Der Proto Nekrotafio Athinon, der Erste Athenische Friedhof, ist der Friedhof schlechthin. Auf ihm möchte jeder Athener begraben sein. Für den, der hier kein Familiengrab hat, stehen die Chancen jedoch schlecht. Schon seit Jahrzehnten sind keine Grabstätten mehr zu kaufen, und wenn gelegentlich eine frei wird, was immer dann passiert, wenn eine Familie ausstirbt, übersteigt die Nachfrage das Angebot tausendfach. Auch muss man sich ein Grab hier leisten können. Für das Privileg, wenigstens nach dem Tod noch den sozialen Aufstieg geschafft zu haben, wechseln oftmals horrende Summen die Besitzer. In der feinsten Nekropole Griechenlands fanden seit jeher die Reichen und Prominenten ihre letzte Ruhe, lokale Berühmtheiten ebenso wie internationale Geistesgrössen des 19. Jahrhunderts, die sich um Hellas verdient gemacht haben. Darunter sind bekannte deutsche Philhellenen, die im Gefolge Ottos I. nach Athen kamen, Konsuln, Wissenschaftler, Offiziere und königliche Adjutanten und nicht zuletzt zwei der bedeutendsten deutschen Archäologen, Heinrich Schliemann und Adolf Furtwängler.
Solange der neugriechische Staat besteht, solange gibt es den Proto Nekrotafio Athinon. Otto I., der aus dem bayerischen Haus Wittelsbach stammende erste Hellenenkönig, liess ihn 1834 an einem Platz anlegen, der damals noch extra muros lag, ausserhalb des 5000-Seelen-Dorfes, das Athen kurz nach der Befreiung von den Türken war. Heute liegt er im Zentrum der Millionenstadt, 15 Minuten vom Sintagmaplatz entfernt. Die einzige Zugangsstrasse ist die Odos Anapafseos, die "Strasse der Ewigen Ruhe", in der Steinmetzen und Floristen ihre Läden haben. Ein Gefühl der Ruhe umfängt den Besucher auch auf dem Friedhof, vielleicht der einzige Ort der Stille in dem lauten Athen und sicherlich der am sorgsamsten gepflegte Platz der ganzen Stadt. Kein Unrat liegt herum, kein Grab ist verfallen oder von Unkraut entstellt. Man sieht weder mutwillig zerbrochene oder umgestürzte Grabsteine noch Grafitti, weit und breit keine Spuren von Vandalismus. Auch Stadtstreichern oder Fixern, die es sich erlauben würden, hier zu kampieren, begegnet man nicht. Hingegen entdeckt man beim Schlendern durch die weissen Grabmalreihen so manches Gerüst an den oft herrenhausgrossen Gruften und Arbeiter, die Restaurationsarbeiten vornehmen. Für den Erhalt der Denkmäler wird Sorge getragen.
Die Touristenagenturen haben die marmorweisse Totenstadt noch nicht in ihr Programm aufgenommen. Friedhofsführungen, wie sie in anderen Grossstädten längst üblich sind, gibt es in Athen nicht. Man kann stundenlang durch die Gräberstrassen spazieren, ohne einer Menschenseele zu begegnen.
Schliemanns Grab ist nicht zu übersehen. Das tempelartige Mausoleum, in dem auch seine griechische Ehefrau Sophia Engastromenou und ihrer beider Tochter Andromachi Melas bestattet sind (Sohn Agamemnon ist in Paris begraben), steht auf einer Anhöhe links über dem Hauptweg, nur wenige Schritte vom Eingang entfernt. Schliemann hatte diesen Platz mit Blick auf die Akropolis noch zu seinen Lebzeiten erworben und als Platz für seine letzte Ruhestätte bestimmt. Auch den Bau des Mausoleums hatte er lange vor seinem Tod - er starb am 26. Dezember 1890, 68 Jahre alt, an einer verschleppten Ohreninfektion in Neapel - bis ins kleinste vorbereitet. Geld spielte keine Rolle. Stararchitekt Ernst Ziller, dem Athen viele der schönsten neoklassizistischen Gebäude verdankt und der auch Schliemanns prächtiges Wohnpalais an der Athener Universitätsstrasse baute, schon damals eine Sehenswürdigkeit für Athen-Besucher, standen 50 000 Drachmen zur Verfügung, eine unerhörte Summe, die ihm völlig freie Hand liess.
Auch die Gestaltung der Grabkammern überliess Schliemann nicht dem Zufall. In Punkt 29 seines in Neugriechisch abgefassten Testaments verfügte er, dass sie mit Motiven aus Pompeji und Orchomenos, wo er 1880 das mykenische Schatzhaus des Minyas freilegte, ausgemalt werden sollten. Es sei "vorher aber mit dem Maler über diese Arbeit ein Vertrag abzuschliessen", ermahnte der vorsichtige Schliemann die Testamentsvollstrecker. Nicht umsonst hatte der Pastorensohn eine glänzende Karriere als Kaufmann hinter sich, bevor er seine zweite, noch glänzendere Karriere als Archäologe mit der ihm eigenen Energie und Zielstrebigkeit in Angriff nahm. Ohne die zuvor angehäuften Reichtümer wäre der glühende Homer-Verehrer nie an das Ziel seiner Wünsche gelangt.
Die Schliemann-Büste vor dem Tempel gab Sophia in Auftrag, die - mit 38 Jahren Witwe geworden - ihren Mann um 42 Jahre überlebte. Der umlaufende Wandfries stellt das Ehepaar in Troja dar, umgeben von türkischen Arbeitern, die mit Spitzhacke und Spaten die kostbaren Funde zutage fördern, von denen Schliemann glaubte, sie seien der Schatz des Priamos. Der Archäologe rezitiert aus einem Homer-Band, die ihm zugewandte Sophia hört ihm aufmerksam zu. In seinen letzten Lebensjahren hatte Schliemann eine regelrechte Homer-Manie entwickelt. "Einzig Homer interessiert mich noch", erklärte er einem Freund. "Alles andere wird mir immer gleichgültiger."
Schliemann starb einsam am 26. Dezember um 15.30 Uhr im Grand Hotel in Neapel an einer verschleppten Infektion der Ohren. Nahezu taub, hatte er sich am 12. November in Halle einer komplizierten beidseitigen Ohrenoperation unterzogen. In dem Gefühl einer trügerischen Besserung verliess er gegen den Rat der Ärzte die Klinik, um seinen Geschäften nachzugehen. In Leipzig hatte er eine Besprechung mit Brockhaus, in Berlin verhandelte er mit seinem Grundstücksverwalter und begutachtete mit seinem Freund Virchow die Schliemann-Sammlung. Noch am selben Abend fuhr er mit dem Zug nach Paris, wo ebenfalls Geschäfte auf ihn warteten. Von dort reiste er weiter nach Neapel, um sich die neuesten Ausgrabungen in Pompeji anzusehen. Damit hatte der Rastlose seinem geschwächten Körper wohl zuviel zugemutet. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich rapide, und er musste seine Heimreise nach Athen zweimal verschieben. Am ersten Weihnachtsfeiertag brach er auf der Piazza della Carita, vermutlich auf dem Weg zu einem Arzt, bewusstlos zusammen. Unglücklicherweise hatte er keine Papiere bei sich, so dass wertvolle Zeit verstrich, bis man seine Identität festgestellt hatte. Aber auch ein nochmaliger Eingriff hätte ihn nicht mehr retten können, die Infektion war zu weit fortgeschritten. Noch während die Ärzte das weitere Vorgehen diskutierten, starb Schliemann. Von Neapel aus wurde die Todesnachricht in die Welt gekabelt. Aus allen Erdteilen trafen Beileidsdepeschen in Athen ein. Prominente aus Wissenschaft, Politik und Kultur würdigten die ungeheure Leistung des Mannes,der unbeirrbar an den Wahrheitsgehalt der homerischen Epen glaubte und mit genialem Spürsinn und Enthusiasmus eine versunkene Kultur ans Licht brachte, die andere als ins Reich der Sage gehörend abtaten. Unter denen, die ihrer Trauer Ausdruck gaben, war auch der Botschafter Amerikas: Heinrich - Henry - Schliemann war amerikanischer Staatsbürger. Die Trauerfeier fand am 4. Januar 1891 in Schliemanns Haus an der Athener Universitätsstrasse (Odos Panepistimiou) statt. Auch ihren Ablauf hatte er lange vor seinem Tod bis ins Detail geplant. Am Kopfende des offenen Sarges stand eine Büste Homers, des Schliemannschen "Hausgotts". Im Sarg lagen eine Ausgabe der Ilias und der Odyssee. Die Trauerrede hielt sein Freund und Mitarbeiter Wilhelm Dörpfeld, der den Toten nach Griechenland heimgeholt hatte. "Ruhe in Frieden, Du hast genug getan", waren seine Abschiedsworte. Auch der König von Griechenland und der Kronprinz erwiesen ihm ihre Reverenz. Sie hielten die Totenwache.
Ein anderer bedeutender Archäologe, Adolf Furtwängler (1853-1907), fand seine letzte Ruhestätte in dem kleinen protestatischen Teil des Friedhofs. Sein Grab ist relativ bescheiden, gekrönt nur von einer bronzenen Sphinx, einer Kopie vom Aphaiatempel auf der Insel Ägina, den Furtwängler zu Beginn des 20. Jahrhunderts systematisch freilegte. Die meisten Gräber in diesem Teil des Friedhofs sind schmucklos und bescheiden. Viele amerikanische und englische Philhellenen liegen hier begraben.
Auch Ziller ist auf dem Ersten Athener Friedhof beerdigt. Er starb am 25. November 1923 verarmt in Athen.
Hintergrundinformationen zu Griechenland: Politik & Geschichte, Kunst & Kultur und Tourismus von Frauke Burian
Sonntag, 18. August 2013
Freitag, 19. Juli 2013
Das Vamos-Programm: Im Hotel Likithos auf der Chalkidike
Anfang Mai fuhren wir für eine Woche auf die Chalkidike in das Hotel Likithos nahe Neos Marmaras. Wir, das sind eine Drei-Generationen-Familie: Grosseltern, Eltern und die beiden Kinder, Paulina, knapp vier Jahre und Poppy, acht Monate alt. Wir wollten weg aus dem kalten Berlin, irgendwohin, wo die Sonne scheint und der Himmel blau ist, kurzum, wir suchten Sonne, Strand und Meer. Und Wärme. Ausserdem musste es ein Ort sein, an dem sich die Kinder nicht langweilen und die Erwachsenen Spass, Entspannung und endlich etwas Ruhe finden würden. Und natürlich sollte dieser Sehnsuchtsplatz nicht zu weit weg sein, länger als rund zwei Stunden wollten wir mit den Kindern nicht im Flugzeug sitzen.
Bei unserem Studium der Möglichkeiten stiessen wir auf ein verheissungsvolles Angebot, dass uns all dies zu versprechen schien. Wir entdeckten die Vamos-Eltern-Kind-Reisen, einen deutschen Spezialisten für Familienreisen. Vamos hat meist kleinere, von den Besitzern persönlich geführte Hotels mit Charakter in schönen naturnahen Regionen im Programm, davon sechs solcher Anlagen in Griechenland. Wir entschieden uns für das Hotel Likithos auf der Sithonia, dem mittleren, dicht bewaldeten und leicht bergigen Finger der Halbinsel Chalkidike. Um es vorweg zu sagen: Die Woche war perfekt.
Wir kamen nach Einbruch der Dunkelheit an, willkommen geheissen von Grigorios Theocharis, dem Eigentümer der Anlage, den alle nur Grigorios nennen und der ein akzentfreies Deutsch spricht. Er hat einige Jahre in Deutschland verbracht, wo er auch seine Frau Marina kennenlernte, die in Sarti auf der anderen Küstenseite die Villa Kalypso leitet, ebenfalls ein Vamos-Familienhotel. Grigorios ist die Seele des Ganzen, er ist immer präsent, gibt Ratschläge und Empfehlungen oder diskutiert mit Eltern (und Grosseltern) kenntnisreich und mit vielem Insiderwissen die gegenwärtige, weiterhin miserable Situation in Hellas.
Am nächsten Morgen sehen wir, was wir in der Dämmerung nur ahnten: das Blau und Weiss Griechenlands, den Himmel und unter uns das im Sonnenlicht glitzernde Meer, dazu ein Grün in sämtlichen Schattierungen, das satte Dunkel der Zypressen und Eukalyptusbäume, das hellere der dichten Pinienwälder und Zitronenplantagen und das silbrige Grün der Olivenhaine. Um 10 Uhr, nach dem reichlichen Buffetfrühstück, eilen die Kinder in den Kinderclub, in dem sie malen, basteln und Lieder einstudieren, auf kleine Wanderungen an den Strand oder auf Schatzsuche gehen, kurz, alles das tun, was Kinder glücklich macht. Jetzt haben die Eltern ein paar Stunden Zeit für sich, um in Ruhe ein Buch ein Buch zu lesen, hinunter in die beidseitig von Felsen eingerahmte Privatbucht zu steigen oder die Gegend zu erkunden.
Nachmittags, nach dem Mittagessen im Pool-Restaurant, wo wir täglich herrlich gegrillten Fisch und Salat essen, ist Hochbetrieb im Kinderbereich des riesigen Swimmingpools, dem Herzstück des Hotels; jetzt sind die Eltern wieder gefragt. Oder zumindest ein Elternteil, denn die Väter spielen nachmittags gewöhnlich Volleyball. Nebenan ist ein Spielplatz, auf dem die Mütter mit den kleineren Kindern schaukeln oder Ballspielen und Erfahrungen mit den anderen Müttern austauschen. Wir, die Grosseltern, gehen meist hinunter zum Strand, den wir fast immer ganz für uns alleine haben. Nach dem abendlichen Buffet, das sehr abwechselungsreich ist (trotzdem hält sich Paulina wie die meisten anderen Kinder an Pommes und Spaghetti), gibt es die Blaue Stunde, in der die beiden jungen Betreuerinnen, die die Zuneigung der Kinder schnell gewonnen haben, den Kleinen vorlesen. Es gab wohl kein Kind, dass die Blaue Stunde versäumte. Und um uns herum geniessen heitere Eltern bei einem Glas Naoussa-Wein und herrlichem Sonnenuntergang die freie Stunde.
Connie, die energische Leiterin des Vamos-Programms, sorgt dafür, dass auch den Erwachsenen einiges geboten wird. Sie organisiert Fahrten in die nahen Dörfer oder zusammen mit dem sportlichen Michi mehrstündige Bergbesteigungen. Auch wenn die Berge nicht hoch sind - wer je in Griechenland gewandert ist, weiss, wie beschwerlich das Laufen wegen oft fehlender Wege durch Disteln und Gestrüpp sein kann. Paulinas gut trainierter Opa, der jedes Jahr eine Woche in die Alpen geht, kommt jedenfalls nach fünf Stunden Wanderung zwar glücklich, aber doch recht erschöpft von der strapaziösen Tour zurück. Zweimal fahren wir alle in das wenig pittoreske, erst 1923 von Flüchtlingen aus Kleinasien gegründete Neos Marmaras, das aber einige hübsche Cafes und eine Handvoll guter Fischtavernen aufweist. Im Mytikas direkt am Strand lassen wir uns frische Meerbrassen und Barbounia schmecken, fahren mit der Fähre hinüber in die riesige Luxusanlage Porto Karras, die augenscheinlich ihre besten Tage hinter sich hat, und kaufen einige Flaschen Olivenöl für zu Hause. Schliesslich ist das griechische Olivenöl das beste der Welt.
Die sieben Tage sind schnell vorbei. Paulina schmerzt der Abschied von der besten Freundin Lara ein wenig, aber vielleicht sehen wir uns ja alle im nächsten Jahr wieder im Likithos-Hotel (oder in der Villa Kalypso in Sarti). Einige Familien sind schon zum zweitenmal hier. Wir haben hier jedenfalls einen unvergesslichen Familienurlaub verbracht.
Bei unserem Studium der Möglichkeiten stiessen wir auf ein verheissungsvolles Angebot, dass uns all dies zu versprechen schien. Wir entdeckten die Vamos-Eltern-Kind-Reisen, einen deutschen Spezialisten für Familienreisen. Vamos hat meist kleinere, von den Besitzern persönlich geführte Hotels mit Charakter in schönen naturnahen Regionen im Programm, davon sechs solcher Anlagen in Griechenland. Wir entschieden uns für das Hotel Likithos auf der Sithonia, dem mittleren, dicht bewaldeten und leicht bergigen Finger der Halbinsel Chalkidike. Um es vorweg zu sagen: Die Woche war perfekt.
Wir kamen nach Einbruch der Dunkelheit an, willkommen geheissen von Grigorios Theocharis, dem Eigentümer der Anlage, den alle nur Grigorios nennen und der ein akzentfreies Deutsch spricht. Er hat einige Jahre in Deutschland verbracht, wo er auch seine Frau Marina kennenlernte, die in Sarti auf der anderen Küstenseite die Villa Kalypso leitet, ebenfalls ein Vamos-Familienhotel. Grigorios ist die Seele des Ganzen, er ist immer präsent, gibt Ratschläge und Empfehlungen oder diskutiert mit Eltern (und Grosseltern) kenntnisreich und mit vielem Insiderwissen die gegenwärtige, weiterhin miserable Situation in Hellas.
Am nächsten Morgen sehen wir, was wir in der Dämmerung nur ahnten: das Blau und Weiss Griechenlands, den Himmel und unter uns das im Sonnenlicht glitzernde Meer, dazu ein Grün in sämtlichen Schattierungen, das satte Dunkel der Zypressen und Eukalyptusbäume, das hellere der dichten Pinienwälder und Zitronenplantagen und das silbrige Grün der Olivenhaine. Um 10 Uhr, nach dem reichlichen Buffetfrühstück, eilen die Kinder in den Kinderclub, in dem sie malen, basteln und Lieder einstudieren, auf kleine Wanderungen an den Strand oder auf Schatzsuche gehen, kurz, alles das tun, was Kinder glücklich macht. Jetzt haben die Eltern ein paar Stunden Zeit für sich, um in Ruhe ein Buch ein Buch zu lesen, hinunter in die beidseitig von Felsen eingerahmte Privatbucht zu steigen oder die Gegend zu erkunden.
Nachmittags, nach dem Mittagessen im Pool-Restaurant, wo wir täglich herrlich gegrillten Fisch und Salat essen, ist Hochbetrieb im Kinderbereich des riesigen Swimmingpools, dem Herzstück des Hotels; jetzt sind die Eltern wieder gefragt. Oder zumindest ein Elternteil, denn die Väter spielen nachmittags gewöhnlich Volleyball. Nebenan ist ein Spielplatz, auf dem die Mütter mit den kleineren Kindern schaukeln oder Ballspielen und Erfahrungen mit den anderen Müttern austauschen. Wir, die Grosseltern, gehen meist hinunter zum Strand, den wir fast immer ganz für uns alleine haben. Nach dem abendlichen Buffet, das sehr abwechselungsreich ist (trotzdem hält sich Paulina wie die meisten anderen Kinder an Pommes und Spaghetti), gibt es die Blaue Stunde, in der die beiden jungen Betreuerinnen, die die Zuneigung der Kinder schnell gewonnen haben, den Kleinen vorlesen. Es gab wohl kein Kind, dass die Blaue Stunde versäumte. Und um uns herum geniessen heitere Eltern bei einem Glas Naoussa-Wein und herrlichem Sonnenuntergang die freie Stunde.
Connie, die energische Leiterin des Vamos-Programms, sorgt dafür, dass auch den Erwachsenen einiges geboten wird. Sie organisiert Fahrten in die nahen Dörfer oder zusammen mit dem sportlichen Michi mehrstündige Bergbesteigungen. Auch wenn die Berge nicht hoch sind - wer je in Griechenland gewandert ist, weiss, wie beschwerlich das Laufen wegen oft fehlender Wege durch Disteln und Gestrüpp sein kann. Paulinas gut trainierter Opa, der jedes Jahr eine Woche in die Alpen geht, kommt jedenfalls nach fünf Stunden Wanderung zwar glücklich, aber doch recht erschöpft von der strapaziösen Tour zurück. Zweimal fahren wir alle in das wenig pittoreske, erst 1923 von Flüchtlingen aus Kleinasien gegründete Neos Marmaras, das aber einige hübsche Cafes und eine Handvoll guter Fischtavernen aufweist. Im Mytikas direkt am Strand lassen wir uns frische Meerbrassen und Barbounia schmecken, fahren mit der Fähre hinüber in die riesige Luxusanlage Porto Karras, die augenscheinlich ihre besten Tage hinter sich hat, und kaufen einige Flaschen Olivenöl für zu Hause. Schliesslich ist das griechische Olivenöl das beste der Welt.
Die sieben Tage sind schnell vorbei. Paulina schmerzt der Abschied von der besten Freundin Lara ein wenig, aber vielleicht sehen wir uns ja alle im nächsten Jahr wieder im Likithos-Hotel (oder in der Villa Kalypso in Sarti). Einige Familien sind schon zum zweitenmal hier. Wir haben hier jedenfalls einen unvergesslichen Familienurlaub verbracht.
Sonntag, 14. Juli 2013
Deutsche Künstler in Athener Galerien - Kippenberger und Middendorf bei Eleni Koroneou
Eine der prägendsten und einflussreichsten Figuren der Athener Kunstwelt ist Eleni Koroneou. 1988 gründete sie ihre Galerie und präsentierte von Anfang an international bekannte Künstler, darunter auch die beiden Deutschen Helmut Middendorf und Martin Kippenberger. Zu einer Zeit, als Sammlungen und Ausstellungen von Zeitgenossen in Athen noch eine Seltenheit waren, sah Koroneou es als ihre Aufgabe an, die Griechen mit der westeuropäischen Kunst bekannt zu machen und auch griechischen Künstlern der jüngeren Generation eine Plattform zu bieten. Middendorf stellte erstmals 1989 bei Koroneou aus. Er lebt und arbeitet den grössten Teil des Jahres in Athen, verbringt aber noch immer regelmässig mehrere Monate in Berlin, wo er in den siebziger und achtziger Jahren zu den "Jungen Wilden" gehörte. Doch diese Periode der "heftigen Malerei", der grellen, explodierenden Farbwut, hat er längst hinter sich gelassen und zu zurückhaltender Farbigkeit und Konzeption gefunden. Kippenberger folgte bei Koroneou 1994 mit "MoMAS" und 1996, ein Jahr vor seinem frühen Tod, mit "Made in Syros". Zur Zeit - Sommer 2013 - sind beide Künstler bei Koroneou Teil der Gruppenausstellung "6 Artists".
Middendorf und Kippenberger waren auch 2011 in der Ausstellung "The Last Grand Tour" im Kykladenmuseum zu sehen, die Griechenland als Ort der Inspiration für Künstler des 20. Jahrhunderts zum Thema hatte. Der Titel der Ausstellung spielt auf die Tradition der Bildungsreisen früherer Jahrhunderte an, als es für die Söhne des Adels und nach der Aufklärung auch für die Söhne der reichen westeuropäischen Familien Pflichtprogramm war, nach Italien und Griechenland zu reisen, um die antiken Stätten, Kirchen, Klöster und sonstigen Kulturschätze zu besuchen. Die jahrtausendealte Kultur, Geschichte und Mythen Griechenlands üben bis in die Gegenwart eine Anziehungskraft auf Künstler aus, so auch auf die in der Ausstellung vertretenen Maler Brice Marden, der seit 1971 seine Sommer oftmals auf Hydra verbringt, auf Linda Berglis, Manfred Pernice oder Jürgen Teller. Kippenberger war mit Gemälden, Zeichnungen und Modellen vertreten, die einen Eindruck von seinen Projekten auf Syros geben, dem MetroNet und dem MoMAS.
Kippenberger verbrachte seit Anfang der neunziger Jahre jeweils mehrere Monate im Jahr auf Syros, wo er bei seinen Freunden Catherine und Michel Würthle, dem Besitzer der berühmten Berliner "Paris Bar", wohnte. Auf dieser entlegenen Kykladeninsel, weit weg vom etablierten Kunst- und Kulturbetrieb, kam ihm die Idee zu zwei seiner ausgefallensten und grössten künstlerischen Unternehmungen: dem globalen, von Syros ausgehenden MetroNet und dem Museum of Modern Art Syros, dem MoMAS. 1993 war ihm auf einer Anhöhe über dem Hafen eine Neubauruine aufgefallen, die einmal ein Schlachthof werden sollte. In dem nackten Betonskelett sah er eine "moderne Akropolis", das Ideal eines Tempels moderner Kunst, und so erklärte er "die Säulenhalle" kurzerhand zum Museum of Modern Art Syros und sich selbst zu dessen Direktor. Alljährlich lud er einige Gleichgesinnte auf die Insel ein, Künstlerfreunde aus seinem Umfeld, um hier Projekte zu realisieren und sie der Öffentlichkeit vorzustellen, die indes - soweit bekannt ist - nicht sehr interessiert war. Die Vernissagen waren nur spärlich besucht. Aber das war ihm zu der Zeit wohl ziemlich egal. "Es kann auch sein, dass ich ein Mitteilungsbedürfnis habe für nur eine Person oder zwei Personen, wo ich voll drin aufgehe" zitiert Susanne Kippenberger ihren Bruder in ihrer sehr lesenswerten Biographie (Kippenberger. Der Künstler und seine Familien, Berlin 2013). "Mit Kunstmarkt hatte das nichts mehr zu tun. ...Das MoMAS war seine Antwort auf den globalisierten Kunstbetrieb."
So ganz hielt er die stillen Tage auf Syros aber denn doch nicht aus. Ab und zu zog es ihn nach Athen, wo er auf Vernissagen des bedeutenden Sammlers Dakis Ioannou für Aufsehen sorgte, seine Galeristin traf und den ihm seit seinen Berliner Tagen bekannten Helmut Middendorf, mit dem er nächtelang durch die Bars zog. Von drei Tagen mit Kippenberger musste Middendorf sich eine Woche lang erholen, aber, wie Susanne Kippenberger ihn in ihrer Biographie zitiert, "ich habe nie jemanden getroffen, mit dem ich soviel Spass hatte. Es gab keinen zweiten. Im Kunstbetrieb sowieso nicht." Und in Athen "brauchte er nicht diesen Selbstdarstellungsblödsinn. In Berlin und Köln war es so, als ob sie ihn mit einem Schalter angestellt hätten. Dann musste er den Martin machen."
Kippenberger eröffnete das MoMAS 1993 mit einer Einzelausstellung von Hubert Kiecol, der überwiegend als Bildhauer arbeitet. Es folgten 1994 Christopher Wool und Ulrich Strothjohann, 1995 Stephen Prina, Cosima von Bonin und Christopher Williams und 1996 Johannes Wohnseifer, Michel Majerus und Heimo Zobernig.
Die auf dem Hügel thronende "Säulenhalle" wurde schliesslich fertig gebaut. Sie wurde aber weder Museum und auch kein Schlachthaus, sondern Kläranlage.
Im September 1993 eröffnete Kippenberger auf Syros - einige Kilometer im Inland auf unwirtlichem Gelände - auch seinen U-Bahn-Eingang, die erste Station eines fiktiven weltweiten Metrosystems, das alle regionalen Trennungen überwinden sollte. Der U-Bahn-Eingang ohne U-Bahnanschluss bestand aus einem schon vorhandenen Gitter als Geländer, einem Tor und einer kurzen Treppe aus Beton, die nirgendwohin führte. Das MetroNet verbindet Syros mit dem anderen Ende der Welt, dem ebenfalls ländlichen Dawson City in Kanada, einer ehemaligen Goldgräberstadt. Diese zweite Station richtete Kippenberger 1995 ein. Andere sollten folgen, z.B. in New York, Los Angeles, Tokio, Wien, Paris und Münster. Aber dazu kam es dann nicht mehr. Kurz vor seinem Tod stellte er noch einen mobilen U-Bahn-Eingang fertig, einen mobilen Lüftungsschacht und einen Schacht, aus dem das Geräusch hindurch fahrender Züge zu hören ist. Metronetz und MoMAS gehören zum Werkkomplex seiner von ihm so genannten "unsinnigen Bauvorhaben".
Zu Lebzeiten stark umstritten und eine Zeitlang nicht richtig ernst genommen, bildet Kippenbergers Werk heute einen festen Bestandteil in allen wichtigen Sammlungen der Welt. 2006 stellte ihn die Londoner Tate Modern aus, 2009 das Museum of Modern Art in New York, 2013 der Hamburger Bahnhof in Berlin. Einige seiner Ausstellungsplakate wurden von Mega-Stars wie Jeff Koons und Mike Kelley oder Rosemarie Trockel und Christopher Wools gestaltet.
Kippenberger beherrschte alle Kunstgattungen, ob Malerei, Zeichnung, Fotografie oder Plakate und Installationen. Da er stets sehr schnell auf Zeitströmungen reagierte, dachten viele, seine Kunst ginge über den Tag nicht hinaus. Das war eine Fehleinschätzung. Seine Werke erzielen längst Rekordpreise. Bekam er zu Lebzeiten höchstens 10 000 Dollar für eine Arbeit, werden seine Bilder heute zu Höchstpreisen gehandelt. In Auktionen wurde für ein Gemälde 2005 bei Philips de Pury eine Million Dollar bezahlt, für eine Skulptur 2011 bei Christie's London schon etwas über zwei Millionen und für ein Selbstporträt 2012, ebenfalls bei Christie's London, stattliche 5,1 Millionen Dollar.
Die Galerie von Eleni Koroneou befindet sich in einem neoklassizistischen Gebäude unterhalb der Akropolis im Viertel Thission, Dimofontos 30 Ecke Thorikion 7.
Donnerstag, 20. Juni 2013
Der griechische Pavillon auf der 55. Biennale Venedig 2013
Alle zwei Jahre wieder sorgt die Biennale von Venedig, die älteste der Welt, für Diskussionen. Vom 1. Juni bis zum 24. November präsentieren sich in den herrlichen Giardini und den riesigen Hallen des Arsenale, des einstigen Werftgeländes, 88 Länder. 50 weitere Ausstellungen bilden das Nebenprogramm und sind über die ganze Stadt verteilt. Selbst der Vatikan ist dabei - zum ersten Mal. Manche Kunstwerke sieht man schon von weitem wie die gewaltige Skulptur "Alison Lapper Pregnant" von Marc Quinn, die den Platz vor der Kirche San Giorgio Maggiore am Ufer des Canal Grande beherrscht. Andere findet man in Kirchen (zum Beispiel von dem chinesischen Super-Star und Dissidenten Ai WeiWei die Szenen seiner Haft in sechs Containern in der Sant' Antonin), in Palästen am Canal Grande (Taiwan) oder versteckt in unscheinbaren alten Häuschen an den Nebenarmen des Canal.
Verantwortet wird die Gesamtschau von dem erst 40 Jahre alten Massimiliano Gioni, Ausstellungsleiter am New Museum in New York und künstlerischer Direktor der Mailänder Nicola-Trussardi-Foundation. Er wählte auch das Motto für die Hauptausstellung "Il Palazzo Enciclopedico" (Der enzyklopädische Palast), das als lockerer Leitfaden gelten soll. Dahinter steht die Idee, das gesammelte Weltwissen vorzustellen und in eine Ordnung zu bringen, nicht nur in der Kunst, sondern auch in der Forschung und Wissenschaft, Natur und Politik, was natürlich nicht wirklich gelingen kann. Aber es ist ein mutiger, interessanter Ansatz.
Der deutsche Pavillon ist international ausgefallen. Es stellen Künstler aus vier Nationen aus: Ai WeiWei, der eine meterhohe Skulptur aus 886 alten chinesischen Holzhockern geknüpft hat, der französische Filmregisseur Romuald Karmakar, der südafrikanische Fotograf Santu Mofokens und die indische Fotografin Dayanita Singh. Damit soll Deutschland "als aktiver Teil eines komplexen weltweiten Netzwerkes repräsentiert werden", wie die Kuratorin des deutschen Pavillons, Susanne Gaensheimer, Direktorin am mmk in Frankfurt, ihre Künstlerauswahl begründet. Auf mich wirkt die Auswahl der Künstler willkürlich. Was sie miteinander verbindet, erschliesst sich mir nicht. Und immer wieder Ai WeiWei! Es muss einem inzwischen fast so vorkommen, als sei er der einzige Vertreter chinesischer Gegenwartskunst. Dabei mangelt es in diesem Riesenreich, das in den letzten Jahren einen Kunstboom erlebte, gewiss nicht an jungen vielversprechenden und spannenden Talenten. Insgesamt ist der Auftritt nicht wirklich gelungen. Auch den französischen Pavillon - die Deutschen und die Franzosen haben übrigens ihre Pavillons getauscht - hat kein französischer Künstler gestaltet, sondern der in Albanien geborene und in Frankreich lebende Anri Sala. Seine Installation "Ravel Ravel Unravel" gilt als ungewöhnlich gelungen und wird allgemein gerühmt.
Viel Aufmerksamkeit erregt auch der griechische Pavillon, den der 1973 in Prag geborene und in Amsterdam und Athen lebende Videokünstler Stefanos Tsivopoulos kreiert hat. Als einer der wenigen - neben dem russischen und dem katalonischen - beleuchtet er die gegenwärtige Krise des Kapitals und die aktuelle soziopolitische Situation in Griechenland. In der dreiteiligen Videoinstallation mit einer Textmontage ("History Zero") zeigt er auf eine sehr berührende, fesselnde Weise, wie die Realität der Armen und Migranten in Athen aussieht. Der Film führt uns drei komplett verschiedene Individuen vor: einen jungen afrikanischen Immigranten, der in den Strassen und in verlassenen Industriearealen von Athen nach verwertbarem Altmetall sucht, einen nach Inspiration suchenden Künstler und eine demente alte Dame und Kunstsammlerin, die aus 500-Euro-Scheinen Blumenblüten faltet und zu Sträussen bindet. Nachdem sie die Blumen glaubt, welken zu sehen, wirft sie sie in den Müllcontainer vor dem Haus, wo der junge Schwarze sie auf der Suche nach Brauchbarem findet und überglücklich mit dem wertvollen Strauss von dannen eilt. Damit ist Tsivopoulos ein herausragendes Werk gelungen, ein Porträt bitterster Not und zugleich verschwenderischen Reichtums. Die begleitende Textdokumentation in der Rotunde, die 32 Themen behandelt, ist als umlaufendes Panorama gestaltet. Sie fragt nach dem Wert des Geldes und erforscht, welche Rolle das Geld in menschlichen Beziehungen und Gesellschaften spielt. Sie stellt alternative Währungen und Wirtschaftsmodelle vor, zum Beispiel den Tauschhandel, dem heute nicht wenige Menschen in Griechenland der Not gehorchend nachgehen.
Kuratiert hat die Ausstellung Syrago Tsiara, Direktorin des Center of Contemporary Art in Saloniki. Gegenüber ArtInfo UK äusserte sie: "History Zero bezieht sich zuerst auf die vielschichtige Krise in Griechenland, die natürlich ein Symptom der globalen politischen Krise ist. Doch die Arbeit wendet den Diskurs über die Krise zu einer höheren philosophischen und politischen Beschäftigung, die über die Notwendigkeit des Hier und Heute hinausgeht."
Der griechische Pavillon mit seiner charakteristischen neo-byzantinischen Fassade stammt aus dem Jahr 1934.
Die 55. Biennale für zeitgenössische Kunst endet am 24. November 2013. Sie ist täglich, ausser Montag, von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Ein Zwei-Tage-Pass kostet 30 Euro.
Verantwortet wird die Gesamtschau von dem erst 40 Jahre alten Massimiliano Gioni, Ausstellungsleiter am New Museum in New York und künstlerischer Direktor der Mailänder Nicola-Trussardi-Foundation. Er wählte auch das Motto für die Hauptausstellung "Il Palazzo Enciclopedico" (Der enzyklopädische Palast), das als lockerer Leitfaden gelten soll. Dahinter steht die Idee, das gesammelte Weltwissen vorzustellen und in eine Ordnung zu bringen, nicht nur in der Kunst, sondern auch in der Forschung und Wissenschaft, Natur und Politik, was natürlich nicht wirklich gelingen kann. Aber es ist ein mutiger, interessanter Ansatz.
Der deutsche Pavillon ist international ausgefallen. Es stellen Künstler aus vier Nationen aus: Ai WeiWei, der eine meterhohe Skulptur aus 886 alten chinesischen Holzhockern geknüpft hat, der französische Filmregisseur Romuald Karmakar, der südafrikanische Fotograf Santu Mofokens und die indische Fotografin Dayanita Singh. Damit soll Deutschland "als aktiver Teil eines komplexen weltweiten Netzwerkes repräsentiert werden", wie die Kuratorin des deutschen Pavillons, Susanne Gaensheimer, Direktorin am mmk in Frankfurt, ihre Künstlerauswahl begründet. Auf mich wirkt die Auswahl der Künstler willkürlich. Was sie miteinander verbindet, erschliesst sich mir nicht. Und immer wieder Ai WeiWei! Es muss einem inzwischen fast so vorkommen, als sei er der einzige Vertreter chinesischer Gegenwartskunst. Dabei mangelt es in diesem Riesenreich, das in den letzten Jahren einen Kunstboom erlebte, gewiss nicht an jungen vielversprechenden und spannenden Talenten. Insgesamt ist der Auftritt nicht wirklich gelungen. Auch den französischen Pavillon - die Deutschen und die Franzosen haben übrigens ihre Pavillons getauscht - hat kein französischer Künstler gestaltet, sondern der in Albanien geborene und in Frankreich lebende Anri Sala. Seine Installation "Ravel Ravel Unravel" gilt als ungewöhnlich gelungen und wird allgemein gerühmt.
Viel Aufmerksamkeit erregt auch der griechische Pavillon, den der 1973 in Prag geborene und in Amsterdam und Athen lebende Videokünstler Stefanos Tsivopoulos kreiert hat. Als einer der wenigen - neben dem russischen und dem katalonischen - beleuchtet er die gegenwärtige Krise des Kapitals und die aktuelle soziopolitische Situation in Griechenland. In der dreiteiligen Videoinstallation mit einer Textmontage ("History Zero") zeigt er auf eine sehr berührende, fesselnde Weise, wie die Realität der Armen und Migranten in Athen aussieht. Der Film führt uns drei komplett verschiedene Individuen vor: einen jungen afrikanischen Immigranten, der in den Strassen und in verlassenen Industriearealen von Athen nach verwertbarem Altmetall sucht, einen nach Inspiration suchenden Künstler und eine demente alte Dame und Kunstsammlerin, die aus 500-Euro-Scheinen Blumenblüten faltet und zu Sträussen bindet. Nachdem sie die Blumen glaubt, welken zu sehen, wirft sie sie in den Müllcontainer vor dem Haus, wo der junge Schwarze sie auf der Suche nach Brauchbarem findet und überglücklich mit dem wertvollen Strauss von dannen eilt. Damit ist Tsivopoulos ein herausragendes Werk gelungen, ein Porträt bitterster Not und zugleich verschwenderischen Reichtums. Die begleitende Textdokumentation in der Rotunde, die 32 Themen behandelt, ist als umlaufendes Panorama gestaltet. Sie fragt nach dem Wert des Geldes und erforscht, welche Rolle das Geld in menschlichen Beziehungen und Gesellschaften spielt. Sie stellt alternative Währungen und Wirtschaftsmodelle vor, zum Beispiel den Tauschhandel, dem heute nicht wenige Menschen in Griechenland der Not gehorchend nachgehen.
Kuratiert hat die Ausstellung Syrago Tsiara, Direktorin des Center of Contemporary Art in Saloniki. Gegenüber ArtInfo UK äusserte sie: "History Zero bezieht sich zuerst auf die vielschichtige Krise in Griechenland, die natürlich ein Symptom der globalen politischen Krise ist. Doch die Arbeit wendet den Diskurs über die Krise zu einer höheren philosophischen und politischen Beschäftigung, die über die Notwendigkeit des Hier und Heute hinausgeht."
Der griechische Pavillon mit seiner charakteristischen neo-byzantinischen Fassade stammt aus dem Jahr 1934.
Die 55. Biennale für zeitgenössische Kunst endet am 24. November 2013. Sie ist täglich, ausser Montag, von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Ein Zwei-Tage-Pass kostet 30 Euro.
Mittwoch, 8. Mai 2013
Exarchia
Exarchia - einfach traurig
Es sah hier nicht immer so aus. Noch vor einigen Jahren war Exarchia ein bürgerliches Alt-Athener Wohnviertel, dessen schattige Strassencafes an der Platia Exarchion man tagsüber gern aufsuchte, wenn man sich erschöpft vom Besuch im Archäologischen Nationalmuseum erholen oder einfach nur eine Kaffeepause einlegen und beim geschäftigen Treiben rundum entspannen wollte. Abends genoss man das Nachtleben in den angesagten Bars und populären Clubs und wusste die alteingesessenen Tavernen zu schätzen, die gutes griechisches Essen ohne modischen Schnickschnack zu günstigen Preisen servierten. Alles hatte etwas Beschwingtes, Begeisterndes, Heiteres und gleichzeitig sympathisch Kleinstädtisches, wo ein jeder jeden kennt. Das Publikum - vorwiegend hier wohnende Studenten, Künstler, (Links-)Intellektuelle - war jung, kreativ, diskutierfreudig, von mitreissender Vitalität und vor allem griechisch. Hier konnte man Stunden zubringen, ohne einem Touristen zu begegnen. Die blieben seit je im überlaufenen Altstadtviertel Plaka unter sich. Kaum einer verirrte sich in die unprätentiöse Alternative Exarchia.
Heute tun sie recht daran, die Plaka-Touristen. Es ist kaum zu glauben, wie stark sich Exarchia verändert hat. Die politische und soziale Krise ist hier am sichtbarsten. Schon tagsüber stimmt einen der Gang durch die tristen Strassen wehmütig, Lebensfreude war einmal, Normalität auch. Das ganze Viertel wirkt bedrückend und trostlos, die Verelendung ist augenscheinlich geworden. Illegale, die illegale Waren verkaufen - Sonnenbrillen, Taschen, Handys, Zigaretten -, bestimmen das Strassenbild. Allerlei ominöse Gestalten sind unterwegs. In der Stournaristrasse, auf dem Zaunsockel vor dem Polytechnion, lagern jämmerliche Gestalten im Halbkoma, Rauschgiftsüchtige, die sich Heroin spritzen. Deren Dealer, meist Schwarzafrikaner, gehen in aller Öffentlichkeit ihren Geschäften nach. Abends ist das Viertel tot, die dämmrigen Lokale sind leer. Man begegnet nur wenigen Passanten. Die engen Hauseingänge haben Obdachlose in Besitz genommen. Automatisch beschleunigt man den Schritt, wenn man durch die dunklen Gassen geht. Man fühlt sich unwohl und möchte nichts wie weg.
Verunstaltet sind auch die einst sorgfältig gepflegten Bürgerhäuser. Fast ausnahmslos jedes Gebäude - so scheint es einem jedenfalls - ist mit grellen Graffiti beschmiert, die Hauswände sind zentimeterdick mit Plakaten und Parolen zugekleistert, die zu Streiks und Demonstrationen sowie zum Klassenkampf aufrufen. Kein Fleckchen Mauer bleibt ungenutzt. Manche Häuser sind besetzt. Auch die schönen neoklassizistischen Stadtvillen an den charmanten steilen Treppengassen blieben nicht verschont. Bei vielen sind die Rollläden herabgelassen und die Haustüren mit schweren Eisenketten versperrt. Sie sehen verlassen aus.
Exarchia war immer ein buntes, alternatives Szeneviertel, in dem von jeher Widerstand gegen Obrigkeiten geleistet und gegen alles Mögliche opponiert wurde. Aber der Alltag war normal. Die im Herbst 1973 von hier ausgehenden Protestaktionen haben den Sturz der sieben Jahre währenden Obristenregierung eingeleitet. Am 14. November demonstrierten Hunderte Studenten gegen die Militärdiktatur. Unterstützt von der Athener Bevölkerung, verschanzten sie sich drei Tage lang auf dem Gelände des Polytechnion, bis das Regime in der Nacht des 17. November seine Panzer anrollen liess. Sie walzten die Tore nieder, und Scharfschützen der Polizei nahmen den Hof unter Beschuss. Zahlreiche junge Leute starben, wieviele Menschen getötet wurden, ist nie genau geklärt worden. Manche sprechen von 35 oder 40, andere von 20 Toten, die Angaben differieren. Ein Denkmal im Hof erinnert an sie. Heute macht auch das Polytechnion einen vernachlässigten Eindruck, im Garten wuchern Unkraut und Gestrüpp. Die meisten Fakultäten sind schon vor einigen Jahren nach Zografu umgezogen, nur die Architekten und die Bibliothek sind geblieben.
Nach dem Sturz der Militärherrschaft wurde das Universitätsasyl eingeführt, das es der Polizei verbot, Universitätsgelände auch nur zu betreten. Das war eine schöne Idee. Doch was damals zum Schutz der Studenten sinnvoll erscheinen mochte, erwies sich in den folgenden Jahren als fatal. Das Asylrecht wurde derart ausgehöhlt, dass von der schönen Idee nicht viel übrig blieb. Mehr und mehr entwickelten sich die Hochschulen des Landes zu rechtsfreien Räumen für gewaltbereite Anarchisten, Linksextremisten und Berufsrevoluzzer, die sich nach ihren sinnlosen Gewaltorgien und Zerstörungszügen auf das sichere Hochschulterrain flüchteten. Die Regierung blieb tatenlos und die Polizei war machtlos. In einer misslichen Lage befanden sich auch die Universitätsrektoren, die sich nicht trauten, gegen die radikalen Gruppierungen vorzugehen, weil sie Gewalt und Anschläge im eigenen Haus fürchteten. Diese Sorge war berechtigt, denn den terroristischen Organisationen gelang es nicht selten, das akademische Leben komplett lahmzulegen; sie stürmten Vorlesungen, machten aus Hörsälen und Seminarräumen Kleinholz und scheuten nicht davor zurück, auch Professoren tätlich anzugreifen, deren Forschungen ihnen nicht genehm waren. 2005 nahmen vermummte "Autonome" während einer Lesung sogar den späteren Finanzminister Venizelos kurzzeitig in "Geiselhaft". Erst nachdem eine hilflose Polizei ihnen freien Abgang zugesichert hatte, liessen sie ihn gehen. 2011 hat die Pasok-Regierung diesem empörenden Missbrauch nach mehreren vergeblichen Anläufen endlich ein Ende bereitet. Das gesetzlich verankerte Universitätsasyl wurde abgeschafft.
Exarchia ist keine Gegend mehr, in der man sich gerne aufhält. Die Situation hat sich noch verschärft, seit am Abend des 6. Dezember 2008 der 15jährige Alexandros Grigoropoulos von einem Polizisten erschossen wurde, angeblich versehentlich durch einen Querschläger. Der Todesschuss auf den Schüler, ein halbes Kind noch, war nur der Funke, der das Fass endgültig zum Überlaufen brachte: die über Jahre angesammelte Wut auf den abgewirtschafteten Staat brach sich Bahn, auf die korrupte politische Kaste, das rückständige und ungerechte Bildungswesen, die Misswirtschaft insgesamt und die unfähige Bürokratie, die es bis heute nicht geschafft hat, die alltägliche Steuerhinterziehung speziell der Reichen in den Griff zu bekommen. Der Zorn auf das inhumane System, der schon lange unter der Oberfläche schwelte, löste die schwersten Unruhen seit der Militärdiktatur aus. Eine ungeheure Protestwelle griff auf das ganze Land über, vor allem in den Städten kam es zu schlimmen Ausschreitungen und Strassenschlachten mit der Polizei.
Auch wenn sich die Lage insgesamt inzwischen beruhigt hat, vergessen ist der Vorfall nicht. Vor allem nicht in Exarchia. Dort hat man an dem Haus an der Ecke Mesolongiou/Tsavela, vor dem Alexis oder Gregory, wie ihn seine Freunde nannten, von der tödlichen Kugel getroffen wurde, eine schwarze Gedenktafel mit einem Bild des Jugendlichen und einer Inschrift angebracht, vor das die Menschen noch immer Blumen niederlegen. Sympathisanten haben das Strassenschild ausgetauscht: Die Odos Mesolongiou heisst jetzt Alexandrou-Grigoropolou-Strasse.
Inzwischen meiden auch Athener selbst dieses Viertel. Manche, die in den wohlhabenden Villenvororten im Norden leben, fahren nicht einmal mehr in das Athener Zentrum: "Ich war schon über ein Jahr lang nicht mehr dort" sagte mir ein in Kifisia wohnender Arzt. "Die ewigen Demonstrationen und die Strassenschlachten der Autonomen mit der Polizei sehe ich mir im TV an." Das scheint mir stark übertrieben zu sein. Denn abgesehen von wenigen Quartieren ist Athen immer noch eine sichere Stadt. Im Nachbarviertel von Exarchia, in Kolonaki, pulsiert das Leben wie eh und je, in den Cafes und Restaurants findet man zu keiner Zeit kaum einen Platz. Dasselbe gilt für die anderen Stadtteile im Zentrum, ausgenommen eben Exarchia und die Gegend um den nahen Omoniaplatz.
Samstag, 4. Mai 2013
Griechische Insel zu verkaufen
Griechenland macht nun endlich ernst mit der seit 2011 von der Troika geforderten, der Regierung jedoch nur zögerlich begonnenen Privatisierung. Als erstes Unternehmen wurde Anfang Mai ein "Kronjuwel" privatisiert, der staatliche Lotterie- und Wettveranstalter Opap. 33 Prozent gingen auf das tschechisch-griechische Konsortium Emma Delta über, an dem der griechische Reeder Giorgios Melissanides zu einem Drittel beteiligt ist. Emma Delta zahlte dem griechischen Staat inklusive Dividende 712 Millionen Euro. Die Privatisierung des nationalen Gasversorgers Depa, die Anfang Juni abgeschlossen sein sollte, ist geplatzt. Der einzige Interessent, die russische Gazprom, hat kein verbindliches Gebot abgegeben. Bis zum Jahr 2015 wollte Griechenland elf Milliarden Euro aus der Veräusserung von Staatsvermögen erlösen, die zur Schuldentilgung eingesetzt werden müssen. Dieses Ziel dürfte wohl nicht mehr zu erreichen sein. 2011 hatte man noch mit erheblich höheren Einnahmen, mit 50 Milliarden Euro, gerechnet.
Da der Verkauf aus dem im Privatisierungsprogramm vorgesehenen Staatsbesitz bei weitem nicht die erwarteten Erträge bringt - manche Firmen, z.B. die griechische Eisenbahn, sind so marode, dass jeder Investor von vornherein abwinkt -, hat die griechische Regierung jetzt auch die Inseln ins Visier genommen. Sie erwägt zwar nicht deren Verkauf, das lässt die derzeitige Gesetzeslage nicht zu und das ist auch nicht gewollt, zieht aber die langjährige Verpachtung unbewohnter Inseln in Betracht, die für die Entwicklung touristischer Projekte geeignet erscheinen. Allerdings sind diese Pläne, so beschloss es das Parlament im Februar 2013, vor ihrer Ausführung dem Verteidigungsministerium und dem Ministerium für öffentliche Sicherheit zur Prüfung vorzulegen. Die Pachtdauer soll 30 bis 50 Jahre betragen.
Griechenland hat über 2000 Inseln und Inselchen, sie machen ein Fünftel der Landesfläche aus. Rund 180 Inseln sind bewohnt, etwa 500 befinden sich in Privatbesitz. Inzwischen sind 60-70 kleine Privatinseln auf dem Markt. Die neu eingeführte Immobilienabgabe und die höhere Grundsteuer zwingen auch wohlhabende Eigentümer, sich von ihrem Grundstück, ihrer Villa oder Insel zu trennen. In diesen Zeiten sind selbst die Superreichen gezwungen, auf ihre Budgets zu achten. Da aber die meisten Inseln aus unterschiedlichen Gründen nicht bebaut werden können, etwa weil sie unter Naturschutz stehen, archäologische Stätten oder militärisches Gebiet sind und ähnliches mehr, finden sie nur schwer Käufer. Somit reduziert sich das Angebot, das Investoren anlocken könnte, auf rund ein Dutzend.
Eine davon ist die vier Quadratkilometer grosse Felseninsel Patroklos nahe Kap Sounion, auf dem der berühmte Poseidontempel steht. Sie soll 150 Millionen Euro kosten. Zum Verkauf steht auch das kreisrunde Inselchen Agios Athanasios im Golf von Korinth, das mit nur 1,6 Millionen Euro ziemlich preiswert erscheint. Sie wird als "Privatinsel mit altem Baumbestand (Oliven- und Feigenbäume) sowie kleinem Strand (ca. 300 qm)" angeboten. "Die Gesamtfläche beträgt 11 000qm - nicht eingeschlossen die offizielle Küstenlinie. 8500 qm haben den Grünen Stempel, d.h. sie sind vom Landwirtschaftsministerium zur Bebauung freigegeben." Im Angebot ist auch eine zur Diapori-Gruppe gehörende Insel im Argosaronischen Golf, die schnell von Piräus aus zu erreichen ist, ein Inselchen in der Südägäis bei Amorgos sowie drei kleine Eilande im Ionischen Meer nahe Korfu.
Im Ionischen Meer hat auch der Emir von Katar zugeschlagen. Er kaufte im Frühjahr 2012 sechs unbewohnte Inselchen, die schon von antiken Autoren erwähnten Echinades. Sie liegen direkt vor dem Festland nahe Ithaka, der mythischen Heimat des Odysseus. Für die kleine Gruppe soll er 8,5 Millionen Euro bezahlt haben. Angeblich war der Makler heilfroh, die Inseln los geworden zu sein, weil sie schon 40 Jahre am Markt waren. Dass die Käufer nicht Schlange stehen, hat nichts mit der Qualität oder Beschaffenheit der Inseln zu tun, sondern mit den starren bürokratischen Hürden, die jeden gutwilligen Investor abschrecken. Den Käufer erwartet oft eine langjährige Odyssee durch verschiedene Ministerien und Behörden, um die notwendigen Papiere zu erlangen. Selbst dem Emir machen die rigiden Bauvorschriften zu schaffen. Die Villen, die er für seine umfangreiche Familie - drei Ehefrauen und 24 Kinder - bauen möchte, dürfen nicht grösser als 250 qm sein. So gross sei daheim allein schon sein Bad, liess er wissen. Und Ioannis Kassianos, der griechisch-amerikanische Bürgermeister von Ithaka, zu dem die Echinades verwaltungsmässig gehören, sagte der Europe News am 5. März: "Auch wenn man eine Insel kauft, sogar als Emir von Katar, dauert es eineinhalb Jahre, bis der Papierkram durchgestanden ist." Offiziell ist der Emir noch immer nicht der Besitzer. (Kleine Anmerkung am Rande: Kassianos, Bauunternehmer und Multimillionär, wurde 2013 wegen Steuerhinterziehung und Korruption als Bürgermeister abgesetzt.)
Der Griechenlandliebhaber kann beruhigt sein: Einen Ausverkauf der Inseln wird es nicht geben. Da sei die Bürokratie vor.
Da der Verkauf aus dem im Privatisierungsprogramm vorgesehenen Staatsbesitz bei weitem nicht die erwarteten Erträge bringt - manche Firmen, z.B. die griechische Eisenbahn, sind so marode, dass jeder Investor von vornherein abwinkt -, hat die griechische Regierung jetzt auch die Inseln ins Visier genommen. Sie erwägt zwar nicht deren Verkauf, das lässt die derzeitige Gesetzeslage nicht zu und das ist auch nicht gewollt, zieht aber die langjährige Verpachtung unbewohnter Inseln in Betracht, die für die Entwicklung touristischer Projekte geeignet erscheinen. Allerdings sind diese Pläne, so beschloss es das Parlament im Februar 2013, vor ihrer Ausführung dem Verteidigungsministerium und dem Ministerium für öffentliche Sicherheit zur Prüfung vorzulegen. Die Pachtdauer soll 30 bis 50 Jahre betragen.
Griechenland hat über 2000 Inseln und Inselchen, sie machen ein Fünftel der Landesfläche aus. Rund 180 Inseln sind bewohnt, etwa 500 befinden sich in Privatbesitz. Inzwischen sind 60-70 kleine Privatinseln auf dem Markt. Die neu eingeführte Immobilienabgabe und die höhere Grundsteuer zwingen auch wohlhabende Eigentümer, sich von ihrem Grundstück, ihrer Villa oder Insel zu trennen. In diesen Zeiten sind selbst die Superreichen gezwungen, auf ihre Budgets zu achten. Da aber die meisten Inseln aus unterschiedlichen Gründen nicht bebaut werden können, etwa weil sie unter Naturschutz stehen, archäologische Stätten oder militärisches Gebiet sind und ähnliches mehr, finden sie nur schwer Käufer. Somit reduziert sich das Angebot, das Investoren anlocken könnte, auf rund ein Dutzend.
Eine davon ist die vier Quadratkilometer grosse Felseninsel Patroklos nahe Kap Sounion, auf dem der berühmte Poseidontempel steht. Sie soll 150 Millionen Euro kosten. Zum Verkauf steht auch das kreisrunde Inselchen Agios Athanasios im Golf von Korinth, das mit nur 1,6 Millionen Euro ziemlich preiswert erscheint. Sie wird als "Privatinsel mit altem Baumbestand (Oliven- und Feigenbäume) sowie kleinem Strand (ca. 300 qm)" angeboten. "Die Gesamtfläche beträgt 11 000qm - nicht eingeschlossen die offizielle Küstenlinie. 8500 qm haben den Grünen Stempel, d.h. sie sind vom Landwirtschaftsministerium zur Bebauung freigegeben." Im Angebot ist auch eine zur Diapori-Gruppe gehörende Insel im Argosaronischen Golf, die schnell von Piräus aus zu erreichen ist, ein Inselchen in der Südägäis bei Amorgos sowie drei kleine Eilande im Ionischen Meer nahe Korfu.
Im Ionischen Meer hat auch der Emir von Katar zugeschlagen. Er kaufte im Frühjahr 2012 sechs unbewohnte Inselchen, die schon von antiken Autoren erwähnten Echinades. Sie liegen direkt vor dem Festland nahe Ithaka, der mythischen Heimat des Odysseus. Für die kleine Gruppe soll er 8,5 Millionen Euro bezahlt haben. Angeblich war der Makler heilfroh, die Inseln los geworden zu sein, weil sie schon 40 Jahre am Markt waren. Dass die Käufer nicht Schlange stehen, hat nichts mit der Qualität oder Beschaffenheit der Inseln zu tun, sondern mit den starren bürokratischen Hürden, die jeden gutwilligen Investor abschrecken. Den Käufer erwartet oft eine langjährige Odyssee durch verschiedene Ministerien und Behörden, um die notwendigen Papiere zu erlangen. Selbst dem Emir machen die rigiden Bauvorschriften zu schaffen. Die Villen, die er für seine umfangreiche Familie - drei Ehefrauen und 24 Kinder - bauen möchte, dürfen nicht grösser als 250 qm sein. So gross sei daheim allein schon sein Bad, liess er wissen. Und Ioannis Kassianos, der griechisch-amerikanische Bürgermeister von Ithaka, zu dem die Echinades verwaltungsmässig gehören, sagte der Europe News am 5. März: "Auch wenn man eine Insel kauft, sogar als Emir von Katar, dauert es eineinhalb Jahre, bis der Papierkram durchgestanden ist." Offiziell ist der Emir noch immer nicht der Besitzer. (Kleine Anmerkung am Rande: Kassianos, Bauunternehmer und Multimillionär, wurde 2013 wegen Steuerhinterziehung und Korruption als Bürgermeister abgesetzt.)
Der Griechenlandliebhaber kann beruhigt sein: Einen Ausverkauf der Inseln wird es nicht geben. Da sei die Bürokratie vor.
Donnerstag, 25. April 2013
Fava - eine Spezialität aus Santorin
Fava - eine Spezialität aus Santorin - und was wir den Griechen sonst noch unbedingt abkaufen sollten
Fava sind eine Köstlichkeit. Wer Santorin besucht, sollte nicht versäumen, dieses Gericht, das die meisten guten Restaurants anbieten, zu bestellen. Man findet es auch auf anderen südlichen Kykladeninseln wie Paros, Naxos und vor allem Milos, aber dort muss man oft lange nach einem Lokal suchen, das diese Hülsenfrucht auf seiner Speisekarte führt bzw. sie nach dem Originalrezept und mit den echten Santorini-Bohnen zubereitet. Serviert mit lokalen "Accessoires" wie kleingehackten roten Zwiebeln, frischem Dill oder Kapernblätter und einem Schuss kräftigen, nativen und vor allem ungepanschten Olivenöl kann Fava zu einer Leibspeise werden.
Fava sind kleine gelbliche platte Bohnen von etwa zwei Milimeter Durchmesser, deren besonderer Geschmack und typische qualitative Merkmale auf die spezielle Santorini-Erde zurückgeführt werden. Ihre Einzigartigkeit ist den Umwelt- und Anbaubedingungen, die es nur hier gibt, zu verdanken, sowie einem speziellen Trocknungsverfahren.
Aufgrund der aussergewöhnlichen Bodenbeschaffenheit - vulkanische Erde - , den Klimabedingungen und der Pflanzenart haben die Fava Santorins einen sehr hohen Anteil an Kohlehydraten (63 Prozent) und Proteinen (20 Prozent). Für Vegetarier und Veganer sind sie die ideale Kost.
Das Anbaugebiet der echten Santorini-Bohnen ist eng begrenzt: auf Santorini und Thirasia sowie die winzigen unbewohnten Nebeninseln Aspronisi, Christiana und Askania. Archäologische Funde (Samen) aus Akrotiri belegen, dass Fava hier bereits seit 3600 Jahren kontinuierlich angepflanzt wird.
Fava gibt es auf Santorini in jedem Supermarkt. Da die echten Bohnen rar sind, haben sie einen stolzen Preis: 500 Gramm kosten sieben bis acht Euro. In Athen bekommt man die Original-Fava in den gehobenen Supermärkten. Wer nicht soviel Geld ausgeben möchte, kann Fava-Bohnen aus anderen Anbaugebieten für knapp ein Drittel dieses Preises kaufen. In Deutschland findet man Fava in Läden, die sich auf mittelmeerische Produkte spezialisiert haben.
Was können wir den Griechen sonst noch abkaufen, um ihnen ökonomisch ein wenig unter die Arme zu greifen? Worin sind sie Spitze? Spitze ist griechischer Spargel, der vor allem im Norden angebaut wird. Er ist im Geschmack kräftiger als der deutsche, ist einige Wochen eher auf dem Markt und sehr viel billiger. Ähnliches gilt für die griechischen Kirschen, die gewöhnlich etwas kleiner als die deutschen sind, aber unübertroffen süss und voll im Geschmack. Keine Spur von Wässrigkeit. Auch mit anderen Agrarprodukten wie Pfirsichen, Aprikosen und Melonen könnten die Griechen erheblich mehr punkten, wenn sie endlich die italienischen Grosshändler ausschalten und sich ihre eigenen Vertriebswege schaffen würden.
Exportschlager sind Oliven, besonders die schwarzen aus Kalamata, und natürlich ihr berühmtes Olivenöl. Mit rund 430 000 Tonnen pro Jahr ist Hellas drittgrösster Produzent global. Feinschmecker und Sterneköche schwören auf das unnachahmlich aromatisch-bitterfruchtige "grüne Gold" aus Kalamata und einiger Anbaugebiete auf Kreta. Griechenland hat das beste Öl der Welt und verschleudert den grössten Teil an die Italiener, die es mit älterem italienischen, zum Teil auch marokkanischem Öl panschen und diesen Verschnitt unter italienischen Markennamen zu einem hohen Preis exportieren - auch in die griechischen Supermärkte. Weil die hellenischen Erzeuger keine modernen Abfüllanlagen haben, die Oliven nur in Einzelfällen an Ort und Stelle weiterverarbeitet werden und nicht in wirtschaftlich rentablen Mengen, gelangen nur knapp zehn Prozent direkt in den Handel. Ausserdem mangelt es an Marketingstrategien, die die meist familiär geführten Betriebe gar nicht leisten können, und wohl auch an Unternehmergeist. Damit verschenken die Griechen die Chance, ein Qualitätsprodukt ersten Ranges selbst auf den Markt zu bringen. Das grosse Geld verdienen die Italiener.
Ähnliches trifft auch auf andere Produkte zu. Manche griechischen Erzeugnisse kennt der deutsche Käufer gar nicht, weil sie hier kaum angeboten werden, wie Nüsse (besonders Pistazien), Honig, Käse - noch immer verbindet er mit Hellas nur Feta, Joghurt und Satziki - , darunter ganz hervorragende Hartkäsespezialitäten und anderes mehr. Da der Anteil des Agrarsektors am Export immerhin gut 20 Prozent beträgt, muss dieser Bereich erheblich ausgeweitet werden. Die Vermarktung muss professionalisiert und die industrielle Verarbeitung erhöht werden. Es ist nun mal das Hauptproblem Griechenlands, dass im Land selbst zu wenig produziert wird. Die klein- und mittelständisch geprägten landwirtschaftlichen Betriebe müssen Kooperationen gründen, um die Kosten zu senken und in Europa konkurrenzfähiger zu werden. Bei einem entsprechend grösseren Angebot wären die griechischen Erzeugnisse bekannter und somit auch viel stärker gefragt. Um zum Beispiel in das Sortiment von Supermarktketten aufgenommen zu werden, müssen die Produkte kontinuierlich und in grossen Mengen lieferbar sein. Um dieses Ziel zu erreichen, d.h. die Ausfuhren zu steigern, sind noch erhebliche Anstrengungen nötig. Die Agrarwirtschaft könnte längst konkurrenzfähig sein, hätten die Griechen die seit den neunziger Jahren aus Brüssel ins Land fliessenden Strukturhilfen in die Modernisierung der Landwirtschaft gesteckt und sie nicht auf unverantwortliche Weise für den Kauf teurer Autos oder Ferienhäuser verpulvert. Das ist Vergangenheit, aber dieses kurzsichtige Denken, von den damaligen nur auf Machterhalt bedachten Parteien noch gefördert oder zumindest nicht verhindert, hat sie langfristig um den Gewinn gebracht.
Es gibt jedoch auch Erfolgsgeschichten: Die Naturkosmetikfirma Korres, 1996 von Georgios Korres gegründet und inzwischen die grösste Griechenlands, arbeitet ausschliesslich mit natürlichen Inhaltsstoffen. Die Produkte des börsennotierten Unternehmens gibt es in 30 Ländern, auch in Deutschland, in Apotheken und guten Einzelhandelsgeschäften. Ein anderes, ebenfalls börsennotiertes und international tätiges Unternehmen ist Creta Farm. Es hat ein Verfahren entwickelt, das einen Teil der tierischen Fette aus dem Fleisch entfernt und durch gesundes Olivenöl ersetzt. Beide Firmen sind in der Krise sogar gewachsen.
Eine Erfolgsgeschichte könnte auch der Handel mit Wein werden: Die Anbaubedingungen sind optimal: kalkhaltige Böden, ganzjährige Sonneneinstrahlung, kaum Reblausbefall, so dass keine massiven Chemie-Einsätze notwendig werden, und eine grosse Anzahl einheimischer Rebsorten - ca. 300 -, die bestimmte Mikroklimata brauchen und anderswo nicht angesiedelt werden können. Griechische Weine gibt es in fünf Qualitätsstufen, die von hoher Qualität aus kontrollierten Anbaugebieten - zur Zeit sind das 25 - bis zur letzten Kategorie Tafelwein reichen. Aber auch wenn dem griechischen Wein das Retsina-Image längst nicht mehr anhaftet (der Harzwein nimmt in der Kategorisierung übrigens eine Sonderstellung ein), sind noch immer viele erstklassige Erzeugnisse ausserhalb Griechenlands relativ unbekannt. Mittlerweile gibt es eine grosse Auswahl erlesener Weine, die dabei sind, sich zu ernsthaften Konkurrenten italienischer und französischer Spitzenerzeugnisse zu entwickeln. Aber auch hier hapert es am Export: Ebenso wie beim Olivenöl werden noch nicht einmal zehn Prozent der jährlichen Produktion (rund 4.000.000 Hektoliter) in Flaschen ausgeführt. Die bekanntesten und grössten Weinhersteller sind Achaia Clauss, Tsantali und Boutari. Boutari besitzt sechs Weingüter in Griechenland und eins im französischen Languedoc.
Dennoch gibt es inzwischen einige Lichtblicke in der Krise. Seitdem die jetzt ins sechste Jahr gehende schwere Rezession jeden vierten Griechen (26 Prozent) und bei den unter 25jährigen jeden Zweiten (57 Prozent) arbeitslos gemacht hat, strömten Zehntausende aus den Städten zurück aufs Land, um die brachliegenden Felder ihrer Eltern oder Grosseltern zu bewirtschaften. Unter den Neubauern sind viele Akademiker, die Unternehmergeist mitbringen, Export-Netzwerke bilden und auf biologischen Anbau setzen. Speziell die grossen Inseln bieten wegen der geringen Umweltverschmutzung - es gibt kaum Industrien - die besten Voraussetzungen. Manche spürten Nischen auf, bauen Aloe Vera an, züchten Pilze, sammeln Weinbergschnecken oder Trüffel. Tausende von ihnen erhielten verbilligte Kredite, die beim Aufbau der neuen Existenz helfen. Um sich endlich von den veralteten agrarischen Geschäftsmodellen zu verabschieden, werden den Landwirten Schulungen in Ökologie und Betriebswirtschaft angeboten. Diese Schritte scheinen erste Erfolge zu zeitigen, zumindest für Wein und Olivenöl. Ihre Exporte nach Deutschland nahmen im Jahr 2012 um 24 Prozent (Wein) und 18 Prozent (Olivenöl) zu.
Es gibt noch sehr viel ungenutztes Potential in der griechischen Landwirtschaft. Und damit gute Zukunftsperspektiven.
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