Donnerstag, 15. Oktober 2015

Athener Galerien

Die Akropolis besucht, in dem grossartigen Akropolismuseum, im Archäologischen Nationalmuseum und im Kykladenmuseum gewesen - die Antike also gewissenhaft abgehakt. Und was nun? Wie wäre es mit einem Kontrastprogramm, nämlich nach soviel Altertum einen Blick auf die zeitgenössische Kunst zu werfen? Athen ist nicht New York, ein dem Museum of Modern Art vergleichbares Haus gibt es hier - noch - nicht. Das neue Museum für zeitgenössische Kunst wartet nun schon seit Jahren auf seine Eröffnung im umgebauten Fix-Gebäude, es ist seit langem provisorisch untergebracht. Da es in der jetzigen Krise auf staatliche Finanzierung kaum hoffen kann (wobei das staatliche Engagement für Modernes schon vorher verschwindend gering war), ist es in der Geldbeschaffung mehr denn je auf private Kulturförderer angewiesen, um die laufenden Personal- und Betriebskosten zu decken. Jetzt soll es im Jahr 2016 seinen Betrieb aufnehmen. Man wird sehen. In der Zwischenzeit trösten wir uns mit den Glanzlichtern, die es tatsächlich auch in der Gegenwartskunst in Athen gibt, nämlich mehrere aufregende Privatsammlungen und ein Trupp einflußreicher Galeristen, denen großartige Ausstellungen und Inszenierungen gelingen.

Das sind zuallererst die Deste-Foundation von Dakis Ioannou, die Neon-Stiftung von Ioannis Daskalopoulos und der sammelnde Reeder und Investor George Economou, der für seine Kunstwerke 2012 ein eigenes hochmodernes Haus direkt hinter seinem Firmensitz in Maroussi baute und für Besucher öffnete. Ohne diese drei Großsammler geht in der Athener Kunstwelt gar nichts. Sie präsentieren die Werke weltberühmter Künstlerstars nicht nur im eigenen Haus (wie Ioannou und Economou), sondern auch an anderen Orten, z.B. im Kykladenmuseum, im Benakimuseum an der Piräosstraße oder in der Kommunalen Galerie. So hat George Economou 2012 ausgewählte Teile seiner Sammlung zum ersten Mal in der Kommunalen Galerie in Metaxourgio der Öffentlichkeit vorgeführt. Es war ein künstlerisches und zugleich soziales Ereignis, der Publikumsandrang war immens. Daskalopoulos hat kein eigenes Haus, aber er kreiert Ausstellungen speziell für bestimmte Orte wie im Jahr 2014 auf der Römischen Agora. Man achte also auf die Ankündigungen in den Programmheften und Zeitungen wie der deutschsprachigen Griechenland Zeitung, um solche Ereignisse nicht zu verpassen.

Es gibt drei Kunstorte in Athen, in denen sich die meisten Galerien niedergelassen haben: das zentrumsnahe Kolonaki, das Viertel Thission unterhalb der Akropolis und die ärmeren, einander benachbarten Viertel Metaxourgio und Kerameikos. Beginnen wir mit Kolonaki. Nur fünf Minuten vom Sintagmaplatz entfernt befindet sich in der Merlinstrasse (Odos Merlin) eine zwar sehr kleine, aber stets mit den Werken der weltweit teuersten Maler-Ikonen oder vielversprechender Jung-Stars bestückten Galerie des Kunsthändler-Tycoons Larry Gagosian, der seinen Einfluß inzwischen auf fünfzehn Niederlassungen in sieben Ländern auf drei Kontinenten ausgeweitet hat. Gerade eben - Oktober 2015 - hat er seine dritte Filiale in London eröffnet, im feinen Viertel Mayfair.

Am von hier aus fünf Minuten entfernten Kolonakiplatz ist eine der ältesten Athener Galerien, Zoumboulakis, zu Hause. Zoumboulakis wurde schon 1912 gegründet und stellt vor allem griechische Künstler aus, die bereits international bekannt sind, etwa Yannis Moralis, Yannis Psychopaidis, Takis und Vlassis Caniaris. In der nahen Odos Kriezotou 7 hat Zoumboulakis eine Zweigstelle eingerichtet, ein Ladengeschäft, in dem Multiples, kleinere Kunstobjekte, Grafik und Poster beliebter griechischer Künstler, z.B. von Alekos Fassianos, verkauft werden. Ebenfalls in der Kriezotou - neben dem Geschenkeladen des Benakimuseums, wo man ebenfalls hübsche kleine künstlerische Arbeiten kaufen kann - hat die Frissiras-Galerie eröffnet, die sich um griechische und internationale Künstler kümmert. (Wer sich für die Klassische Moderne interessiert, sollte die ständige Ausstellung der Werke von Nikos Hadjikyriakos-Ghikas besuchen, einem der bedeutendsten griechischen Künstler des 20. Jahrhunderts, der - 1906 geboren - im Haus daneben bis zu seinem Tod 1994 lebte und arbeitete.) Die kurze Kriezotou-Straße ist eine kleine Kunstmeile geworden.

Eine feste Größe im Athener Kunstbetrieb ist die seit 1995 bestehende Kalfayan-Galerie (Odos Haritos 11), die sich auf die griechische, balkanische sowie die zeitgenössische Szene der MENASA-Region (Middle East North Africa South Asia) spezialisiert hat. Einer dieser Künstler ist der 1973 in Damaskus geborene Hair Sarkissian, dem schon mehrere Aussstellungen gewidmet waren. Kalfayan ist es ein Anliegen, die griechische Kunst voranzutreiben und die lokalen Künstler, die von den internationalen Strömungen noch immer weitgehend abgeschnitten sind, auch wenn sich dank privater Initiativen in den letzten Jahren einiges getan hat, über Griechenland hinaus bekannt zu machen. So unterhält sie gemeinsame Projekte mit anderen europäischen Galerien, z.B. Esther Schipper in Berlin, arbeitet zusammen mit Museen und Kunsteinrichtungen wie der Tate Modern in London, der Kunsthalle Wien, dem New Museum in New York, um nur eine kleine Auswahl zu nennen. Außerdem ist sie ständiger Gast auf so bedeutenden Kunstgroßereignissen wie den Biennalen von Venedig und Istanbul, die trotz der Biennalen-Inflation - es gibt inzwischen 105 - mehr und mehr an Bedeutung gewinnt, von Tampere, Art Brussels, Art Basel Hongkong, Art Basel Miami (wo sie 2014 Hair Sarkissian zu Aufmerksamkeit verhalf), The Armory Show in New York und anderen.

Überzeugende Veranstaltungen gelingen immer wieder Eleni Koroneou (Dimofontos 7, Thissiou-Viertel). Seit 1989 macht sie die Athener mit bedeutenden internationalen Künstlern bekannt, aber ihr Galeristenherz schlägt auch für die jüngeren griechischen Maler, denen sie erfolgreich zu angemessener Anerkennung verhilft. In ihrem Programm sind einige der wichtigsten Künstler der Gegenwart vertreten, darunter Helmut Middendorf, Dieter Roth, Martin Kippenberger, Michel Majerus, Christopher Wool, John Bock, Liam Everett, Yorgos Sapountzis, die sie in regelmäßigen Solo- und Gruppenausstellungen - beispielsweise 2015 in "Family and Friends" - Revue passieren läßt. Allen begegnet man in bedeutenden Museen und Ausstellungshäusern weltweit oder sie waren Teilnehmer an der Documenta und den Biennalen in Venedig und Istanbul. Der in den achtziger Jahren zu den "Jungen Wilden" gehörende Helmut Middendorf beispielsweise hatte allein 2015 drei vielbeachtete Auftritte: im Frankfurter Städel ("Die 80er. Figurative Malerei in der BRD"), im Münchner Haus der Kunst ("Geniale Dilletanten. Subkultur der 1980er Jahre in Deutschland") und im Museo del Novecento am Domplatz in Mailand. Auch Eleni Koroneou nimmt an namhaften Kunstmessen teil, darunter der Art Brussels, Art Cologne, Arco Madrid, Art Basel und Art Basel Miami.

Noch etwas älter als Koroneou ist die nahe Galerie Bernier/Eliades (Eptachalkou 11), die 1977 gegründet wurde und seitdem die zeitgenössische Kunst pflegt. Jean Bernier und Marina Eliades zeigen vor allem die Werke griechischer Künstler, die im Ausland Karriere gemacht haben, darunter Alexis Akrithakis, dessen Anfänge in Berlin liegen, und Ioannis Kounellis, der seit Jahrzehnten in Rom lebt und ein Hauptvertreter der Arte Povera ist. Sie bringen aber auch die westliche Kunstwelt in die Hauptstadt: das Künstlerpaar Gilbert and George, Richard Long, Mario Merz sowie die Deutschen Jonathan Meese, Daniel Richter, Ulrich Rückriem und Thomas Schütte, dem sie 2015 eine Einzelschau widmeten. Bernier/Eliades arbeiten ebenfalls mit anderen europäischen Galerien zusammen und nehmen an den großen Messen teil, u.a. der Art Basel, noch immer die bedeutendste Kunstmesse weltweit.

Der Standortvorteil der beiden ärmeren Stadtviertel Kerameikos und Metaxourgio sind verwaiste Häuser und bezahlbarer Wohnraum, Anzeichen für eine Gentrifizierung sind nur wenige auszumachen. Junge Kreative aus ganz Europa und den USA strömen hierher, seitdem die Mieten vor allem in New York und London ins Astronomische geschnellt sind. Sie bereichern die griechische Kunstszene, lockern verfestigte traditionelle Grenzen, machen sie internationaler. In den versteckten Studios, Laden- und Werkstattateliers schlummern vielleicht die Talente von morgen und der Markt giert danach, sie zu entdecken. Aber noch ist kommerzieller Erfolg den wenigsten beschieden.

Abgesehen von der staatlichen Kommunalen Galerie am Avdiplatz, deren Sammlung vor allem Werke griechischer Maler des 19. Jahrhunderts umfasst, haben sich hier zwei Athener Galerien niedergelassen, Rebecca Camhi (Leonidou 9) und vor allem The Breeder (Iasonos 45), deren Eingang - hinter einer schweren Stahltür ohne jeden Hinweis, was einen dahinter erwartet - man leicht übersehen kann, zumal man keinen Kunsttempel hier vermutet, denn die stille Iasonos-Straße gleicht einem Potemkischen Dorf: Man glaubt sich in eine Idylle versetzt, spaziert an kleinen zweistöckigen Häusern mit schönen klassizistischen Fassaden und kunstvollen schmiedeeisernen Balkonen vorbei, und dann der Schock: dahinter ist nichts. Es sind Ruinen.

The Breeder, 2002 von Stathis Panagoulis und Jorgos Vamvakidis gegründet, befindet sich in einer ehemaligen Eisfabrik aus den siebziger Jahren. Den hochmodernen Innenraum gestaltete der Architekt Aris Zambikos, der dafür einen Preis bekam. Auch The Breeder verfügt über gute internationale Kontakte, vertritt westeuropäische ebenso wie griechische Künstler, darunter Vlassis Caniaris, der momentan überall hoch im Kurs steht, und die jüngere Generation, etwa Hope, der als Strassenkünstler in Athen begann, oder Angelo Plessas, der 2015 den Deste-Preis gewann. Zu The Breeder gehört auch das poppige Lokal "Breeder Feeder", das Stathis Panagoulis nicht so sehr als Restaurant, sondern mehr als Projektraum sieht. Hier isst man immer wieder anders - vegetarisch, vegan, japanisch, peruanisch - je nach Küchenchef, der, so ist das Konzept, regelmäßig wechselt.

Rebecca Camhi besteht seit 1995, 2008 hat sie ihr jetziges Domizil, das kleine neoklassizistische Gebäude in Metaxourgio (Leonidou 9) bezogen. Von Anfang ihres Bestehens an vertrat sie so prominente Künstler wie Nan Goldin, Julian Opie, Rita Ackermann, Bill Owens und andere sowie Takis, Angelo Plessas, Nikos Alexiou und die in New York und Athen lebende Deanna Maganias, die das Athener Holocaust-Denkmal (oberhalb des antiken Kerameikos-Friedhofs) schuf. Auch Camhi ist aktiv im internationalen Austausch tätig und nimmt an allen wichtigen Messen wie der Londoner Frieze, Arco, Art Basel, Art Brussels, der New Yorker The Armory Show und der jährlich stattfindenden Messe Art Athina teil, die 1994 aus einer Privatinitiative einheimischer Galeristen hervorging und einen guten Überblick über das griechische Kunstschaffen vermittelt. So gut wie alle Athener Kunsthändler sind regelmäßig dort vertreten, das Ausland bleibt - noch - eher fern. Auch die 2005 gegründete Athener Biennale wird außerhalb Griechenlands nicht so richtig wahrgenommen. Das könnte sich mit der 5. Biennale 2015 ändern, die nicht nur wie üblich einige Monate laufen wird, sondern - gedacht als Ideen- und Experimentierwerkstatt - zwei Jahre lang, bis 2017. Dann beginnt die Documenta 14, die diesmal nicht wie die vergangenen 70 Jahre nur in Kassel stattfindet, sondern als gleichberechtigten Ausstellungsort die griechische Hauptstadt gewählt hat. Dort startet sie im April, zwei Monate eher als in Kassel, wo sie Anfang Juni eröffnet wird. Die Weltkunstausstellung steht unter dem Motto "Von Athen lernen". Sie könnte Athen zu einem kräftigen Schub verhelfen.

Athen ist ein aufregender Ort für Gegenwartskunst geworden, es ist noch nicht so glatt und kommerziell wie an anderen Orten. Natürlich wird der kulturelle Vorsprung Westeuropas nicht so schnell aufzuholen sein, zumal die staatliche Unterstützung fehlt. Man muß das bedauern, denn es würde sich rechnen. Aber die Athener Kunstwelt ist nicht mehr gänzlich isoliert. Und eine Trendumkehr ist nicht in Sicht.

Sonntag, 30. August 2015

Euböa (Evia) - Schweizer Archäologen graben seit 50 Jahren Eretria aus

Das 175 km lange Euböa, griechisch Evia, ist nach Kreta die zweitgrösste griechische Insel. Trotz idealer Wandermöglichkeiten in den gebirgigen Regionen im Inselinnern - der Dirfis erreicht eine Höhe von fast 1800 Metern -, tiefer Schluchten, Wasserfällen, Heilquellen, dichter Pinien- und Platanenwälder, die bis an die kilometerlangen Sandstrände reichen, hat sie noch immer erstaunlich wenig Tourismus. Die meisten Besucher sind Griechen, vor allem Athener, die an den Wochenenden kommen, denn sie ist von der Hauptstadt nur etwa 80 Kilometer entfernt. Den modernen Hauptort Chalkis oder Chalkida trennt vom Festland lediglich eine flußbreite Meerenge, der Euripos, über den man schon in der Antike, um 410 v. Chr., eine erste Brücke spannte. Sie wurde im Laufe der Zeit durch einige Neubauten ersetzt, darunter eine Konstruktion Mitte des 19. Jahrhunderts, die König Otto 1854 einweihte; die heutige Brücke stammt aus dem Jahr 1961. Man erreicht Chalkida mit Auto, Bahn oder Bus von Athen in gut einer Stunde. Von seiner breiten stets belebten Hafenpromenade, an der fast alle Tavernen und Cafes liegen, blickt man hinüber zur türkischen Festung Karababa auf der Festlandsseite, unterhalb der es auch ein kleines Strandbad gibt. Außerdem hat es eine alte Moschee, eine Synagoge, die einstige Hauptkirche der Venezianer Agia Paraskevi und ein Archäologisches Museum zu bieten.

Zum interessantesten Inselort, der Küstenstadt Eretria, heute ein beliebter und im Hochsommer recht belebter Ferienplatz, setzt die Fähre vom Festland, von Oropos, über den schmalen Golf. In ihrer Blütezeit, im 8. Jahrhundert v. Chr., spielten die beiden bald miteinander konkurrierenden Stadtstaaten Chalkis und Eretria eine überragende Rolle in der frühen griechischen Kolonisation. Sie gründeten Kolonien auf der Chalkidike, auf Korfu, in Süditalien (z.B. Pithekussai, das heutige Ischia) sowie an der adriatischen Küste und trugen wesentlich zur Verbreitung der griechischen Zivilisation bei. Ihre starke Handelsflotte war die Basis reger Wirtschaftsbeziehungen im gesamten Mittelmeerraum und führte zu Niederlassungen auf Zypern, in Syrien und auf mehreren ägäischen Inseln.

Die wechselvolle Geschichte Eretrias läßt sich bis zu seiner Eroberung durch die Römer 198 v. Chr. lückenlos verfolgen. Von diesem Schlag und der dann endgültigen Zerstörung durch die Römer 90 Jahre später konnte sich die Stadt nicht mehr erholen. Sie verlor jegliche Bedeutung, kulturell wie wirtschaftlich, wurde im 6. Jahrhundert gänzlich verlassen, verödete und fiel dem Vergessen anheim.

Das heutige Eretria (oder Nea Psara, wie es von 1849 bis 1961 hieß) wurde 1834 gegründet und nach einem Entwurf des Schinkel-Schülers Eduard Schaubert angelegt, der zusammen mit seinem Studienfreund Stamatios Kleanthes zwei Jahre zuvor den Plan für die Neugestaltung Athens erarbeitet hatte. Griechenlands erster König, Otto I. aus dem bayerischen Hause Wittelsbach, verfolgte die Idee, ruhmreiche Städte des alten Hellas wiedererstehen zu lassen, wie Athen, Piräus, Sparta und eben auch das einst machtvolle Eretria. Der leidenschaftliche Philhellene hatte erfaßt, was das Wesen der europäischen Städte und der griechischen insbesondere ausmacht und was noch die vom Europäischen Rat der Stadtplaner verfaßte Neue Charta von Athen 2003 festhält: Die Siedlungen des Altertums "entwickelten sich zu strukturierten Gessellschaften mit einer Vielzahl von Fertigkeiten, sie steigerten die Produktion und wuchsen zu mächtigen Zentren der Zivilisation heran. Im Vergleich mit städtischen Strukturen in vielen anderen Teilen der Welt zeichnen sich europäische Städte durch eine lange Entwicklungsgeschichte aus, die die spezifischen Eigenarten der politischen, sozialen und ökonomischen Strukturen der jeweiligen Staaten deutlich widerspiegeln. Es ist diese Geschichte und Vielfalt, die die europäischen Städte unterscheidet. Im Gegensatz dazu werden die Städte des 21. Jahrhunderts immer schwerer zu unterscheiden sein." Die Charta 2003 ist eine Nachfolgerin der Charta von Athen 1933, die Le Corbusier initiierte.

Doch der Wiedererweckung Eretrias war anfangs kein großer Erfolg beschieden. Schon 1844, als der Altertumsforscher Ludwig Ross mit König Otto die Stadt besuchte, war sie erneut verlassen, wegen Malariagefahr. Erst als es 1922 gelang, das versumpfte Stadtgebiet trocken zu legen, setzte wieder ein allmählicher Zuzug ein. Einige klassizistische Häuser aus der Gründungszeit lassen noch den Charme des 19. Jahrhunderts erahnen.

Erste Grabungen nahmen seit 1885 griechische Archäologen vor. Als der Aufschwung Eretrias als Ferienziel und der gleichzeitig einsetzende Bauboom die unter der modernen Stadt liegenden antiken Überreste gefährdete, lud der griechische archäologische Rat Karl Schefold, Professor für klassische Archäologie der Universität Basel und Mitbegründer des Basler Antikenmuseums, ein, sich an den Ausgrabungen zu beteiligen. Seitdem - 1964 - erforschen Schweizer Archäologen in Zusammenarbeit mit der griechischen Behörde das ausgedehnte Stadtgebiet, anfangs unter der Leitung Schefolds, heute unter der Karl Rebers, der sich mit der Arbeit "Die klassischen und hellenistischen Wohnhäuser im Westquartier von Eretria" habilitierte und an der Universität von Lausanne lehrt. Eretria ist noch lange nicht freigelegt und erforscht. Es ist heute neben einer kleineren Grabung auf dem Peloponnes das zentrale Projekt der Schweizerischen Archäologischen Schule in Griechenland.

Um einen Überblick über das ausgedehnte Stadtgebiet zu erhalten, sollte man zur fast fünf Kilometer langen und mit Schutztürmen ausgerüsteten Akropolismauer hochsteigen, die wohl um 400 v. Chr. zu datieren ist. Hinter ihrem bollwerkartigen frühklassischen Westtor öffnet sich das sogenannte Westquartier, wo man vornehme Wohnhäuser mit Atriumhöfen und Gräberstraßen freilegte. Ein 1977 hier gefundenes Kieselmosaik ist unter einem Schutzdach zu besichtigen. Weitere Mosaiken aus der römischen Zeit wurden erst in den letzten Jahren entdeckt. Das eindrucksvollste Gebäude ist das Theater, das wohl ebenfalls aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. stammt und in seiner Anlage dem Dionysostheater in Athen ähnelt. Gleich daneben liegen die Ruinen des Dionysostempels. Weitere Heiligtümer sind das Iseion, der Tempel der ägyptischen Göttin Isis, und der spätarchaische Tempel des Apollon Daphnephoros. Aus seinem Giebelfeld stammt der Torso der Athena von Eretria (um 500 v. Chr.), der heute im Museum steht. Von dem nur aus Schriftquellen bekannten Artemistempel konnte man im Nachbarort Amarinthos seit 2007 die Fundamente freilegen.

Im 1962 eröffneten Ortsmuseum sind die meisten der hier gemachten Funde ausgestellt: sehr viel Keramik, zumeist Grabbeigaben, Grabstelen und Weihereliefs sowie Inschriften aus dem 8. vorchristlichen Jahrhundert, die zu den frühesten Zeugnissen der griechischen Schrift gehören. Viele Fundstücke sind über die Museen der ganzen Welt verstreut, manche sind auch im Besitz des Athener Nationalmuseums. 2010 wurden fast 500 Funde aus Eretria, die die Blütezeiten der antiken Stadt wiederaufleben lassen, unter dem Titel "ausgegraben!" im Antikenmuseum Basel gezeigt. Dieselbe Ausstellung war zuvor im Athener Nationalmuseum zu sehen - daß sie danach ins Ausland, in die Schweiz, ging, war eine "Ehre", wie sie "bis jetzt noch keinem der insgesamt 17 archäologischen Institute in Griechenland zuteil geworden" ist (NZZ vom 23.9.2010). Der Besucher von Eretria hat die Möglichkeit, direkt vor Ort alles selbst in Augenschein zu nehmen, inklusive der neuesten Funde.

Dienstag, 11. August 2015

Die 56. Biennale Venedig 2015 . Maria Papadimitriou im griechischen Pavillon

Die diesjährige Biennale versammelt 89 Länderpräsentationen und 136 Künstler. Okwui Enwezor, Leiter des Hauses der Kunst in München und Kurator der Gesamtschau, der schon die Documenta 2002 in Kassel verantwortete, hatte das Motto "All the world's futures" ausgegeben, das wohl nur auf den ersten Blick optimistisch schien. Man durfte auf aktuelle Kunst gespannt sein, die politische und soziale Positionen ins Zentrum ihrer Arbeit stellt: die Globalisierung und ihre Folgen für den einzelnen Menschen, die Instabilität der Welt, die Verfolgung, Kriege und Flüchtlingsströme nach sich zieht sowie Existenzkampf und Armut auslösende Krisen auch in Industriestaaten und deren Auswirkungen auf die Gesellschaften, ferner andere drängende Fragen, etwa im Natur- und Umweltschutz.

Diesem Konzept werden relativ viele Präsentationen gerecht, eine positive Sicht auf die Zukunft bleibt jedoch meistens aus, selbst in dem mit "Hope!" betitelten Pavillon der Ukraine. Sehr viel Hoffnung gibt es dort zur Zeit tatsächlich nicht, der Titel ist wohl sarkastisch gemeint oder eher der Schrei nach einer besseren, friedlicheren Welt. Manche Künstler gehen das Thema selbstironisch an wie Filip Markiewicz. Im luxemburgischen Pavillon in der Ca' del Duca stellt er unter dem Zitat von Oscar Wilde: "The world is a stage but the play is badly cast" das "Paradiso Lussemburgo" vor, ein Paradies der Steuerzahler oder wohl eher Steuervermeider, in dem auch Jean-Claude Juncker und Yannis Varoufakis ihren Auftritt haben. Aserbaidschan präsentiert sich an zwei Orten, im Palazzo Lezze sowie in der Ca' Garzoni, dem grösseren und interessanteren Ausstellungsort, in dem sich längst etablierte Künstler wie Tony Cragg, Julien Opie, Andy Warhol, Erwin Wurm und viele andere mit Umwelt- und Klimafragen auseinandersetzen. Andreas Gursky dokumentiert den weltweiten Kapitalismus in seinen Fotografien von der "Tokyo Stock Exchange", der Tokioter Börse, und im Zentrum des deutschen Pavillons nimmt sich der Film "Out on the Street" von Philip Rizk und Jasmina Metwaly ägyptischer Arbeiter an, deren Fabrik weit unter Wert an private Investoren verkauft wird; die Fabrik wird abgerissen, die Arbeiter verlieren ihre Existenz. Ob wohl viele Besucher die Zeit und die Geduld aufbringen, sich den 70minütigen Film anzuschauen? Auch in der Überfülle an Kunstwerken in den Hallen des Arsenale
geht vieles unter.

Dies ist eine kurze Einstimmung auf die Biennale. Krisen sind überall, auch in Venedig gibt es derzeit kaum ein anderes Thema. Die Kunst scheint von der Not zu profitieren.

Den Niedergang anhand eines privaten Schicksals führt uns Maria Papadimitriou im griechischen Pavillon in den Giardini vor Augen. "Why look at animals? Agrimika" nennt sie ihre Installation. Agrimika ist eine Ableitung von Agrimi, der nur auf Kreta beheimateten Wildziege. Gewöhnlich wird Agrimi als Bezeichnung für Wildtiere verwendet, die zwar mit dem Menschen koexistieren können, sich aber nicht domestizieren lassen, etwa Bären und Wölfe oder auch Frettchen und Dachse.

Papadimitriou hat den Laden und die Werkstatt eines Pelzhändlers aus Volos Stück für Stück in den Pavillon verpflanzt - einschließlich alter verblichener Zeitungsartikel und Familienfotos, Kinderzeichnungen, angejahrter Notizzettel, ausgestopfter Tiere und Bärenfellen. Dimitris Ziogos, der jetzige Eigentümer, nahm 1947 eine Stelle als Verkäufer bei seinem Vorgänger an und führte das Geschäft nach dessen Tod übergangslos weiter. Das verstaubte, altmodisch-ärmliche Geschäft war lange Jahre ein florierendes Unternehmen. In dem begleitenden Video erzählt er aus seinem langen Arbeitsleben und wie er die Zeitläufte - Krieg, Bürgerkrieg, Diktatur, Unheil und Verzweiflung, aber auch die kleinen Freuden des Alltags - erlebt und überlebt hat. Er beschreibt den schleichend einsetzenden Niedergang - lange vor der jetzigen Krise -, wie in den neunziger Jahren ein Pelzgeschäft nach dem anderen schliessen musste, bis nur noch eine Färberei und sein Laden übrig blieben. Er spricht ohne Larmoyanz, altersweise, in sich ruhend. Es ist ein langes bewegendes Leben, das den Besucher in leiser Wehmut zurücklässt.

Die Installation Maria Papadimitrious nimmt keinen expliziten Bezug auf die jetzige Krise in Griechenland. Das wäre zu banal. Man darf das Werk darauf beziehen, muß es aber nicht. Jeder Besucher soll sich sein eigenes Bild machen.

Die 1957 in Athen geborene Künstlerin gehört zu den erfolgreichsten griechischen Künstlerinnen der Gegenwart. Sie lebt und arbeitet in Athen und Volos, wo sie Professorin für Kunst und Umwelt an der Universität von Thessalien ist. 2003 gewann sie den Deste-Preis für zeitgenössische griechische Kunst für ihre kontinuierliche Arbeit mit sozialen und kulturellen Belangen, die das gegenwärtige Leben analysieren, wie das TAMA-Projekt (Temporary Autonomous Museum for All), für das sie ausgezeichnet wurde. Mit diesem Projekt repräsentierte sie Griechenland 2002 auf der Biennale in Sao Paulo. Ihre Kunst wird weltweit in renommierten Museen und Galerien ausgestellt, darunter in London, Madrid, Rom, Brüssel.

Die Biennale dauert vom 9. Mai bis zum 22. November 2015. Die meisten Länderpavillons befinden sich in den Giardini, etwa ein Drittel in den Hallen des Arsenale und die übrigen Ausstellungen verteilen sich auf Häuser oder Palazzi über die Stadt.

Montag, 15. Dezember 2014

Neues aus der Kunstszene Athen: das EMST, Stiftungen (Neon, Deste, Theocharakis) und private Sammlungen

Das vor zehn Jahren gegründete und seitdem provisorisch untergebrachte Nationalmuseum für zeitgenössische Kunst (EMST) wartet seit Jahren auf seinen Umzug, der nach etlichen Verzögerungen und "definitiven" Ankündigungen jetzt wohl irgendwann im Jahr 2015 erfolgt; ein genaues Datum für die Wiedereröffnung steht noch nicht fest. Sein neues festes Domizil, das einstige Gebäude der Bierbrauerei Fix, ein riesiger grauer Betonquader zwischen der Odos Kallirois und dem Leoforos Syngrou, ist längst fertiggestellt. Seine Pforten bleiben aber vorerst geschlossen, weil der Etat des laufenden Museumsbetriebs nicht gesichert ist. Das Kulturbudget ist in der Schuldenkrise drastisch gekürzt worden. Da der griechische Staat nur mit Mühe in der Lage ist, seine antiken Kulturgüter angemessen zu unterhalten, bleibt für die moderne Kunst kaum etwas übrig; sie war und ist chronisch unterfinanziert. Ohne private Initiativen und Unterstützer ginge gar nichts. Drei Millionen Euro sagte die Stavros-Niarchos-Stiftung dem notleidenden Museum zu, und Dimitri Daskalopoulos, Unternehmer, Sponsor und selbst passionierter Kunstsammler - einer der kaufkräftigsten und kauffreudigsten weltweit -, stellte einen Ankaufsfonds bereit. Es fehlen aber immer noch annähernd zwei Millionen Euro, die wohl ebenfalls von privater Seite kommen müssen. Sollte das EMST endlich in den Zenetos-Bau umgezogen sein, hat es das Potenzial, ein großer Anziehungspunkt zu werden, quasi als Pendant zum Akropolismuseum. Athen kann nicht ewig nur von seiner antiken Vergangenheit zehren.

Abgesehen von den momentanen Nöten des EMST wird die Athener Kunstszene immer lebendiger. Sie verändert sich rapide, als wären in der Krise ungeahnte Kräfte frei geworden. So hat sich in kurzer Zeit eine äußerst kreative Szene in Form eines recht dichten Netzes kleinerer Künstlerkollektive etabliert, hat eine stattliche Anzahl privater Sammlungen ihre Türen geöffnet und haben neu gegründete Stiftungen ihre Arbeit aufgenommen und beachtliche Ausstellungen auf die Beine gestellt.

Eine davon ist die 2013 von Dimitri Daskalopoulos ins Leben gerufene Kulturstiftung Neon, deren Ziel es neben anderen ist, den Griechen die internationale Gegenwartskunst nahe zu bringen. Neon verzichtet auf ein eigenes Museum. Sie organisiert Kunst im öffentlichen Raum, an Orten, die in das alltägliche Leben eingebunden und jedem leicht zugänglich sind. Damit will sie ein möglichst grosses Publikum erreichen, vor allem Menschen, die noch nie eine Galerie betreten haben. Die erste Ausstellung (in Kooperation mit der Londoner Whitechapel Gallery) fand im Sommer 2013 im Garten der Gennadios-Bibliothek statt und erfreute sich regen Zuspruchs. 2014 brachte Neon einen außergewöhnlichen Künstler nach Athen, den Deutsch-Briten Tino Sehgal, der in Berlin lebt. Sehgals Kunst konnte man bereits im Guggenheim-Museum in New York, in der Turbinenhalle des Tate Modern in London, im Museum Ludwig in Köln, in Berlin und an anderen Orten erleben. Er war für den Turner-Preis, den wichtigsten englischen Kunstpreis, nominiert und wurde 2013 als bester Künstler auf der 55. Biennale Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Sehgals Kunst ist immateriell. Sie existiert lediglich in der Interaktion des Besuchers mit von Sehgal ausgewählten Akteuren, den "Interpreten", die den Besucher ansprechen, ihm Fragen stellen oder auf andere Weise mit ihm in Kontakt treten. Nichts bleibt über den Moment hinaus erhalten. Der Ort für diese Vorstellung war gut gewählt: die Römische Agora im Altstadtviertel Plaka, eine der wichtigsten antiken Stätten Athens, an der Zehntausende Menschen täglich vorbeigehen.

International bedeutende Künstler stellt seit drei Jahrzehnten die im Athener Kunstleben sehr präsente Deste-Stiftung des Dakis Ioannou aus. Im Jahr 2014 widmete sie u.a. dem deutschen Fotografen Jürgen Teller eine Solo-Schau unter dem Titel "Macho". Teller zählt zu den namhaften Fotografen der Gegenwart. Er lebt und arbeitet in London, verbringt viel Zeit in Griechenland und zeigt seine Arbeiten in renommierten Häusern auf der ganzen Welt. Die Stiftung kümmert sich aber auch um den griechischen künstlerischen Nachwuchs. So wird 2015 wieder der Deste-Preis vergeben, der seit 1999 alle zwei Jahre einen jungen Hellenen auszeichnet. Die Nominierten (die Shortlist) werden Ende Januar 2015 bekannt gegeben, ihre Werke sind von Ende Mai bis Ende September im Kykladenmuseum zu sehen. Deste organisiert ferner Ausstellungen im Benakimuseum in der Piräosstrasse und jeden Sommer in seiner Dependance auf der kleinen Insel Hydra, 50 Seemeilen südlich von Athen, ein Ereignis, das inzwischen ein Pflichttermin für die Kunstmarkt-Elite auf ihrer grossen Europatour geworden ist. Nach der Art Basel, der weltgrößten und bedeutendsten Kunstmesse, schauen alle wichtigen Leute auf Hydra vorbei - Sammler, Händler, Kuratoren und die Künstlerstars - und verbinden knallhartes Geschäft mit Spaß. Danach trifft man sich auf den grossen Londoner Auktionen, später auf der Frieze und den anderen internationalen Messen. Leider nicht auf der alljährlichen Art Athina. Der 1993 vom einheimischen Kunsthandel gegründeten Messe bleibt das Ausland eher fern. Vertreten sind aber alle wichtigen Athener Galerien, so daß man sich einen guten Überblick über deren Angebot verschaffen kann.

Ein anderer großer Sammler, der Reeder George Economou, zeigt seit 2012 Werke aus seiner Kollektion in seinem eigenen "Galeriehaus" in Maroussi. Das ultramoderne Gebäude liegt direkt hinter seinem Firmensitz. Economou, dessen Schwerpunkt lange auf der deutschen und österreichischen Malerei des späten 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts lag, hat sein Interesse neuerdings ebenfalls auf die Zeitgenossen verlegt. Er setzt jedoch mehr als beispielsweise Dakis Ioannou auf Künstler, die ihren Platz in der Kunstgeschichte schon sicher haben, als auf solche, die sich erst noch einen Namen machen müssen. Seine Ausstellungen - zwei bis drei pro Jahr - gehören zum Besten, was man in Athen sehen kann. Jedes Stück aus seiner Sammlung ist ein Spitzenwerk, so auch jedes einzelne in der im September 2014 eröffneten Gruppenschau "Thorn in the Flesh" (kuratiert von Dieter Buchhart), die noch bis April 2015 offen ist. Zu sehen sind ausgewählte Arbeiten aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute: von Basquiat, Beckmann, Bourgeois, McCarthy, Condo, Dine, Dubuffet, Judd, Shiraga, de Kooning, Oldenburg, Penck, Pistoletto und Rauch.

George Economou ist auch ein generöser Leihgeber. So richtete er von Mai 2013 bis Januar 2014 aus seiner Kollektion die Ausstellung "Gegenlicht. Deutsche Kunst des 20. Jahrhunderts" in der Sankt Petersburger Eremitage aus, mit Werken u.a. von Otto Dix, von dem Economou die größte Sammlung weltweit besitzt, Ernst Ludwig Kirchner, Georg Baselitz, Neo Rauch und Anselm Kiefer, von dem er fünf Gemälde hat (darunter "Tempelhof", das er 2012 von der Londoner White Cube Gallery erwarb).

Viel Aufmerksamkeit erfährt auch die Theocharakis Foundation, ein Kulturzentrum am Vasilissis-Sofias-Boulevard gegenüber dem Nationalgarten, wo Lesungen, Konzerte, Workshops und Ausstellungen bekannter griechischer und internationaler Künstler stattfinden und dessen Cafe-Restaurant "Merlin" ein beliebter Treffpunkt ist. Ein grosser Erfolg war 2014 die Schau "Hellenische Renaissance" über den dänischen Architekten Theophil Hansen, der (zusammen mit seinem Bruder Christian, Hofarchitekt des griechischen Königs Otto I.) das Stadtbild Athens im 19. Jahrhundert maßgeblich mitbestimmt hat. Er entwarf einige der bekanntesten Bauten im Zentrum, darunter die "Athener Trilogie", das Zappion, die Sternwarte und das Hotel Grande Bretagne (damals das Palais Dimitriou) am Sintagmaplatz. Nach seinen Athener Jahren war Hansen in Wien tätig, wo er mehrere Ring-Palais baute, ferner das Parlament, die Griechenkirche und das Gebäude des Musikvereins, noch immer einer der akustisch besten und schönsten Musiksäle der Welt, in dem die Wiener Philharmoniker alljährlich ihr berühmtes Neujahrskonzert spielen. Die Theocharakis-Aktivitäten werden zusätzlich von der Niarchos-Stiftung unterstützt, die gerade das Projekt eines eigenen Kulturzentrums verfolgt. Der Entwurf für den riesigen Komplex an der Faliro-Bucht fünf Kilometer südlich stammt von dem italienischen Architekten Renzo Piano, der u.a. das Centre Pompidou in Paris und den Wolkenkratzer The Shard in London baute.

Eine bekannte Gestalt in der Athener Kunstszene ist der Sammler Vlassis Frissiras. Das private "Frissiras-Museum", in zwei schönen neoklassischen Gebäuden in der Plaka untergebracht, besteht bereits seit Dezember 2000. Es besitzt eine ansehnliche Sammlung europäischer und amerikanischer Maler, insgesamt ca. 3500 Gemälde und Zeichnungen, ist aber stärker auf griechische Künstler konzentriert, die in Europas Museen kaum präsent sind.

Mitten in der Krise ist auch die "Freie Szene" in Bewegung geraten. Zwar ist die finanzielle Situation angespannt, besonders für die jungen und jüngsten meist kaum bekannten Künstler, aber Not macht erfinderisch, und so haben sich einige zu autonomen Gruppen zusammengeschlossen und teilen sich bezahlbare Ateliers und Projekträume, in denen sie sich ausprobieren, experimentieren und erstmals ihre Arbeiten zeigen, immer in der Hoffnung, von zahlungskräftigen Sammlern oder Sponsoren entdeckt zu werden. Möglich, daß irgendwann einmal professionelle Galerien daraus hervorgehen. Noch allerdings haben die wenigsten kommerziellen Erfolg, der Markt ist einfach zu klein, der Kreis der Käufer stark begrenzt. Viele der Ateliers befinden sich in den benachbarten Problemvierteln Metaxourgio und Keramikos, die einer schnellen Gentrifizierung erfolgreich getrotzt haben. Die günstigen Mieten für Arbeitsräume und Wohnungen und die Aufbruchsstimmung haben bereits unternehmungslustige, dynamische Talente aus der Londoner und Berliner Kreativszene angelockt. Manche vergleichen dieses Quartier schon mit dem New Yorker SoHo der achtziger Jahre.

In Metaxourgio haben sich auch einige renommierte Galerien niedergelassen wie Rebecca Camhi, The Breeder und die erst 2012 von Marina Fokidis gegründete Kunsthalle Athena. Marina Fokidis pflegt Kontakte zur europäischen Kunstszene, arbeitet als Kuratorin und verfaßt Texte für ein Magazin. Für Jürgen Tellers Ausstellung bei Deste schrieb sie die ausführliche Einführung. Jetzt muß sich Fokidis nach einem neuen Standort umsehen: Ihrer Galerie in der Odos Keramikos wurde vom Eigentümer gekündigt.

Daß die Gegenwartskunst eine immer größere Rolle spielt, ist einzig den Initiativen der privaten Sammler, Stiftungen und mehreren potenten Galerien zu verdanken. Sie machen es möglich, daß die Werke international wichtiger Künstler überhaupt in Athen zu sehen sind. Da einige der weltweit einflußreichsten Sammler wie Ioannou, Daskalopoulos, Economou u.a. ausschließlich erstrangige Werke hochgehandelter Spitzenkünstler kaufen - etwa von Jeff Koons und Gerhard Richter, die als teuerste Künstler der Welt gerade Platz eins und zwei belegen -, ist auch die Qualität der von ihnen organisierten Ausstellungen hoch. Die Kunstfreunde dürfen gespannt sein. Sie werden auch künftig mit außergewöhnlichen Präsentationen rechnen dürfen.

Wenig bekannt sind in Westeuropa die griechischen zeitgenössischen Künstler (sieht man einmal von den Auslandsgriechen wie Iannis Kounellis, Takis, Alekos Fassianos, Ioannis Psychopaidis, Alexis Akrithakis ab). Ob die Bemühungen von Einrichtungen wie Deste, Frissiras oder manchen Galerien ihnen zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen, bleibt abzuwarten. Noch ist ihre Sichtbarkeit außerhalb des Landes gering. Auch die Tatsache, daß Athener Galerien wie The Breeder, Bernier Eliades, Kalfayan und Koroneou international gut vernetzt sind und an den wichtigen europäischen und amerikanischen Messen teilnehmen, hat daran wenig geändert. Momentan spielt die griechische Kunst nur eine marginale Rolle. Die jungen Hellenen schauen zwar auf die westlichen Metropolen, der Westen aber nicht nach Athen. Vielleicht ändert sich das 2017, wenn die Documenta auch in Athen stattfindet. Sie könnte einen Durchbruch bewirken.

Auch die Griechen selbst tun sich noch immer schwer mit aktueller progressiver Kunst. Das Interesse ist vergleichsweise gering. Abgesehen von den Vernissagen, die als gesellschaftliches Ereignis gelten, sind die Galerien und Ausstellungsräume schlecht besucht.
"Ein Teil ihres täglichen Lebens", wie es Dimitris Daskalopoulos hofft, ist den Griechen die Gegenwartskunst bisher nicht geworden.

Sonntag, 7. Dezember 2014

Das Lykeion des Aristoteles in Athen

Athen ist um eine wichtige archäologische Stätte reicher. Am 4. Juni 2014 wurde die Schule des Aristoteles, das berühmte Lykeion (Lyzeum), der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Wie soviele andere Überreste aus der Antike ist es - Mitte der neunziger Jahre - bei Bauarbeiten zufällig entdeckt worden. Das 5000 qm grosse parkähnlich gestaltete Grabungsareal liegt im Zentrum der Stadt, in der Rigilisstrasse (Odos Rigilis), zwischen dem Byzantinischen Museum und dem Konservatorium.

Das "ruhmreiche Athen" war immer eine Stadt der Künste und der Wissenschaften und blieb es, auch nachdem es seine politische Bedeutung längst verloren hatte. Alle vier grossen Philosophenschulen wurden hier gegründet: 387 v. Chr. die Platonische Akademie, 335 der Aristotelische Peripatos, 306 "der Garten" (Kepos) des Epikur und 301 die Stoa des Zenon, deren Anhänger man die Stoiker nannte. Alle vier Schulen sind nach den Bauten (bzw. im Falle Epikurs dem Ort) benannt, in denen die Schüler unterrichtet wurden, die Stoa beispielsweise nach einer Säulenhalle auf der Agora. Weitere kleinere, das städtische Geistesleben bereichernde Philosophenschulen wie die kynische und die skeptische haben ebenfalls ihren Ursprung im demokratischen Athen, das offen für neue Strömungen und neues Denken war.

Aristoteles (384-322 v. Chr.) wurde in Stagira nordöstlich der Chalkidike geboren. Er kam bereits als 17jähriger nach Athen, um an der Akademie Platons zu studieren, dessen "Meisterschüler" er wurde. Nach Platons Tod 347 v. Chr. verließ er die Stadt und wurde u.a. Lehrer des jungen Alexander, der später "der Grosse" genannt wurde. 335 v. Chr. kehrte er nach Athen zurück, um hier zu forschen und zu lehren. Noch im selben Jahr eröffnete er seine eigene Schule, das Lykeion, in der er männliche junge Griechen in Philosophie, Rhetorik und der Kunst der freien Rede unterwies. Redegewandtheit war im 4. Jahrhundert eminent wichtig, um an der politischen Willensbildung mitzuwirken. Um auch ärmeren Bürgern den Zugang zu ermöglichen, wurden sogar Tagegelder (Diäten) eingeführt (die 392 v. Chr. auf den Besuch von Theatervorstellungen ausgeweitet wurden). Für einen überzeugenden Auftritt in der Volksversammlung (Ekklesia), dem Herzstück der athenischen Demokratie, in der das Volk (demos) freies Rederecht hatte und über seine eigenen Angelegenheiten debattierte und abstimmte, waren rhetorische Qualitäten gar nicht hoch genug einzuschätzen. Gleiches galt für die Mitwirkung der Laienrichter an den Volksgerichten, an denen die Redezeit begrenzt war.

Man nannte Aristoteles und seine Schüler die Peripatetiker ("Spaziergänger") nach dem Peripatos, der im Schulbezirk liegenden Säulenhalle des Lykeion, in der die Gespräche und Diskussionen beim Umherwandeln geführt wurden. Neben dem Unterricht forschte Aristoteles auf so unterschiedlichen Wissensgebieten wie Staat und Verfassung, Ethik, Metaphysik, Logik, Dichtung (speziell der Tragödie) und Naturwissenschaften, hier besonders in Zoologie und Biologie. Systematisch trug er das Wissen der damaligen Welt zusammen und richtete eine umfangreiche Bibliothek ein, die das Lykeion zu einem bedeutenden Forschungszentrum machten.

Nach dem Tod Alexanders 323 v. Chr., als Athen die makedonische Vorherrschaft abschütteln konnte, musste Aristoteles Athen wegen politischer Anfeindungen verlassen. Er zog sich nach Chalkis auf Euböa zurück, wo seine Familie mütterlicherseits zu Hause war. Dort starb er im Jahr 322 v. Chr.

Schon zu Lebzeiten hatte sich Aristoteles einen Namen gemacht. Mit seinem Werk setzte er Massstäbe, die bis heute gültig sind, besonders seine Ideengebäude zu Ethik, Wissenschaftstheorie und Staatslehre. Eines seiner bekanntesten Werke, die Nikomachische Ethik, widmete er seinem Sohn Nikomachos.

Informationstafeln im Lykeion-Gelaende, ein Platz der Stille und Kontemplation inmitten der lauten Stadt, geben dem Besucher einen ausführlichen Einblick in das antike Leben. Der Ort ist ein Glücksfall für Athen. Es ist geplant, den Park mit dem angrenzenden Gelände des Byzantinischen Museums zu verbinden.

Sonntag, 6. Juli 2014

Deutsche Kuenstler in Griechenland: Peter Foeller. Kreta, eine Welt voll Schatten und Licht

Peter Foeller pendelt seit nahezu 30 Jahren zwischen Berlin und Kreta. Zur Zeit verbringt er fast das ganze Jahr in seinem kretischen Domizil. Sein Domizil, das ist das ehemalige Bürgerhaus eines türkischen Verwalters in Plora, einem 70-Seelen-Dorf am Rande der Messara-Ebene. Vor dreissig Jahren kauften Peter und Claudia Foeller das 1843 erbaute Haus. Sie sanierten, renovierten, bauten um und an und richteten es zu einem Wohlfühl-Refugium her, mit tropischem Garten, Atriumhoefen, Terrassen, einer Wohnung im Turm für Freunde, die von überall her kommen, und schliesslich dem Atelier im Bauhausstil. Gleich einem Kastro thront es auf dem hoechsten Punkt Ploras. Von seinen Terrassen und Fenstern blickt man über Dorf und Messara-Ebene hinweg auf das Ida-Massiv mit dem hoechsten Berg Kretas, den Psiloritis. Die Aussicht ist phänomenal.

Das helle, weiträumige Atelier mit seinen bodentiefen Fenstern ist ein idealer Arbeitsraum, ganz auf die Bedürfnisse des Künstlers zugeschnitten, von ihm selbst entworfen. Hier hat er mehr Ruhe als in Berlin, und schon früher hat er sich oft hierher zurückgezogen, in die "innere Emigration", um an groesseren Werken zu arbeiten, für die ihm in Berlin Zeit und Konzentration fehlten.

Was bei Foellers Bildern immer als erstes auffällt, ist die Farbgebung, diese intensive Leuchtkraft der Farben. Sie nimmt den Betrachter gefangen, ihrer suggestiven Wirkung kann man sich kaum entziehen. Mit der Art und Weise, wie er die Farben kombiniert, sie kontrastiert und die Linien und geometrischen Formen stapelt, überlagert, verschachtelt und ineinander übergehen lässt, kreiert er eine erstaunliche Raumtiefe. Denn ebenso wie Foeller ein absolutes Gefühl für Farben hat, hat er ein untrügliches Gespür für Formen. In jedem Strich, jedem Farbton, jedem Klecks sieht der Maler ein Symbol, das wir schon kennen und das uns schon begegnet ist. Er reflektiert, beobachtet die Welt und entwickelt sich so weiter. Jedes Detail - und die Bilder sind ausserordentlich detailreich - ist von grosser handwerklicher Qualität. In seinen neueren, vor allem auf Kreta entstandenen Werken, werden die ausgefeilt konstruierten statischen Figuren und Linien aufgebrochen und aufgeloest. Sie sind vorhanden, aber in den Hintergrund gerückt. Nichts Strenges haftet ihnen an, sie wirken heiter und froehlich.

Bekannt geworden ist Peter Foeller vor allem durch seine Grafik. Die seit den siebziger Jahren entstandenen Siebdrucke erreichen durch ein aufwendiges Verfahren, das Uebereinanderdrucken von bis zu siebzig Farben, eine ganz ausserordentliche Strahlkraft und Plastizität der Oberfläche. Er koloriert eigenhändig jedes einzelne Blatt. Im Laufe der Zeit sind so rund 230 Auflagen entstanden.

Neben seinen Oel- und Acrylbildern und dem immensen grafischen Werk sind die Aquarelle etwas in den Hintergrund geraten. Obwohl sie zart, schwerelos, fliessend und wie hingetuscht wirken, ist auch hier die abstrakte und gleichzeitig gegenständliche Formensprache charakteristisch für ihn. Manche haben Kreta zum Thema, z.B. "Kretischer Mond", "Minoische Spur" oder die "Phoenix"-Serie.

Peter Foeller hat eine grosse Sammlergemeinde auf der ganzen Welt, besonders in den USA, wo er mehrere Ausstellungen hatte. Ausser in Deutschland und in anderen europäischen Ländern hatte er Schauen zum Beispiel in Kanada, Brasilien, Indien, Japan, Afrika und Aserbaidschan.







Mittwoch, 2. Juli 2014

Athen - Shoppingtour in Kolonaki

Athen ist sicherlich keine Modemetropole wie Mailand und Paris. Aber nach dem Pflichtprogramm Akropolis und Co. keinen Shoppingtag einzuplanen, wäre eine grobe Unterlassungssünde. Denn Athen hat einiges zu bieten, was es nur in Athen gibt. Das sagt meine Athener Freundin Popi, eine ausgewiesene Fashionista, die es wissen muss. Popi brennt darauf, mich in ihre Lieblingsläden mitzunehmen. Lauter Top-Adressen. Zuvor treffen wir uns auf einen Cappuccino im "Peros" direkt am Kolonakiplatz, ein guter Ort, um die vorbei flanierenden modebewussten Athenerinnen zu begutachten, die das tragen, was die Frauen in allen Grosstädten der Welt tragen - vorausgesetzt, sie koennen es sich leisten -, nämlich Gucci, Prada, Miu Miu, Vuitton usw. Und die Frauen in Kolonaki koennen es sich leisten, denn in diesem Stadtviertel sind die Gutbetuchten zu Hause und also auch die internationalen Modedesigner.

Was braucht man als Frau am dringendsten? Schuhe natürlich. Und so bewegen wir uns als erstes schräg über den Platz in die Odos Patriarchou Ioakim zu "Kalogirou", für Schuhfans ein absolutes Muss. Neben einer Top-Auswahl an internationalen Marken wie Tods, Casadei, Prada gibt es auch Kreationen aus der eigenen Werkstatt, vor allem bildschoene Sandaletten in allen Formen und Farben mit diesem gewissen Extra. Ich kann den Stilettos aus Schlangenleder nicht widerstehen, es ist Liebe auf den ersten Blick. Sie passen perfekt und ausserdem kann man sie zu allem tragen (irgendwie muss ich den Preis ja rechtfertigen). Wer hier wider Erwarten nicht fündig wird, wird es bestimmt eine Ecke weiter in der Odos Tsakalof, bei "Prasinis", wo ein ausgesuchtes Angebot internationaler und griechischer Designer den Schuhfetischisten beglückt. Besonders in der Herstellung von Sandalen - die griechische Mythologie steht Pate - sind die Hellenen Spitzenklasse. Mit solch einem Kauf macht man nichts falsch, ausserdem kann man Schuhe nie genug haben.

Nur einige Schritte weiter, in der Tsakalof 20, schauen wir bei "Parthenis" vorbei. Orsalia Parthenis ist eine griechische Modedesignerin, deren Entwürfe extravagant-puristisch sind. Stylish und trotzdem lässig, Wohlfühlkleider sozusagen. Sie verarbeitet qualitativ hochwertige Materialien, vornehmlich reine Baumwolle, meist einfarbig, viel weiss. Totales Understatement. Ein leichtes weisses Baumwollkleid zu meinen gemusterten Schlangenledersandalen - perfekt selbst bei den heissesten Temperaturen, wenn man gar nicht mehr weiss, was man anziehen soll. Popi bricht in Bewunderungslaute aus, und ich nehme es, zumal die Preise hier sehr zivil sind. Zivil sind auch die Preise für trendigen Modeschmuck bei "Follie Follie", der ein weisses Kleid ziemlich upgraden kann (Tsakalof 6, weitere Filialen: Ermou 18 und 37 sowie Solonos 25).

Im Viertel Kolonaki gibt es nicht nur erstklassige Boutiquen, sondern auch einige alteingesessene Galerien, und wir beschliessen, ihnen einen Besuch abzustatten. Als erstes gehen wir zu "Zoumboulakis", Kolonakiplatz 20, wo gerade eine Gruppenausstellung griechischer Künstler gezeigt wird, darunter der weltweit bekannte Ioannis Moralis. Eine kleine minimalistische Plastik von ihm wird für 6000 Euro angeboten. Zeitgenoessische griechische und internationale Maler präsentiert die renommierte Galerie "Kalfayan" (Odos Charitos 11), zur Zeit ist dem jungen, in London lebenden Bill Balaskas eine Soloausstellung gewidmet. In beiden Galerien ist das Personal sehr freundlich und zugewandt, obwohl wir gar nichts kaufen. Das Angebot, uns per E-Mail über zukünftige Ausstellungen und Aktivitäten auf dem Laufenden zu halten, nehmen wir gerne an. Das war eine anregende, inspirierende Unterbrechung; ich habe interessante Werke von Künstlern gesehen, die ich bisher noch nicht kannte.

Meine Athener Freundin führt mich jetzt durch die Odos Voukourestiou, die exclusive Juwelierstrasse. Ein Blick in die Schaufenster zeugt von Luxus pur. Popi behauptet, man koenne nirgendwo auf der Welt schoeneren Schmuck kaufen als in Athen und ich stimme ihr zu. In der Goldschmiedekunst sind die Griechen unübertroffen. Schliesslich hat sie eine jahrtausendealte Tradition, und die häufig von antiken oder byzantinischen Vorbildern inspirierten Kreationen der Athener Top-Juweliere sind in New York inzwischen ebenso ein Begriff wie in London und Paris. Auch die Bulgari-Dynastie hat ihre Wurzeln in Griechenland. Ihr Gründer, der Silberschmied Sotirios Voulgaris, verliess seinen Geburtsort im griechischen Epirus Richtung Italien, wo er rasant Karriere machte. Sein erstes Geschäft eroeffnete er 1884 in Rom, seinen Namen änderte er in Sotirio Bulgari.

Bulgari hat zwar auch eine Filiale in der Voukourestiou, aber unser Ziel sind zwei andere Nobel-Juweliere: Zolotas, den es schon seit 1895 gibt, und Ilias Lalaounis, der Schmuckdesigner schlechthin, der sogar ein eigenes Museum unterhält (Karyatidon 4/Kallisperi 12, unterhalb der Akropolis). Die Läden der beiden Konkurrenten stehen einander gegenüber, in der Voukourestiou Ecke Panepistimiou.(Zolotas hat noch ein Geschäft in der Stadiou 9.) Die Preise für die traumhaft schoenen, edlen Goldcolliers und opulenten Armreifen liegen bei Lalaounis im fünfstelligen Bereich. Sie sind auffallend kompakt und gewichtig, das Collier, das ich in der Hand hielt, wog gefühlte 500 Gramm. Seit einigen Jahren hat Lalaounis auch eine preiswerte "junge" Kollektion aufgelegt. So kostet ein luxurioes-schlichter silberner Armreif 450 Euro. Die Preise bei Zolotas sind ähnlich. Auch Zolotas führt eine preiswerte Linie, vor allem in Silber. Besonders schoen sind die silbernen Anhänger an verschiedenfarbigen Lederbändern, sie kosten um die 120 Euro.

Was fehlt jetzt noch? Kosmetik. Im "Masticha Shop", eine Ecke weiter - Panepistimiou Ecke Kriezotou - bekommt man alle moeglichen Hautpflegeprodukte aus dem Harz des Mastixbaums, der auf der Insel Chios wächst. Diese Artikel (neben den Cremes auch Süsswaren wie Kekse, Kaugummi usw.) bekommt man nur in Athen. In der Kriezotou 7 hat die Zoumboulakis-Galerie eine Zweigstelle, wo man Grafiken z.B. von dem international bekannten Maler Alekos Fassianos und allerlei Dekoratives für die Wohnung kaufen kann.

Ein Geschäft steht noch aus: Meine Lieblingsboutique, die ich jedes Mal aufsuche, wenn ich in Athen bin. Es ist die von Ioanna Kourbela in der Plaka, Adrianou Ecke Chatzimichali. Für ein Kleid dieser talentierten Modedesignerin, die einen ganz unverkennbaren Stil vertritt, lasse ich von vornherein Platz im Koffer frei. Ihre Kleider sind einfach, aber raffiniert, ihre Trägerin sticht aus der Masse heraus. Kourbela stellt auch leicht exzentrische, aber gleichwohl alltagstaugliche Strickwaren her, die alle miteinander kombinierbar sind. Hier findet jeder sein Lieblingsstück. Und Qualität, Schnitt und Preis stimmen.

Nach so vielen Einkäufen und kulturellen Anregungen ist eine Erholungspause fällig. Wir suchen das Gartencafe hinter dem Schliemann-Haus auf, entspannen uns bei einem Glas frischgepressten Orangensaft und geniessen die Stille mitten im Zentrum der Stadt. "Die griechische Mode wird unterschätzt", resümiert meine Athener Freundin. "Trotz Mary Katrantzou und Kostas Mourkoudis."