Sonntag, 9. Februar 2014

Fix-Bier. Die erste Brauerei Griechenlands

Das im Jahr 2000 gegründete Nationalmuseum für zeitgenoessische Kunst erhält nach jahrelanger provisorischer Unterbringung endlich sein permanentes Haus. Es wird im Sommer 2014 in das Gebäude der ehemaligen Fix-Brauerei an der Syngrou-Strasse einziehen. Der von dem Modernisten Takis Zenetos (1926-77), einem der tonangebenden Nachkriegsarchitekten, 1957 erbaute monumentale Riegel sollte in den neunziger Jahren im Zuge des Metrobaus einem Parkhaus weichen. Zwei Drittel des Gebäudes waren schon abgerissen, als eine Zenetos-Bürgerinitiative die weitere Demolierung stoppte. In den folgenden Jahren wurde viel über die zukünftige Nutzung des Restbaus diskutiert, und zahlreiche Vorschläge wurden unterbreitet, bis der Eigentümer Attiko Metro schliesslich einen 50jährigen Mietvertrag mit dem Zeitgenoessischen Museum schloss. Es ist mit oeffentlichen Verkehrsmitteln schnell zu erreichen, denn die Metrostation "Syngrou - Fix" befindet sich auf demselben Gelände.

Die Geschichte des Unternehmens Fix, bis Mitte des 20. Jahrhunderts die einzige Grossbrauerei Griechenlands und über Generationen hinweg in Familienbesitz, liest sich als Erfolgsgeschichte. Sie nahm ihren Anfang im Jahr 1833, als der erst 17 Jahre alte bayerische Koenigssohn Otto im Hafen von Nauplia, Griechenlands erster Hauptstadt, landete, nachdem die drei Schutzmächte Russland, Grossbritannien und Frankreich den Wittelsbacher 1832 als ersten Koenig des jungen neugriechischen Staates eingesetzt hatten. Mit dem jugendlichen Monarchen kamen viele Deutsche ins Land: Ausser dem dreikoepfigen Regentschaftsrat - Otto I. war noch nicht volljährig -und 3545 bayerischen Soldaten folgten ihm mehrere tausend Wissenschaftler, Beamte, Architekten, Ingenieure und Handwerker, die vor der schwierigen Aufgabe standen, in dem vom Befreiungskrieg zerrütteten Land, in dem chaotische gesellschaftliche Zustände herrschten, eine funktionierende Verwaltung und ein stabiles Justiz-, Bildungs- und Gesundheitswesen nach westeuropäischem Vorbild, kurz: einen modernen Staat, aufzubauen.

Montag, 3. Februar 2014

Zeitgenössische Kunst in Athen - die Sammlungen von Dakis Ioannou, Dimitris Daskalopoulos und George Economou

Endlich, im Jahr 2000, bekam auch Athen ein Nationalmuseum für zeitgenössische Kunst (EMST), aber leider kein festes Haus. Seitdem wandert es von einem Provisorium ins nächste, zur Zeit ist es im Konservatorium in der Rigilisstrasse in Kolonaki untergebracht. Sein zukünftiges Heim, die alte Fix-Brauerei am Leoforos Syngrou, soll nach langjährigem Umbau im Sommer 2014 soweit fertiggestellt sein, dass es die alle neuen Kunstrichtungen abdeckenden Sammlungen aufnehmen kann; Schwerpunkt sind die Werke führender griechischer Künstler. In einem Land, dessen Kulturpolitik kein Geld hat und für Zeitgenösssisches schon gar nicht, sind Privatinitiativen umso wichtiger, trotz aller Konflikte und ungelösten Fragen, die daraus resultieren. Private Aktivitäten nützen Athen und machen es attraktiver. Sie haben das Kunstleben überhaupt erst in Bewegung gebracht und eine Brücke zu den internationalen Entwicklungen geschaffen.

Naturgemäss verlässt sich die griechische Metropole hauptsächlich auf ihr einzigartiges antikes Erbe - allenfalls noch auf Byzanz - , wer fährt schon eigens nach Athen, um eine Ausstellung von Martin Kippenberger oder Rosemarie Trockel zu besuchen. Aber jeder wird auf die Akropolis steigen, das grossartige neue Akropolis-und das unvergleichliche Archäologische Nationalmuseum besichtigen sowie die vielen ähnlich bedeutenden Sammlungen und antiken Stätten, die von der vergangenen Grösse zeugen, auf die der Grieche so stolz ist und aus der er noch heute sein Selbstgefühl schöpft. Die Fussgängerzonen - der "archäologische Park" - haben die Ausgrabungsstätten einander noch näher gebracht und Athens Verbindung mit seiner antiken Vergangenheit weiter gefestigt. Sie sind Teil des Alltags. Ob man nun mit der Metro mitten durch die antike Agora fährt, in den Tavernen am Römischen Marktplatz zu Abend isst oder in den Strassen unvermittelt über mehr als 2000 Jahre alte Säulen, Thermen und Häuser spaziert, die von Glasböden geschützt sind - die Antike begleitet einen auf Schritt und Tritt. Wo gibt es Vergleichbares auf der Welt?

Durch den stets präsenten Einfluss einer jahrtausendealten Kultur haben die Griechen erst spät begonnen, sich für Gegenwartskunst zu interessieren. Und da die öffentlichen Kassen leer sind - selbst die antiken Hinterlassenschaften zu finanzieren, stellt schon einen erheblichen Kraftakt für das gebeutelte Land dar -, ist Athen mehr als andere europäische Städte, auf denen keine solche Bürde lastet, auf private Stifter angewiesen. Den Anfang machte in den achtziger Jahren der in Athen lebende Industrielle Dakis Ioannou mit seiner Deste Foundation zur Förderung der griechischen Kunst und Kultur, eine Einrichtung, die aus Athen nicht mehr wegzudenken ist. Ioannou besitzt eine der bedeutendsten Sammlungen zeitgenössischer Kunst weltweit, darunter die grösste Kollektion des Pop-Artisten Jeff Koons. Alle nennenswerten Stars am Kunsthimmel sind mit Spitzenwerken vertreten, um die ihn ein jedes Museum beneidet. Im Focus stehen die amerikanische und die britische Kunst der letzten drei Jahrzehnte, zum Beispiel Vanessa Beecroft, Jenny Holzer, Mike Kelley, Kara Walker, Christopher Wool, Paul McCarthy, Chris Ofili und Anish Kapoor. Unter den deutschen Künstlern findet man u.a. Martin Kippenberger, Andreas Gursky, Rosemarie Trockel. Weniger vertreten sind die Griechen, hier scheinen ihm die jungen Video-Künstler Lina Theodorou und Nikos Navridis sowie der 1964 in Athen geborene Miltos Manetas zu gefallen. Manetas ist Maler, Video- und Netzkünstler, er lebt in London.

Die Deste-Stiftung gründete Ioannou schon 1983, mit seiner Sammlertätigkeit begann der er erst einige Jahre später (sein erster Kauf war übrigens ein Koons). Seit 2006 hat sie ihren Sitz in dem Athener Industrieviertel Nea Ionia. Dort liess er eine stillgelegte Strumpffabrik zu einem grosszügigen modernen Ausstellungsgelände umbauen, mit ungewöhnlich angeordneten Räumen über mehrere Etagen, die seine Werke aus allen Sparten der Kunst optimal zur Geltung bringen. Die Ausstellungen hier stellen jedes Mal einen Höhepunkt im Athener Kulturleben dar.

2009 liess Ioannou mit der Deste-Dependance auf der Insel Hydra einen weiteren Glanzpunkt folgen. Eingeweiht wurde sie mit "Blood of Two", einer Performance und Ausstellung von Elizabeth Peyton und Matthew Barney. Zur Eröffnungsparty reiste der internationale Kunst-Jetset an, die grosse Kunstfamilie, die Ioannou um sich geschart hat: Künstler, Kuratoren, Museumsdirektoren, Händler und Sammler - nur allzu bereit, dem Ruf Ioannous zu folgen und das sommerliche Spektakel zu geniessen. Man kennt sich, man trifft sich, man feiert sich. (Die Ausstellungen dauern jeweils von Juni bis Ende September.)

Seine beiden Deste-Häuser und die 2009 eingegangene Kooperation mit dem Kykladenmuseum Athen scheinen Ioannou noch nicht zu genügen. Der unermüdliche "King of Art", wie er auch genannt wird - der Milliardär ist Treuhänder der Guggenheim Foundation, des New Museum of Contemporary Art in New York und des Museum of Contemporary Art Los Angeles - will noch mehr Schwung in Athens Kunstszene bringen. So realisiert die Deste-Stiftung seit 2014 Projekte zusammen mit dem Benaki-Museum, auch um dem selbstgesetzten Anspruch näher zu kommen, eine breite Öffentlichkeit für die neuesten Entwicklungen in der Kunst zu interessieren. Die erste Schau, mit Werken des Georgiers Andro Wekua, findet im Februar und März 2014 statt, eine Gruppenausstellung ist für den Sommer geplant.

Nach dem Vorbild des Turner-Preises richtete Ioannou 1999 den mit 10 000 Euro dotierten Deste-Preis ein, der alle zwei Jahre einen griechischen Künstler auszeichnet. Die Werke der für den Preis - von einer jeweils international hochkarätig besetzten Jury - Nominierten, die "Shortlist", werden über einen Zeitraum von fünf Monaten jeweils im Kykladenmuseum ausgestellt. Ziel ist es, die junge aufstrebende Generation zu fördern und bekannt zu machen, ihr eine Plattform zu schaffen, und gleichzeitig die Athener an die Zeitgenossen heranzuführen. Beides scheint zu gelingen. Die Deste-Preis-Teilnehmer haben Erfolg. So gestaltete beispielsweise Stefanos Tsivopoulos den griechischen Pavillon auf der Biennale Venedig 2013 und erhielt dafür viel Lob. Deanna Maganias schuf das Athener Holocaust-Denkmal, das ebenfalls viel Anerkennung findet. Und auch bei den Athenern, die sich mit der Moderne so schwer tun, stösst die "Deste Prize Exhibition" mehr und mehr auf Interesse.

Ein weiterer weltweit bedeutender Privatsammler und Förderer zeitgenössischer Kunst ist Dimitris Daskalopoulos, ein in Athen ansässiger milliardenschwerer Unternehmer (ihm gehört die Investment-Gesellschaft DAMMA Holdings SA), Präsident des Hellenischen Unternehmerverbandes, Guggenheim-Treuhänder und Aufsichtsrat der Tate London. Daskalopoulos begann vor rund 25 Jahren Kunst zu sammeln. Seine Vorliebe gilt der Skulptur und grossen raumgreifenden Installationen sowie Film und Video; sie nehmen einen besonderen Stellenwert in seiner Kollektion ein. Er besitzt wichtige Arbeiten u.a. von Louise Bourgeois, Robert Gober, Damien Hirst, Paul McCarthy, Matthew Barney, Marina Abramowitsch, Kiki Smith, Martin Kippenberger. Dass er grossteils dieselben Künstler wie Ioannou sammelt, kann nicht wirklich überraschen. Beide greifen nach der angesagten Elite, und die ist klein. Daskalopoulos verleiht - ebenso wie Ioannou - seit Jahren Werke aus seiner Kollektion an Museen in Europa und den USA, stellt aber auch an verschiedenen Standorten in Athen aus. Derzeit ist er auf der Suche nach einem permanenten Heim für seine Sammlung.

Im Sommer 2013 gründete er in Athen die Neon Foundation, eine Organisation "ohne Mauern". Ähnlich wie Deste peilt sie eine grössere örtliche Reichweite an. Sie will dazu beitragen, die Erziehung in den Künsten in Griechenland zu fördern und das Kunstverständnis zu erweitern, ferner ebenfalls für eine weite Verbreitung in der Bevölkerung, vor allem der jüngeren Generation, zu sorgen und sie mit neuen Strömungen bekannt zu machen. Daskalopoulos will das allmählich zwar wachsende, aber immer noch vergleichsweise geringe öffentliche Bewusstsein für die Gegenwartskunst wecken. Sie soll nicht länger nur einer Elite zugänglich sein. Neon arbeitet sehr aktiv mit kulturellen Organisationen zusammen und unterstützt private wie öffentliche Einrichtungen. So realisierte die Stiftung im Sommer 2013 die "Heart of Darkness"-Exposition in der Piräos 260 und im Herbst 2013 eine grosse Ausstellung zum 60. Geburtstag von Martin Kippenberger im Athener Kykladenmuseum. Es war die erste Einzelschau Kippenbergers in einem griechischen Museum überhaupt. Sie war so erfolgreich, dass sie verlängert werden musste. Ein anderes grosses Projekt und besonderes Anliegen ist ihm die "Kunst im öffentlichen Raum". So organisierte er 2014 eine Ausstellung von Bronzefiguren von Juan Munoz im Garten der Gennadios-Bibliothek. Seine Idee, den Athener Nationalgarten als Ausstellungsgelände für Skulpturen zeitgenössischer Künstler zu nutzen, wird von der Athener Verwaltung bislang blockiert.

50 000 Euro spendierte Daskalopoulos 2013 dem darbenden Nationalmuseum für zeitgenössische Kunst, damit es auf der Londoner Frieze Graphiken erwerben konnte, um einige seiner Sammlungen zu ergänzen. Diese bescheidene Summe lässt Rückschlüsse auf das karge Budget des Museums für Ankäufe zu. Ausserdem unterstuetzt er das notleidende Museum durch einen Fonds. Für sein Engagement wurde ihm 2014 der Leo Award verliehen, ein nach dem berühmten New Yorker Kunsthändler Leo Castelli benannter Kunstpreis, der alljährlich vom Independant Curators International für besondere Verdienste in der Gegenwartskunst vergeben wird.

Ein weiterer Grossammler ist George Economou. Er gab sein Debüt 2012 in der Kommunalen Galerie Athen in dem aufstrebenden Galerienviertel Metaxourgio. Die Ausstellung sorgte für Besucherrekorde. Ein ständiges Zuhause für seine Werke ist geplant. Entwürfe für einen Museumsbau liegen vor, sind aber derzeit zurückgestellt.

Insgesamt umfasst die Sammlung des Reeders, der erst vor etwa zehn Jahren zur Kunst fand, beeindruckende 2000 Werke vor allem gegenständlicher Malerei. Economou verfolgt einen sehr breiten Ansatz, der von prächtigen Altmeistergemälden bis zu den Zeitgenossen reicht. Besonders die deutsche und österreichische Kunst des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat es ihm angetan. Darunter sind viele spannende und reizvolle Werke, z.B. die lebensgrossen "Mondfrauen" aus dem Jahr 1930 von Otto Rudolf Schatz und das Porträt des Picasso-Händlers Daniel-Henry Kahnweiler aus dem Jahr 1925 von Ludwig Bock. Zunehmend findet sich auch Zeitgenössisches in seiner Kollektion, darunter einiges von Kippenberger, Daniel Spoerri und Bridget Riley sowie eine ansehnliche Auswahl an Jannis-Kounellis-Aquarellen.

Economou zeigt sich deutschen Museen gegenüber sehr spendabel. So überliess er kürzlich der Staatlichen Graphischen Sammlung in München als Leihgabe für zunächst zehn Jahre 500 Dix-Grafiken, die er von dem Berliner Händler Florian Karsch erworben hat. 2011 richtete er der Hamburger Kunsthalle das nach ihm benannte Cafe ein. Da Economou weniger bekannte Künstler favorisiert und in Marktnischen investiert, halten sich die Kosten in Grenzen. Verglichen mit Ioannou, Daskalopoulos und dem in der Öffentlichkeit weniger in Erscheinung tretenden Schiffsmagnaten Dinos Martinos, die nur die zeitgenössischen Stars nachfragen, spielt er in der zweiten Liga.

So wichtig die privaten Stiftungen für Athen auch sind, so sind ihre Aktivitäten doch nicht ganz unproblematisch und werfen einige Fragen auf. Nicht nur in Griechenland haben die öffentlichen Museen kaum noch die Mittel, um auf dem internationalen Kunstmarkt zu agieren. Die Kulturbudgets schrumpfen, die Preise für Kunst erreichen groteske Höhen. Das Wachstum wird von den neuen Superreichen, die reicher sind als je zuvor, noch angeheizt. Sie kaufen Werke der international gefragtesten Zeitgenossen zu jedem Preis, eine Grenze nach oben scheint es nicht zu geben. Das Geld hat den Kunstmarkt von Grund auf verändert. Kunst ist zum Statussymbol und gewinnversprechenden Investment geworden. Da Museen und Galerien immer weniger in der Lage sind, grössere Objekte zu erwerben oder auch nur attraktive Ausstellungen auf die Beine zu stellen, sind sie auf die Unterstützung der "Mäzene" angewiesen und damit auf deren Entgegenkommen als Leihgeber und Finanzier. Ob, wann und welche Werke gezeigt werden, kann von einer einzelnen Privatperson abhängen. Sie bestimmt und kontrolliert, was die Öffentlichkeit zu sehen bekommt und nimmt damit Einfluss auf den Kunstbetrieb. Gleichzeitig erhöht sie den Wert der eigenen Sammlung, besonders dann, wenn sie in renommierten Museen ausgestellt wird wie 2010 die von Dakis Ioannou im New Museum of Contemporary Art in New York, an dem er Treuhänder ist und Jeff Koons hier als Kurator sein Debut für seinen Freund Dakis gab. Ähnliches trifft für die Ausstellung "Der leuchtende Intervall" zu, die erste grosse Präsentation von Werken aus der Dimitris-Daskalopoulos-Collection, die 2011 im Guggenheim Bilbao zu sehen war, an dem Daskalopoulos Treuhänder ist. Alle diese Vorgehensweisen sorgen dafür, dass der Kunstmarkt stetig wächst und immer globaler wird, was auch heisst, dass die Preise weiterhin steigen dürften. Die Athener Kulturlandschaft, ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Stadt, ist jedenfalls für kunstinteressierte Touristen noch interessanter geworden. Es lohnt sich, den Ausstellungskalender zu studieren.

Mittwoch, 11. September 2013

Hydra - hier gibt sich die Kunstszene der Welt ein Stelldichein

Die Dependence der Deste-Foundation


Gebirgig-schroff, karg und unfruchtbar ragt Hydra aus dem Saronischen Golf. Zentrum der Insel ist ihr einziger Ort, das gleichnamige Hydra, dessen kubisch verschachtelte Häuser sich wie ein riesiges Amphitheater zwischen den steilen Felswänden über der Hafeneinfahrt bergaufwärts ziehen. Im Sommer herrscht hier hektische Betriebsamkeit. Dann ist das quadratische Hafenbecken  chronisch überfüllt. Dicht an dicht ankern Luxusjachten, gelegentlich auch die von Dakis Ioannou, zu erkennen an ihren Aussenwänden, die sein Freund Jeffs Koons gestaltet hat. Fischerboote fahren ein und aus sowie die wendigen Wassertaxis, die den Besucher zu den entlegenen Stränden oder Restaurants an der unbewohnten Südküste bringen und oftmals für einen Verkehrsstau sorgen. Da haben es die Kapitäne der aus Piräus kommenden Fähren und Katamarane schwer, heikle Anlegemanöver sind an der Tagesordnung, besonders dann, wenn auch noch Kreuzfahrtschiffe die Einfahrt blockieren.

Im Ort selbst ist das Hauptverkehrs- und Transportmittel der Esel, der einen schon unten am Hafen erwartet. Alles wird auf den Rücken der Lasttiere geladen, gleich, ob Zementsack oder Millionen-Kunstwerk der Deste-Stiftung, denn Hydra ist - ausgenommen das Müllabfuhr- und Feuerwehrauto - komplett autofrei. Sogar Motorroller und Fahräder sind verboten.

Die meisten Gebäude im Ort stammen aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Das strenge Grau ihrer Natursteinfassaden lässt nichts von der prachtvollen Innenausstattung ahnen, für die einst Künstler aus ganz Europa herangezogen wurden. Hier lebten die sagenhaft reichen Reeder und Kapitäne, die sich im griechischen Freiheitskampf höchsten Ruhm erwarben, der sie zwar wirtschaftlich ruinierte, aber in der griechischen Bevölkerung bis heute unvergessen ist: Sie übernahmen die gesamten Kosten des Seekriegs gegen die Türken und rüsteten ihre Schoner zu Kriegsschiffen um. Unter den Admirälen taten sich die Brüder Tombasis, Tsamados, Voulgaris, Kountouriotis und der Oberkommandierende Andreas Miaoulis besonders hervor. Ihre Nachfahren spielten später in der Politik Griechenlands eine grosse Rolle.

Die lokale Bautradition wird durch strenge Auflagen geschützt. Das Stadtbild von Hydra ist so einheitlich geblieben, wie es war; der Ort trotzt erfolgreich allen Globalisierungstendenzen. Dies ist das Verdienst der Denkmalschützer, die mit Argusaugen über jede architektonische Veränderung wachen. Das Erbe muss erhalten werden. Stein und Holz sind weiterhin die wichtigsten Baumaterialien. Es werden keine Plastikrolläden und -fenster, Türen aus Metall, Neonreklamen und Satellitenschüsseln oder Asphalt genehmigt, Strassen und Wege werden gepflastert.

Die Antike ist an der Seefahrerinsel spurlos vorübergegangen, Tempel, Säulen, Mosaiken gibt es auf Hydra nicht.

Anfang der sechziger Jahre entdeckten Künstler, Schriftsteller und Musiker das zeitlos schöne Eiland. Reiche Athener zogen nach und kauften sich grössere Anwesen. Hydra hat die höchsten Grundstückspreise Griechenlands, dabei gibt es nicht einmal Häuser mit Strandzugang. Der Sänger Leonard Cohen lebte hier mehrere Jahre und schrieb seine weltberühmten Lieder "Suzanne", "Bird on a Wire" und nach seiner Trennung von Marianne, der Frau des norwegischen Schriftstellers Axel Jensen, "So long Marianne", das ebenfalls ein Welthit wurde. Henry Miller und Lawrence Durrell kamen, der in Rom lebende Arte-Povera-Künstler Jannis Kounellis hat hier ein Ferienhaus, Brice Marden kommt regelmässig im Sommer, und der Fotograf Jürgen Teller verbringt hier samt Familie oft die Ferien. Jeff Koons machte während seiner Flitterwochen mit Cicciolina auf Hydra Station.

Auch die junge Künstlergeneration fühlt sich von Hydra angezogen. Der Maler Carsten Fock zieht sich hier häufig zum Arbeiten zurück und stellt seine Werke aus, ebenso Marilyn Minter, Andres Serrano, Josh Smith und viele andere. 2009 eröffnete der Grossammler Dakis Ioannou in dem ehemaligen Schlachthaus auf den Klippen über dem Meer eine Dependance seiner Athener Deste Foundation, das Deste Foundation Project Space. Seitdem trifft sich nun auch die internationale Kunstwelt regelmässig auf Hydra, Sammler, Künstler und Kuratoren. Jeden Sommer, von Anfang Juni bis Ende September, finden Ausstellungen weltbekannter Künstler statt. Ausserhalb der Ausstellungen wird alljährlich ein Künstler beauftragt, ein Projekt zu präsentieren, das auf die Insel selbst Bezug nimmt. 2013 wurde der in New York lebende Schweizer Urs Fischer ausersehen, das Programm zu gestalten. Fischer, 1973 geboren, stellte schon bei Gagosian, im Palazzo Grassi und auf der Biennale Vernedig 2011 aus. Für seine hintergründig-humorvollen Skulpturen werden Millionenbeträge in Auktionen geboten. Eingeweiht wurde der neue Kunstplatz 2009 mit "Blood of Two", einer spektakulären Performance und Ausstellung von Elizabeth Peyton und Matthew Barney.

In der Galerie Hydra Workshop am Hafen zeigt die Reedergattin Pauline Karpidas, gebürtige Britin, in den Sommermonaten zeitgenössische Kunst von musealem Rang aus ihrer Privatsammlung. In den labyrinthartigen Gassen werben kleinere Galerien mit einem Top-Angebot um die Aufmerksamkeit des Publikums. In dem ehemaligen Herrenhaus der Familie Tombasi hat die Athener Kunstakademie eine Dependance eingerichtet. Und in einem Haus hinter dem Hafen wurde für junge, noch unbekannte Künstler ein Arbeits- und Ausstellungsraum geschaffen, das Hydra School Project. Von der gegenwärtigen Krise ist auf Hydra nichts zu spüren, es sei denn, das Fährpersonal streikt wieder einmal. Auch Massentourismus findet nicht statt, weil es nur kleinere Hotels und keine grossen Ferienanlagen gibt.

Sonntag, 18. August 2013

Stille Stunden in Athen - der Erste Athenische Friedhof. Die Grabstätten von Heinrich Schliemann und Adolf Furtwängler

Der Proto Nekrotafio Athinon, der Erste Athenische Friedhof, ist der Friedhof schlechthin. Auf ihm möchte jeder Athener begraben sein. Für den, der hier kein Familiengrab hat, stehen die Chancen jedoch schlecht. Schon seit Jahrzehnten sind keine Grabstätten mehr zu kaufen, und wenn gelegentlich eine frei wird, was immer dann passiert, wenn eine Familie ausstirbt, übersteigt die Nachfrage das Angebot tausendfach. Auch muss man sich ein Grab hier leisten können. Für das Privileg, wenigstens nach dem Tod noch den sozialen Aufstieg geschafft zu haben, wechseln oftmals horrende Summen die Besitzer. In der feinsten Nekropole Griechenlands fanden seit jeher die Reichen und Prominenten ihre letzte Ruhe, lokale Berühmtheiten ebenso wie internationale Geistesgrössen des 19. Jahrhunderts, die sich um Hellas verdient gemacht haben. Darunter sind bekannte deutsche Philhellenen, die im Gefolge Ottos I. nach Athen kamen, Konsuln, Wissenschaftler, Offiziere und königliche Adjutanten und nicht zuletzt zwei der bedeutendsten deutschen Archäologen, Heinrich Schliemann und Adolf Furtwängler.

Solange der neugriechische Staat besteht, solange gibt es den Proto Nekrotafio Athinon. Otto I., der aus dem bayerischen Haus Wittelsbach stammende erste Hellenenkönig, liess ihn 1834 an einem Platz anlegen, der damals noch extra muros lag, ausserhalb des 5000-Seelen-Dorfes, das Athen kurz nach der Befreiung von den Türken war. Heute liegt er im Zentrum der Millionenstadt, 15 Minuten vom Sintagmaplatz entfernt. Die einzige Zugangsstrasse ist die Odos Anapafseos, die "Strasse der Ewigen Ruhe", in der Steinmetzen und Floristen ihre Läden haben. Ein Gefühl der Ruhe umfängt den Besucher auch auf dem Friedhof, vielleicht der einzige Ort der Stille in dem lauten Athen und sicherlich der am sorgsamsten gepflegte Platz der ganzen Stadt. Kein Unrat liegt herum, kein Grab ist verfallen oder von Unkraut entstellt. Man sieht weder mutwillig zerbrochene oder umgestürzte Grabsteine noch Grafitti, weit und breit keine Spuren von Vandalismus. Auch Stadtstreichern oder Fixern, die es sich erlauben würden, hier zu kampieren, begegnet man nicht. Hingegen entdeckt man beim Schlendern durch die weissen Grabmalreihen so manches Gerüst an den oft herrenhausgrossen Gruften und Arbeiter, die Restaurationsarbeiten vornehmen. Für den Erhalt der Denkmäler wird Sorge getragen.

Die Touristenagenturen haben die marmorweisse Totenstadt noch nicht in ihr Programm aufgenommen. Friedhofsführungen, wie sie in anderen Grossstädten längst üblich sind, gibt es in Athen nicht. Man kann stundenlang durch die Gräberstrassen spazieren, ohne einer Menschenseele zu begegnen.

Schliemanns Grab ist nicht zu übersehen. Das tempelartige Mausoleum, in dem auch seine griechische Ehefrau Sophia Engastromenou und ihrer beider Tochter Andromachi Melas bestattet sind (Sohn Agamemnon ist in Paris begraben), steht auf einer Anhöhe links über dem Hauptweg, nur wenige Schritte vom Eingang entfernt. Schliemann hatte diesen Platz mit Blick auf die Akropolis noch zu seinen Lebzeiten erworben und als Platz für seine letzte Ruhestätte bestimmt. Auch den Bau des Mausoleums hatte er lange vor seinem Tod - er starb am 26. Dezember 1890, 68 Jahre alt, an einer verschleppten Ohreninfektion in Neapel - bis ins kleinste vorbereitet. Geld spielte keine Rolle. Stararchitekt Ernst Ziller, dem Athen viele der schönsten neoklassizistischen Gebäude verdankt und der auch Schliemanns prächtiges Wohnpalais an der Athener Universitätsstrasse baute, schon damals eine Sehenswürdigkeit für Athen-Besucher, standen 50 000 Drachmen zur Verfügung, eine unerhörte Summe, die ihm völlig freie Hand liess.

Auch die Gestaltung der Grabkammern überliess Schliemann nicht dem Zufall. In Punkt 29 seines in Neugriechisch abgefassten Testaments verfügte er, dass sie mit Motiven aus Pompeji und Orchomenos, wo er 1880 das mykenische Schatzhaus des Minyas freilegte, ausgemalt werden sollten. Es sei "vorher aber mit dem Maler über diese Arbeit ein Vertrag abzuschliessen", ermahnte der vorsichtige Schliemann die Testamentsvollstrecker. Nicht umsonst hatte der Pastorensohn eine glänzende Karriere als Kaufmann hinter sich, bevor er seine zweite, noch glänzendere Karriere als Archäologe mit der ihm eigenen Energie und Zielstrebigkeit in Angriff nahm. Ohne die zuvor angehäuften Reichtümer wäre der glühende Homer-Verehrer nie an das Ziel seiner Wünsche gelangt.

Die Schliemann-Büste vor dem Tempel gab Sophia in Auftrag, die - mit 38 Jahren Witwe geworden - ihren Mann um 42 Jahre überlebte. Der umlaufende Wandfries stellt das Ehepaar in Troja dar, umgeben von türkischen Arbeitern, die mit Spitzhacke und Spaten die kostbaren Funde zutage fördern, von denen Schliemann glaubte, sie seien der Schatz des Priamos. Der Archäologe rezitiert aus einem Homer-Band, die ihm zugewandte Sophia hört ihm aufmerksam zu. In seinen letzten Lebensjahren hatte Schliemann eine regelrechte Homer-Manie entwickelt. "Einzig Homer interessiert mich noch", erklärte er einem Freund. "Alles andere wird mir immer gleichgültiger."  

Schliemann starb einsam am 26. Dezember um 15.30 Uhr im Grand Hotel in Neapel an einer verschleppten Infektion der Ohren. Nahezu taub, hatte er sich am 12. November in Halle einer komplizierten beidseitigen Ohrenoperation unterzogen. In dem Gefühl einer trügerischen Besserung verliess er gegen den Rat der Ärzte die Klinik, um seinen Geschäften nachzugehen. In Leipzig hatte er eine Besprechung mit Brockhaus, in Berlin verhandelte er mit seinem Grundstücksverwalter und begutachtete mit seinem Freund Virchow die Schliemann-Sammlung. Noch am selben Abend fuhr er mit dem Zug nach Paris, wo ebenfalls Geschäfte auf ihn warteten. Von dort reiste er weiter nach Neapel, um sich die neuesten Ausgrabungen in Pompeji anzusehen. Damit hatte der Rastlose seinem geschwächten Körper wohl zuviel zugemutet. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich rapide, und er musste seine Heimreise nach Athen zweimal verschieben. Am ersten Weihnachtsfeiertag brach er auf der Piazza della Carita, vermutlich auf dem Weg zu einem Arzt, bewusstlos zusammen. Unglücklicherweise hatte er keine Papiere bei sich, so dass wertvolle Zeit verstrich, bis man seine Identität festgestellt hatte. Aber auch ein nochmaliger Eingriff hätte ihn nicht mehr retten können, die Infektion war zu weit fortgeschritten. Noch während die Ärzte das weitere Vorgehen diskutierten, starb Schliemann. Von Neapel aus wurde die Todesnachricht in die Welt gekabelt. Aus allen Erdteilen trafen Beileidsdepeschen in Athen ein. Prominente aus Wissenschaft, Politik und Kultur würdigten die ungeheure Leistung des Mannes,der unbeirrbar an den Wahrheitsgehalt der homerischen Epen glaubte und mit genialem Spürsinn und Enthusiasmus eine versunkene Kultur ans Licht brachte, die andere als ins Reich der Sage gehörend abtaten. Unter denen, die ihrer Trauer Ausdruck gaben, war auch der Botschafter Amerikas: Heinrich - Henry - Schliemann war amerikanischer Staatsbürger. Die Trauerfeier fand am 4. Januar 1891 in Schliemanns Haus an der Athener Universitätsstrasse (Odos Panepistimiou) statt. Auch ihren Ablauf hatte er lange vor seinem Tod bis ins Detail geplant. Am Kopfende des offenen Sarges stand eine Büste Homers, des Schliemannschen "Hausgotts". Im Sarg lagen eine Ausgabe der Ilias und der Odyssee. Die Trauerrede hielt sein Freund und Mitarbeiter Wilhelm Dörpfeld, der den Toten nach Griechenland heimgeholt hatte. "Ruhe in Frieden, Du hast genug getan", waren seine Abschiedsworte. Auch der König von Griechenland und der Kronprinz erwiesen ihm ihre Reverenz. Sie hielten die Totenwache.

Ein anderer bedeutender Archäologe, Adolf Furtwängler (1853-1907), fand seine letzte Ruhestätte in dem kleinen protestatischen Teil des Friedhofs. Sein Grab ist relativ bescheiden, gekrönt nur von einer bronzenen Sphinx, einer Kopie vom Aphaiatempel auf der Insel Ägina, den Furtwängler zu Beginn des 20. Jahrhunderts systematisch freilegte. Die meisten Gräber in diesem Teil des Friedhofs sind schmucklos und bescheiden. Viele amerikanische und englische Philhellenen liegen hier begraben.

Auch Ziller ist auf dem Ersten Athener Friedhof beerdigt. Er starb am 25. November 1923 verarmt in Athen.

Freitag, 19. Juli 2013

Das Vamos-Programm: Im Hotel Likithos auf der Chalkidike

Anfang Mai fuhren wir für eine Woche auf die Chalkidike in das Hotel Likithos nahe Neos Marmaras. Wir, das sind eine Drei-Generationen-Familie: Grosseltern, Eltern und die beiden Kinder, Paulina, knapp vier Jahre und Poppy, acht Monate alt. Wir wollten weg aus dem kalten Berlin, irgendwohin, wo die Sonne scheint und der Himmel blau ist, kurzum, wir suchten Sonne, Strand und Meer. Und Wärme. Ausserdem musste es ein Ort sein, an dem sich die Kinder nicht langweilen und die Erwachsenen Spass, Entspannung und endlich etwas Ruhe finden würden. Und natürlich sollte dieser Sehnsuchtsplatz nicht zu weit weg sein, länger als rund zwei Stunden wollten wir mit den Kindern nicht im Flugzeug sitzen.

Bei unserem Studium der Möglichkeiten stiessen wir auf ein verheissungsvolles Angebot, dass uns all dies zu versprechen schien. Wir entdeckten die Vamos-Eltern-Kind-Reisen, einen deutschen Spezialisten für Familienreisen. Vamos hat meist kleinere, von den Besitzern persönlich geführte Hotels mit Charakter in schönen naturnahen Regionen im Programm, davon sechs solcher Anlagen in Griechenland. Wir entschieden uns für das Hotel Likithos auf der Sithonia, dem mittleren, dicht bewaldeten und leicht bergigen Finger der Halbinsel Chalkidike. Um es vorweg zu sagen: Die Woche war perfekt.

Wir kamen nach Einbruch der Dunkelheit an, willkommen geheissen von Grigorios Theocharis, dem Eigentümer der Anlage, den alle nur Grigorios nennen und der ein akzentfreies Deutsch spricht. Er hat einige Jahre in Deutschland verbracht, wo er auch seine Frau Marina kennenlernte, die in Sarti auf der anderen Küstenseite die Villa Kalypso leitet, ebenfalls ein Vamos-Familienhotel. Grigorios ist die Seele des Ganzen, er ist immer präsent, gibt  Ratschläge und Empfehlungen oder diskutiert mit Eltern (und Grosseltern) kenntnisreich und mit vielem Insiderwissen die gegenwärtige, weiterhin miserable Situation in Hellas.

Am nächsten Morgen sehen wir, was wir in der Dämmerung nur ahnten: das Blau und Weiss Griechenlands, den Himmel und unter uns das im Sonnenlicht glitzernde Meer, dazu ein Grün in sämtlichen Schattierungen, das satte Dunkel der Zypressen und Eukalyptusbäume, das hellere der dichten Pinienwälder und Zitronenplantagen und das silbrige Grün der Olivenhaine. Um 10 Uhr, nach dem reichlichen Buffetfrühstück, eilen die Kinder in den Kinderclub, in dem sie malen, basteln und Lieder einstudieren, auf kleine Wanderungen an den Strand oder auf Schatzsuche gehen, kurz, alles das tun, was Kinder glücklich macht. Jetzt haben die Eltern ein paar Stunden Zeit für sich, um in Ruhe ein Buch ein Buch zu lesen, hinunter in die beidseitig von Felsen eingerahmte Privatbucht zu steigen oder die Gegend zu erkunden.

Nachmittags, nach dem Mittagessen im Pool-Restaurant, wo wir täglich herrlich gegrillten Fisch und Salat essen, ist Hochbetrieb im Kinderbereich des riesigen Swimmingpools, dem Herzstück des Hotels; jetzt sind die Eltern wieder gefragt. Oder zumindest ein Elternteil, denn die Väter spielen nachmittags gewöhnlich Volleyball. Nebenan ist ein Spielplatz, auf dem die Mütter mit den kleineren Kindern schaukeln oder Ballspielen und Erfahrungen mit den anderen Müttern austauschen. Wir, die Grosseltern, gehen meist hinunter zum Strand, den wir fast immer ganz für uns alleine haben. Nach dem abendlichen Buffet, das sehr abwechselungsreich ist (trotzdem hält sich Paulina wie die meisten anderen Kinder an Pommes und Spaghetti), gibt es die Blaue Stunde, in der die beiden jungen Betreuerinnen, die die Zuneigung der Kinder schnell gewonnen haben, den Kleinen vorlesen. Es gab wohl kein Kind, dass die Blaue Stunde versäumte. Und um uns herum geniessen heitere Eltern bei einem Glas Naoussa-Wein und herrlichem Sonnenuntergang die freie Stunde.

Connie, die energische Leiterin des Vamos-Programms, sorgt dafür, dass auch den Erwachsenen einiges geboten wird. Sie organisiert Fahrten in die nahen Dörfer oder zusammen mit dem sportlichen Michi mehrstündige Bergbesteigungen. Auch wenn  die Berge nicht hoch sind - wer je in Griechenland gewandert ist, weiss, wie beschwerlich das Laufen wegen oft fehlender Wege durch Disteln und Gestrüpp sein kann. Paulinas gut trainierter Opa, der jedes Jahr eine Woche in die Alpen geht, kommt jedenfalls nach fünf Stunden Wanderung zwar glücklich, aber doch recht erschöpft von der strapaziösen Tour zurück. Zweimal fahren wir alle in das wenig pittoreske, erst 1923 von Flüchtlingen aus Kleinasien gegründete Neos Marmaras, das aber einige hübsche Cafes und eine Handvoll guter Fischtavernen aufweist. Im Mytikas direkt am Strand lassen wir uns frische Meerbrassen und Barbounia schmecken, fahren mit der Fähre hinüber in die riesige Luxusanlage Porto Karras, die augenscheinlich ihre besten Tage hinter sich hat, und kaufen einige Flaschen Olivenöl für zu Hause. Schliesslich ist das griechische Olivenöl das beste der Welt.

Die sieben Tage sind schnell vorbei. Paulina schmerzt der Abschied von der besten Freundin Lara ein wenig, aber vielleicht sehen wir uns ja alle im nächsten Jahr wieder im Likithos-Hotel (oder in der Villa Kalypso in Sarti). Einige Familien sind schon zum zweitenmal hier. Wir haben hier jedenfalls einen unvergesslichen Familienurlaub verbracht.



Sonntag, 14. Juli 2013

Deutsche Künstler in Athener Galerien - Kippenberger und Middendorf bei Eleni Koroneou



Eine der prägendsten und einflussreichsten Figuren der Athener Kunstwelt ist Eleni Koroneou. 1988 gründete sie ihre Galerie und präsentierte von Anfang an international bekannte Künstler, darunter auch die beiden Deutschen Helmut Middendorf und Martin Kippenberger. Zu einer Zeit, als Sammlungen und Ausstellungen von Zeitgenossen in Athen noch eine Seltenheit waren, sah Koroneou es als ihre Aufgabe an, die Griechen mit der westeuropäischen Kunst bekannt zu machen und auch griechischen Künstlern der jüngeren Generation eine Plattform zu bieten. Middendorf stellte erstmals 1989 bei Koroneou aus. Er lebt und arbeitet den grössten Teil des Jahres in Athen, verbringt aber noch immer regelmässig mehrere Monate in Berlin, wo er in den siebziger und achtziger Jahren zu den "Jungen Wilden" gehörte. Doch diese Periode der "heftigen Malerei", der grellen, explodierenden Farbwut, hat er längst hinter sich gelassen und zu zurückhaltender Farbigkeit und Konzeption gefunden. Kippenberger folgte bei Koroneou 1994 mit "MoMAS" und 1996, ein Jahr vor seinem frühen Tod, mit "Made in Syros". Zur Zeit - Sommer 2013 - sind beide Künstler bei Koroneou Teil der Gruppenausstellung "6 Artists".

Middendorf und Kippenberger waren auch 2011 in der Ausstellung "The Last Grand Tour" im Kykladenmuseum zu sehen, die Griechenland als Ort der Inspiration für Künstler des 20. Jahrhunderts zum Thema hatte. Der Titel der Ausstellung spielt auf die Tradition der Bildungsreisen früherer Jahrhunderte an, als es für die Söhne des Adels und nach der Aufklärung auch für die Söhne der reichen westeuropäischen Familien Pflichtprogramm war, nach Italien und Griechenland zu reisen, um die antiken Stätten, Kirchen, Klöster und sonstigen Kulturschätze zu besuchen. Die jahrtausendealte Kultur, Geschichte und Mythen Griechenlands üben bis in die Gegenwart eine Anziehungskraft auf Künstler aus, so auch auf die in der Ausstellung vertretenen Maler Brice Marden, der seit 1971 seine Sommer oftmals auf Hydra verbringt, auf Linda Berglis, Manfred Pernice oder Jürgen Teller. Kippenberger war mit Gemälden, Zeichnungen und Modellen vertreten, die einen Eindruck von seinen Projekten auf Syros geben, dem MetroNet und dem MoMAS.

Kippenberger verbrachte seit Anfang der neunziger Jahre jeweils mehrere Monate im Jahr auf Syros, wo er bei seinen Freunden Catherine und Michel Würthle, dem Besitzer der berühmten Berliner "Paris Bar", wohnte. Auf dieser entlegenen Kykladeninsel, weit weg vom etablierten Kunst- und Kulturbetrieb, kam ihm die Idee zu zwei seiner ausgefallensten und grössten künstlerischen Unternehmungen: dem globalen, von Syros ausgehenden MetroNet  und dem Museum of Modern Art Syros, dem MoMAS. 1993 war ihm auf einer Anhöhe über dem Hafen eine Neubauruine aufgefallen, die einmal ein Schlachthof werden sollte. In dem nackten Betonskelett sah er eine "moderne Akropolis", das Ideal eines Tempels moderner Kunst, und so erklärte er "die Säulenhalle" kurzerhand zum Museum of Modern Art Syros und sich selbst zu dessen Direktor. Alljährlich lud er einige Gleichgesinnte auf die Insel ein, Künstlerfreunde aus seinem Umfeld, um hier Projekte zu realisieren und sie der Öffentlichkeit vorzustellen, die indes - soweit bekannt ist - nicht sehr interessiert war. Die Vernissagen waren nur spärlich besucht. Aber das war ihm zu der Zeit wohl ziemlich egal. "Es kann auch sein, dass ich ein Mitteilungsbedürfnis habe für nur eine Person oder zwei Personen, wo ich voll drin aufgehe" zitiert Susanne Kippenberger ihren Bruder in ihrer sehr lesenswerten Biographie (Kippenberger. Der Künstler und seine Familien, Berlin 2013). "Mit Kunstmarkt hatte das nichts mehr zu tun. ...Das MoMAS war seine Antwort auf den globalisierten Kunstbetrieb."

So ganz hielt er die stillen Tage auf Syros aber denn doch nicht aus. Ab und zu zog es ihn nach Athen, wo er auf Vernissagen des bedeutenden Sammlers Dakis Ioannou für Aufsehen sorgte, seine Galeristin traf und den ihm seit seinen Berliner Tagen bekannten Helmut Middendorf, mit dem er nächtelang durch die Bars zog. Von drei Tagen mit Kippenberger musste Middendorf sich eine Woche lang erholen, aber, wie Susanne Kippenberger ihn in ihrer Biographie zitiert, "ich habe nie jemanden getroffen, mit dem ich soviel Spass hatte. Es gab keinen zweiten. Im Kunstbetrieb sowieso nicht." Und in Athen "brauchte er nicht diesen Selbstdarstellungsblödsinn. In Berlin und Köln war es so, als ob sie ihn mit einem Schalter angestellt hätten. Dann musste er den Martin machen."

Kippenberger eröffnete das MoMAS 1993 mit einer Einzelausstellung von Hubert Kiecol, der überwiegend als Bildhauer arbeitet. Es folgten 1994 Christopher Wool und Ulrich Strothjohann, 1995 Stephen Prina, Cosima von Bonin und Christopher Williams und 1996 Johannes Wohnseifer, Michel Majerus und Heimo Zobernig.

Die auf dem Hügel thronende "Säulenhalle" wurde schliesslich fertig gebaut. Sie wurde aber weder Museum und auch kein Schlachthaus, sondern Kläranlage.

Im September 1993 eröffnete Kippenberger auf Syros - einige Kilometer im Inland auf unwirtlichem Gelände  - auch seinen U-Bahn-Eingang, die erste Station eines fiktiven weltweiten Metrosystems, das alle regionalen Trennungen überwinden sollte. Der U-Bahn-Eingang ohne U-Bahnanschluss bestand aus einem schon vorhandenen Gitter als Geländer, einem Tor und einer kurzen Treppe aus Beton, die nirgendwohin führte. Das MetroNet verbindet Syros mit dem anderen Ende der Welt, dem ebenfalls ländlichen  Dawson City in Kanada, einer ehemaligen Goldgräberstadt. Diese zweite Station richtete Kippenberger 1995 ein. Andere sollten folgen, z.B. in New York, Los Angeles, Tokio, Wien, Paris und Münster. Aber dazu kam es dann nicht mehr. Kurz vor seinem Tod stellte er noch einen mobilen U-Bahn-Eingang fertig, einen mobilen Lüftungsschacht und einen Schacht, aus dem das Geräusch hindurch fahrender Züge zu hören ist. Metronetz und MoMAS gehören zum Werkkomplex seiner von ihm so genannten "unsinnigen Bauvorhaben".

Zu Lebzeiten stark umstritten und eine Zeitlang nicht richtig ernst genommen, bildet Kippenbergers Werk heute einen festen Bestandteil in allen wichtigen Sammlungen der Welt. 2006 stellte ihn die Londoner Tate Modern aus, 2009 das Museum of Modern Art in New York, 2013 der Hamburger Bahnhof in Berlin. Einige seiner Ausstellungsplakate wurden von Mega-Stars wie Jeff Koons und Mike Kelley oder Rosemarie Trockel und Christopher Wools gestaltet.

Kippenberger beherrschte alle Kunstgattungen, ob Malerei, Zeichnung, Fotografie oder Plakate und Installationen. Da er stets sehr schnell auf Zeitströmungen reagierte, dachten viele, seine Kunst ginge über den Tag nicht hinaus. Das war eine Fehleinschätzung. Seine Werke erzielen längst Rekordpreise. Bekam er zu Lebzeiten höchstens 10 000 Dollar für eine Arbeit, werden seine Bilder heute zu Höchstpreisen gehandelt. In Auktionen wurde für ein Gemälde 2005 bei Philips de Pury eine Million Dollar bezahlt, für eine Skulptur 2011 bei Christie's London schon etwas über zwei Millionen und für ein Selbstporträt 2012, ebenfalls bei Christie's London, stattliche 5,1 Millionen Dollar.

Die Galerie von Eleni Koroneou befindet sich in einem neoklassizistischen Gebäude unterhalb der Akropolis im Viertel Thission, Dimofontos 30 Ecke Thorikion 7.

Donnerstag, 20. Juni 2013

Der griechische Pavillon auf der 55. Biennale Venedig 2013

Alle zwei Jahre wieder sorgt die Biennale von Venedig, die älteste der Welt, für Diskussionen. Vom 1. Juni bis zum 24. November präsentieren sich in den herrlichen Giardini und den riesigen Hallen des Arsenale, des einstigen Werftgeländes, 88 Länder. 50 weitere Ausstellungen bilden das Nebenprogramm und sind über die ganze Stadt verteilt. Selbst der Vatikan ist dabei - zum ersten Mal. Manche Kunstwerke sieht man schon von weitem wie die gewaltige Skulptur "Alison Lapper Pregnant" von Marc Quinn, die den Platz vor der Kirche San Giorgio Maggiore am Ufer des Canal Grande beherrscht. Andere findet man in Kirchen (zum Beispiel von dem chinesischen Super-Star und Dissidenten Ai WeiWei die Szenen seiner Haft in sechs Containern in der Sant' Antonin), in Palästen am Canal Grande (Taiwan) oder versteckt in unscheinbaren alten Häuschen an den Nebenarmen des Canal.

Verantwortet wird die Gesamtschau von dem erst 40 Jahre alten Massimiliano Gioni, Ausstellungsleiter am New Museum in New York und künstlerischer Direktor der Mailänder Nicola-Trussardi-Foundation. Er wählte auch das Motto für die Hauptausstellung "Il Palazzo Enciclopedico" (Der enzyklopädische Palast), das als lockerer Leitfaden gelten soll. Dahinter steht die Idee, das gesammelte Weltwissen vorzustellen und in eine Ordnung zu bringen, nicht nur in der Kunst, sondern auch in der Forschung und Wissenschaft, Natur und Politik, was natürlich nicht wirklich gelingen kann. Aber es ist ein mutiger, interessanter Ansatz.

Der deutsche Pavillon ist international ausgefallen. Es stellen Künstler aus vier Nationen aus: Ai WeiWei, der eine meterhohe Skulptur aus 886 alten chinesischen Holzhockern geknüpft hat, der französische Filmregisseur Romuald Karmakar, der südafrikanische Fotograf Santu Mofokens und die indische Fotografin Dayanita Singh. Damit soll Deutschland "als aktiver Teil eines komplexen weltweiten Netzwerkes repräsentiert werden", wie die Kuratorin des deutschen Pavillons, Susanne Gaensheimer, Direktorin am mmk in Frankfurt, ihre Künstlerauswahl begründet. Auf mich wirkt die Auswahl der Künstler willkürlich. Was sie miteinander verbindet, erschliesst sich mir nicht. Und immer wieder Ai WeiWei! Es muss einem inzwischen fast so vorkommen, als sei er der einzige Vertreter chinesischer Gegenwartskunst. Dabei mangelt es in diesem Riesenreich, das in den letzten Jahren einen Kunstboom erlebte, gewiss nicht an jungen vielversprechenden und spannenden Talenten. Insgesamt ist der Auftritt nicht wirklich gelungen. Auch den französischen Pavillon - die Deutschen und die Franzosen haben übrigens ihre Pavillons getauscht - hat kein französischer Künstler gestaltet, sondern der in Albanien geborene und in Frankreich lebende Anri Sala. Seine Installation "Ravel Ravel Unravel" gilt als ungewöhnlich gelungen und wird allgemein gerühmt.

Viel Aufmerksamkeit erregt auch der griechische Pavillon, den der 1973 in Prag geborene und in Amsterdam und Athen lebende Videokünstler Stefanos Tsivopoulos kreiert hat. Als einer der wenigen - neben dem russischen und dem katalonischen - beleuchtet er die gegenwärtige Krise des Kapitals und die aktuelle soziopolitische Situation in Griechenland. In der dreiteiligen Videoinstallation mit einer Textmontage ("History Zero") zeigt er auf eine sehr berührende, fesselnde Weise, wie die Realität der Armen und Migranten in Athen aussieht. Der Film führt uns drei komplett verschiedene Individuen vor: einen jungen afrikanischen Immigranten, der in den Strassen und in verlassenen Industriearealen von Athen nach verwertbarem Altmetall sucht, einen nach Inspiration suchenden Künstler und eine demente alte Dame und Kunstsammlerin, die aus 500-Euro-Scheinen Blumenblüten faltet und zu Sträussen bindet. Nachdem sie die Blumen glaubt, welken zu sehen, wirft sie sie in den Müllcontainer vor dem Haus, wo der junge Schwarze sie auf der Suche nach Brauchbarem findet und überglücklich mit dem wertvollen Strauss von dannen eilt. Damit ist Tsivopoulos ein herausragendes Werk gelungen, ein Porträt bitterster Not und zugleich verschwenderischen Reichtums. Die begleitende Textdokumentation in der Rotunde, die 32 Themen behandelt, ist als umlaufendes Panorama gestaltet. Sie fragt nach dem Wert des Geldes und erforscht, welche Rolle das Geld in menschlichen Beziehungen und Gesellschaften spielt. Sie stellt alternative Währungen und Wirtschaftsmodelle vor, zum Beispiel den Tauschhandel, dem heute nicht wenige Menschen in Griechenland der Not gehorchend nachgehen.

Kuratiert hat die Ausstellung Syrago Tsiara, Direktorin des Center of Contemporary Art in Saloniki. Gegenüber ArtInfo UK äusserte sie: "History Zero bezieht sich zuerst auf die vielschichtige Krise in Griechenland, die natürlich ein Symptom der globalen politischen Krise ist. Doch die Arbeit wendet den Diskurs über die Krise zu einer höheren philosophischen und politischen Beschäftigung, die über die Notwendigkeit des Hier und Heute hinausgeht."

Der griechische Pavillon mit seiner charakteristischen neo-byzantinischen Fassade stammt aus dem Jahr 1934.

Die 55. Biennale für zeitgenössische Kunst endet am 24. November 2013. Sie ist täglich, ausser Montag, von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Ein Zwei-Tage-Pass kostet 30 Euro.