Donnerstag, 20. Juni 2013

Der griechische Pavillon auf der 55. Biennale Venedig 2013

Alle zwei Jahre wieder sorgt die Biennale von Venedig, die älteste der Welt, für Diskussionen. Vom 1. Juni bis zum 24. November präsentieren sich in den herrlichen Giardini und den riesigen Hallen des Arsenale, des einstigen Werftgeländes, 88 Länder. 50 weitere Ausstellungen bilden das Nebenprogramm und sind über die ganze Stadt verteilt. Selbst der Vatikan ist dabei - zum ersten Mal. Manche Kunstwerke sieht man schon von weitem wie die gewaltige Skulptur "Alison Lapper Pregnant" von Marc Quinn, die den Platz vor der Kirche San Giorgio Maggiore am Ufer des Canal Grande beherrscht. Andere findet man in Kirchen (zum Beispiel von dem chinesischen Super-Star und Dissidenten Ai WeiWei die Szenen seiner Haft in sechs Containern in der Sant' Antonin), in Palästen am Canal Grande (Taiwan) oder versteckt in unscheinbaren alten Häuschen an den Nebenarmen des Canal.

Verantwortet wird die Gesamtschau von dem erst 40 Jahre alten Massimiliano Gioni, Ausstellungsleiter am New Museum in New York und künstlerischer Direktor der Mailänder Nicola-Trussardi-Foundation. Er wählte auch das Motto für die Hauptausstellung "Il Palazzo Enciclopedico" (Der enzyklopädische Palast), das als lockerer Leitfaden gelten soll. Dahinter steht die Idee, das gesammelte Weltwissen vorzustellen und in eine Ordnung zu bringen, nicht nur in der Kunst, sondern auch in der Forschung und Wissenschaft, Natur und Politik, was natürlich nicht wirklich gelingen kann. Aber es ist ein mutiger, interessanter Ansatz.

Der deutsche Pavillon ist international ausgefallen. Es stellen Künstler aus vier Nationen aus: Ai WeiWei, der eine meterhohe Skulptur aus 886 alten chinesischen Holzhockern geknüpft hat, der französische Filmregisseur Romuald Karmakar, der südafrikanische Fotograf Santu Mofokens und die indische Fotografin Dayanita Singh. Damit soll Deutschland "als aktiver Teil eines komplexen weltweiten Netzwerkes repräsentiert werden", wie die Kuratorin des deutschen Pavillons, Susanne Gaensheimer, Direktorin am mmk in Frankfurt, ihre Künstlerauswahl begründet. Auf mich wirkt die Auswahl der Künstler willkürlich. Was sie miteinander verbindet, erschliesst sich mir nicht. Und immer wieder Ai WeiWei! Es muss einem inzwischen fast so vorkommen, als sei er der einzige Vertreter chinesischer Gegenwartskunst. Dabei mangelt es in diesem Riesenreich, das in den letzten Jahren einen Kunstboom erlebte, gewiss nicht an jungen vielversprechenden und spannenden Talenten. Insgesamt ist der Auftritt nicht wirklich gelungen. Auch den französischen Pavillon - die Deutschen und die Franzosen haben übrigens ihre Pavillons getauscht - hat kein französischer Künstler gestaltet, sondern der in Albanien geborene und in Frankreich lebende Anri Sala. Seine Installation "Ravel Ravel Unravel" gilt als ungewöhnlich gelungen und wird allgemein gerühmt.

Viel Aufmerksamkeit erregt auch der griechische Pavillon, den der 1973 in Prag geborene und in Amsterdam und Athen lebende Videokünstler Stefanos Tsivopoulos kreiert hat. Als einer der wenigen - neben dem russischen und dem katalonischen - beleuchtet er die gegenwärtige Krise des Kapitals und die aktuelle soziopolitische Situation in Griechenland. In der dreiteiligen Videoinstallation mit einer Textmontage ("History Zero") zeigt er auf eine sehr berührende, fesselnde Weise, wie die Realität der Armen und Migranten in Athen aussieht. Der Film führt uns drei komplett verschiedene Individuen vor: einen jungen afrikanischen Immigranten, der in den Strassen und in verlassenen Industriearealen von Athen nach verwertbarem Altmetall sucht, einen nach Inspiration suchenden Künstler und eine demente alte Dame und Kunstsammlerin, die aus 500-Euro-Scheinen Blumenblüten faltet und zu Sträussen bindet. Nachdem sie die Blumen glaubt, welken zu sehen, wirft sie sie in den Müllcontainer vor dem Haus, wo der junge Schwarze sie auf der Suche nach Brauchbarem findet und überglücklich mit dem wertvollen Strauss von dannen eilt. Damit ist Tsivopoulos ein herausragendes Werk gelungen, ein Porträt bitterster Not und zugleich verschwenderischen Reichtums. Die begleitende Textdokumentation in der Rotunde, die 32 Themen behandelt, ist als umlaufendes Panorama gestaltet. Sie fragt nach dem Wert des Geldes und erforscht, welche Rolle das Geld in menschlichen Beziehungen und Gesellschaften spielt. Sie stellt alternative Währungen und Wirtschaftsmodelle vor, zum Beispiel den Tauschhandel, dem heute nicht wenige Menschen in Griechenland der Not gehorchend nachgehen.

Kuratiert hat die Ausstellung Syrago Tsiara, Direktorin des Center of Contemporary Art in Saloniki. Gegenüber ArtInfo UK äusserte sie: "History Zero bezieht sich zuerst auf die vielschichtige Krise in Griechenland, die natürlich ein Symptom der globalen politischen Krise ist. Doch die Arbeit wendet den Diskurs über die Krise zu einer höheren philosophischen und politischen Beschäftigung, die über die Notwendigkeit des Hier und Heute hinausgeht."

Der griechische Pavillon mit seiner charakteristischen neo-byzantinischen Fassade stammt aus dem Jahr 1934.

Die 55. Biennale für zeitgenössische Kunst endet am 24. November 2013. Sie ist täglich, ausser Montag, von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Ein Zwei-Tage-Pass kostet 30 Euro.

Mittwoch, 8. Mai 2013

Exarchia

Exarchia - einfach traurig


Es sah hier nicht immer so aus. Noch vor einigen Jahren war Exarchia ein  bürgerliches Alt-Athener Wohnviertel, dessen schattige Strassencafes an der Platia Exarchion man tagsüber gern aufsuchte, wenn man sich erschöpft vom Besuch im  Archäologischen Nationalmuseum erholen oder einfach nur eine Kaffeepause einlegen und beim geschäftigen Treiben rundum entspannen wollte. Abends genoss man das Nachtleben in den angesagten Bars und populären Clubs und wusste die alteingesessenen Tavernen zu schätzen, die gutes griechisches Essen ohne modischen Schnickschnack zu günstigen Preisen servierten. Alles hatte etwas Beschwingtes, Begeisterndes, Heiteres und gleichzeitig sympathisch Kleinstädtisches, wo ein jeder jeden kennt. Das Publikum - vorwiegend hier wohnende Studenten, Künstler, (Links-)Intellektuelle  - war jung, kreativ, diskutierfreudig, von mitreissender Vitalität und vor allem griechisch. Hier konnte man Stunden zubringen, ohne einem Touristen zu begegnen.  Die blieben seit je im überlaufenen Altstadtviertel Plaka unter sich. Kaum einer verirrte sich in die unprätentiöse Alternative Exarchia.

Heute tun sie recht daran, die Plaka-Touristen. Es ist kaum zu glauben, wie stark sich Exarchia verändert hat. Die politische und soziale Krise ist hier am sichtbarsten. Schon tagsüber stimmt einen der Gang durch die tristen Strassen wehmütig, Lebensfreude war einmal, Normalität auch. Das ganze Viertel wirkt bedrückend und trostlos, die Verelendung ist augenscheinlich geworden. Illegale, die illegale Waren verkaufen  - Sonnenbrillen, Taschen, Handys, Zigaretten -, bestimmen das Strassenbild. Allerlei ominöse Gestalten sind unterwegs. In der Stournaristrasse, auf dem Zaunsockel vor dem Polytechnion, lagern jämmerliche Gestalten im Halbkoma, Rauschgiftsüchtige, die sich Heroin spritzen. Deren Dealer, meist Schwarzafrikaner, gehen in aller Öffentlichkeit ihren Geschäften nach. Abends ist das Viertel tot, die dämmrigen Lokale sind leer. Man begegnet nur wenigen Passanten. Die engen Hauseingänge haben Obdachlose in Besitz genommen. Automatisch beschleunigt man den Schritt, wenn man durch die dunklen Gassen geht. Man fühlt sich unwohl und möchte nichts wie weg.

Verunstaltet sind auch die einst sorgfältig gepflegten Bürgerhäuser. Fast ausnahmslos jedes Gebäude - so scheint es einem jedenfalls - ist mit grellen Graffiti beschmiert, die Hauswände sind zentimeterdick mit Plakaten und Parolen zugekleistert, die zu Streiks und Demonstrationen sowie zum Klassenkampf aufrufen. Kein Fleckchen Mauer bleibt ungenutzt. Manche Häuser sind besetzt. Auch die schönen neoklassizistischen Stadtvillen an den charmanten steilen Treppengassen blieben nicht verschont. Bei vielen sind die Rollläden herabgelassen und die Haustüren mit schweren Eisenketten versperrt. Sie sehen verlassen aus.

Exarchia war immer ein buntes, alternatives Szeneviertel, in dem von jeher Widerstand gegen Obrigkeiten geleistet und gegen alles Mögliche opponiert wurde. Aber der Alltag war normal. Die im Herbst 1973 von hier ausgehenden Protestaktionen haben den Sturz der sieben Jahre währenden Obristenregierung eingeleitet. Am 14. November demonstrierten Hunderte Studenten gegen die Militärdiktatur. Unterstützt von der Athener Bevölkerung, verschanzten sie sich drei Tage lang auf dem Gelände des Polytechnion, bis das Regime in der Nacht des 17. November seine Panzer anrollen liess. Sie walzten die Tore nieder, und Scharfschützen der Polizei nahmen den Hof unter Beschuss. Zahlreiche junge Leute starben, wieviele Menschen getötet wurden, ist nie genau geklärt worden. Manche sprechen von 35 oder 40, andere von 20 Toten, die Angaben differieren. Ein Denkmal im Hof erinnert an sie. Heute macht auch das Polytechnion einen vernachlässigten Eindruck, im Garten wuchern Unkraut und Gestrüpp. Die meisten Fakultäten sind schon vor einigen Jahren nach Zografu umgezogen, nur die Architekten und die Bibliothek sind geblieben.

Nach dem Sturz der Militärherrschaft wurde das Universitätsasyl eingeführt, das es der Polizei verbot, Universitätsgelände auch nur zu betreten. Das war eine schöne Idee. Doch was damals zum Schutz der Studenten sinnvoll erscheinen mochte, erwies sich in den folgenden Jahren als fatal. Das Asylrecht wurde derart ausgehöhlt, dass von der schönen Idee nicht viel übrig blieb. Mehr und mehr entwickelten sich die Hochschulen des Landes zu rechtsfreien Räumen für gewaltbereite Anarchisten, Linksextremisten und Berufsrevoluzzer, die sich nach ihren sinnlosen Gewaltorgien und Zerstörungszügen auf das sichere Hochschulterrain flüchteten. Die Regierung blieb tatenlos und die Polizei war machtlos. In einer misslichen Lage befanden sich auch die Universitätsrektoren, die sich nicht trauten, gegen die radikalen Gruppierungen vorzugehen, weil sie Gewalt und Anschläge im eigenen Haus fürchteten. Diese Sorge war berechtigt, denn den terroristischen Organisationen gelang es nicht selten, das akademische Leben komplett lahmzulegen; sie stürmten Vorlesungen, machten aus Hörsälen und Seminarräumen Kleinholz und scheuten nicht davor zurück, auch Professoren tätlich anzugreifen, deren Forschungen ihnen nicht genehm waren. 2005 nahmen vermummte "Autonome" während einer Lesung sogar den späteren Finanzminister Venizelos kurzzeitig in "Geiselhaft". Erst nachdem eine hilflose Polizei ihnen freien Abgang zugesichert hatte, liessen sie ihn gehen. 2011 hat die Pasok-Regierung diesem empörenden Missbrauch nach mehreren vergeblichen Anläufen endlich ein Ende bereitet. Das gesetzlich verankerte Universitätsasyl wurde abgeschafft.

Exarchia ist keine Gegend mehr, in der man sich gerne aufhält. Die Situation hat sich noch verschärft, seit am Abend des 6. Dezember 2008 der 15jährige Alexandros Grigoropoulos von einem Polizisten erschossen wurde, angeblich versehentlich durch einen Querschläger. Der Todesschuss auf den Schüler, ein halbes Kind noch, war nur der Funke, der das Fass endgültig zum Überlaufen brachte: die über Jahre angesammelte Wut auf den abgewirtschafteten Staat brach sich Bahn, auf die korrupte politische Kaste, das rückständige und ungerechte Bildungswesen, die Misswirtschaft insgesamt und die unfähige Bürokratie, die es bis heute nicht geschafft hat, die alltägliche Steuerhinterziehung speziell der Reichen in den Griff zu bekommen. Der Zorn auf das inhumane System, der schon lange unter der Oberfläche schwelte, löste die schwersten Unruhen seit der Militärdiktatur aus. Eine ungeheure Protestwelle griff auf das ganze Land über, vor allem in den Städten kam es zu schlimmen Ausschreitungen und Strassenschlachten mit der Polizei.

Auch wenn sich die Lage insgesamt inzwischen beruhigt hat, vergessen ist der Vorfall nicht. Vor allem nicht in Exarchia. Dort hat man an dem Haus an der Ecke Mesolongiou/Tsavela, vor dem Alexis oder Gregory, wie ihn seine Freunde nannten, von der tödlichen Kugel getroffen wurde, eine schwarze Gedenktafel mit einem Bild des Jugendlichen und einer Inschrift angebracht, vor das die Menschen noch immer Blumen niederlegen. Sympathisanten haben das Strassenschild ausgetauscht: Die Odos Mesolongiou heisst jetzt Alexandrou-Grigoropolou-Strasse.

Inzwischen meiden auch Athener selbst dieses Viertel. Manche, die in den wohlhabenden Villenvororten im Norden leben, fahren nicht einmal mehr in das Athener Zentrum: "Ich war schon über ein Jahr lang nicht mehr dort" sagte mir ein in Kifisia wohnender Arzt. "Die ewigen Demonstrationen und die Strassenschlachten der Autonomen mit der Polizei sehe ich mir im TV an."  Das scheint mir stark übertrieben zu sein. Denn abgesehen von wenigen Quartieren ist Athen immer noch eine sichere Stadt. Im Nachbarviertel von Exarchia, in Kolonaki, pulsiert das Leben wie eh und je, in den Cafes und Restaurants findet man zu keiner Zeit kaum einen Platz. Dasselbe gilt für die anderen Stadtteile im Zentrum, ausgenommen eben Exarchia und die Gegend um den nahen Omoniaplatz.

      

Samstag, 4. Mai 2013

Griechische Insel zu verkaufen

Griechenland macht nun endlich ernst mit der seit 2011 von der Troika geforderten, der Regierung jedoch nur zögerlich begonnenen Privatisierung. Als erstes Unternehmen wurde Anfang Mai ein "Kronjuwel" privatisiert, der staatliche Lotterie- und Wettveranstalter Opap. 33 Prozent gingen auf das tschechisch-griechische Konsortium Emma Delta über, an dem der griechische Reeder Giorgios Melissanides zu einem Drittel beteiligt ist. Emma Delta zahlte dem griechischen Staat inklusive Dividende 712 Millionen Euro. Die Privatisierung des nationalen Gasversorgers Depa, die Anfang Juni abgeschlossen sein sollte, ist geplatzt. Der einzige Interessent, die russische Gazprom, hat kein verbindliches Gebot abgegeben. Bis zum Jahr 2015 wollte Griechenland elf Milliarden Euro aus der Veräusserung von Staatsvermögen erlösen, die zur Schuldentilgung eingesetzt werden müssen. Dieses Ziel dürfte wohl nicht mehr zu erreichen sein. 2011 hatte man noch mit erheblich höheren Einnahmen, mit 50 Milliarden Euro, gerechnet.

Da der Verkauf aus dem im Privatisierungsprogramm vorgesehenen Staatsbesitz bei weitem nicht die erwarteten Erträge bringt - manche Firmen, z.B. die griechische Eisenbahn, sind so marode, dass jeder Investor von vornherein abwinkt -, hat die griechische Regierung jetzt auch die Inseln ins Visier genommen. Sie erwägt zwar nicht deren Verkauf, das lässt die derzeitige Gesetzeslage nicht zu und das ist auch nicht gewollt, zieht aber die langjährige Verpachtung unbewohnter Inseln in Betracht, die für die Entwicklung touristischer Projekte geeignet erscheinen. Allerdings sind diese Pläne, so beschloss es das Parlament im Februar 2013, vor ihrer Ausführung dem Verteidigungsministerium und dem Ministerium für öffentliche Sicherheit zur Prüfung vorzulegen. Die Pachtdauer soll 30 bis 50 Jahre betragen.

Griechenland hat über 2000 Inseln und Inselchen, sie machen ein Fünftel der Landesfläche aus. Rund 180 Inseln sind bewohnt, etwa 500 befinden sich in Privatbesitz. Inzwischen sind 60-70 kleine Privatinseln auf dem Markt. Die neu eingeführte Immobilienabgabe und die höhere Grundsteuer zwingen auch wohlhabende Eigentümer, sich von ihrem Grundstück, ihrer Villa oder Insel zu trennen. In diesen Zeiten sind selbst die Superreichen gezwungen, auf ihre Budgets zu achten. Da aber die meisten Inseln aus unterschiedlichen Gründen nicht bebaut werden können, etwa weil sie unter Naturschutz stehen, archäologische Stätten oder militärisches Gebiet sind und ähnliches mehr, finden sie nur schwer Käufer. Somit reduziert sich das Angebot, das Investoren anlocken könnte, auf rund ein Dutzend.

Eine davon ist die vier Quadratkilometer grosse Felseninsel Patroklos nahe Kap Sounion, auf dem der berühmte Poseidontempel steht. Sie soll 150 Millionen Euro kosten. Zum Verkauf steht auch das kreisrunde Inselchen Agios Athanasios im Golf von Korinth, das mit nur 1,6 Millionen Euro ziemlich preiswert erscheint. Sie wird als "Privatinsel mit altem Baumbestand (Oliven- und Feigenbäume) sowie kleinem Strand (ca. 300 qm)" angeboten. "Die Gesamtfläche beträgt 11 000qm - nicht eingeschlossen die offizielle Küstenlinie. 8500 qm haben den Grünen Stempel, d.h. sie sind vom Landwirtschaftsministerium zur Bebauung freigegeben." Im Angebot ist auch eine zur Diapori-Gruppe gehörende Insel im Argosaronischen Golf, die schnell von Piräus aus zu erreichen ist, ein Inselchen in der Südägäis bei Amorgos sowie drei kleine Eilande im Ionischen Meer nahe Korfu.

Im Ionischen Meer hat auch der Emir von Katar zugeschlagen. Er kaufte im Frühjahr 2012 sechs unbewohnte Inselchen, die schon von antiken Autoren erwähnten Echinades. Sie liegen direkt vor dem Festland nahe Ithaka, der mythischen Heimat des Odysseus. Für die kleine Gruppe soll er 8,5 Millionen Euro bezahlt haben. Angeblich war der Makler heilfroh, die Inseln los geworden zu sein, weil sie schon 40 Jahre am Markt waren. Dass die Käufer nicht Schlange stehen, hat nichts mit der Qualität oder Beschaffenheit der Inseln zu tun, sondern mit den starren bürokratischen Hürden, die jeden gutwilligen Investor abschrecken. Den Käufer erwartet oft eine langjährige Odyssee durch verschiedene Ministerien und Behörden, um die notwendigen Papiere zu erlangen. Selbst dem Emir machen die rigiden Bauvorschriften zu schaffen. Die Villen, die er für seine umfangreiche Familie - drei Ehefrauen und 24 Kinder - bauen möchte, dürfen nicht grösser als 250 qm sein. So gross sei daheim allein schon sein Bad, liess er wissen. Und Ioannis Kassianos, der griechisch-amerikanische Bürgermeister von Ithaka, zu dem die Echinades verwaltungsmässig gehören, sagte der Europe News am 5. März: "Auch wenn man eine Insel kauft, sogar als Emir von Katar, dauert es eineinhalb Jahre, bis der Papierkram durchgestanden ist."  Offiziell ist der Emir noch immer nicht der Besitzer. (Kleine Anmerkung am Rande: Kassianos, Bauunternehmer und Multimillionär, wurde 2013 wegen Steuerhinterziehung und Korruption als Bürgermeister abgesetzt.)

Der Griechenlandliebhaber kann beruhigt sein: Einen Ausverkauf der Inseln wird es nicht geben. Da sei die Bürokratie vor.





Donnerstag, 25. April 2013

Fava - eine Spezialität aus Santorin

Fava - eine Spezialität aus Santorin - und was wir den Griechen sonst noch unbedingt abkaufen sollten


Fava sind eine Köstlichkeit. Wer Santorin besucht, sollte nicht versäumen, dieses Gericht, das die meisten guten Restaurants anbieten, zu bestellen. Man findet es auch auf anderen südlichen Kykladeninseln wie Paros, Naxos und vor allem Milos, aber dort muss man oft lange nach einem Lokal suchen, das diese Hülsenfrucht auf seiner Speisekarte führt bzw. sie nach dem Originalrezept und mit den echten Santorini-Bohnen zubereitet. Serviert mit lokalen "Accessoires" wie kleingehackten roten Zwiebeln, frischem Dill oder Kapernblätter und einem Schuss kräftigen, nativen und vor allem ungepanschten Olivenöl kann Fava zu einer Leibspeise werden.

Fava sind kleine gelbliche platte Bohnen von etwa zwei Milimeter Durchmesser, deren besonderer Geschmack und typische qualitative Merkmale auf die spezielle Santorini-Erde zurückgeführt werden. Ihre Einzigartigkeit ist den Umwelt- und Anbaubedingungen, die es nur hier gibt, zu verdanken, sowie einem speziellen Trocknungsverfahren.

Aufgrund der aussergewöhnlichen Bodenbeschaffenheit - vulkanische Erde - , den Klimabedingungen und der Pflanzenart haben die Fava Santorins einen sehr hohen Anteil an Kohlehydraten (63 Prozent) und Proteinen (20 Prozent). Für Vegetarier und Veganer sind sie die ideale Kost.

Das Anbaugebiet der echten Santorini-Bohnen ist eng begrenzt: auf Santorini und Thirasia sowie die winzigen unbewohnten Nebeninseln Aspronisi, Christiana und Askania. Archäologische Funde (Samen) aus Akrotiri belegen, dass Fava hier bereits seit 3600 Jahren kontinuierlich angepflanzt wird.

Fava gibt es auf Santorini in jedem Supermarkt. Da die echten Bohnen rar sind, haben sie einen stolzen Preis: 500 Gramm kosten sieben bis acht Euro. In Athen bekommt man die Original-Fava in den gehobenen Supermärkten. Wer nicht soviel Geld ausgeben möchte, kann Fava-Bohnen aus anderen Anbaugebieten für knapp ein Drittel dieses Preises kaufen. In Deutschland findet man Fava in Läden, die sich auf mittelmeerische Produkte spezialisiert haben.

Was können wir den Griechen sonst noch abkaufen, um ihnen ökonomisch ein wenig unter die Arme zu greifen? Worin sind sie Spitze?  Spitze ist griechischer Spargel, der vor allem im Norden angebaut wird. Er ist im Geschmack kräftiger als der deutsche, ist einige Wochen eher auf dem Markt und sehr viel billiger. Ähnliches gilt für die griechischen Kirschen, die gewöhnlich etwas kleiner als die deutschen sind, aber unübertroffen süss und voll im Geschmack. Keine Spur von Wässrigkeit. Auch mit anderen Agrarprodukten wie Pfirsichen, Aprikosen und Melonen könnten die Griechen erheblich mehr punkten, wenn sie endlich die italienischen Grosshändler ausschalten und sich ihre eigenen Vertriebswege schaffen würden.

Exportschlager sind Oliven, besonders die schwarzen aus Kalamata, und natürlich ihr berühmtes Olivenöl. Mit rund 430 000 Tonnen pro Jahr ist Hellas drittgrösster Produzent global. Feinschmecker und Sterneköche schwören auf das unnachahmlich aromatisch-bitterfruchtige "grüne Gold" aus Kalamata und einiger Anbaugebiete auf Kreta. Griechenland hat das beste Öl der Welt und verschleudert den grössten Teil an die Italiener, die es mit älterem italienischen, zum Teil auch marokkanischem Öl panschen und diesen Verschnitt unter italienischen Markennamen zu einem hohen Preis exportieren - auch in die griechischen Supermärkte. Weil die hellenischen Erzeuger keine modernen Abfüllanlagen haben, die Oliven nur in Einzelfällen an Ort und Stelle weiterverarbeitet werden und nicht in wirtschaftlich rentablen Mengen, gelangen nur knapp zehn Prozent direkt in den Handel. Ausserdem mangelt es an Marketingstrategien, die die meist familiär geführten Betriebe gar nicht leisten können, und wohl auch an Unternehmergeist. Damit verschenken die Griechen die Chance, ein Qualitätsprodukt ersten Ranges selbst auf den Markt zu bringen. Das grosse Geld verdienen die Italiener.

Ähnliches trifft auch auf andere Produkte zu. Manche griechischen Erzeugnisse kennt der deutsche Käufer gar nicht, weil sie hier kaum angeboten werden, wie Nüsse (besonders Pistazien), Honig, Käse - noch immer verbindet er mit Hellas nur Feta, Joghurt und Satziki - , darunter ganz hervorragende Hartkäsespezialitäten und anderes mehr. Da der Anteil des Agrarsektors am Export immerhin gut 20 Prozent beträgt, muss dieser Bereich erheblich ausgeweitet werden. Die Vermarktung muss professionalisiert und die industrielle Verarbeitung erhöht werden. Es ist nun mal das Hauptproblem Griechenlands, dass im Land selbst zu wenig produziert wird. Die klein- und mittelständisch geprägten landwirtschaftlichen Betriebe müssen Kooperationen gründen, um die Kosten zu senken und in Europa konkurrenzfähiger zu werden. Bei einem entsprechend grösseren Angebot wären die griechischen Erzeugnisse bekannter und somit auch viel stärker gefragt. Um zum Beispiel in das Sortiment von Supermarktketten aufgenommen zu werden, müssen die Produkte kontinuierlich und in grossen Mengen lieferbar sein. Um dieses Ziel zu erreichen, d.h. die Ausfuhren zu steigern, sind noch erhebliche Anstrengungen nötig. Die Agrarwirtschaft könnte längst konkurrenzfähig sein, hätten die Griechen die seit den neunziger Jahren aus Brüssel ins Land fliessenden Strukturhilfen in die Modernisierung der Landwirtschaft gesteckt und sie nicht auf unverantwortliche Weise für den Kauf teurer Autos oder Ferienhäuser verpulvert. Das ist Vergangenheit, aber dieses kurzsichtige Denken, von den damaligen nur auf Machterhalt bedachten Parteien noch gefördert oder zumindest nicht verhindert, hat sie langfristig um den Gewinn gebracht.

Es gibt jedoch auch Erfolgsgeschichten: Die Naturkosmetikfirma Korres, 1996 von Georgios Korres gegründet und inzwischen die grösste Griechenlands, arbeitet ausschliesslich mit natürlichen Inhaltsstoffen. Die Produkte des börsennotierten Unternehmens gibt es in 30 Ländern, auch in Deutschland, in Apotheken und guten Einzelhandelsgeschäften. Ein anderes, ebenfalls börsennotiertes und international tätiges Unternehmen ist Creta Farm. Es hat ein Verfahren entwickelt, das einen Teil der tierischen Fette aus dem Fleisch entfernt und durch gesundes Olivenöl ersetzt. Beide Firmen sind in der Krise sogar gewachsen.

Eine Erfolgsgeschichte könnte auch der Handel mit Wein werden: Die Anbaubedingungen sind optimal: kalkhaltige Böden, ganzjährige Sonneneinstrahlung, kaum Reblausbefall, so dass keine massiven Chemie-Einsätze notwendig werden, und eine grosse Anzahl einheimischer Rebsorten - ca. 300 -, die bestimmte Mikroklimata brauchen und anderswo nicht angesiedelt werden können. Griechische Weine gibt es in fünf Qualitätsstufen, die von hoher Qualität aus kontrollierten Anbaugebieten - zur Zeit sind das 25 - bis zur letzten Kategorie Tafelwein reichen.  Aber auch wenn dem griechischen Wein das Retsina-Image längst nicht mehr anhaftet (der Harzwein nimmt in der Kategorisierung übrigens eine Sonderstellung ein), sind noch immer viele erstklassige Erzeugnisse ausserhalb Griechenlands relativ unbekannt. Mittlerweile gibt es eine grosse Auswahl erlesener Weine, die dabei sind, sich zu ernsthaften Konkurrenten italienischer und französischer Spitzenerzeugnisse zu entwickeln. Aber auch hier hapert es am Export: Ebenso wie beim Olivenöl werden noch nicht einmal zehn Prozent der jährlichen Produktion (rund 4.000.000 Hektoliter)  in Flaschen ausgeführt. Die bekanntesten und grössten Weinhersteller sind Achaia Clauss, Tsantali und Boutari. Boutari besitzt sechs Weingüter in Griechenland und eins im französischen Languedoc.

Dennoch gibt es inzwischen einige Lichtblicke in der Krise. Seitdem die jetzt ins sechste Jahr gehende schwere Rezession jeden vierten Griechen (26 Prozent) und bei den unter 25jährigen jeden Zweiten (57 Prozent) arbeitslos gemacht hat, strömten Zehntausende aus den Städten zurück aufs Land, um die brachliegenden Felder ihrer Eltern oder Grosseltern zu bewirtschaften. Unter den Neubauern sind viele Akademiker, die Unternehmergeist mitbringen, Export-Netzwerke bilden und auf biologischen Anbau setzen. Speziell die grossen Inseln bieten wegen der geringen Umweltverschmutzung - es gibt kaum Industrien - die besten Voraussetzungen. Manche spürten Nischen auf, bauen Aloe Vera an, züchten Pilze, sammeln Weinbergschnecken oder Trüffel. Tausende von ihnen erhielten verbilligte Kredite, die beim Aufbau der neuen Existenz helfen. Um sich endlich von den veralteten agrarischen Geschäftsmodellen zu verabschieden, werden den Landwirten Schulungen in Ökologie und Betriebswirtschaft angeboten. Diese Schritte scheinen erste Erfolge zu zeitigen, zumindest für Wein und Olivenöl. Ihre Exporte nach Deutschland nahmen im Jahr 2012 um 24 Prozent (Wein) und 18 Prozent (Olivenöl) zu.

Es gibt noch sehr viel ungenutztes Potential in der griechischen Landwirtschaft. Und damit gute Zukunftsperspektiven.

Freitag, 15. März 2013

Cafe Economou

Das Cafe Economou in der Hamburger Kunsthalle

Ein griechischer Wohltäter in Hamburg


Die Hamburger Kunsthalle am Glockengiesserwall ist das bekannteste Kunstmuseum der Hansestadt und eines der bedeutendsten, grössten und seit Jahren bestbesuchten von ganz Deutschland. Seine Sammlungen sind von internationalem Rang und decken ein breites Spektrum ab, sie reichen vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Schwerpunkte sind die italienische Renaissance, die französische Malerei des 17. und 18. Jahrhunderts, die deutsche Malerei des 19. Jahrhunderts, Impressionismus und Klassische Moderne. 1997 hinzugekommen ist die grossartige Galerie der Gegenwart. In dem von Oswald Mathias Ungers konzipierten vierstöckigen Kubus werden alle wichtigen zeitgenössischen Künstler präsentiert, darunter Baselitz, Polke, Gerhard Richter, Jenny Holzer, Op- und Pop-Artisten wie Warhol, um hier nur einige wenige zu nennen.

Damit sich die Kunstliebhaber von dem überwältigenden Kunstangebot in kongenialem Rahmen erholen können, hat man zwei neue Cafe-Restaurants eingerichtet: The Cube in der Galerie der Gegenwart mit einer grossen Sonnenterrasse zur Alster und das Cafe George Economou, das erst im September 2011 eröffnet wurde, in der Rotunde. Namensgeber ist George Economou, ein milliardenschwerer griechischer Reeder, Unternehmer und Kunstsammler. Sein temperamentvoller Agent Dimitri Gravanis, den alle nur Dimitri nennen, liebt es, die Auktionssäle aufzumischen. Er ist durch sein nicht eben diskretes Auftreten in den grossen deutschen Häusern wie Villa Grisebach in Berlin, Neumeister und Ketterer in München oder Lempertz und Van Ham in Köln bestens bekannt. So liefert er sich oft heftige Bieterduelle mit Konkurrenten und sorgte schon verschiedentlich für Rekordpreise. Geld scheint keine Rolle zu spielen!

Durch die finanzielle Unterstützung eines griechischen Grosssammlers war es der Hamburger Kunsthalle nun also möglich geworden, die stylische Einrichtung des Museumscafes durch Philippe Starck zu realisieren, mit Tischen und dreibeinigen Stühlen, die der Stardesigner 2006  für das legendäre Cafe Costes im Pariser Hallenviertel entworfen hat. 250 000 Euro war Economou die Namensgebung wert. Griechenland steht vor der Pleite und ein Grieche spendiert der Hamburger Kunsthalle ein luxuriöses Cafe. Fühlt sich Museumsleiter Hubertus Gassner wohl bei diesem Gedanken? Das fragte ihn das Hamburger Abendblatt in einem Interview am 14.Dezember 2012.

"Was hat George Economou dafür getan, dass das Cafe seinen Namen tragen darf?" fragte das Abendblatt.
Die Antwort Gassners: ".... Da uns das Geld für die Neueinrichtung eines Cafes fehlte, habe ich ihn gefragt, ob er sich dafür engagieren würde. Daraufhin hat er uns 250 000 Euro zur Verfügung gestellt. Als Gegenleistung bleibt sein Name insgesamt sieben Jahre lang bestehen ... Dass Griechenland mal so zum Thema werden könnte, war damals gar nicht abzusehen."
Abendblatt: "Economou ist nicht nur Kunstsammler, sondern gehört auch zu jener kleinen Schicht steinreicher Griechen, die jetzt aufgrund ihres Verhaltens heftig in der Kritik stehen. Ist das für Sie ein Problem?"
Gassner: "Das kann sich zum Problem entwickeln. Aber ich konnte die ökonomische Entwicklung in Griechenland nicht voraussehen, als ich 2009 den Vertrag mit ihm schloss. Ausserdem ist George Economou ein in der Hamburger Geschäftswelt ausserordentlich gut beleumundeter Mensch. Hier hat er als Kunstsammler und als Geschäftsmann einen sehr guten Ruf."
Auf die Frage, ob es nicht merkwürdig ist, wenn sich ein griechischer Mäzen während sein eigenes Land mitten in einer Krise steckt ausgerechnet für ein deutsches Museum engagiert, antwortete Gassner: "Das ist eine moralische Frage. Natürlich kann man darüber nachdenken, warum er nicht ein Museumscafe in Athen, sondern in Hamburg finanziert. Beantworten kann ich das aber nicht."

Es klingt nicht so, als würde sich der Museumsmann über die griechische Krise den Kopf zerbrechen. Das Cafe allerdings ist wirklich rundum schön. Hier geht man auch gerne hin, ohne in einer der Ausstellungen gewesen zu sein.

Donnerstag, 14. März 2013

Die Crux mit den Athener Strassennamen


Es verlangt nicht selten eine gewisse Findigkeit, in Athen von A nach B zu gelangen. Die hohe Kunst, eine Strasse oder bestimmte Adresse zu finden, ist oftmals zeitraubend und kompliziert und stuerzt nicht nur Athen-Unkundige in tiefste Verwirrung. Je nach der Regierung nämlich, die gerade an der Macht ist, werden Strassen und Plätze häufig umbenannt, speziell die repräsentativen. In letzter Zeit hat man sich damit gluecklicherweise zurueckgehalten - gegenwärtig gibt es gewichtigere Probleme - , aber die frueheren Aenderungen verursachen noch immer Schwierigkeiten und bereiten ziemliche Umstände.

Die Strassenschilder, die die Namen vorbildlich jeweils in griechischen und lateinischen Lettern widergeben, helfen nicht immer weiter. Manche nennen nur den gebräuchlichen alten Namen, andere den alten und den neuen und manche nur die neue Bezeichnung; man wundert sich auch gelegentlich ueber ein und dieselbe Strasse, die an ihrem Anfang den einen und an ihrem Ende einen anderen Namen trägt. Eine Strasse, die mich seit Jahren regelmässig verzweifeln laesst, ist die Odos Adrianou, die mitten durch die Altstadt Plaka zieht. An der Römischen Agora macht sie urplötzlich einen Knick, der Dexippou heisst. An dessen Ende muss man in die Areos einbiegen, bevor man sich - nach links gehend - in der Adrianou wiederfindet (sofern man nicht die schlecht einsehbare, von Touristenmassen blockierte Abzweigung verpasst hat und unversehens und einigermassen ratlos im Gedraenge des Monastiraki-Platzes umher irrt). Gluecklich also in der Adrianou angekommen, verläuft sie an der antiken Agora vorbei bis hinauf zum Theseion. Wie oft ich hier schon im Kreis gelaufen bin, kann ich an zwei Händen nicht abzählen. Warum die Strasse in ihrer Mitte plötzlich anders heisst, hat sich mir bisher noch nicht erschlossen.

Probleme bereitet auch die Piräos, eine kilometerlange Hauptverkehrsader, die vom Omoniaplatz bis nach Piräus fuehrt. Diese Strasse heisst offiziell P. Tsaldari und so steht es auch auf den Strassenschildern, doch fragt man einen Athener danach, erntet man gewöhnlich ein Schulterzucken. Er kennt sie nur unter ihrem alten Namen Piräos. Vollends tragisch kann es werden, wenn man zur Platia Eleftherias, dem Freiheitsplatz, möchte, von dem aus die Busse nach Dafni und Eleusis abfahren. Er liegt nämlich direkt an der P. Tsaldari-Strasse, die eben alle nur als Piräos-Strasse kennen, und die Platia Eleftherias kennen alle nur unter ihrem alten Namen Platia Koumoundourou - sogar der offzielle von der Griechischen Fremdenverkehrszentrale herausgegebene Stadtfuehrer "Athen" macht hier keine Ausnahme. Da kann man denn schon mal leicht ins Gruebeln oder gar ins Schwitzen geraten und den Bus zum Kloster Dafni verpassen. Jedenfalls empfiehlt es sich bei Verabredungen, einen gewissen Zeitpuffer einzuplanen, um puenktlich zu sein.

Freunde von mir sind im letzten Jahr bei sengender Hitze mehrmals rund um den Omonia-Platz gelaufen, weil sie die vom Platz abgehende Patission nicht fanden, an der das weltberuehmte Archäologische Nationalmuseum steht. Diese Strasse heisst nämlich offiziell 28. Oktovriou und so steht es auch auf dem dortigen Strassenschild. Aber jeder nennt sie nur Patission, ebenso wie jeder die El. Venizelou-Strasse, an der das Schliemann-Haus (mit einem sehr huebschen, stillen Gartencafe) steht, Panepistimiou nennt und den Platz mit dem Rathaus Platia Kotzia und nicht Platia Ethnikis Antistaseos, wie er offiziell heisst.

Die Postboten finden sich in diesem Durcheinander gut zurecht. Ich habe mir sagen lassen, dass die Briefzustellung perfekt funktioniert. Weniger gut geschult und Welten entfernt etwa von ihren Londoner Kollegen, die eine strenge Pruefung bestehen muessen, ehe sie auf ihre Kunden losgelassen werden und denen jede noch so winzige Sackgasse geläufig ist, sind die Athener Taxifahrer. Viele kommen aus Dörfern in Attika und sind den Finessen des Athener Strassensystems selber hilflos ausgeliefert. Wuerde man etwa dem Fahrer als Adresse Platia Filikis Etairias nennen, chauffierte er einen auf der Suche danach vermutlich durch halb Athen, um schliesslich entnervt aufzugeben. Dabei handelt es sich um die mitten im Zentrum gelegene, nur fuenf Gehminuten vom Parlament entfernte Platia Kolonakiou, den Kolonaki-Platz, den jeder kennt und auch so nennt. Diese Liste liesse sich fortfuehren.

Die Uneinheitlichkeit in der Nennung der Strassennamen findet man oft auch in einschlägigen Veröffentlichungen und sogar auf Stadtplänen. Letzteres ist meist dem Platzmangel geschuldet, schliesslich muessen beide Versionen, die griechische und die lateinische, auf kleinstem Raum gedruckt werden.
Was also tun? Das Athener Zentrum ist zum Glueck ziemlich klein, so dass man fast alle Sehenswuerdigkeiten erlaufen  kann. Um ohne Umwege ans Ziel zu gelangen, ist es besser, sich an die gebräuchlichen alten Namen zu halten oder - noch klueger - beide Namen zu wissen. Ferner sollte man immer einen Stadtplan zur Hand haben, um auf die entsprechende Adresse zu tippen, wenn man gar nicht weiter weiss. Am allerkluegsten aber ist es, nicht in Hektik zu verfallen, sondern sich in eines der vielen Strassencafes zu setzen und bei einem Cappuccino oder Eiskaffee den Trubel drumherum zu geniessen, der Athen ausmacht. Sie muss man jedenfalls nicht suchen, Cafes und kleine Tavernen gibt es genug und ueberall. Hier kann man dann in aller Ruhe den Stadtplan studieren und gegebenenfalls den Kellner nach dem Standort der gesuchten Sehenswuerdigkeit fragen. Er kann in den meisten Fällen weiterhelfen und wenn ausnahmsweise nicht, wird er sich genötigt sehen, einen der Angestellten oder der griechischen Gäste zu fragen. Sein Ziel erreicht man immer, und sei es in Begleitung.

Erzbischof Damaskinos und Evangelos Evert

Zwei Gerechte unter den Völkern

Wenn man vom Sintagmaplatz in Richtung Plaka geht, passiert man einen weitläufigen Platz, an dem die Grosse Mitropolis steht, die Kirche des orthodoxen Erzbischofs von Athen. In ihr heiratet mit allem Prunk, wer in Athen Rang und Namen hat, hier werden die Minister vereidigt, und auch zu den obligaten Ostergottesdiensten sieht man hier viel Athener Prominenz.

Die Metropolitankirche war auch die Wirkungsstätte von Erzbischof Damaskinos, dem Oberhaupt der griechisch-orthodoxen Kirche während der Zeit der deutschen Besatzung. An ihn erinnert das Denkmal in der Mitte des Platzes. In den marmornen Sockel ist ein Satz graviert, der von beispielloser Kuehnheit, ja, geradezu Waghalsigkeit, kuendet: "Die griechischen Priester werden nicht erschossen, sie werden gehängt. Bitte respektieren Sie diese Tradition." Dies war die Antwort des Erzbischofs an den SS-Brigadefuehrer und Generalmajor der Polizei, Juergen Stroop, der das widerständige Verhalten des obersten Kirchenmannes mit unbaendigem Hass verfolgte und ihm drohte, ihn wegen seiner Proteste gegen die Verfolgung der griechischen Juden erschiessen zu lassen. Bevor Stroop nach Athen kam, hatte er sich in Warschau hervorgetan und den Aufstand im Ghetto grausam niedergeschlagen. Um seine "Meriten" bei der Zerstörung des Ghettos angemessen zu praesentieren, fertigte er eine Bilddokumentation an, die als sogenannter Stroop-Bericht später, nach 1945, eine entscheidende Rolle in den Nuernberger Prozessen spielte.

Über die Massnahmen der nationalsozialistischen Besetzer gibt eine "Anordnung" Stroops vom 4. Oktober 1943 Auskunft, die drei Tage später in der Athener Zeitung "Eleftheros Vima" veröffentlicht wurde. (Im Juedischen Museum in der nahen Odos Nikis hängt das deutsche Originaldokument.) Darin heisst es unter Punkt 3, dass alle Juden "in Athen und Vororten verpflichtet (sind), sich binnen fuenf Tagen bei der Juedischen Kultusgemeinde in Athen zu melden und sich dort registrieren zu lassen..." Punkt 4 drohte: "Juden, die diesen Anordnungen nicht nachkommen, werden erschossen. Nichtjuden, die Juden versteckt halten, ihnen Unterschlupf gewähren oder ihnen zur Flucht behilflich sind, werden in Arbeitslager eingewiesen, falls keine schwerere Bestrafung erfolgt." Unmissverständlich war auch Punkt 9: "Die griechischen Polizeibehörden werden angewiesen, die Durchfuehrung obiger Anordnung auf das schärfste zu kontrollieren und zuwiderhandelnde Juden oder Personen, die ihnen bei der Nichtbeachtung der Anordnung behilflich sind, sofort festzunehmen."

Weder die Athener Juedische Gemeinde noch die griechischen Polizeibehörden kamen den Befehlen des SS-Fuehrers nach. Im Gegenteil, sie widersetzten sich ohne Ruecksicht auf das eigene Risiko den Forderungen der Gestapo. Kultusgemeinde, orthodoxe Kirche und Polizei arbeiteten Hand in Hand und ergriffen sofortige Massnahmen, um die Juden zu schuetzen. Erzbischof Damaskinos hatte bereits im März 1943 an die deutschen Besatzungsbehörden appelliert, die Vertreibung griechischer Staatsbuerger sofort zu beenden. Als die ersten Deportationen Mitte März in Saloniki einsetzten, verfasste er ein Memorandum, in dem er die Judenverfolgungen öffentlich verurteilte und sich nachdruecklich fuer die Juden einsetzte. 29 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens hatten den Appell mitunterzeichnet, was unter den damaligen Bedingungen des Terrors viel Mut erforderte. Darunter waren die Präsidenten der Athener Akademie, der Universitäten, der Handelskammer sowie die Leiter weiterer bedeutender akademischer, wirtschaftlicher und kuenstlerischer Institutionen.

Doch alle Versuche, die Juden von Saloniki zu retten, schlugen fehl.

Angespornt durch das couragierte Engagement des Metropoliten wies der Athener Polizeipräsident Angelos Evert seine Behörde an, Juden bei Bedarf falsche Papiere auszustellen. Mehrere hundert Personen erhielten auf diese Weise neue Ausweise und Pässe und entgingen so der Deportation in die Vernichtungslager. Manche Personalurkunden fertigte Evert eigenhändig aus. Erzbischof Damaskinos gab Menschen mosaischen Glaubens eine christliche Identität. Er erteilte falsche Taufscheine und rief die Geistlichen in den Klöstern ausdruecklich dazu auf, jeden juedischen Fluechtling aufzunehmen, der um Schutz bäte. Ein breites Netz der Fluchthilfe entstand.

Das Verhalten der kirchlichen, politischen und intellektuellen Eliten schuf die Voraussetzung dafuer, dass sich auch die Bevölkerung von den Drohungen der deutschen Besetzer nicht einschuechtern liess. Viele Juden kamen bei ihren christlichen Landleuten, bei Freunden und Nachbarn, unter; andere gingen mit den Partisanen in die Berge wie der Oberrabbiner Elias Barzelai, der die Athener juedische Gemeinde während der Nazizeit und danach - er hatte ueberlebt - betreute. Im Gegensatz zu seinem Kollegen in Saloniki, Oberrabbiner Zwi Koretz, hatte er die Zusammenarbeit mit den Deutschen auf ein Minimum beschränkt. So kam er der Aufforderung, ihnen die Einwohnerlisten der Athener Juden auszuhändigen, nicht nach, sondern zerstörte die bestehenden Karteien, damit sie den Besatzern nicht in die Hände fielen. Schätzungen zufolge hielten sich damals etwa 8000 bis 10 000 Juden in Athen auf, grossteils Fluechtlinge aus Saloniki. Die meisten entgingen so der drohenden Deportation in die Vernichtungslager. Von den 800 Menschen hingegen, die im April 1944 nach Auschwitz transportiert wurden, ueberlebten nur wenige. 

Erzbischof Damaskinos (1891-1949) und Angelos Evert (1894-1970) - uebrigens der Sohn eines bayerischen Offiziers der Königlichen Gendarmerie Ottos I. -  wurden 1969 vom Staat Israel als "Gerechte unter den Völkern" geehrt, das ist die höchste Auszeichnung, die Israel an Nichtjuden zu vergeben hat. Sie wurde bisher insgesamt 313 Griechen verliehen.