Freitag, 15. März 2013

Cafe Economou

Das Cafe Economou in der Hamburger Kunsthalle

Ein griechischer Wohltäter in Hamburg


Die Hamburger Kunsthalle am Glockengiesserwall ist das bekannteste Kunstmuseum der Hansestadt und eines der bedeutendsten, grössten und seit Jahren bestbesuchten von ganz Deutschland. Seine Sammlungen sind von internationalem Rang und decken ein breites Spektrum ab, sie reichen vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Schwerpunkte sind die italienische Renaissance, die französische Malerei des 17. und 18. Jahrhunderts, die deutsche Malerei des 19. Jahrhunderts, Impressionismus und Klassische Moderne. 1997 hinzugekommen ist die grossartige Galerie der Gegenwart. In dem von Oswald Mathias Ungers konzipierten vierstöckigen Kubus werden alle wichtigen zeitgenössischen Künstler präsentiert, darunter Baselitz, Polke, Gerhard Richter, Jenny Holzer, Op- und Pop-Artisten wie Warhol, um hier nur einige wenige zu nennen.

Damit sich die Kunstliebhaber von dem überwältigenden Kunstangebot in kongenialem Rahmen erholen können, hat man zwei neue Cafe-Restaurants eingerichtet: The Cube in der Galerie der Gegenwart mit einer grossen Sonnenterrasse zur Alster und das Cafe George Economou, das erst im September 2011 eröffnet wurde, in der Rotunde. Namensgeber ist George Economou, ein milliardenschwerer griechischer Reeder, Unternehmer und Kunstsammler. Sein temperamentvoller Agent Dimitri Gravanis, den alle nur Dimitri nennen, liebt es, die Auktionssäle aufzumischen. Er ist durch sein nicht eben diskretes Auftreten in den grossen deutschen Häusern wie Villa Grisebach in Berlin, Neumeister und Ketterer in München oder Lempertz und Van Ham in Köln bestens bekannt. So liefert er sich oft heftige Bieterduelle mit Konkurrenten und sorgte schon verschiedentlich für Rekordpreise. Geld scheint keine Rolle zu spielen!

Durch die finanzielle Unterstützung eines griechischen Grosssammlers war es der Hamburger Kunsthalle nun also möglich geworden, die stylische Einrichtung des Museumscafes durch Philippe Starck zu realisieren, mit Tischen und dreibeinigen Stühlen, die der Stardesigner 2006  für das legendäre Cafe Costes im Pariser Hallenviertel entworfen hat. 250 000 Euro war Economou die Namensgebung wert. Griechenland steht vor der Pleite und ein Grieche spendiert der Hamburger Kunsthalle ein luxuriöses Cafe. Fühlt sich Museumsleiter Hubertus Gassner wohl bei diesem Gedanken? Das fragte ihn das Hamburger Abendblatt in einem Interview am 14.Dezember 2012.

"Was hat George Economou dafür getan, dass das Cafe seinen Namen tragen darf?" fragte das Abendblatt.
Die Antwort Gassners: ".... Da uns das Geld für die Neueinrichtung eines Cafes fehlte, habe ich ihn gefragt, ob er sich dafür engagieren würde. Daraufhin hat er uns 250 000 Euro zur Verfügung gestellt. Als Gegenleistung bleibt sein Name insgesamt sieben Jahre lang bestehen ... Dass Griechenland mal so zum Thema werden könnte, war damals gar nicht abzusehen."
Abendblatt: "Economou ist nicht nur Kunstsammler, sondern gehört auch zu jener kleinen Schicht steinreicher Griechen, die jetzt aufgrund ihres Verhaltens heftig in der Kritik stehen. Ist das für Sie ein Problem?"
Gassner: "Das kann sich zum Problem entwickeln. Aber ich konnte die ökonomische Entwicklung in Griechenland nicht voraussehen, als ich 2009 den Vertrag mit ihm schloss. Ausserdem ist George Economou ein in der Hamburger Geschäftswelt ausserordentlich gut beleumundeter Mensch. Hier hat er als Kunstsammler und als Geschäftsmann einen sehr guten Ruf."
Auf die Frage, ob es nicht merkwürdig ist, wenn sich ein griechischer Mäzen während sein eigenes Land mitten in einer Krise steckt ausgerechnet für ein deutsches Museum engagiert, antwortete Gassner: "Das ist eine moralische Frage. Natürlich kann man darüber nachdenken, warum er nicht ein Museumscafe in Athen, sondern in Hamburg finanziert. Beantworten kann ich das aber nicht."

Es klingt nicht so, als würde sich der Museumsmann über die griechische Krise den Kopf zerbrechen. Das Cafe allerdings ist wirklich rundum schön. Hier geht man auch gerne hin, ohne in einer der Ausstellungen gewesen zu sein.

Donnerstag, 14. März 2013

Die Crux mit den Athener Strassennamen


Es verlangt nicht selten eine gewisse Findigkeit, in Athen von A nach B zu gelangen. Die hohe Kunst, eine Strasse oder bestimmte Adresse zu finden, ist oftmals zeitraubend und kompliziert und stuerzt nicht nur Athen-Unkundige in tiefste Verwirrung. Je nach der Regierung nämlich, die gerade an der Macht ist, werden Strassen und Plätze häufig umbenannt, speziell die repräsentativen. In letzter Zeit hat man sich damit gluecklicherweise zurueckgehalten - gegenwärtig gibt es gewichtigere Probleme - , aber die frueheren Aenderungen verursachen noch immer Schwierigkeiten und bereiten ziemliche Umstände.

Die Strassenschilder, die die Namen vorbildlich jeweils in griechischen und lateinischen Lettern widergeben, helfen nicht immer weiter. Manche nennen nur den gebräuchlichen alten Namen, andere den alten und den neuen und manche nur die neue Bezeichnung; man wundert sich auch gelegentlich ueber ein und dieselbe Strasse, die an ihrem Anfang den einen und an ihrem Ende einen anderen Namen trägt. Eine Strasse, die mich seit Jahren regelmässig verzweifeln laesst, ist die Odos Adrianou, die mitten durch die Altstadt Plaka zieht. An der Römischen Agora macht sie urplötzlich einen Knick, der Dexippou heisst. An dessen Ende muss man in die Areos einbiegen, bevor man sich - nach links gehend - in der Adrianou wiederfindet (sofern man nicht die schlecht einsehbare, von Touristenmassen blockierte Abzweigung verpasst hat und unversehens und einigermassen ratlos im Gedraenge des Monastiraki-Platzes umher irrt). Gluecklich also in der Adrianou angekommen, verläuft sie an der antiken Agora vorbei bis hinauf zum Theseion. Wie oft ich hier schon im Kreis gelaufen bin, kann ich an zwei Händen nicht abzählen. Warum die Strasse in ihrer Mitte plötzlich anders heisst, hat sich mir bisher noch nicht erschlossen.

Probleme bereitet auch die Piräos, eine kilometerlange Hauptverkehrsader, die vom Omoniaplatz bis nach Piräus fuehrt. Diese Strasse heisst offiziell P. Tsaldari und so steht es auch auf den Strassenschildern, doch fragt man einen Athener danach, erntet man gewöhnlich ein Schulterzucken. Er kennt sie nur unter ihrem alten Namen Piräos. Vollends tragisch kann es werden, wenn man zur Platia Eleftherias, dem Freiheitsplatz, möchte, von dem aus die Busse nach Dafni und Eleusis abfahren. Er liegt nämlich direkt an der P. Tsaldari-Strasse, die eben alle nur als Piräos-Strasse kennen, und die Platia Eleftherias kennen alle nur unter ihrem alten Namen Platia Koumoundourou - sogar der offzielle von der Griechischen Fremdenverkehrszentrale herausgegebene Stadtfuehrer "Athen" macht hier keine Ausnahme. Da kann man denn schon mal leicht ins Gruebeln oder gar ins Schwitzen geraten und den Bus zum Kloster Dafni verpassen. Jedenfalls empfiehlt es sich bei Verabredungen, einen gewissen Zeitpuffer einzuplanen, um puenktlich zu sein.

Freunde von mir sind im letzten Jahr bei sengender Hitze mehrmals rund um den Omonia-Platz gelaufen, weil sie die vom Platz abgehende Patission nicht fanden, an der das weltberuehmte Archäologische Nationalmuseum steht. Diese Strasse heisst nämlich offiziell 28. Oktovriou und so steht es auch auf dem dortigen Strassenschild. Aber jeder nennt sie nur Patission, ebenso wie jeder die El. Venizelou-Strasse, an der das Schliemann-Haus (mit einem sehr huebschen, stillen Gartencafe) steht, Panepistimiou nennt und den Platz mit dem Rathaus Platia Kotzia und nicht Platia Ethnikis Antistaseos, wie er offiziell heisst.

Die Postboten finden sich in diesem Durcheinander gut zurecht. Ich habe mir sagen lassen, dass die Briefzustellung perfekt funktioniert. Weniger gut geschult und Welten entfernt etwa von ihren Londoner Kollegen, die eine strenge Pruefung bestehen muessen, ehe sie auf ihre Kunden losgelassen werden und denen jede noch so winzige Sackgasse geläufig ist, sind die Athener Taxifahrer. Viele kommen aus Dörfern in Attika und sind den Finessen des Athener Strassensystems selber hilflos ausgeliefert. Wuerde man etwa dem Fahrer als Adresse Platia Filikis Etairias nennen, chauffierte er einen auf der Suche danach vermutlich durch halb Athen, um schliesslich entnervt aufzugeben. Dabei handelt es sich um die mitten im Zentrum gelegene, nur fuenf Gehminuten vom Parlament entfernte Platia Kolonakiou, den Kolonaki-Platz, den jeder kennt und auch so nennt. Diese Liste liesse sich fortfuehren.

Die Uneinheitlichkeit in der Nennung der Strassennamen findet man oft auch in einschlägigen Veröffentlichungen und sogar auf Stadtplänen. Letzteres ist meist dem Platzmangel geschuldet, schliesslich muessen beide Versionen, die griechische und die lateinische, auf kleinstem Raum gedruckt werden.
Was also tun? Das Athener Zentrum ist zum Glueck ziemlich klein, so dass man fast alle Sehenswuerdigkeiten erlaufen  kann. Um ohne Umwege ans Ziel zu gelangen, ist es besser, sich an die gebräuchlichen alten Namen zu halten oder - noch klueger - beide Namen zu wissen. Ferner sollte man immer einen Stadtplan zur Hand haben, um auf die entsprechende Adresse zu tippen, wenn man gar nicht weiter weiss. Am allerkluegsten aber ist es, nicht in Hektik zu verfallen, sondern sich in eines der vielen Strassencafes zu setzen und bei einem Cappuccino oder Eiskaffee den Trubel drumherum zu geniessen, der Athen ausmacht. Sie muss man jedenfalls nicht suchen, Cafes und kleine Tavernen gibt es genug und ueberall. Hier kann man dann in aller Ruhe den Stadtplan studieren und gegebenenfalls den Kellner nach dem Standort der gesuchten Sehenswuerdigkeit fragen. Er kann in den meisten Fällen weiterhelfen und wenn ausnahmsweise nicht, wird er sich genötigt sehen, einen der Angestellten oder der griechischen Gäste zu fragen. Sein Ziel erreicht man immer, und sei es in Begleitung.

Erzbischof Damaskinos und Evangelos Evert

Zwei Gerechte unter den Völkern

Wenn man vom Sintagmaplatz in Richtung Plaka geht, passiert man einen weitläufigen Platz, an dem die Grosse Mitropolis steht, die Kirche des orthodoxen Erzbischofs von Athen. In ihr heiratet mit allem Prunk, wer in Athen Rang und Namen hat, hier werden die Minister vereidigt, und auch zu den obligaten Ostergottesdiensten sieht man hier viel Athener Prominenz.

Die Metropolitankirche war auch die Wirkungsstätte von Erzbischof Damaskinos, dem Oberhaupt der griechisch-orthodoxen Kirche während der Zeit der deutschen Besatzung. An ihn erinnert das Denkmal in der Mitte des Platzes. In den marmornen Sockel ist ein Satz graviert, der von beispielloser Kuehnheit, ja, geradezu Waghalsigkeit, kuendet: "Die griechischen Priester werden nicht erschossen, sie werden gehängt. Bitte respektieren Sie diese Tradition." Dies war die Antwort des Erzbischofs an den SS-Brigadefuehrer und Generalmajor der Polizei, Juergen Stroop, der das widerständige Verhalten des obersten Kirchenmannes mit unbaendigem Hass verfolgte und ihm drohte, ihn wegen seiner Proteste gegen die Verfolgung der griechischen Juden erschiessen zu lassen. Bevor Stroop nach Athen kam, hatte er sich in Warschau hervorgetan und den Aufstand im Ghetto grausam niedergeschlagen. Um seine "Meriten" bei der Zerstörung des Ghettos angemessen zu praesentieren, fertigte er eine Bilddokumentation an, die als sogenannter Stroop-Bericht später, nach 1945, eine entscheidende Rolle in den Nuernberger Prozessen spielte.

Über die Massnahmen der nationalsozialistischen Besetzer gibt eine "Anordnung" Stroops vom 4. Oktober 1943 Auskunft, die drei Tage später in der Athener Zeitung "Eleftheros Vima" veröffentlicht wurde. (Im Juedischen Museum in der nahen Odos Nikis hängt das deutsche Originaldokument.) Darin heisst es unter Punkt 3, dass alle Juden "in Athen und Vororten verpflichtet (sind), sich binnen fuenf Tagen bei der Juedischen Kultusgemeinde in Athen zu melden und sich dort registrieren zu lassen..." Punkt 4 drohte: "Juden, die diesen Anordnungen nicht nachkommen, werden erschossen. Nichtjuden, die Juden versteckt halten, ihnen Unterschlupf gewähren oder ihnen zur Flucht behilflich sind, werden in Arbeitslager eingewiesen, falls keine schwerere Bestrafung erfolgt." Unmissverständlich war auch Punkt 9: "Die griechischen Polizeibehörden werden angewiesen, die Durchfuehrung obiger Anordnung auf das schärfste zu kontrollieren und zuwiderhandelnde Juden oder Personen, die ihnen bei der Nichtbeachtung der Anordnung behilflich sind, sofort festzunehmen."

Weder die Athener Juedische Gemeinde noch die griechischen Polizeibehörden kamen den Befehlen des SS-Fuehrers nach. Im Gegenteil, sie widersetzten sich ohne Ruecksicht auf das eigene Risiko den Forderungen der Gestapo. Kultusgemeinde, orthodoxe Kirche und Polizei arbeiteten Hand in Hand und ergriffen sofortige Massnahmen, um die Juden zu schuetzen. Erzbischof Damaskinos hatte bereits im März 1943 an die deutschen Besatzungsbehörden appelliert, die Vertreibung griechischer Staatsbuerger sofort zu beenden. Als die ersten Deportationen Mitte März in Saloniki einsetzten, verfasste er ein Memorandum, in dem er die Judenverfolgungen öffentlich verurteilte und sich nachdruecklich fuer die Juden einsetzte. 29 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens hatten den Appell mitunterzeichnet, was unter den damaligen Bedingungen des Terrors viel Mut erforderte. Darunter waren die Präsidenten der Athener Akademie, der Universitäten, der Handelskammer sowie die Leiter weiterer bedeutender akademischer, wirtschaftlicher und kuenstlerischer Institutionen.

Doch alle Versuche, die Juden von Saloniki zu retten, schlugen fehl.

Angespornt durch das couragierte Engagement des Metropoliten wies der Athener Polizeipräsident Angelos Evert seine Behörde an, Juden bei Bedarf falsche Papiere auszustellen. Mehrere hundert Personen erhielten auf diese Weise neue Ausweise und Pässe und entgingen so der Deportation in die Vernichtungslager. Manche Personalurkunden fertigte Evert eigenhändig aus. Erzbischof Damaskinos gab Menschen mosaischen Glaubens eine christliche Identität. Er erteilte falsche Taufscheine und rief die Geistlichen in den Klöstern ausdruecklich dazu auf, jeden juedischen Fluechtling aufzunehmen, der um Schutz bäte. Ein breites Netz der Fluchthilfe entstand.

Das Verhalten der kirchlichen, politischen und intellektuellen Eliten schuf die Voraussetzung dafuer, dass sich auch die Bevölkerung von den Drohungen der deutschen Besetzer nicht einschuechtern liess. Viele Juden kamen bei ihren christlichen Landleuten, bei Freunden und Nachbarn, unter; andere gingen mit den Partisanen in die Berge wie der Oberrabbiner Elias Barzelai, der die Athener juedische Gemeinde während der Nazizeit und danach - er hatte ueberlebt - betreute. Im Gegensatz zu seinem Kollegen in Saloniki, Oberrabbiner Zwi Koretz, hatte er die Zusammenarbeit mit den Deutschen auf ein Minimum beschränkt. So kam er der Aufforderung, ihnen die Einwohnerlisten der Athener Juden auszuhändigen, nicht nach, sondern zerstörte die bestehenden Karteien, damit sie den Besatzern nicht in die Hände fielen. Schätzungen zufolge hielten sich damals etwa 8000 bis 10 000 Juden in Athen auf, grossteils Fluechtlinge aus Saloniki. Die meisten entgingen so der drohenden Deportation in die Vernichtungslager. Von den 800 Menschen hingegen, die im April 1944 nach Auschwitz transportiert wurden, ueberlebten nur wenige. 

Erzbischof Damaskinos (1891-1949) und Angelos Evert (1894-1970) - uebrigens der Sohn eines bayerischen Offiziers der Königlichen Gendarmerie Ottos I. -  wurden 1969 vom Staat Israel als "Gerechte unter den Völkern" geehrt, das ist die höchste Auszeichnung, die Israel an Nichtjuden zu vergeben hat. Sie wurde bisher insgesamt 313 Griechen verliehen.

Dienstag, 5. Februar 2013



Die Juden von Sakinthos

Im Hauptort der Insel, in Sakinthos-Stadt, wurden in der Tertseti-Strasse, am Platz der ehemaligen Synagoge, zwei Stelen aufgestellt, die zwei aussergewoehnliche Menschen ehren. Die eine gedenkt des orthodoxen Erzbischofs Chrysostomos, die andere des Buergermeisters Loukas Karrer.

Wie ganz Suedgriechenland und einige Inseln lag Sakinthos bis zur Kapitulation Italiens im September 1943 in der italienisch besetzten Zone, danach fiel es ebenso wie das uebrige Gebiet an die deutschen Besatzer. Da die Italiener dem Rassegedanken der Nazis keine sonderliche Sympathie entgegenbrachten und sich weigerten, in ihrer Zone antijuedische Massnahmen durchzufuehren, konnten sich die Juden vor Verfolgung relativ sicher fuehlen. Erst als die Deutschen dort die Herrschaft uebernahmen, setzten die Festnahmen und Deportationen in die Vernichtungslager ein.

Dieses Los war auch den Juden von Sakinthos zugedacht, ihre 2000 Schicksalsgenossen der Nachbarinsel Korfu waren bereits am 20. Juni nach Auschwitz transportiert worden. Schon kurz nach seiner Ankunft  bestellte der Kommandant der deutschen Militaerverwaltung Buergermeister Karrer zu sich und forderte ihn auf, eine Liste aller auf  Sakinthos lebenden Juden zu erstellen. Was das bedeutete, war offensichtlich. Karrer besprach sich mit dem Metropoliten, Chrysostomos, der einst in Deutschland studiert hatte und gut Deutsch sprach. Die beiden stellten eine Liste zusammen und ueberreichten sie dem deutschen Kommandeur in einem verschlossenen Umschlag. Dieser fand darin ein Blatt Papier, auf dem lediglich zwei Namen standen: Metropolit von Sakinthos, Chrysostomos; Loukas Karrer, Buergermeister.

Zuvor hatten die beiden noch veranlasst, dass alle juedischen Bewohner sicheren Unterschlupf bei ihren christlichen Landsleuten in den Bergdoerfern fanden. Da sie gut in die Inselgemeinschaft integriert waren, bereitete das keine Schwierigkeiten.

Alle 275 Juden der Insel haben ueberlebt. Damit ist die juedische Gemeinde von Sakinthos die einzige in ganz Griechenland, die keines ihrer Mitglieder verlor. Loukas Karrer (1909-1985) und Erzbischof Chrysostomos (1890-1958) geschah ebenfalls nichts. Den Kommandeur hat moeglicherweise ihr couragiertes Vorgehen beschaemt und er traute sich nicht, zwei Menschen in Gewahrsam zu nehmen, die ihr Leben aufs Spiel setzten, um das anderer zu retten. Karrer und Chrysostomos  wurden 1978 in Yad Vashem als "Gerechte unter den Voelkern" geehrt.

Die Synagoge ist uebrigens nicht von den Deutschen zerstoert worden, sondern fiel dem schweren Erdbeben im Jahr 1953 zum Opfer.

Donnerstag, 10. Januar 2013



Holocaustdenkmaeler in Athen und Saloniki

Am 13. Mai 2010 war es endlich soweit. Nach jahrelangen Benuehungen und Verhandlungen der juedischen Gemeinde mit den Behoerden wurde nun auch in Athen ein Denkmal fuer die griechischen Opfer des Holocaust eingeweiht. Es befindet sich im Stadtviertel Psirri, an der Kreuzung Melidoni/Ermou, in einer kleinen Gruenanlage direkt oberhalb des antiken Friedhofs Kerameikos.

Das schlichte Denkmal aus weissem Marmor ist in der Form eines zerbrochenen Davidsterns gestaltet, dessen sechs dreieckige Teile wie ein Kompass in alle Himmmelsrichtungen weisen, dahin, wo die griechischen Staedte und Inseln liegen, deren juedische Bevoelkerung im Zweiten Weltkrieg ermordet wurde. In jeden Stein sind die Namen der Orte graviert, deren juedische Einwohner von Maerz 1943 bis August 1944 in die deutschen Konzentrationslager, die meisten nach Auschwitz, deportiert und vernichtet wurden; fast 59 000 griechische Juden - Maenner, Frauen und Kinder - wurden damals in den sicheren Tod geschickt. Der sechseckige zentrale Block steht fuer Erneuerung und Ueberleben. Die Skulptur schuf die amerikanisch-griechische Installationskuenstlerin und Bildhauerin DeAnna Maganias (geb. 1967), die in Athen und New York lebt und arbeitet.

Der Standort des Denkmals koennte in seiner Symbolkraft nicht besser gewaehlt sein: Zum einen mit Blick auf die antike Begraebnisstaette Kerameikos, zum anderen zur nur wenige Schritte entfernten Beth-Shalom-Synagoge in der Melidonistrasse. Da die Verhaftungen der Athener Juden weit hinter den Erwartungen der deutschen Besatzungsbehoerden zurueckblieben, griffen sie zu einem Trick: Am 24. Maerz 1944 kuendigten sie an, in der Synagoge werde Mehl fuer das nahende Pessachfest verteilt. Viele Gemeindemitglieder liefen in die Falle. Sie wurden festgenommen und anschliessend im Durchgangslager Chaidari unter menschenunwuerdigen Bedingungen kaserniert.

In Saloniki erinnert seit 1997, als es Kulturhauptstadt Europas wurde, ein zentrales Mahnmal an die Opfer des Holocaust. Die Bronzeplastik steht an der Platia Eleftherias, dem Freiheitsplatz, wo am 9. Juli 1942 9000 Juden zusammengetrieben und zur Zwangsarbeit im Strassenbau verpflichtet wurden - der erste Vorbote dessen, was folgen sollte. Geschaffen hat das Denkmal der juedische Bildhauer Nandor Glid (1924-1997), der den Holocaust ueberlebte. Es hat die Gestalt eines siebenarmigen Leuchters, einer Menora, deren brennende Arme in Form von Menschen in lodernde Flammen uebergehen. Nandor Glid entwarf 1968 auch das beruehmte "Internationale Mahnmal" fuer die Gedenkstaette Dachau, dessen ineinanderverschlungene Koerper von weitem wie ein monumentaler Stacheldrahtzaun aussehen.

Die Platia Eleftherias ist heute Parkplatz. Das Mahnmal steht an nicht sehr prominenter Stelle an der Seite zur Uferpromenade.

In Saloniki, dem "griechischen Jerusalem", stellten die Juden fuenf Jahrhunderte lang die Mehrheit der Bevoelkerung. Die meisten waren Sepharden, Nachfahren der Ende des 15. Jahrhunderts aus Spanien und Portugal vor der Inquisition geflohenen Juden. Sie sprachen einen altspanischen Dialekt, das sogenannte Ladino oder Spaniolisch. Noch um 1900 war Saloniki eine total juedisch gepraegte Stadt mit einer bluehenden, hochentwickelten Kultur. Erst 1922/23, nach der Ansiedlung Zehntausender griechischer Fluechtlinge aus Kleinasien, wurden sie zur Minderheit. 1941 zaehlte die juedische Gemeinde noch rund 50 000 Personen (ca. 25 Prozent der Einwohner), fast alle (96 Prozent) wurden in die Todeslager verschleppt.

Im April 1941 marschierten deutsche Truppen von Jugoslawien und Bulgarien aus (Balkanfeldzug) in Griechenland ein. Das Land wurde in drei Besatzungszonen aufgeteilt: in die deutsche (Nordgriechenland mit Saloniki), die italienische (Athen und Suedgriechenland sowie der Dodekanes) und die bulgarische (Thrakien). Als erste wurden Anfang Maerz 1943 4100 Juden aus Thrakien von den Nazi-Schergen nach Treblinka geschafft und sofort liquidiert. Am 20. Maerz 1943 setzten in der makedonischen Hauptstadt die Massendeportationen ein, organisiert von den beiden beruechtigten SS-Hauptsturmfuehrern Alois Brunner und Dieter Wisliceny. Binnen nur weniger Monate, bis Mitte August, deportierten sie 48 674 Juden aus Saloniki in 19 Eisenbahntransporten nach Bergen-Belsen (ein Zug, am 2. August) und Auschwitz-Birkenau. Die meisten Menschen wurden sogleich nach ihrer Ankunft vergast; nur 1950 Angehoerige der groessten juedischen Gemeinde Griechenlands ueberlebten und kehrten zurueck. Am alten Bahnhof Salonikis, von dem aus die Zuege in die Todeslager abfuhren, gedenkt eine Tafel der Opfer (auf Griechisch und Englisch).

Nach dem Sturz Mussolinis und der Kapitulation Italiens im Herbst 1943 rueckten die Deutschen in das italienische Besatzungsgebiet vor und begannen mit der Deportation der dortigen Juden, die sich bis dahin unter den Italienern relativ sicher gefuehlt hatten. Die suedgriechischen Juden konnten gluecklicherweise nicht mehr vollstaendig "registriert" werden - die Voraussetzung fuer den Abtransport. Viele von ihnen ueberlebten. Die 1673 Mitglieder zaehlende juedische Gemeinde von Kos und Rhodos dagegen wurde fast vollstaendig "erfasst" und noch Ende Juli 1944 trotz schon grosser Transportschwierigkeiten nach Auschwitz verschleppt. Es war der letzte Transport aus Griechenland. Er traf am 16. August 1944 in Auschwitz ein. Nur 200 Rhodier ueberlebten das Vernichtungslager.

87 Prozent der juedischen Bevoelkerung wurden in den deutschen Konzentrationslagern ermordet, das ist, gemessen an der Gesamtbevoelkerung, eine der hoechsten Raten in Europa. Von den etwa 71 000 Juden, die 1940 in Griechenland lebten, haben knapp 12 000 ueberlebt. Viele von ihnen wanderten nach dem Zweiten Weltkrieg aus, die meisten nach Israel und in die USA. Heute leben nur noch rund 6000 Juden in Griechenland, davon annaehernd 3000 in Athen und 1300 in Saloniki.

Mittwoch, 2. Januar 2013

Der Steuerfahnder

Der Steuerfahnder

Die Goldstrasse im Hauptort Firá auf Santorin ist einer der groessten Goldmaerkte des Landes. Unzaehlige Laeden saeumen die Straße, die eigentlich Ypapantis heisst, und auch in den Nebengassen haben sich vor allem Juweliere niedergelassen. Es gibt wohl kein Gaesschen hier ohne Schmuckladen. Grosse Namen sind darunter, wie die Athener Nobeljuweliere Nick the Greek und Ilias Lalaounis, "der" Schmuckdesigner schlechthin, der sich in Athen sogar ein eigenes Museum leistet, in dem er seine Preziosen ausstellt.

Das Angebot ist vornehmlich auf die Touristen der Kreuzfahrtschiffe zugeschnitten, die im Hochsommer taeglich eines nach dem anderen in der Caldera anlegen, und auch noch in der Nachsaison ist die spektakulaere Insel Hoehepunkt einer jeden Kreuzfahrt in der Ost-Aegaeis. Dann erstuermen Horden kaufwilliger Touristinnen die Laeden und schwelgen im Luxus pfundschwerer Colliers, Perlenketten, Ringen mit riesigen bunten Steinen, breiten Armreifen, kurz, in allem, was die verfuehrerischen Auslagen hergeben. Das Angebot ist unermaesslich und die Verkaeufer duerften, das sieht man an ihren Mienen, mit der Tageskasse mehr als zufrieden sein.

Natuerlich kann auch ich dem Gold nicht widerstehen. Juwelierlaeden ziehen mich magisch an und selbstverstaendlich verbringe ich auf Santorin immer sehr viel Zeit damit, teuerste Kreationen zu probieren und schliesslich nicht ganz so Hochpreisiges,d.h. in meinem Fall eher Preiswertes, zu erstehen. Man kennt mich und meine Finanzen hier schon. Dieses Jahr im Oktober kaufte ich bei Zoe einen Ring, Silber mit Gold, den ich auf 280 Euro herunterhandelte, und bei Lalaounis, der anscheinend eine preiswerte Nebenlinie aufgelegt hat - vielleicht fuer die gewoehnlichen Touristen, die mit Faehre oder Charterflugzeug kommen oder ueberhaupt als Reaktion auf die Wirtschaftskrise -ein Armband aus Bergkristall mit echtem Goldverschluss fuer 250 Euro. Handeln kann man bei Lalaounis nicht, aber der Preis war fair. In beiden Geschaeften bekam ich eine Rechnung mit genauer Beschreibung des gekauften Stuecks: Goldgehalt und -gewicht, Silbergewicht sowie Name und Qualitaet der Steine. Alles sehr korrekt.

Um so mehr erstaunte mich die Bemerkung der Verkaeuferin, ich solle nicht erschrecken, wenn mich eventuell draussen, auf der Strasse, ein Mann anspraeche und mich auffordere, ihm die Rechnung meines Einkaufs vorzuzeigen. Das sei ein von der Regierung eingesetzter Finanzfahnder, der kontrolliere, ob die Kunden auch eine ordnungsgemaesse Quittung bekaemen. Ich solle das bitte keinesfalls persoenlich nehmen.

Ich glaubte, mich verhoert zu haben. Geschaefte, die hochwertige Waren verkaufen, die zu einem Teil mehrere tausend Euro kosten, wird doch kein Kunde ohne Rechnung und ohne Expertise verlassen. Es ist idiotisch, absurd und eine Verschwendung von Ressourcen, Kontrolleure vor alteingesessene, serioese Juwelierlaeden zu stellen. Das ist wieder einmal ein Beispiel dafuer, wie falsch die ergriffenen Massnahmen eingesetzt werden. Statt dort zu pruefen, wo mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit jeder Kaeufer eine Rechnung bekommt, sollten sich die (ohnehin viel zu wenigen) Fahnder auf jene Berufsgruppen konzentrieren, wo sie auch fündig werden. Das sind in Tourismusgebieten Hoteliers, Restaurant- und Barbetreiber, ferner freie Berufe wie Rechtsanwaelte und Aerzte, die tatsaechlich die Moeglichkeit haben, "ueber den Tresen" bar auf die Hand zu kassieren. Und die diese Moeglichkeit auch weidlich nutzen, wie ich auf meiner fuenfwoechigen Reise von Mitte September bis Ende Oktober selbst erfahren habe. Und ich bin kein Einzelfall. Gleiches hoerte ich von anderen Reisenden. Wenn man bedenkt, daß die Schwarzarbeit im vierten Quartal 2012 drastisch gestiegen ist - gut ein Drittel der Beschäftigten arbeitet inzwischen am Fiskus vorbei - duerften besonders Gastronomie und Tourismus lohnende Ziele sein. 

So, wie die Fahndung nach Steuersuendern jetzt betrieben wird, naemlich am falschen Objekt, duerfte sie jedenfalls erfolglos bleiben. Der Gedanke liegt nahe, daß Griechenland zwar das Steueraufkommen erhöhen will - die hinterzogenen Steuern werden pro Jahr auf die unglaubliche Summe von rund 40 Milliarden Euro geschätzt - ohne aber die alltägliche Steuerhinterziehung tatsächlich anzupacken und entschlossen zu bekämpfen. Das sollte man aber von den griechischen Stuerbehörden wohl erwarten dürfen. Würde nur die Hälfte der Steuern bezahlt, gäbe es kein Haushaltsdefizit.

Da ich unbehelligt von Kontrolle blieb - weit und breit war kein Fahnder zu sehen - ging ich hinüber ins "Enigma" direkt am Kraterrand und genoß bei einem Glas sehr kühlen Kallisti-Weins den Ein-Millionen-Dollar-Blick auf die Caldera.

Sonntag, 23. Dezember 2012

Gagosian-Galerie in Athen

Gagosian wächst und wächst und wächst. Der Super-Galerist Larry Gagosian, weltgrösster Kunsthändler, hat im Herbst 2009 in Athen, wenige Wochen nach der glanzvollen Eröffnung des neuen Akropolis-Museums, eine Zweigstelle eingerichtet und damit sein internationales Netzwerk erneut vergrössert. Seit dem Jahr 2004 hat der New Yorker Kunstmogul sein Imperium international ausgerichtet, nach Asien (Hongkong), Südamerika (Rio de Janeiro) und nach Europa expandiert. In Europa zuerst nach London - dort ist er an zwei Standorten präsent - , dann folgten Rom und Athen und kürzlich Paris. Seine erste Galerie eröffnete er 1979 in New York  und eine weitere in Beverly Hills.

Trotz der Eurokrise äusserte sich Gagosian zuversichtlich über den europäischen Markt, auch über die Galerie in Athen. In einem Interview im Wall Street Journal im Oktober 2012 sagte er: "It's almost become a badge of honor that we have a gallery in Greece. We keep the price points in Athens lower - under 1 million Dollar - and we maintain relationships with collectors there who want to sell things. It's our smallest gallery, but I'm going to keep it."

Das ist gut für Athen. Und es dürfte sich auch für Gagosian lohnen. Das Projekt beflügelt hat sicherlich, dass neben einem zwar begrenzten, aber betuchten und kauffreudigen Käuferkreis in Athen drei richtig wichtige Sammler zu Hause sind: Dakis Ioannou, Dimitris Daskalopoulos und Dinos Martinos. Alle drei gehören zu den aktivsten Kunstkäufern weltweit. Dinos Martinos Neffe Andreas Martinos ist übrigens verheiratet mit der Leiterin der Athener Gagosian-Filiale, der Reedererbin Marina Livanos.

Gagosian vertritt die bedeutendsten und einflussreichsten Kuenstler, darunter Giacometti, Picasso, Warhol, Lichtenstein sowie jene, die auf dem internationalen Markt zu den ganz Grossen der zeitgenössischen Kunst zählen wie Richard Serra, Jeff Koons, Richard Prince, Damien Hirst (bis 2012), die Deutschen Martin Kippenberger, Anselm Kiefer, Georg Baselitz und Anselm Reyle, den im Sommer 2012 verstorbenen österreichischen Künstler Franz West, der 2011 bei Gagosian Athen ausstellte, und Cy Twombly, der ebenfalls 2012 verstarb. Jede der ambitionierten Ausstellungen hat Museumsqualität. Mit Twombly eröffnete Gagosian im Herbst 2009 auch die Athener Niederlassung.

Die Galerie befindet sich in der Merlin-Strasse 3 im Stadtzentrum, einen Steinwurf vom Parlament und vom Sintagmaplatz entfernt. Die von Michelle Ballard designete Galerie ist klein, nur 90 qm gross, die Ausstellungen aber sind jedesmal ein Ereignis. Die Eröffnungsausstellung am 25. September 2009 mit Twombly hatte den Titel "Leaving Paphos ringed with waves", Arbeiten, zu denen ihn ein Poem von Alcman, ein Lyriker aus Sparta, inspirierte. 2011 wurden u.a. Anselm Reyle ("Meissen Debris Akropolis") und Franz West ("Furniture"), im Frühjahr 2012 Werke aus der Damien-Hirst-Serie "The complete Spot Paintings 1986-2011" ausgestellt, von denen Gagosian 300 Exemplare in seinen nunmehr elf Zweigstellen zeitgleich vorstellte.

Athen war bis in die achtziger Jahre ein weisser Fleck in der internationalen Kunstszene, seitdem hat es enorm aufgeholt. Der Wendepunkt trat ein, als Dakis Ioannou 1983 mit der Deste-Foundation für zeitgenössische Kunst sein eigenes Ausstellungsforum gründete und Athen das Gefühl gab, ebenfalls Teil der modernen Kunstwelt zu sein und den Anschluss an die weltweite Entwicklung gefunden zu haben; es hatte sich bis dahin zu stark auf seine antike Vergangenheit konzentriert und nahezu ausschliesslich sein Kulturerbe gepflegt: Fast 90 Prozent vom Etat des Ministeriums für Kultur fliessen noch immer in die Pflege des antiken Erbes, lediglich zehn Prozent werden für Zeitgenössisches bereit gestellt. Gegenwartskunst spielt in der Politik eine Nischenrolle, um so wichtiger sind die privaten Initiativen wie die von Ioannou. Seine Sammlung zählt zu den bedeutendsten weltweit. Einen Schwerpunkt bilden die Amerikaner mit u.a. Kara Walker, Andy Warhol, Jenny Holzer und Jeff Koons, von dem er über 30 Werke besitzt;  unter den Deutschen sind u.a. Martin Kippenberger, der einst auf Syros das MoMAs und eine Station seines weltumspannenden Metronetzes einrichtete, Andreas Gursky, Rosemarie Trockel und Wolfgang Tillmanns vertreten. Im Juni 2009 eröffnete Ioannou eine Zweigstelle der Deste-Foundation auf der Insel Hydra.

Andere Einrichtungen, die auch jungen griechischen Künstlern eine Plattform bieten, zogen nach. Inzwischen hat Athen rund 100 Kunstgalerien und einige hervorragende öffentlich zugängliche Privatsammlungen; die meisten sind erst in den letzten Jahren eröffnet worden.