insel über (zehn Minuten). Das Auto muß allerdings auf dem Festland bleiben, der Autoverkehr ist stark reduziert. Stattdessen scheint jeder 4000 Spetsioten, die alle in dem einzigen gleichnamigen Ort wohnen, ein Moped oder einen Motorroller zu besitzen, die auf den schmalen, kurvenreichen Straßen überlaut knatternd an einem vorbeizischen und den Inselfrieden empfindlich stören.
Abonnieren
Posts (Atom)