Sechs Jahre Rezession, 27,6 Prozent Arbeitslosigkei (November 2013; mehr als doppelt so hoch bei den bis zu 24-jährigen), hohe Schuldenquote trotz Schuldenschnitts und Krediten der internationalen Geldgeber, eine zugrunde gerichtete Wirtschaft, zehntausende Pleiten, aber keine Investitionen und reales Wachstum in Sicht. Dazu ringen die Griechen mit immer neuen Sparprogrammen: Haushaltskürzungen, Rentenabbau, geschrumpfte Sozialleistungen, Gehälter und Löhne bei gleichzeitig steigenden Steuern und unverändert hohem Preisniveau.
Die Sparmassnahmen treffen vor allem die Mittelschicht, fast jeder ist betroffen, und da das soziale Sicherungssystem kaum der Rede wert ist - es gibt maximal ein Jahr lang Arbeitslosenunterstützung von hoechstens 450 Euro, wovon niemand leben geschweige denn seinen Zahlungsverpflichtungen nachkommen kann, dazu fliegt man nach zwei Jahren Arbeitslosigkeit aus der Krankenkasse -, droht der gesellschaftliche Absturz. Griechenland ist das einzige EU-Land ohne jegliche Grundsicherung. Wer noch einen Job hat, lebt in der Angst, ihn zu verlieren oder muss oft für die Hälfte des Lohns arbeiten. Die Menschen sind verunsichert und verzagt, müde vom Protestieren und der ewigen Streiks überdrüssig; sie glauben nicht mehr daran, dass sich die Lage bessert. Eine - gefährliche - Folge der Armut und sozialen Erschütterungen ist das Erstarken neofaschistischer Strömungen wie der rechtsradikalen Chrissi Avgi ("Goldene Morgenröte"), die aus der Misere Nutzen und Zustimmung zieht. Im Aufwind befindet sich auch die euroskeptische Linkspartei Syriza, die Umfragen zufolge bereits vor den Regierungsparteien Nea Dimokratia und der Pasok liegt.
In einem Land, das keine Wohlfahrtsstaatlichkeit kennt und in dem das Vertrauen in die Politik gründlich verloren gegangen ist, ist soziales Engagement wichtiger denn je. Aus dieser Not heraus hat sich 2010 eine Bürgerbewegung gegründet, die den allgemeinen Niedergang nicht mehr hinnehmen wollte. Ausgehend von Athen, griff sie auf das ganze Land über. In der Krise erwachte der in Griechenland bis dahin wenig ausgeprägte Bürgersinn; seitdem ist der Anteil derer, die gemeinnützige Arbeit leisten, rapide gestiegen und nimmt weiter zu. "Wann, wenn nicht jetzt", sagt Ioanna, eine junge Lehrerin, die gerade ihren Job verloren hat und jetzt Kindern unentgeltlich Nachhilfeunterricht erteilt, deren Eltern die Kosten dafür nicht mehr aufbringen koennen. Sie ist eine der "Atenistas", Athener Aktivisten, die sich freiwillig engagieren und ihre Stadt, die sie lieben, zu einem besseren Platz machen wollen; sie kurbeln Projekte und Initiativen auf breiter Ebene an und helfen dort, wo Hilfe gebraucht wird. Jeder bringt seine Begabung ein. Es gibt inzwischen über hundert Untergruppen, die zum Teil miteinander vernetzt sind. Viele der Freiwilligen sind arbeitslos wie Ioanna, wollen aber ihre Freizeit nutzen, um etwas Sinnvolles für ihre Stadt und die Menschen zu leisten. "Ich tu etwas für die Gesellschaft und damit auch für mich selbst; das macht mich glücklich", sagt Ioanna. Diejenigen, die Arbeit haben, treffen sich an den Wochenenden. Auch Ioanna will dabei bleiben, sollte sie wieder einen Job haben.
Ihr erster Einsatz, durch den die Atenistas von sich reden machten, war im Herbst 2010 an der Küste von Neo Faliro bei Athen, wo mehrere hundert Freiwillige den kilometerlangen Sandstrand vom liegengebliebenen Müll der Sommersaison säuberten. Eigentlich die Aufgabe der Kommune, doch auf Unterstützung durch den Staat setzt hier niemand mehr. Es folgten die Kampagnen für ein sauberes Athen. Mit Besen und Schaufeln, Farbeimern und Pinseln rücken die Freiwilligen, die sich über das Internet verständigen, zu ihren Einsatzorten aus. Die liegen in verfallenden Stadtteilen wie Metaxourgio, Viktoria und den heruntergekommenen Strassen um die Platia Vathis, die Brennpunkte der Migration geworden sind, oder in manchen Gegenden in Psirri und um die Patissionstrasse herum. Sie entfernen ausländerfeindliche Grafitti, streichen Klassenzimmer in Schulen, halten Ausschau nach brachliegenden Grundstücken, befreien sie von Müll und Dreck und machen daraus einen Spielplatz oder kleinen Park. Oft hat die Begeisterung, ihre Umgebung zu verschoenern, auch die Anwohner ergriffen - das werten die Atenistas als ihren groessten Erfolg. Sie kommen mit ihren Kindern und wollen beim Pflanzen der Bäumchen selbst mitanpacken oder beim Bemalen der tristen Hauswände, verlotterter Parkbänke und Spielgeräte. Auch aus so manchem der typischen einstoeckigen Häuser haben die Atenistas ein Schmuckkästchen gemacht. Was Begeisterung und ein bisschen Farbe doch bewirken koennen!
Aber die Atenistas schwingen nicht nur Besen und Pinsel für ein sauberes und schoeneres Athen, sie kümmern sich auch um Obdachlose, begleiten alte gebrechliche Menschen, sammeln Kleidung und verteilen Grundnahrungsmittel - Nudeln, Reis, Mehl, Zucker und Olivenoel - an Bedürftige. Doch der Mensch braucht auch geistige Anregungen. Die Atenistas (die Tourgruppe "Polis") organisieren Spaziergänge im historischen Zentrum Athens, durch das Ottonische Athen, das Jüdische Athen oder auch einen "Gang durch das schmackhafte Athen", ein Besuch traditionsreicher Konditoreien, Restaurants, Cafes, Gewürzläden und Kaffeeroestereien. Ausserdem arrangieren sie Besuche von Ausstellungen und kulturellen Veranstaltungen oder - vielfach auf Plätzen unter freiem Himmel - Theateraufführungen, Konzerte, regelmässige Strassenfeste und Partys, um Menschen zusammenzubringen und ein Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen, sie aus ihrer Mutlosigkeit herauszuholen und ihnen zu zeigen, was alles moeglich ist und in welch einzigartiger Stadt sie leben.
Die Atenistas-Bewegung hat sich unter verschiedenen Namen im ganzen Land ausgebreitet: als Tessalonikistas in Thessaloniki, Patristas in Patras, Pirgistas in Pyrgos usw. In manchen Orten fungiert sie einfach als Nachbarschaftshilfe oder als Unterstützung für die Armen in der Krise. So wie der Immobilienmakler Manolis in Parikia auf der Insel Paros handeln jetzt viele: "Ich spiele an den Wochenenden in einer Band. Wir haben beschlossen, die Einnahmen regelmässig den Kindern einer Schule zu spenden, damit sie ein warmes Mittagessen bekommen." Es hat den Anschein, als sei Bewegung in die griechische Gesellschaft gekommen.
Hintergrundinformationen zu Griechenland: Politik & Geschichte, Kunst & Kultur und Tourismus von Frauke Burian
Donnerstag, 27. Februar 2014
Mittwoch, 26. Februar 2014
Ja zu Athen: die "Yes!"-Hotels des Dakis Ioannou
Das fehlte noch in der griechischen Hauptstadt: Hotels, die einem Museumsgänge nicht nur in Athen ersparen, sondern auch in New York, Paris oder Wien. Denn in den von weltbekannten Designern gestalteten Häusern des Dakis Ioannou erwarten den Gast Spitzenwerke der internationalen Künstlerelite, die zuvor in europäischen oder amerikanischen Grossstädten zu sehen waren. Es sind Stücke aus der bedeutenden Kollektion des Industriellen und passionierten Kunstsammlers, die jeden Museumsdirektor vor Neid erblassen lassen.
Das erste seiner inzwischen fünf "Yes!"-Hotels - Yes steht für "young, energetic, seductive" - war das 2004 eroeffnete "Semiramis" in dem wohlhabenden grünen Kifissia, einem noerdlichen Villenviertel, in dem die reichsten Leute, die teuersten Boutiquen und die feinsten Restaurants zu Hause sind. Schon ein Jahr später zählte Conde Nast Traveller es zu den 60 besten Hotels der Welt.
Gestaltet hat die Nobelherberge der berühmte Industriedesigner Karim Rashid, der nach mehreren Jahren Tätigkeit in Italien 1993 sein eigenes Studio in New York eroeffnete. Mit über 40 Preisen und Auszeichnungen bedacht, sind seine Arbeiten in 14 Museen ausgestellt. Seine Kunden sind global, seine Projekte Innenausstattung, Moebel, Lampen, Mode und Kunst. Das "Semiramis" war Rashid's erstes Hotelprojekt. Zusammen mit Dakis Ioannou, der promovierter Architekt ist, schuf er eine Bühne für dessen Kunst in typischem Rashid-Design: knalliges Pink und Orange, Zitronengelb und Grassgrün an Wänden, Boeden, Moebeln und Balkonen, der kongeniale Rahmen für die ausgestellten - teils provokativen - Werke u.a. von dem britischen Künstlerehepaar Tim Noble und Sue Webster, dem Japaner Takashi Murakami oder Ioannous Lieblingskünstler Jeff Koons ("Jeff in the position of Adam"). Die meisten Kunstwerke werden halbjährlich ausgewechselt. In mehr oder minder kräftigen Bonbonfarbtoenungen erstrahlen auch die 51 Zimmer, moeglicherweise etwas schwer auszuhalten bei einem längeren Aufenthalt.
In Kifissia gibt es zwei weitere Yes!-Hotels, die "Kefalari Suites" in einem eleganten Eckgebäude aus dem 19. Jahrhundert und das "Twenty One", das in eine Wassermühle, ebenfalls aus dem 19. Jahrhundert, integriert ist. Beide Häuser sind topmodern, komfortabel und mit 13 bzw. 16 individuell gestalteten Suiten klein. Ihr gemeinsames Band ist die Kunst. Für das "Twenty One" hat die junge, in New York lebende Künstlerin Georgia Sagri einen das ganze Hotel umfassenden 70 Meter langen farbenfreudigen Gemäldefries geschaffen, der sich, jeweils über die Länge einer ganzen Wand, durch alle Räume zieht.
Die beiden anderen "Yes!"-Hotels stehen im Zentrum Athens: das "Periscope" im Herzen von Kolonaki, am Fusse des Lycabettos, und das "New Hotel", das im Juli 2011 als letztes eroeffnet wurde, nur 200 Meter vom Syntagmaplatz entfernt am Eingang zur Altstadt Plaka. Auch das "Periscope" ist mit seinen 21 minimalistisch eingerichteten Zimmern klein, ein intimes Boutiquehotel. An den Decken sind Fotografien von verschiedenen Vierteln Athens abgedruckt, in manchen Zimmern Luftaufnahmen des Athener Fotografen Nikos Daniilides. Seinen Namen hat das Hotel von einem steuerbaren Periskop auf dem Dach, mit dem man sich einen Ueberblick über ganz Athen verschaffen kann. Mit einem Joystick koennen sich die Gäste einzelne Gegenden oder Sehenswürdigkeiten auswählen, die Bilder werden dann simultan auf einen TV-Schirm in der Lounge im Erdgeschoss übertragen.
Das "New Hotel", das ehemalige "Olympic Palace", 1958 von dem Modernisten Iasonos Rizos erbaut, ist mit seinen 79 Zimmern auch das groesste. Mit der Innengestaltung beauftragte Ioannou die vielfach ausgezeichneten Campana-Brüder, Humberto und Fernando, die u.a. durch ihren aus vielen kleinen Holzstückchen zusammengesetzten "Favela"-Stuhl weltbekannt wurden. Es ist das erste Hotelprojekt des brasilianischen Designer-Duos. Beide schufen einen ungewoehnlichen, aufregenden Ort, in dem brasilianische Handwerkskunst mit dem griechischen Design der fünfziger Jahre eine verblüffende Verbindung eingeht. Die Campana-Brüder zerlegten das noch existente alte Mobiliar und sonstige Ueberbleibsel des Olympic Palace und fertigten daraus neue überraschende Objekte oder rekonstruierten, restaurierten und interpretierten Vorhandenes zeitgemäss, nichts Wichtiges sollte verloren gehen.
In allen 79 Räumen wird der Gast mit drei Themen aus der griechischen Kultur bekannt gemacht. Der erste Raumtyp stellt die traditionsreiche und noch heute beliebte Schattentheaterfigur Karagiozis in allen moeglichen Variationen dar, der zweite widmet sich dem Auge gegen den boesen Blick, einem lokalen Aberglauben, und im dritten lassen alte Postkarten nostalgische Athen-Gefühle aufkommen.
Für Design-Liebhaber sind alle fünf Häuser, so verschieden sie sind, ein Non-plus-ultra. Die Preise bewegen sich im Rahmen vergleichbarer Hotels oder sind sogar niedriger.
Das erste seiner inzwischen fünf "Yes!"-Hotels - Yes steht für "young, energetic, seductive" - war das 2004 eroeffnete "Semiramis" in dem wohlhabenden grünen Kifissia, einem noerdlichen Villenviertel, in dem die reichsten Leute, die teuersten Boutiquen und die feinsten Restaurants zu Hause sind. Schon ein Jahr später zählte Conde Nast Traveller es zu den 60 besten Hotels der Welt.
Gestaltet hat die Nobelherberge der berühmte Industriedesigner Karim Rashid, der nach mehreren Jahren Tätigkeit in Italien 1993 sein eigenes Studio in New York eroeffnete. Mit über 40 Preisen und Auszeichnungen bedacht, sind seine Arbeiten in 14 Museen ausgestellt. Seine Kunden sind global, seine Projekte Innenausstattung, Moebel, Lampen, Mode und Kunst. Das "Semiramis" war Rashid's erstes Hotelprojekt. Zusammen mit Dakis Ioannou, der promovierter Architekt ist, schuf er eine Bühne für dessen Kunst in typischem Rashid-Design: knalliges Pink und Orange, Zitronengelb und Grassgrün an Wänden, Boeden, Moebeln und Balkonen, der kongeniale Rahmen für die ausgestellten - teils provokativen - Werke u.a. von dem britischen Künstlerehepaar Tim Noble und Sue Webster, dem Japaner Takashi Murakami oder Ioannous Lieblingskünstler Jeff Koons ("Jeff in the position of Adam"). Die meisten Kunstwerke werden halbjährlich ausgewechselt. In mehr oder minder kräftigen Bonbonfarbtoenungen erstrahlen auch die 51 Zimmer, moeglicherweise etwas schwer auszuhalten bei einem längeren Aufenthalt.
In Kifissia gibt es zwei weitere Yes!-Hotels, die "Kefalari Suites" in einem eleganten Eckgebäude aus dem 19. Jahrhundert und das "Twenty One", das in eine Wassermühle, ebenfalls aus dem 19. Jahrhundert, integriert ist. Beide Häuser sind topmodern, komfortabel und mit 13 bzw. 16 individuell gestalteten Suiten klein. Ihr gemeinsames Band ist die Kunst. Für das "Twenty One" hat die junge, in New York lebende Künstlerin Georgia Sagri einen das ganze Hotel umfassenden 70 Meter langen farbenfreudigen Gemäldefries geschaffen, der sich, jeweils über die Länge einer ganzen Wand, durch alle Räume zieht.
Die beiden anderen "Yes!"-Hotels stehen im Zentrum Athens: das "Periscope" im Herzen von Kolonaki, am Fusse des Lycabettos, und das "New Hotel", das im Juli 2011 als letztes eroeffnet wurde, nur 200 Meter vom Syntagmaplatz entfernt am Eingang zur Altstadt Plaka. Auch das "Periscope" ist mit seinen 21 minimalistisch eingerichteten Zimmern klein, ein intimes Boutiquehotel. An den Decken sind Fotografien von verschiedenen Vierteln Athens abgedruckt, in manchen Zimmern Luftaufnahmen des Athener Fotografen Nikos Daniilides. Seinen Namen hat das Hotel von einem steuerbaren Periskop auf dem Dach, mit dem man sich einen Ueberblick über ganz Athen verschaffen kann. Mit einem Joystick koennen sich die Gäste einzelne Gegenden oder Sehenswürdigkeiten auswählen, die Bilder werden dann simultan auf einen TV-Schirm in der Lounge im Erdgeschoss übertragen.
Das "New Hotel", das ehemalige "Olympic Palace", 1958 von dem Modernisten Iasonos Rizos erbaut, ist mit seinen 79 Zimmern auch das groesste. Mit der Innengestaltung beauftragte Ioannou die vielfach ausgezeichneten Campana-Brüder, Humberto und Fernando, die u.a. durch ihren aus vielen kleinen Holzstückchen zusammengesetzten "Favela"-Stuhl weltbekannt wurden. Es ist das erste Hotelprojekt des brasilianischen Designer-Duos. Beide schufen einen ungewoehnlichen, aufregenden Ort, in dem brasilianische Handwerkskunst mit dem griechischen Design der fünfziger Jahre eine verblüffende Verbindung eingeht. Die Campana-Brüder zerlegten das noch existente alte Mobiliar und sonstige Ueberbleibsel des Olympic Palace und fertigten daraus neue überraschende Objekte oder rekonstruierten, restaurierten und interpretierten Vorhandenes zeitgemäss, nichts Wichtiges sollte verloren gehen.
In allen 79 Räumen wird der Gast mit drei Themen aus der griechischen Kultur bekannt gemacht. Der erste Raumtyp stellt die traditionsreiche und noch heute beliebte Schattentheaterfigur Karagiozis in allen moeglichen Variationen dar, der zweite widmet sich dem Auge gegen den boesen Blick, einem lokalen Aberglauben, und im dritten lassen alte Postkarten nostalgische Athen-Gefühle aufkommen.
Für Design-Liebhaber sind alle fünf Häuser, so verschieden sie sind, ein Non-plus-ultra. Die Preise bewegen sich im Rahmen vergleichbarer Hotels oder sind sogar niedriger.
Mittwoch, 12. Februar 2014
Apodiksi parakalo 2013 - Steuerhinterziehung in Griechenland
"Wer keine Quittung bekommen hat, muss auch nicht bezahlen". Solche Aufkleber - auf Griechisch und Englisch - sieht man neuerdings in Läden, Hotels und gastronomischen Betrieben. Diese im Dezember 2012 von der Regierung beschlossene und am 12. Januar 2013 in Kraft getretene Verordnung fordert eine Selbstverständlichkeit ein, nämlich dem Kunden unaufgefordert eine Rechnung auszustellen.
Allerdings scheint die Verordnung noch nicht überall angekommen zu sein. Die Steuermoral in Hellas, dem von der Schuldenkrise am schwersten betroffenen Land, ist weiterhin lax und zwar auf breiter Basis. Auf meiner sechswoechigen Reise im Herbst 2013 nach Athen, Kreta und auf mehrere Inseln habe ich jedenfalls häufig erst auf Nachfrage einen Beleg bekommen. Speziell in den kleineren Orten auf Kreta scheinen die Tavernenbesitzer von der neuen Verordnung nichts zu wissen oder sie schlichtweg zu ignorieren. So gab sich in dem Anfang Oktober wegen eines Festivals noch sehr gut besuchten Badeort Matala der Kellner hoechst erstaunt, als wir nach einem opulenten Abendessen zu viert sein handgeschriebenes Zettelchen nicht akzeptieren wollten, sondern eine Rechnung verlangten. Mehrfaches Mahnen half nicht, wir bekamen erneut einen Zettel und dann noch einen, statt der vorherigen Hieroglyphen diesmal in Schoenschrift. Die Hartnäckigkeit des Kellners, sich in Nichtverstehen zu üben, stachelte unsere Hartnäckigkeit an und wir verlangten nach der Chefin, die zwar anfangs ebenfalls nicht verstehen wollte, dann aber doch - nach kurzem Disput - die Rechnung brachte. Auch an den anderen vollbesetzten Tischen wurden nur handgeschriebene Zettelchen verteilt, was die Gäste leider nicht monierten. Wir hatten uns als einzige unbeliebt gemacht. Einen ordnungsgemässen Beleg auszustellen, schien uns hier eine nur selten geübte Praxis zu sein.
Aehnliches, wenn auch nicht so extrem, erlebten wir auf einigen Kykladeninseln. Die Gastronomie ist noch immer die Sparte, der es leicht gemacht wird, Steuern zu hinterziehen. Ich hatte nicht den Eindruck, als würde sich jemand wegen moeglicher Kontrollen und Strafen Sorgen machen. Das muss auch niemand, weil dem Finanzministerium die Mittel fehlen, mehr Steuerfahnder einzustellen und die Kontrollen bereits um 22 Uhr enden.
Auf mangelndes Bewusstsein lässt auch die Klage einer - deutschen - Galeristin schliessen, die wortreich ihren rückläufigen Gewinn beklagte. "Die Griechen fallen als Käufer fast ganz aus. Sie haben kein Geld mehr für Kunst. Und die Touristen zahlen alle mit Kreditkarte", das heisst, es fliesst kein Bargeld mehr in die Kasse, das sich an der Steuer vorbeischleusen liesse. Kalliopi, die freundliche und hilfsbereite Vermieterin meines Studios auf Santorin, erregte sich über die in grossem Rahmen praktizierte Steuerhinterziehung und das Versagen des Staates. "Die Infrastruktur ist schlecht. Die Schulen sind so miserabel, dass unsere Kinder teuren Privatunterricht brauchen, um die Prüfungen zu bestehen. Die Gesundheitsversorgung wird immer schlechter und teurer, und die Reichen kommen wieder einmal ungeschoren davon." Damit hat sie recht, und ich stimmte ihr vorbehaltlos zu, war aber gleichzeitig etwas verwundert darüber, dass sie nicht auf die Idee kam, mir eine Rechnung über meinen achttägigen Aufenthalt auszustellen. Nikos auf Naxos begründete sein Verhalten an der Steuer vorbei mit entwaffnender Offenheit damit, er habe für seine drei (!) Pensionen noch Kredite abzuzahlen. "Alle kleinen Hotelbesitzer machen das so. Das sind meine Konkurrenten. Wem wuerde es nuetzen, wenn wir unsere Hotels verloeren und die Angestellten den Job?" Und: "Warum soll ich ehrlich sein, wenn es die Reichen nicht sind." Das hoert man oft.
Gute Erfahrungen machten wir auf Hydra und Poros, den Inseln nahe bei Athen, und auch in Athen selbst. Die Besitzerin des kleinen Traditionshotels "Sophia" bestand darauf, uns die Rechnung auszustellen, obwohl wir darauf verzichten wollten, weil wir fast unser Schiff nach Poros versäumt hätten. Sie telefonierte mit dem Schnellboot, um unser etwas verspätetes Erscheinen anzukündigen. In unserem Hotel "Manessi" auf Poros hing die Plakette neben der Kasse. Die Eigentümerin sagte uns, dass die Betriebe, die schon immer steuerehrlich waren, auch jetzt kein Problem mit der Plakette hätten. In Athen wurde uns lediglich in einem Restaurant unterhalb der Akropolis die Rechnung vorenthalten: "Die Kasse ist leider gerade kaputt", eine häufig gebrauchte Ausrede.
Steuerhinterziehung ist noch immer eines der gravierendsten Probleme Griechenlands. Dem Staat entgehen auf diese Weise Milliardenbeträge, wenigstens zehn Milliarden Euro sollen es jedes Jahr sein, schätzen die Finanzbehoerden. "Damit betrügen sie den Staat dreifach" sagte das Finanzministerium der Nachrichtenagentur dpa. "Erstens verheimlichen sie den Umsatz. Dann kassieren sie die Mehrwertsteuer. Drittens führen sie diese nicht an das Finanzamt ab, sondern stecken sie in die eigene Tasche." Das Inkrafttreten neuer Vorschriften wird 2014 erwartet, nachdem ein Rückgang insbesondere bei der Mehrwertsteuer festzustellen war.
Allerdings scheint die Verordnung noch nicht überall angekommen zu sein. Die Steuermoral in Hellas, dem von der Schuldenkrise am schwersten betroffenen Land, ist weiterhin lax und zwar auf breiter Basis. Auf meiner sechswoechigen Reise im Herbst 2013 nach Athen, Kreta und auf mehrere Inseln habe ich jedenfalls häufig erst auf Nachfrage einen Beleg bekommen. Speziell in den kleineren Orten auf Kreta scheinen die Tavernenbesitzer von der neuen Verordnung nichts zu wissen oder sie schlichtweg zu ignorieren. So gab sich in dem Anfang Oktober wegen eines Festivals noch sehr gut besuchten Badeort Matala der Kellner hoechst erstaunt, als wir nach einem opulenten Abendessen zu viert sein handgeschriebenes Zettelchen nicht akzeptieren wollten, sondern eine Rechnung verlangten. Mehrfaches Mahnen half nicht, wir bekamen erneut einen Zettel und dann noch einen, statt der vorherigen Hieroglyphen diesmal in Schoenschrift. Die Hartnäckigkeit des Kellners, sich in Nichtverstehen zu üben, stachelte unsere Hartnäckigkeit an und wir verlangten nach der Chefin, die zwar anfangs ebenfalls nicht verstehen wollte, dann aber doch - nach kurzem Disput - die Rechnung brachte. Auch an den anderen vollbesetzten Tischen wurden nur handgeschriebene Zettelchen verteilt, was die Gäste leider nicht monierten. Wir hatten uns als einzige unbeliebt gemacht. Einen ordnungsgemässen Beleg auszustellen, schien uns hier eine nur selten geübte Praxis zu sein.
Aehnliches, wenn auch nicht so extrem, erlebten wir auf einigen Kykladeninseln. Die Gastronomie ist noch immer die Sparte, der es leicht gemacht wird, Steuern zu hinterziehen. Ich hatte nicht den Eindruck, als würde sich jemand wegen moeglicher Kontrollen und Strafen Sorgen machen. Das muss auch niemand, weil dem Finanzministerium die Mittel fehlen, mehr Steuerfahnder einzustellen und die Kontrollen bereits um 22 Uhr enden.
Auf mangelndes Bewusstsein lässt auch die Klage einer - deutschen - Galeristin schliessen, die wortreich ihren rückläufigen Gewinn beklagte. "Die Griechen fallen als Käufer fast ganz aus. Sie haben kein Geld mehr für Kunst. Und die Touristen zahlen alle mit Kreditkarte", das heisst, es fliesst kein Bargeld mehr in die Kasse, das sich an der Steuer vorbeischleusen liesse. Kalliopi, die freundliche und hilfsbereite Vermieterin meines Studios auf Santorin, erregte sich über die in grossem Rahmen praktizierte Steuerhinterziehung und das Versagen des Staates. "Die Infrastruktur ist schlecht. Die Schulen sind so miserabel, dass unsere Kinder teuren Privatunterricht brauchen, um die Prüfungen zu bestehen. Die Gesundheitsversorgung wird immer schlechter und teurer, und die Reichen kommen wieder einmal ungeschoren davon." Damit hat sie recht, und ich stimmte ihr vorbehaltlos zu, war aber gleichzeitig etwas verwundert darüber, dass sie nicht auf die Idee kam, mir eine Rechnung über meinen achttägigen Aufenthalt auszustellen. Nikos auf Naxos begründete sein Verhalten an der Steuer vorbei mit entwaffnender Offenheit damit, er habe für seine drei (!) Pensionen noch Kredite abzuzahlen. "Alle kleinen Hotelbesitzer machen das so. Das sind meine Konkurrenten. Wem wuerde es nuetzen, wenn wir unsere Hotels verloeren und die Angestellten den Job?" Und: "Warum soll ich ehrlich sein, wenn es die Reichen nicht sind." Das hoert man oft.
Gute Erfahrungen machten wir auf Hydra und Poros, den Inseln nahe bei Athen, und auch in Athen selbst. Die Besitzerin des kleinen Traditionshotels "Sophia" bestand darauf, uns die Rechnung auszustellen, obwohl wir darauf verzichten wollten, weil wir fast unser Schiff nach Poros versäumt hätten. Sie telefonierte mit dem Schnellboot, um unser etwas verspätetes Erscheinen anzukündigen. In unserem Hotel "Manessi" auf Poros hing die Plakette neben der Kasse. Die Eigentümerin sagte uns, dass die Betriebe, die schon immer steuerehrlich waren, auch jetzt kein Problem mit der Plakette hätten. In Athen wurde uns lediglich in einem Restaurant unterhalb der Akropolis die Rechnung vorenthalten: "Die Kasse ist leider gerade kaputt", eine häufig gebrauchte Ausrede.
Steuerhinterziehung ist noch immer eines der gravierendsten Probleme Griechenlands. Dem Staat entgehen auf diese Weise Milliardenbeträge, wenigstens zehn Milliarden Euro sollen es jedes Jahr sein, schätzen die Finanzbehoerden. "Damit betrügen sie den Staat dreifach" sagte das Finanzministerium der Nachrichtenagentur dpa. "Erstens verheimlichen sie den Umsatz. Dann kassieren sie die Mehrwertsteuer. Drittens führen sie diese nicht an das Finanzamt ab, sondern stecken sie in die eigene Tasche." Das Inkrafttreten neuer Vorschriften wird 2014 erwartet, nachdem ein Rückgang insbesondere bei der Mehrwertsteuer festzustellen war.
Sonntag, 9. Februar 2014
Fix-Bier. Die erste Brauerei Griechenlands
Das im Jahr 2000 gegründete Nationalmuseum für zeitgenoessische Kunst erhält nach jahrelanger provisorischer Unterbringung endlich sein permanentes Haus. Es wird im Sommer 2014 in das Gebäude der ehemaligen Fix-Brauerei an der Syngrou-Strasse einziehen. Der von dem Modernisten Takis Zenetos (1926-77), einem der tonangebenden Nachkriegsarchitekten, 1957 erbaute monumentale Riegel sollte in den neunziger Jahren im Zuge des Metrobaus einem Parkhaus weichen. Zwei Drittel des Gebäudes waren schon abgerissen, als eine Zenetos-Bürgerinitiative die weitere Demolierung stoppte. In den folgenden Jahren wurde viel über die zukünftige Nutzung des Restbaus diskutiert, und zahlreiche Vorschläge wurden unterbreitet, bis der Eigentümer Attiko Metro schliesslich einen 50jährigen Mietvertrag mit dem Zeitgenoessischen Museum schloss. Es ist mit oeffentlichen Verkehrsmitteln schnell zu erreichen, denn die Metrostation "Syngrou - Fix" befindet sich auf demselben Gelände.
Die Geschichte des Unternehmens Fix, bis Mitte des 20. Jahrhunderts die einzige Grossbrauerei Griechenlands und über Generationen hinweg in Familienbesitz, liest sich als Erfolgsgeschichte. Sie nahm ihren Anfang im Jahr 1833, als der erst 17 Jahre alte bayerische Koenigssohn Otto im Hafen von Nauplia, Griechenlands erster Hauptstadt, landete, nachdem die drei Schutzmächte Russland, Grossbritannien und Frankreich den Wittelsbacher 1832 als ersten Koenig des jungen neugriechischen Staates eingesetzt hatten. Mit dem jugendlichen Monarchen kamen viele Deutsche ins Land: Ausser dem dreikoepfigen Regentschaftsrat - Otto I. war noch nicht volljährig -und 3545 bayerischen Soldaten folgten ihm mehrere tausend Wissenschaftler, Beamte, Architekten, Ingenieure und Handwerker, die vor der schwierigen Aufgabe standen, in dem vom Befreiungskrieg zerrütteten Land, in dem chaotische gesellschaftliche Zustände herrschten, eine funktionierende Verwaltung und ein stabiles Justiz-, Bildungs- und Gesundheitswesen nach westeuropäischem Vorbild, kurz: einen modernen Staat, aufzubauen.
Die Geschichte des Unternehmens Fix, bis Mitte des 20. Jahrhunderts die einzige Grossbrauerei Griechenlands und über Generationen hinweg in Familienbesitz, liest sich als Erfolgsgeschichte. Sie nahm ihren Anfang im Jahr 1833, als der erst 17 Jahre alte bayerische Koenigssohn Otto im Hafen von Nauplia, Griechenlands erster Hauptstadt, landete, nachdem die drei Schutzmächte Russland, Grossbritannien und Frankreich den Wittelsbacher 1832 als ersten Koenig des jungen neugriechischen Staates eingesetzt hatten. Mit dem jugendlichen Monarchen kamen viele Deutsche ins Land: Ausser dem dreikoepfigen Regentschaftsrat - Otto I. war noch nicht volljährig -und 3545 bayerischen Soldaten folgten ihm mehrere tausend Wissenschaftler, Beamte, Architekten, Ingenieure und Handwerker, die vor der schwierigen Aufgabe standen, in dem vom Befreiungskrieg zerrütteten Land, in dem chaotische gesellschaftliche Zustände herrschten, eine funktionierende Verwaltung und ein stabiles Justiz-, Bildungs- und Gesundheitswesen nach westeuropäischem Vorbild, kurz: einen modernen Staat, aufzubauen.
Montag, 3. Februar 2014
Zeitgenössische Kunst in Athen - die Sammlungen von Dakis Ioannou, Dimitris Daskalopoulos und George Economou
Endlich, im Jahr 2000, bekam auch Athen ein Nationalmuseum für zeitgenössische Kunst (EMST), aber leider kein festes Haus. Seitdem wandert es von einem Provisorium ins nächste, zur Zeit ist es im Konservatorium in der Rigilisstrasse in Kolonaki untergebracht. Sein zukünftiges Heim, die alte Fix-Brauerei am Leoforos Syngrou, soll nach langjährigem Umbau im Sommer 2014 soweit fertiggestellt sein, dass es die alle neuen Kunstrichtungen abdeckenden Sammlungen aufnehmen kann; Schwerpunkt sind die Werke führender griechischer Künstler. In einem Land, dessen Kulturpolitik kein Geld hat und für Zeitgenösssisches schon gar nicht, sind Privatinitiativen umso wichtiger, trotz aller Konflikte und ungelösten Fragen, die daraus resultieren. Private Aktivitäten nützen Athen und machen es attraktiver. Sie haben das Kunstleben überhaupt erst in Bewegung gebracht und eine Brücke zu den internationalen Entwicklungen geschaffen.
Naturgemäss verlässt sich die griechische Metropole hauptsächlich auf ihr einzigartiges antikes Erbe - allenfalls noch auf Byzanz - , wer fährt schon eigens nach Athen, um eine Ausstellung von Martin Kippenberger oder Rosemarie Trockel zu besuchen. Aber jeder wird auf die Akropolis steigen, das grossartige neue Akropolis-und das unvergleichliche Archäologische Nationalmuseum besichtigen sowie die vielen ähnlich bedeutenden Sammlungen und antiken Stätten, die von der vergangenen Grösse zeugen, auf die der Grieche so stolz ist und aus der er noch heute sein Selbstgefühl schöpft. Die Fussgängerzonen - der "archäologische Park" - haben die Ausgrabungsstätten einander noch näher gebracht und Athens Verbindung mit seiner antiken Vergangenheit weiter gefestigt. Sie sind Teil des Alltags. Ob man nun mit der Metro mitten durch die antike Agora fährt, in den Tavernen am Römischen Marktplatz zu Abend isst oder in den Strassen unvermittelt über mehr als 2000 Jahre alte Säulen, Thermen und Häuser spaziert, die von Glasböden geschützt sind - die Antike begleitet einen auf Schritt und Tritt. Wo gibt es Vergleichbares auf der Welt?
Durch den stets präsenten Einfluss einer jahrtausendealten Kultur haben die Griechen erst spät begonnen, sich für Gegenwartskunst zu interessieren. Und da die öffentlichen Kassen leer sind - selbst die antiken Hinterlassenschaften zu finanzieren, stellt schon einen erheblichen Kraftakt für das gebeutelte Land dar -, ist Athen mehr als andere europäische Städte, auf denen keine solche Bürde lastet, auf private Stifter angewiesen. Den Anfang machte in den achtziger Jahren der in Athen lebende Industrielle Dakis Ioannou mit seiner Deste Foundation zur Förderung der griechischen Kunst und Kultur, eine Einrichtung, die aus Athen nicht mehr wegzudenken ist. Ioannou besitzt eine der bedeutendsten Sammlungen zeitgenössischer Kunst weltweit, darunter die grösste Kollektion des Pop-Artisten Jeff Koons. Alle nennenswerten Stars am Kunsthimmel sind mit Spitzenwerken vertreten, um die ihn ein jedes Museum beneidet. Im Focus stehen die amerikanische und die britische Kunst der letzten drei Jahrzehnte, zum Beispiel Vanessa Beecroft, Jenny Holzer, Mike Kelley, Kara Walker, Christopher Wool, Paul McCarthy, Chris Ofili und Anish Kapoor. Unter den deutschen Künstlern findet man u.a. Martin Kippenberger, Andreas Gursky, Rosemarie Trockel. Weniger vertreten sind die Griechen, hier scheinen ihm die jungen Video-Künstler Lina Theodorou und Nikos Navridis sowie der 1964 in Athen geborene Miltos Manetas zu gefallen. Manetas ist Maler, Video- und Netzkünstler, er lebt in London.
Die Deste-Stiftung gründete Ioannou schon 1983, mit seiner Sammlertätigkeit begann der er erst einige Jahre später (sein erster Kauf war übrigens ein Koons). Seit 2006 hat sie ihren Sitz in dem Athener Industrieviertel Nea Ionia. Dort liess er eine stillgelegte Strumpffabrik zu einem grosszügigen modernen Ausstellungsgelände umbauen, mit ungewöhnlich angeordneten Räumen über mehrere Etagen, die seine Werke aus allen Sparten der Kunst optimal zur Geltung bringen. Die Ausstellungen hier stellen jedes Mal einen Höhepunkt im Athener Kulturleben dar.
2009 liess Ioannou mit der Deste-Dependance auf der Insel Hydra einen weiteren Glanzpunkt folgen. Eingeweiht wurde sie mit "Blood of Two", einer Performance und Ausstellung von Elizabeth Peyton und Matthew Barney. Zur Eröffnungsparty reiste der internationale Kunst-Jetset an, die grosse Kunstfamilie, die Ioannou um sich geschart hat: Künstler, Kuratoren, Museumsdirektoren, Händler und Sammler - nur allzu bereit, dem Ruf Ioannous zu folgen und das sommerliche Spektakel zu geniessen. Man kennt sich, man trifft sich, man feiert sich. (Die Ausstellungen dauern jeweils von Juni bis Ende September.)
Seine beiden Deste-Häuser und die 2009 eingegangene Kooperation mit dem Kykladenmuseum Athen scheinen Ioannou noch nicht zu genügen. Der unermüdliche "King of Art", wie er auch genannt wird - der Milliardär ist Treuhänder der Guggenheim Foundation, des New Museum of Contemporary Art in New York und des Museum of Contemporary Art Los Angeles - will noch mehr Schwung in Athens Kunstszene bringen. So realisiert die Deste-Stiftung seit 2014 Projekte zusammen mit dem Benaki-Museum, auch um dem selbstgesetzten Anspruch näher zu kommen, eine breite Öffentlichkeit für die neuesten Entwicklungen in der Kunst zu interessieren. Die erste Schau, mit Werken des Georgiers Andro Wekua, findet im Februar und März 2014 statt, eine Gruppenausstellung ist für den Sommer geplant.
Nach dem Vorbild des Turner-Preises richtete Ioannou 1999 den mit 10 000 Euro dotierten Deste-Preis ein, der alle zwei Jahre einen griechischen Künstler auszeichnet. Die Werke der für den Preis - von einer jeweils international hochkarätig besetzten Jury - Nominierten, die "Shortlist", werden über einen Zeitraum von fünf Monaten jeweils im Kykladenmuseum ausgestellt. Ziel ist es, die junge aufstrebende Generation zu fördern und bekannt zu machen, ihr eine Plattform zu schaffen, und gleichzeitig die Athener an die Zeitgenossen heranzuführen. Beides scheint zu gelingen. Die Deste-Preis-Teilnehmer haben Erfolg. So gestaltete beispielsweise Stefanos Tsivopoulos den griechischen Pavillon auf der Biennale Venedig 2013 und erhielt dafür viel Lob. Deanna Maganias schuf das Athener Holocaust-Denkmal, das ebenfalls viel Anerkennung findet. Und auch bei den Athenern, die sich mit der Moderne so schwer tun, stösst die "Deste Prize Exhibition" mehr und mehr auf Interesse.
Ein weiterer weltweit bedeutender Privatsammler und Förderer zeitgenössischer Kunst ist Dimitris Daskalopoulos, ein in Athen ansässiger milliardenschwerer Unternehmer (ihm gehört die Investment-Gesellschaft DAMMA Holdings SA), Präsident des Hellenischen Unternehmerverbandes, Guggenheim-Treuhänder und Aufsichtsrat der Tate London. Daskalopoulos begann vor rund 25 Jahren Kunst zu sammeln. Seine Vorliebe gilt der Skulptur und grossen raumgreifenden Installationen sowie Film und Video; sie nehmen einen besonderen Stellenwert in seiner Kollektion ein. Er besitzt wichtige Arbeiten u.a. von Louise Bourgeois, Robert Gober, Damien Hirst, Paul McCarthy, Matthew Barney, Marina Abramowitsch, Kiki Smith, Martin Kippenberger. Dass er grossteils dieselben Künstler wie Ioannou sammelt, kann nicht wirklich überraschen. Beide greifen nach der angesagten Elite, und die ist klein. Daskalopoulos verleiht - ebenso wie Ioannou - seit Jahren Werke aus seiner Kollektion an Museen in Europa und den USA, stellt aber auch an verschiedenen Standorten in Athen aus. Derzeit ist er auf der Suche nach einem permanenten Heim für seine Sammlung.
Im Sommer 2013 gründete er in Athen die Neon Foundation, eine Organisation "ohne Mauern". Ähnlich wie Deste peilt sie eine grössere örtliche Reichweite an. Sie will dazu beitragen, die Erziehung in den Künsten in Griechenland zu fördern und das Kunstverständnis zu erweitern, ferner ebenfalls für eine weite Verbreitung in der Bevölkerung, vor allem der jüngeren Generation, zu sorgen und sie mit neuen Strömungen bekannt zu machen. Daskalopoulos will das allmählich zwar wachsende, aber immer noch vergleichsweise geringe öffentliche Bewusstsein für die Gegenwartskunst wecken. Sie soll nicht länger nur einer Elite zugänglich sein. Neon arbeitet sehr aktiv mit kulturellen Organisationen zusammen und unterstützt private wie öffentliche Einrichtungen. So realisierte die Stiftung im Sommer 2013 die "Heart of Darkness"-Exposition in der Piräos 260 und im Herbst 2013 eine grosse Ausstellung zum 60. Geburtstag von Martin Kippenberger im Athener Kykladenmuseum. Es war die erste Einzelschau Kippenbergers in einem griechischen Museum überhaupt. Sie war so erfolgreich, dass sie verlängert werden musste. Ein anderes grosses Projekt und besonderes Anliegen ist ihm die "Kunst im öffentlichen Raum". So organisierte er 2014 eine Ausstellung von Bronzefiguren von Juan Munoz im Garten der Gennadios-Bibliothek. Seine Idee, den Athener Nationalgarten als Ausstellungsgelände für Skulpturen zeitgenössischer Künstler zu nutzen, wird von der Athener Verwaltung bislang blockiert.
50 000 Euro spendierte Daskalopoulos 2013 dem darbenden Nationalmuseum für zeitgenössische Kunst, damit es auf der Londoner Frieze Graphiken erwerben konnte, um einige seiner Sammlungen zu ergänzen. Diese bescheidene Summe lässt Rückschlüsse auf das karge Budget des Museums für Ankäufe zu. Ausserdem unterstuetzt er das notleidende Museum durch einen Fonds. Für sein Engagement wurde ihm 2014 der Leo Award verliehen, ein nach dem berühmten New Yorker Kunsthändler Leo Castelli benannter Kunstpreis, der alljährlich vom Independant Curators International für besondere Verdienste in der Gegenwartskunst vergeben wird.
Ein weiterer Grossammler ist George Economou. Er gab sein Debüt 2012 in der Kommunalen Galerie Athen in dem aufstrebenden Galerienviertel Metaxourgio. Die Ausstellung sorgte für Besucherrekorde. Ein ständiges Zuhause für seine Werke ist geplant. Entwürfe für einen Museumsbau liegen vor, sind aber derzeit zurückgestellt.
Insgesamt umfasst die Sammlung des Reeders, der erst vor etwa zehn Jahren zur Kunst fand, beeindruckende 2000 Werke vor allem gegenständlicher Malerei. Economou verfolgt einen sehr breiten Ansatz, der von prächtigen Altmeistergemälden bis zu den Zeitgenossen reicht. Besonders die deutsche und österreichische Kunst des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat es ihm angetan. Darunter sind viele spannende und reizvolle Werke, z.B. die lebensgrossen "Mondfrauen" aus dem Jahr 1930 von Otto Rudolf Schatz und das Porträt des Picasso-Händlers Daniel-Henry Kahnweiler aus dem Jahr 1925 von Ludwig Bock. Zunehmend findet sich auch Zeitgenössisches in seiner Kollektion, darunter einiges von Kippenberger, Daniel Spoerri und Bridget Riley sowie eine ansehnliche Auswahl an Jannis-Kounellis-Aquarellen.
Economou zeigt sich deutschen Museen gegenüber sehr spendabel. So überliess er kürzlich der Staatlichen Graphischen Sammlung in München als Leihgabe für zunächst zehn Jahre 500 Dix-Grafiken, die er von dem Berliner Händler Florian Karsch erworben hat. 2011 richtete er der Hamburger Kunsthalle das nach ihm benannte Cafe ein. Da Economou weniger bekannte Künstler favorisiert und in Marktnischen investiert, halten sich die Kosten in Grenzen. Verglichen mit Ioannou, Daskalopoulos und dem in der Öffentlichkeit weniger in Erscheinung tretenden Schiffsmagnaten Dinos Martinos, die nur die zeitgenössischen Stars nachfragen, spielt er in der zweiten Liga.
So wichtig die privaten Stiftungen für Athen auch sind, so sind ihre Aktivitäten doch nicht ganz unproblematisch und werfen einige Fragen auf. Nicht nur in Griechenland haben die öffentlichen Museen kaum noch die Mittel, um auf dem internationalen Kunstmarkt zu agieren. Die Kulturbudgets schrumpfen, die Preise für Kunst erreichen groteske Höhen. Das Wachstum wird von den neuen Superreichen, die reicher sind als je zuvor, noch angeheizt. Sie kaufen Werke der international gefragtesten Zeitgenossen zu jedem Preis, eine Grenze nach oben scheint es nicht zu geben. Das Geld hat den Kunstmarkt von Grund auf verändert. Kunst ist zum Statussymbol und gewinnversprechenden Investment geworden. Da Museen und Galerien immer weniger in der Lage sind, grössere Objekte zu erwerben oder auch nur attraktive Ausstellungen auf die Beine zu stellen, sind sie auf die Unterstützung der "Mäzene" angewiesen und damit auf deren Entgegenkommen als Leihgeber und Finanzier. Ob, wann und welche Werke gezeigt werden, kann von einer einzelnen Privatperson abhängen. Sie bestimmt und kontrolliert, was die Öffentlichkeit zu sehen bekommt und nimmt damit Einfluss auf den Kunstbetrieb. Gleichzeitig erhöht sie den Wert der eigenen Sammlung, besonders dann, wenn sie in renommierten Museen ausgestellt wird wie 2010 die von Dakis Ioannou im New Museum of Contemporary Art in New York, an dem er Treuhänder ist und Jeff Koons hier als Kurator sein Debut für seinen Freund Dakis gab. Ähnliches trifft für die Ausstellung "Der leuchtende Intervall" zu, die erste grosse Präsentation von Werken aus der Dimitris-Daskalopoulos-Collection, die 2011 im Guggenheim Bilbao zu sehen war, an dem Daskalopoulos Treuhänder ist. Alle diese Vorgehensweisen sorgen dafür, dass der Kunstmarkt stetig wächst und immer globaler wird, was auch heisst, dass die Preise weiterhin steigen dürften. Die Athener Kulturlandschaft, ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Stadt, ist jedenfalls für kunstinteressierte Touristen noch interessanter geworden. Es lohnt sich, den Ausstellungskalender zu studieren.
Naturgemäss verlässt sich die griechische Metropole hauptsächlich auf ihr einzigartiges antikes Erbe - allenfalls noch auf Byzanz - , wer fährt schon eigens nach Athen, um eine Ausstellung von Martin Kippenberger oder Rosemarie Trockel zu besuchen. Aber jeder wird auf die Akropolis steigen, das grossartige neue Akropolis-und das unvergleichliche Archäologische Nationalmuseum besichtigen sowie die vielen ähnlich bedeutenden Sammlungen und antiken Stätten, die von der vergangenen Grösse zeugen, auf die der Grieche so stolz ist und aus der er noch heute sein Selbstgefühl schöpft. Die Fussgängerzonen - der "archäologische Park" - haben die Ausgrabungsstätten einander noch näher gebracht und Athens Verbindung mit seiner antiken Vergangenheit weiter gefestigt. Sie sind Teil des Alltags. Ob man nun mit der Metro mitten durch die antike Agora fährt, in den Tavernen am Römischen Marktplatz zu Abend isst oder in den Strassen unvermittelt über mehr als 2000 Jahre alte Säulen, Thermen und Häuser spaziert, die von Glasböden geschützt sind - die Antike begleitet einen auf Schritt und Tritt. Wo gibt es Vergleichbares auf der Welt?
Durch den stets präsenten Einfluss einer jahrtausendealten Kultur haben die Griechen erst spät begonnen, sich für Gegenwartskunst zu interessieren. Und da die öffentlichen Kassen leer sind - selbst die antiken Hinterlassenschaften zu finanzieren, stellt schon einen erheblichen Kraftakt für das gebeutelte Land dar -, ist Athen mehr als andere europäische Städte, auf denen keine solche Bürde lastet, auf private Stifter angewiesen. Den Anfang machte in den achtziger Jahren der in Athen lebende Industrielle Dakis Ioannou mit seiner Deste Foundation zur Förderung der griechischen Kunst und Kultur, eine Einrichtung, die aus Athen nicht mehr wegzudenken ist. Ioannou besitzt eine der bedeutendsten Sammlungen zeitgenössischer Kunst weltweit, darunter die grösste Kollektion des Pop-Artisten Jeff Koons. Alle nennenswerten Stars am Kunsthimmel sind mit Spitzenwerken vertreten, um die ihn ein jedes Museum beneidet. Im Focus stehen die amerikanische und die britische Kunst der letzten drei Jahrzehnte, zum Beispiel Vanessa Beecroft, Jenny Holzer, Mike Kelley, Kara Walker, Christopher Wool, Paul McCarthy, Chris Ofili und Anish Kapoor. Unter den deutschen Künstlern findet man u.a. Martin Kippenberger, Andreas Gursky, Rosemarie Trockel. Weniger vertreten sind die Griechen, hier scheinen ihm die jungen Video-Künstler Lina Theodorou und Nikos Navridis sowie der 1964 in Athen geborene Miltos Manetas zu gefallen. Manetas ist Maler, Video- und Netzkünstler, er lebt in London.
Die Deste-Stiftung gründete Ioannou schon 1983, mit seiner Sammlertätigkeit begann der er erst einige Jahre später (sein erster Kauf war übrigens ein Koons). Seit 2006 hat sie ihren Sitz in dem Athener Industrieviertel Nea Ionia. Dort liess er eine stillgelegte Strumpffabrik zu einem grosszügigen modernen Ausstellungsgelände umbauen, mit ungewöhnlich angeordneten Räumen über mehrere Etagen, die seine Werke aus allen Sparten der Kunst optimal zur Geltung bringen. Die Ausstellungen hier stellen jedes Mal einen Höhepunkt im Athener Kulturleben dar.
2009 liess Ioannou mit der Deste-Dependance auf der Insel Hydra einen weiteren Glanzpunkt folgen. Eingeweiht wurde sie mit "Blood of Two", einer Performance und Ausstellung von Elizabeth Peyton und Matthew Barney. Zur Eröffnungsparty reiste der internationale Kunst-Jetset an, die grosse Kunstfamilie, die Ioannou um sich geschart hat: Künstler, Kuratoren, Museumsdirektoren, Händler und Sammler - nur allzu bereit, dem Ruf Ioannous zu folgen und das sommerliche Spektakel zu geniessen. Man kennt sich, man trifft sich, man feiert sich. (Die Ausstellungen dauern jeweils von Juni bis Ende September.)
Seine beiden Deste-Häuser und die 2009 eingegangene Kooperation mit dem Kykladenmuseum Athen scheinen Ioannou noch nicht zu genügen. Der unermüdliche "King of Art", wie er auch genannt wird - der Milliardär ist Treuhänder der Guggenheim Foundation, des New Museum of Contemporary Art in New York und des Museum of Contemporary Art Los Angeles - will noch mehr Schwung in Athens Kunstszene bringen. So realisiert die Deste-Stiftung seit 2014 Projekte zusammen mit dem Benaki-Museum, auch um dem selbstgesetzten Anspruch näher zu kommen, eine breite Öffentlichkeit für die neuesten Entwicklungen in der Kunst zu interessieren. Die erste Schau, mit Werken des Georgiers Andro Wekua, findet im Februar und März 2014 statt, eine Gruppenausstellung ist für den Sommer geplant.
Nach dem Vorbild des Turner-Preises richtete Ioannou 1999 den mit 10 000 Euro dotierten Deste-Preis ein, der alle zwei Jahre einen griechischen Künstler auszeichnet. Die Werke der für den Preis - von einer jeweils international hochkarätig besetzten Jury - Nominierten, die "Shortlist", werden über einen Zeitraum von fünf Monaten jeweils im Kykladenmuseum ausgestellt. Ziel ist es, die junge aufstrebende Generation zu fördern und bekannt zu machen, ihr eine Plattform zu schaffen, und gleichzeitig die Athener an die Zeitgenossen heranzuführen. Beides scheint zu gelingen. Die Deste-Preis-Teilnehmer haben Erfolg. So gestaltete beispielsweise Stefanos Tsivopoulos den griechischen Pavillon auf der Biennale Venedig 2013 und erhielt dafür viel Lob. Deanna Maganias schuf das Athener Holocaust-Denkmal, das ebenfalls viel Anerkennung findet. Und auch bei den Athenern, die sich mit der Moderne so schwer tun, stösst die "Deste Prize Exhibition" mehr und mehr auf Interesse.
Ein weiterer weltweit bedeutender Privatsammler und Förderer zeitgenössischer Kunst ist Dimitris Daskalopoulos, ein in Athen ansässiger milliardenschwerer Unternehmer (ihm gehört die Investment-Gesellschaft DAMMA Holdings SA), Präsident des Hellenischen Unternehmerverbandes, Guggenheim-Treuhänder und Aufsichtsrat der Tate London. Daskalopoulos begann vor rund 25 Jahren Kunst zu sammeln. Seine Vorliebe gilt der Skulptur und grossen raumgreifenden Installationen sowie Film und Video; sie nehmen einen besonderen Stellenwert in seiner Kollektion ein. Er besitzt wichtige Arbeiten u.a. von Louise Bourgeois, Robert Gober, Damien Hirst, Paul McCarthy, Matthew Barney, Marina Abramowitsch, Kiki Smith, Martin Kippenberger. Dass er grossteils dieselben Künstler wie Ioannou sammelt, kann nicht wirklich überraschen. Beide greifen nach der angesagten Elite, und die ist klein. Daskalopoulos verleiht - ebenso wie Ioannou - seit Jahren Werke aus seiner Kollektion an Museen in Europa und den USA, stellt aber auch an verschiedenen Standorten in Athen aus. Derzeit ist er auf der Suche nach einem permanenten Heim für seine Sammlung.
Im Sommer 2013 gründete er in Athen die Neon Foundation, eine Organisation "ohne Mauern". Ähnlich wie Deste peilt sie eine grössere örtliche Reichweite an. Sie will dazu beitragen, die Erziehung in den Künsten in Griechenland zu fördern und das Kunstverständnis zu erweitern, ferner ebenfalls für eine weite Verbreitung in der Bevölkerung, vor allem der jüngeren Generation, zu sorgen und sie mit neuen Strömungen bekannt zu machen. Daskalopoulos will das allmählich zwar wachsende, aber immer noch vergleichsweise geringe öffentliche Bewusstsein für die Gegenwartskunst wecken. Sie soll nicht länger nur einer Elite zugänglich sein. Neon arbeitet sehr aktiv mit kulturellen Organisationen zusammen und unterstützt private wie öffentliche Einrichtungen. So realisierte die Stiftung im Sommer 2013 die "Heart of Darkness"-Exposition in der Piräos 260 und im Herbst 2013 eine grosse Ausstellung zum 60. Geburtstag von Martin Kippenberger im Athener Kykladenmuseum. Es war die erste Einzelschau Kippenbergers in einem griechischen Museum überhaupt. Sie war so erfolgreich, dass sie verlängert werden musste. Ein anderes grosses Projekt und besonderes Anliegen ist ihm die "Kunst im öffentlichen Raum". So organisierte er 2014 eine Ausstellung von Bronzefiguren von Juan Munoz im Garten der Gennadios-Bibliothek. Seine Idee, den Athener Nationalgarten als Ausstellungsgelände für Skulpturen zeitgenössischer Künstler zu nutzen, wird von der Athener Verwaltung bislang blockiert.
50 000 Euro spendierte Daskalopoulos 2013 dem darbenden Nationalmuseum für zeitgenössische Kunst, damit es auf der Londoner Frieze Graphiken erwerben konnte, um einige seiner Sammlungen zu ergänzen. Diese bescheidene Summe lässt Rückschlüsse auf das karge Budget des Museums für Ankäufe zu. Ausserdem unterstuetzt er das notleidende Museum durch einen Fonds. Für sein Engagement wurde ihm 2014 der Leo Award verliehen, ein nach dem berühmten New Yorker Kunsthändler Leo Castelli benannter Kunstpreis, der alljährlich vom Independant Curators International für besondere Verdienste in der Gegenwartskunst vergeben wird.
Ein weiterer Grossammler ist George Economou. Er gab sein Debüt 2012 in der Kommunalen Galerie Athen in dem aufstrebenden Galerienviertel Metaxourgio. Die Ausstellung sorgte für Besucherrekorde. Ein ständiges Zuhause für seine Werke ist geplant. Entwürfe für einen Museumsbau liegen vor, sind aber derzeit zurückgestellt.
Insgesamt umfasst die Sammlung des Reeders, der erst vor etwa zehn Jahren zur Kunst fand, beeindruckende 2000 Werke vor allem gegenständlicher Malerei. Economou verfolgt einen sehr breiten Ansatz, der von prächtigen Altmeistergemälden bis zu den Zeitgenossen reicht. Besonders die deutsche und österreichische Kunst des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat es ihm angetan. Darunter sind viele spannende und reizvolle Werke, z.B. die lebensgrossen "Mondfrauen" aus dem Jahr 1930 von Otto Rudolf Schatz und das Porträt des Picasso-Händlers Daniel-Henry Kahnweiler aus dem Jahr 1925 von Ludwig Bock. Zunehmend findet sich auch Zeitgenössisches in seiner Kollektion, darunter einiges von Kippenberger, Daniel Spoerri und Bridget Riley sowie eine ansehnliche Auswahl an Jannis-Kounellis-Aquarellen.
Economou zeigt sich deutschen Museen gegenüber sehr spendabel. So überliess er kürzlich der Staatlichen Graphischen Sammlung in München als Leihgabe für zunächst zehn Jahre 500 Dix-Grafiken, die er von dem Berliner Händler Florian Karsch erworben hat. 2011 richtete er der Hamburger Kunsthalle das nach ihm benannte Cafe ein. Da Economou weniger bekannte Künstler favorisiert und in Marktnischen investiert, halten sich die Kosten in Grenzen. Verglichen mit Ioannou, Daskalopoulos und dem in der Öffentlichkeit weniger in Erscheinung tretenden Schiffsmagnaten Dinos Martinos, die nur die zeitgenössischen Stars nachfragen, spielt er in der zweiten Liga.
So wichtig die privaten Stiftungen für Athen auch sind, so sind ihre Aktivitäten doch nicht ganz unproblematisch und werfen einige Fragen auf. Nicht nur in Griechenland haben die öffentlichen Museen kaum noch die Mittel, um auf dem internationalen Kunstmarkt zu agieren. Die Kulturbudgets schrumpfen, die Preise für Kunst erreichen groteske Höhen. Das Wachstum wird von den neuen Superreichen, die reicher sind als je zuvor, noch angeheizt. Sie kaufen Werke der international gefragtesten Zeitgenossen zu jedem Preis, eine Grenze nach oben scheint es nicht zu geben. Das Geld hat den Kunstmarkt von Grund auf verändert. Kunst ist zum Statussymbol und gewinnversprechenden Investment geworden. Da Museen und Galerien immer weniger in der Lage sind, grössere Objekte zu erwerben oder auch nur attraktive Ausstellungen auf die Beine zu stellen, sind sie auf die Unterstützung der "Mäzene" angewiesen und damit auf deren Entgegenkommen als Leihgeber und Finanzier. Ob, wann und welche Werke gezeigt werden, kann von einer einzelnen Privatperson abhängen. Sie bestimmt und kontrolliert, was die Öffentlichkeit zu sehen bekommt und nimmt damit Einfluss auf den Kunstbetrieb. Gleichzeitig erhöht sie den Wert der eigenen Sammlung, besonders dann, wenn sie in renommierten Museen ausgestellt wird wie 2010 die von Dakis Ioannou im New Museum of Contemporary Art in New York, an dem er Treuhänder ist und Jeff Koons hier als Kurator sein Debut für seinen Freund Dakis gab. Ähnliches trifft für die Ausstellung "Der leuchtende Intervall" zu, die erste grosse Präsentation von Werken aus der Dimitris-Daskalopoulos-Collection, die 2011 im Guggenheim Bilbao zu sehen war, an dem Daskalopoulos Treuhänder ist. Alle diese Vorgehensweisen sorgen dafür, dass der Kunstmarkt stetig wächst und immer globaler wird, was auch heisst, dass die Preise weiterhin steigen dürften. Die Athener Kulturlandschaft, ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Stadt, ist jedenfalls für kunstinteressierte Touristen noch interessanter geworden. Es lohnt sich, den Ausstellungskalender zu studieren.
Mittwoch, 11. September 2013
Hydra - hier gibt sich die Kunstszene der Welt ein Stelldichein
Die Dependence der Deste-Foundation
Gebirgig-schroff, karg und unfruchtbar ragt Hydra aus dem Saronischen Golf. Zentrum der Insel ist ihr einziger Ort, das gleichnamige Hydra, dessen kubisch verschachtelte Häuser sich wie ein riesiges Amphitheater zwischen den steilen Felswänden über der Hafeneinfahrt bergaufwärts ziehen. Im Sommer herrscht hier hektische Betriebsamkeit. Dann ist das quadratische Hafenbecken chronisch überfüllt. Dicht an dicht ankern Luxusjachten, gelegentlich auch die von Dakis Ioannou, zu erkennen an ihren Aussenwänden, die sein Freund Jeffs Koons gestaltet hat. Fischerboote fahren ein und aus sowie die wendigen Wassertaxis, die den Besucher zu den entlegenen Stränden oder Restaurants an der unbewohnten Südküste bringen und oftmals für einen Verkehrsstau sorgen. Da haben es die Kapitäne der aus Piräus kommenden Fähren und Katamarane schwer, heikle Anlegemanöver sind an der Tagesordnung, besonders dann, wenn auch noch Kreuzfahrtschiffe die Einfahrt blockieren.
Im Ort selbst ist das Hauptverkehrs- und Transportmittel der Esel, der einen schon unten am Hafen erwartet. Alles wird auf den Rücken der Lasttiere geladen, gleich, ob Zementsack oder Millionen-Kunstwerk der Deste-Stiftung, denn Hydra ist - ausgenommen das Müllabfuhr- und Feuerwehrauto - komplett autofrei. Sogar Motorroller und Fahräder sind verboten.
Die meisten Gebäude im Ort stammen aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Das strenge Grau ihrer Natursteinfassaden lässt nichts von der prachtvollen Innenausstattung ahnen, für die einst Künstler aus ganz Europa herangezogen wurden. Hier lebten die sagenhaft reichen Reeder und Kapitäne, die sich im griechischen Freiheitskampf höchsten Ruhm erwarben, der sie zwar wirtschaftlich ruinierte, aber in der griechischen Bevölkerung bis heute unvergessen ist: Sie übernahmen die gesamten Kosten des Seekriegs gegen die Türken und rüsteten ihre Schoner zu Kriegsschiffen um. Unter den Admirälen taten sich die Brüder Tombasis, Tsamados, Voulgaris, Kountouriotis und der Oberkommandierende Andreas Miaoulis besonders hervor. Ihre Nachfahren spielten später in der Politik Griechenlands eine grosse Rolle.
Die lokale Bautradition wird durch strenge Auflagen geschützt. Das Stadtbild von Hydra ist so einheitlich geblieben, wie es war; der Ort trotzt erfolgreich allen Globalisierungstendenzen. Dies ist das Verdienst der Denkmalschützer, die mit Argusaugen über jede architektonische Veränderung wachen. Das Erbe muss erhalten werden. Stein und Holz sind weiterhin die wichtigsten Baumaterialien. Es werden keine Plastikrolläden und -fenster, Türen aus Metall, Neonreklamen und Satellitenschüsseln oder Asphalt genehmigt, Strassen und Wege werden gepflastert.
Die Antike ist an der Seefahrerinsel spurlos vorübergegangen, Tempel, Säulen, Mosaiken gibt es auf Hydra nicht.
Anfang der sechziger Jahre entdeckten Künstler, Schriftsteller und Musiker das zeitlos schöne Eiland. Reiche Athener zogen nach und kauften sich grössere Anwesen. Hydra hat die höchsten Grundstückspreise Griechenlands, dabei gibt es nicht einmal Häuser mit Strandzugang. Der Sänger Leonard Cohen lebte hier mehrere Jahre und schrieb seine weltberühmten Lieder "Suzanne", "Bird on a Wire" und nach seiner Trennung von Marianne, der Frau des norwegischen Schriftstellers Axel Jensen, "So long Marianne", das ebenfalls ein Welthit wurde. Henry Miller und Lawrence Durrell kamen, der in Rom lebende Arte-Povera-Künstler Jannis Kounellis hat hier ein Ferienhaus, Brice Marden kommt regelmässig im Sommer, und der Fotograf Jürgen Teller verbringt hier samt Familie oft die Ferien. Jeff Koons machte während seiner Flitterwochen mit Cicciolina auf Hydra Station.
Auch die junge Künstlergeneration fühlt sich von Hydra angezogen. Der Maler Carsten Fock zieht sich hier häufig zum Arbeiten zurück und stellt seine Werke aus, ebenso Marilyn Minter, Andres Serrano, Josh Smith und viele andere. 2009 eröffnete der Grossammler Dakis Ioannou in dem ehemaligen Schlachthaus auf den Klippen über dem Meer eine Dependance seiner Athener Deste Foundation, das Deste Foundation Project Space. Seitdem trifft sich nun auch die internationale Kunstwelt regelmässig auf Hydra, Sammler, Künstler und Kuratoren. Jeden Sommer, von Anfang Juni bis Ende September, finden Ausstellungen weltbekannter Künstler statt. Ausserhalb der Ausstellungen wird alljährlich ein Künstler beauftragt, ein Projekt zu präsentieren, das auf die Insel selbst Bezug nimmt. 2013 wurde der in New York lebende Schweizer Urs Fischer ausersehen, das Programm zu gestalten. Fischer, 1973 geboren, stellte schon bei Gagosian, im Palazzo Grassi und auf der Biennale Vernedig 2011 aus. Für seine hintergründig-humorvollen Skulpturen werden Millionenbeträge in Auktionen geboten. Eingeweiht wurde der neue Kunstplatz 2009 mit "Blood of Two", einer spektakulären Performance und Ausstellung von Elizabeth Peyton und Matthew Barney.
In der Galerie Hydra Workshop am Hafen zeigt die Reedergattin Pauline Karpidas, gebürtige Britin, in den Sommermonaten zeitgenössische Kunst von musealem Rang aus ihrer Privatsammlung. In den labyrinthartigen Gassen werben kleinere Galerien mit einem Top-Angebot um die Aufmerksamkeit des Publikums. In dem ehemaligen Herrenhaus der Familie Tombasi hat die Athener Kunstakademie eine Dependance eingerichtet. Und in einem Haus hinter dem Hafen wurde für junge, noch unbekannte Künstler ein Arbeits- und Ausstellungsraum geschaffen, das Hydra School Project. Von der gegenwärtigen Krise ist auf Hydra nichts zu spüren, es sei denn, das Fährpersonal streikt wieder einmal. Auch Massentourismus findet nicht statt, weil es nur kleinere Hotels und keine grossen Ferienanlagen gibt.
Sonntag, 18. August 2013
Stille Stunden in Athen - der Erste Athenische Friedhof. Die Grabstätten von Heinrich Schliemann und Adolf Furtwängler
Der Proto Nekrotafio Athinon, der Erste Athenische Friedhof, ist der Friedhof schlechthin. Auf ihm möchte jeder Athener begraben sein. Für den, der hier kein Familiengrab hat, stehen die Chancen jedoch schlecht. Schon seit Jahrzehnten sind keine Grabstätten mehr zu kaufen, und wenn gelegentlich eine frei wird, was immer dann passiert, wenn eine Familie ausstirbt, übersteigt die Nachfrage das Angebot tausendfach. Auch muss man sich ein Grab hier leisten können. Für das Privileg, wenigstens nach dem Tod noch den sozialen Aufstieg geschafft zu haben, wechseln oftmals horrende Summen die Besitzer. In der feinsten Nekropole Griechenlands fanden seit jeher die Reichen und Prominenten ihre letzte Ruhe, lokale Berühmtheiten ebenso wie internationale Geistesgrössen des 19. Jahrhunderts, die sich um Hellas verdient gemacht haben. Darunter sind bekannte deutsche Philhellenen, die im Gefolge Ottos I. nach Athen kamen, Konsuln, Wissenschaftler, Offiziere und königliche Adjutanten und nicht zuletzt zwei der bedeutendsten deutschen Archäologen, Heinrich Schliemann und Adolf Furtwängler.
Solange der neugriechische Staat besteht, solange gibt es den Proto Nekrotafio Athinon. Otto I., der aus dem bayerischen Haus Wittelsbach stammende erste Hellenenkönig, liess ihn 1834 an einem Platz anlegen, der damals noch extra muros lag, ausserhalb des 5000-Seelen-Dorfes, das Athen kurz nach der Befreiung von den Türken war. Heute liegt er im Zentrum der Millionenstadt, 15 Minuten vom Sintagmaplatz entfernt. Die einzige Zugangsstrasse ist die Odos Anapafseos, die "Strasse der Ewigen Ruhe", in der Steinmetzen und Floristen ihre Läden haben. Ein Gefühl der Ruhe umfängt den Besucher auch auf dem Friedhof, vielleicht der einzige Ort der Stille in dem lauten Athen und sicherlich der am sorgsamsten gepflegte Platz der ganzen Stadt. Kein Unrat liegt herum, kein Grab ist verfallen oder von Unkraut entstellt. Man sieht weder mutwillig zerbrochene oder umgestürzte Grabsteine noch Grafitti, weit und breit keine Spuren von Vandalismus. Auch Stadtstreichern oder Fixern, die es sich erlauben würden, hier zu kampieren, begegnet man nicht. Hingegen entdeckt man beim Schlendern durch die weissen Grabmalreihen so manches Gerüst an den oft herrenhausgrossen Gruften und Arbeiter, die Restaurationsarbeiten vornehmen. Für den Erhalt der Denkmäler wird Sorge getragen.
Die Touristenagenturen haben die marmorweisse Totenstadt noch nicht in ihr Programm aufgenommen. Friedhofsführungen, wie sie in anderen Grossstädten längst üblich sind, gibt es in Athen nicht. Man kann stundenlang durch die Gräberstrassen spazieren, ohne einer Menschenseele zu begegnen.
Schliemanns Grab ist nicht zu übersehen. Das tempelartige Mausoleum, in dem auch seine griechische Ehefrau Sophia Engastromenou und ihrer beider Tochter Andromachi Melas bestattet sind (Sohn Agamemnon ist in Paris begraben), steht auf einer Anhöhe links über dem Hauptweg, nur wenige Schritte vom Eingang entfernt. Schliemann hatte diesen Platz mit Blick auf die Akropolis noch zu seinen Lebzeiten erworben und als Platz für seine letzte Ruhestätte bestimmt. Auch den Bau des Mausoleums hatte er lange vor seinem Tod - er starb am 26. Dezember 1890, 68 Jahre alt, an einer verschleppten Ohreninfektion in Neapel - bis ins kleinste vorbereitet. Geld spielte keine Rolle. Stararchitekt Ernst Ziller, dem Athen viele der schönsten neoklassizistischen Gebäude verdankt und der auch Schliemanns prächtiges Wohnpalais an der Athener Universitätsstrasse baute, schon damals eine Sehenswürdigkeit für Athen-Besucher, standen 50 000 Drachmen zur Verfügung, eine unerhörte Summe, die ihm völlig freie Hand liess.
Auch die Gestaltung der Grabkammern überliess Schliemann nicht dem Zufall. In Punkt 29 seines in Neugriechisch abgefassten Testaments verfügte er, dass sie mit Motiven aus Pompeji und Orchomenos, wo er 1880 das mykenische Schatzhaus des Minyas freilegte, ausgemalt werden sollten. Es sei "vorher aber mit dem Maler über diese Arbeit ein Vertrag abzuschliessen", ermahnte der vorsichtige Schliemann die Testamentsvollstrecker. Nicht umsonst hatte der Pastorensohn eine glänzende Karriere als Kaufmann hinter sich, bevor er seine zweite, noch glänzendere Karriere als Archäologe mit der ihm eigenen Energie und Zielstrebigkeit in Angriff nahm. Ohne die zuvor angehäuften Reichtümer wäre der glühende Homer-Verehrer nie an das Ziel seiner Wünsche gelangt.
Die Schliemann-Büste vor dem Tempel gab Sophia in Auftrag, die - mit 38 Jahren Witwe geworden - ihren Mann um 42 Jahre überlebte. Der umlaufende Wandfries stellt das Ehepaar in Troja dar, umgeben von türkischen Arbeitern, die mit Spitzhacke und Spaten die kostbaren Funde zutage fördern, von denen Schliemann glaubte, sie seien der Schatz des Priamos. Der Archäologe rezitiert aus einem Homer-Band, die ihm zugewandte Sophia hört ihm aufmerksam zu. In seinen letzten Lebensjahren hatte Schliemann eine regelrechte Homer-Manie entwickelt. "Einzig Homer interessiert mich noch", erklärte er einem Freund. "Alles andere wird mir immer gleichgültiger."
Schliemann starb einsam am 26. Dezember um 15.30 Uhr im Grand Hotel in Neapel an einer verschleppten Infektion der Ohren. Nahezu taub, hatte er sich am 12. November in Halle einer komplizierten beidseitigen Ohrenoperation unterzogen. In dem Gefühl einer trügerischen Besserung verliess er gegen den Rat der Ärzte die Klinik, um seinen Geschäften nachzugehen. In Leipzig hatte er eine Besprechung mit Brockhaus, in Berlin verhandelte er mit seinem Grundstücksverwalter und begutachtete mit seinem Freund Virchow die Schliemann-Sammlung. Noch am selben Abend fuhr er mit dem Zug nach Paris, wo ebenfalls Geschäfte auf ihn warteten. Von dort reiste er weiter nach Neapel, um sich die neuesten Ausgrabungen in Pompeji anzusehen. Damit hatte der Rastlose seinem geschwächten Körper wohl zuviel zugemutet. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich rapide, und er musste seine Heimreise nach Athen zweimal verschieben. Am ersten Weihnachtsfeiertag brach er auf der Piazza della Carita, vermutlich auf dem Weg zu einem Arzt, bewusstlos zusammen. Unglücklicherweise hatte er keine Papiere bei sich, so dass wertvolle Zeit verstrich, bis man seine Identität festgestellt hatte. Aber auch ein nochmaliger Eingriff hätte ihn nicht mehr retten können, die Infektion war zu weit fortgeschritten. Noch während die Ärzte das weitere Vorgehen diskutierten, starb Schliemann. Von Neapel aus wurde die Todesnachricht in die Welt gekabelt. Aus allen Erdteilen trafen Beileidsdepeschen in Athen ein. Prominente aus Wissenschaft, Politik und Kultur würdigten die ungeheure Leistung des Mannes,der unbeirrbar an den Wahrheitsgehalt der homerischen Epen glaubte und mit genialem Spürsinn und Enthusiasmus eine versunkene Kultur ans Licht brachte, die andere als ins Reich der Sage gehörend abtaten. Unter denen, die ihrer Trauer Ausdruck gaben, war auch der Botschafter Amerikas: Heinrich - Henry - Schliemann war amerikanischer Staatsbürger. Die Trauerfeier fand am 4. Januar 1891 in Schliemanns Haus an der Athener Universitätsstrasse (Odos Panepistimiou) statt. Auch ihren Ablauf hatte er lange vor seinem Tod bis ins Detail geplant. Am Kopfende des offenen Sarges stand eine Büste Homers, des Schliemannschen "Hausgotts". Im Sarg lagen eine Ausgabe der Ilias und der Odyssee. Die Trauerrede hielt sein Freund und Mitarbeiter Wilhelm Dörpfeld, der den Toten nach Griechenland heimgeholt hatte. "Ruhe in Frieden, Du hast genug getan", waren seine Abschiedsworte. Auch der König von Griechenland und der Kronprinz erwiesen ihm ihre Reverenz. Sie hielten die Totenwache.
Ein anderer bedeutender Archäologe, Adolf Furtwängler (1853-1907), fand seine letzte Ruhestätte in dem kleinen protestatischen Teil des Friedhofs. Sein Grab ist relativ bescheiden, gekrönt nur von einer bronzenen Sphinx, einer Kopie vom Aphaiatempel auf der Insel Ägina, den Furtwängler zu Beginn des 20. Jahrhunderts systematisch freilegte. Die meisten Gräber in diesem Teil des Friedhofs sind schmucklos und bescheiden. Viele amerikanische und englische Philhellenen liegen hier begraben.
Auch Ziller ist auf dem Ersten Athener Friedhof beerdigt. Er starb am 25. November 1923 verarmt in Athen.
Solange der neugriechische Staat besteht, solange gibt es den Proto Nekrotafio Athinon. Otto I., der aus dem bayerischen Haus Wittelsbach stammende erste Hellenenkönig, liess ihn 1834 an einem Platz anlegen, der damals noch extra muros lag, ausserhalb des 5000-Seelen-Dorfes, das Athen kurz nach der Befreiung von den Türken war. Heute liegt er im Zentrum der Millionenstadt, 15 Minuten vom Sintagmaplatz entfernt. Die einzige Zugangsstrasse ist die Odos Anapafseos, die "Strasse der Ewigen Ruhe", in der Steinmetzen und Floristen ihre Läden haben. Ein Gefühl der Ruhe umfängt den Besucher auch auf dem Friedhof, vielleicht der einzige Ort der Stille in dem lauten Athen und sicherlich der am sorgsamsten gepflegte Platz der ganzen Stadt. Kein Unrat liegt herum, kein Grab ist verfallen oder von Unkraut entstellt. Man sieht weder mutwillig zerbrochene oder umgestürzte Grabsteine noch Grafitti, weit und breit keine Spuren von Vandalismus. Auch Stadtstreichern oder Fixern, die es sich erlauben würden, hier zu kampieren, begegnet man nicht. Hingegen entdeckt man beim Schlendern durch die weissen Grabmalreihen so manches Gerüst an den oft herrenhausgrossen Gruften und Arbeiter, die Restaurationsarbeiten vornehmen. Für den Erhalt der Denkmäler wird Sorge getragen.
Die Touristenagenturen haben die marmorweisse Totenstadt noch nicht in ihr Programm aufgenommen. Friedhofsführungen, wie sie in anderen Grossstädten längst üblich sind, gibt es in Athen nicht. Man kann stundenlang durch die Gräberstrassen spazieren, ohne einer Menschenseele zu begegnen.
Schliemanns Grab ist nicht zu übersehen. Das tempelartige Mausoleum, in dem auch seine griechische Ehefrau Sophia Engastromenou und ihrer beider Tochter Andromachi Melas bestattet sind (Sohn Agamemnon ist in Paris begraben), steht auf einer Anhöhe links über dem Hauptweg, nur wenige Schritte vom Eingang entfernt. Schliemann hatte diesen Platz mit Blick auf die Akropolis noch zu seinen Lebzeiten erworben und als Platz für seine letzte Ruhestätte bestimmt. Auch den Bau des Mausoleums hatte er lange vor seinem Tod - er starb am 26. Dezember 1890, 68 Jahre alt, an einer verschleppten Ohreninfektion in Neapel - bis ins kleinste vorbereitet. Geld spielte keine Rolle. Stararchitekt Ernst Ziller, dem Athen viele der schönsten neoklassizistischen Gebäude verdankt und der auch Schliemanns prächtiges Wohnpalais an der Athener Universitätsstrasse baute, schon damals eine Sehenswürdigkeit für Athen-Besucher, standen 50 000 Drachmen zur Verfügung, eine unerhörte Summe, die ihm völlig freie Hand liess.
Auch die Gestaltung der Grabkammern überliess Schliemann nicht dem Zufall. In Punkt 29 seines in Neugriechisch abgefassten Testaments verfügte er, dass sie mit Motiven aus Pompeji und Orchomenos, wo er 1880 das mykenische Schatzhaus des Minyas freilegte, ausgemalt werden sollten. Es sei "vorher aber mit dem Maler über diese Arbeit ein Vertrag abzuschliessen", ermahnte der vorsichtige Schliemann die Testamentsvollstrecker. Nicht umsonst hatte der Pastorensohn eine glänzende Karriere als Kaufmann hinter sich, bevor er seine zweite, noch glänzendere Karriere als Archäologe mit der ihm eigenen Energie und Zielstrebigkeit in Angriff nahm. Ohne die zuvor angehäuften Reichtümer wäre der glühende Homer-Verehrer nie an das Ziel seiner Wünsche gelangt.
Die Schliemann-Büste vor dem Tempel gab Sophia in Auftrag, die - mit 38 Jahren Witwe geworden - ihren Mann um 42 Jahre überlebte. Der umlaufende Wandfries stellt das Ehepaar in Troja dar, umgeben von türkischen Arbeitern, die mit Spitzhacke und Spaten die kostbaren Funde zutage fördern, von denen Schliemann glaubte, sie seien der Schatz des Priamos. Der Archäologe rezitiert aus einem Homer-Band, die ihm zugewandte Sophia hört ihm aufmerksam zu. In seinen letzten Lebensjahren hatte Schliemann eine regelrechte Homer-Manie entwickelt. "Einzig Homer interessiert mich noch", erklärte er einem Freund. "Alles andere wird mir immer gleichgültiger."
Schliemann starb einsam am 26. Dezember um 15.30 Uhr im Grand Hotel in Neapel an einer verschleppten Infektion der Ohren. Nahezu taub, hatte er sich am 12. November in Halle einer komplizierten beidseitigen Ohrenoperation unterzogen. In dem Gefühl einer trügerischen Besserung verliess er gegen den Rat der Ärzte die Klinik, um seinen Geschäften nachzugehen. In Leipzig hatte er eine Besprechung mit Brockhaus, in Berlin verhandelte er mit seinem Grundstücksverwalter und begutachtete mit seinem Freund Virchow die Schliemann-Sammlung. Noch am selben Abend fuhr er mit dem Zug nach Paris, wo ebenfalls Geschäfte auf ihn warteten. Von dort reiste er weiter nach Neapel, um sich die neuesten Ausgrabungen in Pompeji anzusehen. Damit hatte der Rastlose seinem geschwächten Körper wohl zuviel zugemutet. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich rapide, und er musste seine Heimreise nach Athen zweimal verschieben. Am ersten Weihnachtsfeiertag brach er auf der Piazza della Carita, vermutlich auf dem Weg zu einem Arzt, bewusstlos zusammen. Unglücklicherweise hatte er keine Papiere bei sich, so dass wertvolle Zeit verstrich, bis man seine Identität festgestellt hatte. Aber auch ein nochmaliger Eingriff hätte ihn nicht mehr retten können, die Infektion war zu weit fortgeschritten. Noch während die Ärzte das weitere Vorgehen diskutierten, starb Schliemann. Von Neapel aus wurde die Todesnachricht in die Welt gekabelt. Aus allen Erdteilen trafen Beileidsdepeschen in Athen ein. Prominente aus Wissenschaft, Politik und Kultur würdigten die ungeheure Leistung des Mannes,der unbeirrbar an den Wahrheitsgehalt der homerischen Epen glaubte und mit genialem Spürsinn und Enthusiasmus eine versunkene Kultur ans Licht brachte, die andere als ins Reich der Sage gehörend abtaten. Unter denen, die ihrer Trauer Ausdruck gaben, war auch der Botschafter Amerikas: Heinrich - Henry - Schliemann war amerikanischer Staatsbürger. Die Trauerfeier fand am 4. Januar 1891 in Schliemanns Haus an der Athener Universitätsstrasse (Odos Panepistimiou) statt. Auch ihren Ablauf hatte er lange vor seinem Tod bis ins Detail geplant. Am Kopfende des offenen Sarges stand eine Büste Homers, des Schliemannschen "Hausgotts". Im Sarg lagen eine Ausgabe der Ilias und der Odyssee. Die Trauerrede hielt sein Freund und Mitarbeiter Wilhelm Dörpfeld, der den Toten nach Griechenland heimgeholt hatte. "Ruhe in Frieden, Du hast genug getan", waren seine Abschiedsworte. Auch der König von Griechenland und der Kronprinz erwiesen ihm ihre Reverenz. Sie hielten die Totenwache.
Ein anderer bedeutender Archäologe, Adolf Furtwängler (1853-1907), fand seine letzte Ruhestätte in dem kleinen protestatischen Teil des Friedhofs. Sein Grab ist relativ bescheiden, gekrönt nur von einer bronzenen Sphinx, einer Kopie vom Aphaiatempel auf der Insel Ägina, den Furtwängler zu Beginn des 20. Jahrhunderts systematisch freilegte. Die meisten Gräber in diesem Teil des Friedhofs sind schmucklos und bescheiden. Viele amerikanische und englische Philhellenen liegen hier begraben.
Auch Ziller ist auf dem Ersten Athener Friedhof beerdigt. Er starb am 25. November 1923 verarmt in Athen.
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